Perzeption ist alles

Werber wissen, dass die Wahrnehmung der Dinge wichtiger ist als die Wirklichkeit. Vielmehr bestimmt die Wahrnehmung die Wirklichkeit und wirklich ist nicht das „Ding an sich“, sondern das Bild, das wir uns davon machen. Eine Kreditkarte gilt nicht als Plastikkarte zur Zahlung von Waren und Dienstleistungen, sondern als „Plastikgeld“, obwohl sie selbst im strengen Sinne gar kein Geld ist, sondern nur den Zugang zu Transaktionen regelt. Die Perzeption, also die wahrgenommene Wirklichkeit, geht aber einen großen Schritt darüber hinaus, wenn wir Geld mit Freiheit und die Karte als Teil unserer Persönlichkeit assoziieren: „Die Freiheit nehm ich mir.“

Perzeption hilft uns, unsere Umwelt einzustufen. Sie hilft uns bei unseren Entscheidungen, ob wir etwas gut finden oder schlecht. Eine Wort-Bild-Marke zum Beispiel, dessen knallbunte Serifenschrift das Wort „Google“ formt, wirkt positiv, die schwarzlackierten Autos mit aufmontierter Kamera, mit denen Google die Städte abfotografiert, dagegen nicht. Wir schlagen eine Imagekampagne für Google Earth vor: „You never walk alone“ wäre doch was. Dazu ein Trailer: Ein lustiges, knallbuntes Legoauto fährt durch Legoland und hilft, den ausgerissenen Hund wiederzufinden, zeigt den unterwegs verlorenen Hausschlüssel und hält freundlich lächelnd an, um eine altes Mütterchen über die Straße zu lassen. Keine Überwachungsphobie, sondern Gutmenschentum in Software gegossen.

Oder IBM. Als Anfang der achtziger Jahre in Deutschland die Kampagne gegen die Volkszählung tobte, waren Großrechner der Ausbund des Bösen. Big Blue aber machte hierzulande Werbung mit Schreibmaschinen und tippte freundlich in der Flimmerkiste: „schreIBMaschine“. Texterfassung hieß noch Tippen und war meilenweit von der Datenerfassung, geschweige denn von der Massendatenerfassung oder gar Vorratsdatenhaltung entfernt. EDV war schlecht, aber Internationale Büromaschinen war der Liebling im Sekretariat. Heute wirken IBM-Spots wie Baldrian plus zur Myokardinfarktprophylaxe (siehe dort): IT-Manager leben länger mit Big Blue.

Aber es gibt auch böse Perzeptionsfallen: Wer „Broadcast yourself“ für sich mit „dein eigener Brotkasten“ assoziiert (echt wahr, kein fake), der ist bei Youtube einfach im falschen Film. Andere sind so geistreich, dass fürs Kapieren der Geist nicht reicht: „The  best-run e-businesses run SAP“ aus dem Jahr 2001 verursachte Staus in den CeBIT-Gängen, weil die Messebesucher erst einmal verstehen mussten, was damit gemeint ist. „Wer läuft da jetzt wem davon?“

Deutsche Software-Ingenieure denken offensichtlich mehr an Perfektion als an Perzeption – ist auch im Prinzip nicht falsch. Nur muss man von Zeit zu Zeit seine Kommunikationsziele zurechtrücken. Emotion hat auch im Investitionsgütermarkt noch nicht geschadet. Und eine Offensive der Offenheit ist nach zwei Jahren des Schultereinziehens dringend angeraten: Cloud Computing, In-Memory-Datenbanken und mobile Computing bieten doch Stoff genug, aus denen SAP wahrgenommene Wirklichkeit werden lassen kann. In Zeiten, in denen SAP-Bashing zum Volkssport gerät, muss auch die PR von Deutschlands Aushängeschild auf dem Anwendungsweltmarkt ein bisschen durchstarten. Hier ein paar Empfehlungen:

„Mit den Zweien sieht man besser aus“ – SAPs Charming-Offensive mit der neuen Doppelspitze.

„Mehr sein durch Business byDesign“ – mit der neuen OnDemand-Lösung wird der Mittelstand ganz groß.

„SaaS macht mobil“ – Denn die Welt bewegt sich doch.

„Erleuchtung in Lichtgeschwindigkeit / Enlighted at the speed of light“ – Mit SAPs In-Memory-Datenbanken schneller schlauer.

„Klarheit fördert innovatives Denken“ – Warum sich immer mehr Unternehmen für Transaprenz aussprechen.

 „Be happy not sappy“ – Hören Sie das Lächeln in der Telefonstimme.

„Ideen für eine bessere Welt“ – Wo andere orakeln, haben wir konkrete Antworten.

 „Wählen Sie doch, was Sie brauchen“ – der neue Support.

PS: Zwei der Slogans sind echt – schauen Sie nach unter http://www.sap.com/germany/index.epx.

App in die Wolken

Vielleicht hatte William Gibson, der Urvater des Cyberpunk, doch das bessere Sprachgefühl als er sein Wild Wucherndes Web kurz „Sprawl“ taufte. Der Begriff steht als Verb für die ungelenkte Ausdehnung (wuchern) und als Substantiv für das Ergebnis: das Siedlungsgebiet, das – ja eben: Netzwerk. Was ist dagegen eine Wolke, eine Cloud, der man kaum eine Manifestation zutraut, deren Regenneigung wildeste Befürchtungen zur Daten-Inkontinenz zulässt? Ein Hype!
Ein Hype? In der Wolke werden längst Milliarden bewegt. Der OnDemand-Anbieter von CRM-Lösungen, Salesforce.Com, zum Beispiel erlöst pro Jahr inzwischen rund eine Milliarde Dollar aus den Monatszahlungen für die Online-Nutzung seiner Software. Und die Summe der User hat zuletzt eine Steigerung im Jahresvergleich von rund 30 Prozent auf stolze 70.000 User geschafft. Die Dynamik ist beeindruckend – auch wenn es die Marge noch nicht ist.
Das mag aber kommen, je mehr Applications, kurz Apps, rund um SalesForce.Com entstehen. Bislang waren es vor allem Minimalerweiterungen, die auf der Entwicklungsplattform Force.Com entstanden – dies allerdings zu Hunderten. Jetzt geht SalesForce.Com offensichtlich in die Vollen und sucht Partner für die Entwicklung auch komplexer Apps. Das US-amerikanische Gesundheitsministerium beispielsweise hat jetzt einen Millionenauftrag erteilt, um auf der Basis der CRM-Lösung das Beziehungsmanagement zwischen Behörde, Fördergeld-Empfängern aus dem Konjunkturpaket und Dienstleistern im Gesundheitswesen zu verbessern. Offensichtlich setzt die Obama-Administration ganz entschieden auf die Wolke, um Kommunikations- und Konjunkturprozesse zu beschleunigen. Und dabei will man nicht trödeln: Das Projekt begann am 31. Januar und soll Mitte März bereits erste Ergebnisse zeitigen.
Die Cloud ist Speed. Kaum einer profitiert so stark von der rasanten Ausbreitung der Apps in der Cloud wie Apple. Im August 2008 – also vor dem Beginn der Wirtschaftskrise – erzielte Apple mit dem App Store zum ersten Mal mehr als eine Million Dollar – wohlgemerkt: täglich. Seitdem nimmt nicht nur die Zahl der iPhone-Benutzer und damit App-Käufer kontinuierlich zu, sondern auch die Zahl der downloadbaren Services, also der Apps. Im November 2009 wurde der 100.000ste Service im App Store ausgestellt. Bereits einen Monat zuvor – im September 2009 also – wurde der Zwei-Milliardste Download aktiviert.
Die Entwicklungen in Deutschland gehen im Vergleich dazu quälend langsam voran. Zweieinhalb Jahre nach der etwas großmäulig geratenen Ankündigung von Business by Design kommt SAP nicht nur mit einer funktional brauchbaren Version der ERP-Suite auf den Markt. Zur CeBIT präsentiert das Walldorfer Unternehmen auch die Entwicklungsumgebung SAP Business ByDesign Software Development Kit, mit der Partner künftig verstärkt Branchenanwendungen für ByD entwickeln sollen. Wie schnell das geschehen soll, wird das Jahr 2010 zeigen.
Seit März 2008 treibt die GUS Group als früher Entwicklungspartner der SAP zu ByD den Aufbau von sogenannten Verticals für die OnDemand-Suite voran. Jetzt wird offiziell der Startschuss auch für weitere Partner gegeben. Die Frage, wie schnell es SAP gelingen wird, eine Entwickler-Szene mit dem SAP Business ByDesign Software Development Kit zu stimulieren, wird auch den Markterfolg von ByD beeinflussen. Aber es ist ja schon ein Riesenschritt, dass SAP vom Alleinvertretungsanspruch Abstand nimmt und die Entwicklungsanstrengungen der Dynamik einer Community anvertraut. Am 2. März beginnt die CeBIT. Von da an läuft der Zähler. Wie viele Apps hat SAP in einem Jahr in der Wolke. Das ist kein Spiel, sondern die Existenzfrage.

SAP: Was ist bloß mit dieser Firma los?

Ein Wort wird umgehen in den kommenden Tagen: was bedeutet es, eine „happy company“ zu sein. SAP-Aufsichtsratsvorsitzender Hasso Plattner brachte das Wort in die Telefonkonferenz am Tag Eins nach dem – für Außenstehende – überraschenden sofortigen Rücktritt des SAP-Vorstandsvorsitzenden Léo Apotheker. Die Mitarbeiterbefragungen, so gestand Plattner auf Rückfragen zu, haben keine besonders guten Ergebnisse erbracht: Bei internen Unternehmensprozessen sowie der Vermittlung der Unternehmensstrategien sei es nicht gelungen, die Mitarbeiter einzubinden und zu motivieren. Schlimmer noch: der sogenannte Employee Engagement Index, also der Orientierungswert, der die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Unternehmen signalisiere, ist offensichtlich signifikant gesunken und liege nun „nur“ noch im Durchschnittsbereich der attraktivsten 25 Prozent der Unternehmen. Dem Aufsichtsrat scheint hier der Geduldsfaden mit seinem Vorstandsvorsitzenden gerissen zu sein.

Man wolle nun wieder „die Produktinnovationen mit den Kundenanforderungen“ zusammenbringen, hieß es in der eilig am Sonntag formulierten Erklärung. Diese Zielsetzung ist ebenso trivial wie essenziell. Die Pauschalität des Statements offenbart allerdings ein tiefes inneres Zerwürfnis. Als öffentlich gehandeltes Unternehmen muss SAP die Profitabilität hoch halten. Als Unternehmen, das mit seinen traditionellen Server-Lösungen leicht, aber eben doch kontinuierlich Marktanteile gegen jüngere und innovativere Anbieter verliert, ist aber ebenso Innovation gefordert. Das eine sollte durch die Anhebung der Wartungsbeiträge, das andere durch OnDemand-Angebote erreicht werden. Beides ist bislang nur beinahe erreicht worden. Offensichtlich hat der Aufsichtsrat auch hier das Ende des Langmuts erreicht.

Auch sonst werden mit Léo Apothekers Amtszeit Gesten in Verbindung gebracht, die alles andere als glücklich wirken: das Friedensangebot an Oracles Larry Ellison beispielsweise, das ein wenig hilflos und unmotiviert daherkam. Auch wenn der scheidende CEO die rechtlichen Auseinandersetzungen um TomorrowNow kaum alleine verantworten muss. Gelöst hat er sie auch nicht.

Knallen jetzt die Korken bei der SAP? Das Unternehmen ist mit 45.000 Mitarbeitern und einer vierzigjährigen Produktvergangenheit so beweglich wie ein Tanker unter Volllast im Suezkanal. Wenden ist nicht möglich – schon gar nicht in einem knappen Jahr. Aber Vollgas geben ist eine Alternative zum bisherigen Stop-and-Go: Großankündigung von Business by Design! Dann ein Jahr Pause zum Business Redesign. Vollgas bei der Wartung! Dann Rücknahme der Ankündigung. Das sind nicht unbedingt die Nachrichten, aus denen Anwender die Zuversicht für künftige Investitionsentscheidungen ziehen. Partner übrigens auch nicht.

Die personellen Entscheidungen lassen erkennen, dass SAP wieder stärker über Technologien auf ihren Markt einwirken will. Hasso Plattner machte vor allem auf die voraussichtliche Verfügbarkeit der In-Memory-Datenbank zur Sapphire in Orlando aufmerksam. Sie wird von dem Aufsichtsratsvorsitzenden seit langem mit aller Macht vorangetrieben. Ihre technologischen Hintergründe hatte nicht etwa Léo Apotheker auf der Influencer Conference in Boston gegenüber Analysten dargestellt, sondern Vishal Sikka, der als Chief Technology Officer nunmehr Vorstandsrang erhält. Und mit der Doppelspitze Jim Hagemann Snabe (Produktentwicklung) und Bill McDermott (Vertrieb) beendet SAP das Experiment, eine vertriebsgetriebene Company zu sein: Denn auch der Technologe Hasso Plattner wird sich künftig wieder stärker engagieren. Dann sind die Entwickler „happy“. Werden es Kunden und Partner auch?

Wann kommt die perfekte Welle?

Demnächst, genau am 26. Mai, ist es 15 Jahre her, dass Microsoft-Gründer Bill Gates an seine leitenden Mitarbeiter ein aufrüttelndes Memo versendete. Dieses „Internet Tidal Wave“ Memorandum markiert gemeinhin den Startpunkt für das Niederringen des neuen Wettbewerbers Netscape, der damals 70 Prozent des Browser-Marktes für reklamieren konnte. Microsoft, das Mitte der neunziger Jahre noch fest im egozentrischen Weltbild des Personal Computer steckte – und, wie viele argumentieren, dieses Weltbild bis heute nicht verlassen hat -, reagierte auf das Internet mit einem klassischen Reflex: Wenn das Internet neue Nutzungsmöglichkeiten eröffnet, dann ist es Microsofts Aufgabe, den PC mit mehr und besserer Software auszustatten, um diese Nutzungsmöglichkeiten auch auszuschöpfen. If you only have a hammer the whole world looks like nails. Zu deutsch: Wer nur Clients und Server kennt, sieht auch für das Web nur PC-Software.

Dabei hätte Bill Gates es besser wissen können: Service is the name of the game im Web. Er hatte es an diesem 26. Mai sogar selbst formuliert: „Erstaunlicherweise findet man Information im Web schneller als im unternehmenseigenen Microsoft Netzwerk“, schrieb Gates und schlussfolgerte: „Die Umkehrung, dass ein öffentliches Netz Probleme effektiver lösen kann als ein privates Netzwerk, ist geradezu umwerfend.“ In der Folge ermunterte Gates seine Kollegen, einige heiße Webseiten, wie zum Beispiel Yahoo kennenzulernen und bei der täglichen Arbeit zu nutzen. Google war noch nicht einmal am Horizont aufgetaucht.

Es sind die Services, die im Web die perfekte Welle auslösen. Suchmaschinen, Kaufkataloge, Versteigerungen, soziale Netze und schließlich Anwendungsplattformen sorgen dafür, dass immer mehr Dienstleistungen aus der Wolke kommen. Traditionelle Anbieter und Anwender tun sich mit diesem Paradigmenwechsel ungemein schwer: Für sie ist das Internet allenfalls eine ubiquitäre Zugriffsmöglichkeit auf Software. Microsoft handelt so, und SAP bietet mit ihren Hosting-Services für die traditionellen ERP-Pakete auch nichts anderes als klassische Server-Software mit Netzzugang. Wer den Großteil seiner Umsatzerlöse mit Lizenzen und Wartung generiert, kann nicht anders handeln.

Aber ist das schon Cloud-Computing? Es wird Zeit für ein neues Tidal Wave Memo. Lösungen wie die SAPs mittelstandsorientierte OnDemand-Software müssen einem innovativen Ansatz folgen, wenn sie mehr sein wollen als nur eine weitere ERP-Software mit dem Web als hippen, alternativen Distributionsweg: Sie müssen eine Community aus ERP-Services zulassen, die nicht nur zu einer funktionalen Explosion führen kann, sondern auch die notwendige Branchenausrichtung beschleunigen würde – sozusagen eine Enterprise Resource Platform as a Service.

Das Internet ist als öffentliches Netz deshalb den Unternehmensnetzwerken überlegen, weil es eben nicht das Produkt eines Anbieters war, sondern die Summe von Technologien und Diensten, deren Zeit gekommen war. Es war der Charme des Subversiven, dem das Internet seine Weltgeltung verdankt – kein Anbietermonopol, keine Gebühreneinzugszentrale. Auch Software as a Service wird nicht dadurch ein Erfolg, dass Anbieter dies wünschen. Erst die Community macht aus Software as a Service eine Bewegung. Und die kann enorme Steigerungen hervorrufen: SAP hat 90.000 Kunden in 40 Jahren geworben, Saleforce.com 70.000 in zehn Jahren. SaaS hat in der Tat das Potenzial einer Grundwelle, die als perfekte Welle für ERP-Surfer heranrauschen wird.

Dabei könnte es ausgerechnet das Grundbeben der Weltwirtschaftskrise sein, die der perfekten Welle erst noch ihr Momentum verleiht. Gerade der Mittelstand, der heute noch verschreckt auf mögliche oder eingebildete Gefährdungen der Sicherheit schaut, könnte dem Charme der geliehenen Hard- und Software erliegen. Software as a Service verspricht Softwareerneuerung für das kleine Budget. Das ist der Stoff, aus dem Welterfolge gemacht sind. Informationen für jedermann – war das nicht die perfekte Welle für das World Wide Web?