Weiche SaaStan!

Wir Weltraumreisende haben wenige, aber außerordentlich wirkungsvolle und deshalb wertvolle Prinzipien. Eines lautet: Traue keinem Alien, solange du nicht weißt, womit er denkt!

Glücklicherweise haben ja die meisten so etwas wie einen KOPF, eine Knowledge Operating and Performance Facility. Auch HEADs – Hybride Erkenntnis-, Aufmerksamkeits- und Darstellungs-Systeme sind weit verbreitet. Auch der einzige Bewohner des Asteroiden (9882) Stallman, sein Namensgeber, Richard M. Stallman, besitzt unter dem mächtigen Haupthaar eindeutig einen blitzgescheiten Denkapparat. Der aber warnt in einem Beitrag für den Boston Review vor den hinterhältigen Bewohnern der SaaStanischen Wolke.

Es ist nämlich so: Traue keiner Software, solange du nicht weißt, auf welchem Server sie läuft!

Und wenn diese Software in einem Hochsicherheitsrechenzentrum eines Wolken-Betreibers läuft, nennen wir ihn spaaseshalber einmal Goopplezon, dann ist es ein Angriff auf die persönliche Freiheit des Anwenders. Denn der weiß nicht nur nicht, wie die Software tickt, noch was Goopplezon mit den Daten macht. Freiheit, das predigt Stallman seit seiner Hackerzeit beim MIT, entsteht für den Anwender nur durch den Vollzugriff auf den Quellcode. Und deshalb besteht proprietäre Software aus satanischen Lines of Code. Und Software as a Service ist die Fortführung des Satanismus mit anderen Mitteln. Ist es schon schlimm, wenn der Anwender Software, die er hat, nicht ändern kann, so ist es erst Recht Teufelszeug, wenn er Software, die er gar nicht hat, auch nicht ändern kann.

Wir alle haben Stallman viel zu verdanken. Da wäre zum Beispiel, äh. Moment mal, ja: Linux, dessen Entstehung ganz wesentlich mit dem Oberhacker verknüpft ist. Oder auch GNU, ohne das Wikipedia nicht denkbar wäre. Wikipedia ist nämlich gut, ebenso wie Chats oder E-Commerce-Seiten. Auch soziale Netzwerke sind gut, weil wir da zwar auch nicht wissen, was mit unseren Daten passiert, aber da sind wir es wenigstens selbst schuld. Obwohl, genau genommen: Bei manchen Facebook-Einträgen oder Twitter-Tweeds fragt man sich auch, womit der Mensch, der das geschrieben hat, eigentlich denkt (und ob überhaupt).

Deshalb fahren wir künftig bei Rot über die Kreuzung und ignorieren Anzeigetafeln an Flughäfen und Bahnhöfen! Weil wir nämlich einfach nicht wissen, womit die Dinger denken. Und was denken die sich eigentlich, zentral irgendwo auf dem Planeten die Uhr umzustellen? Wir fordern Freiheit für den Uhrheber, der sich seine Sommerzeit nach seinen persönlichen Bedürfnissen stellt.

War das jetzt Polemik? Denken Sie sich nichts dabei (egal womit). Stallman macht auf einen durchaus ernsthaften Punkt der Cloud aufmerksam. Wer ist eigentlich verantwortlich für unsere Taten und Daten, wenn nicht wir selbst. Aber wir müssen immer im Leben einen Kompromiss eingehen zwischen der persönlichen Freiheit, allem und jedem zu misstrauen, und dem Zwang, anderen und anderem vertrauen zu müssen. Wer sagt mir denn, dass die Autos von rechts wirklich Rot haben, wenn ich Grün habe?

Vertrauen ist die Währung der Zukunft – das gilt für jedes Geschäftsmodell in der Wolke. Und eine stabile Währung ist gesundes Vertrauen darauf, dass sich SaaS-Anbieter vor allem selbst schaden, wenn sie anderen schaden – ob in krimineller Absicht oder durch Fahrlässigkeit.

Was lehrt uns der Hitchhiker´s Guide to the Galaxy? – Don´t panic! (And thanks for all the microfiche!)

Mills` Brand-Briefing

Es ist eine einfache Rechnung, die Steve Mills, der langgediente Chef von IBMs Software Group, auf einen Bierdeckel schreiben könnte: Für jeden Dollar (oder Euro), der im Rechenzentrum eines großen Anwenders für ERP-Software ausgegeben wird, werden weitere fünf Dollar (oder Euro) in Hardware, Systemsoftware und Dienstleistungen investiert. IBM kämpft seit zwölf Jahren nicht mehr um den Dollar (oder Euro), sondern um das Investment für die Infrastrukturleistungen.

Warum also eine Software-Company wie – sagen wir SAP (oder Infor?) – kaufen, deren Erwerb und Integration Milliarden Dollar (oder Euro) verschlingen würde, wenn deren ERP-Angebote ohnehin nur auf ein Sechstel des Gesamtinvestments zielt. Mills´ Branding, so erklärte er in einem Briefing amerikanischen Journalisten, bleibt der vor zwölf Jahren getroffenen Entscheidung treu: No Business Applications. Stattdessen positioniert sich IBM konsequent als Everybody´s Darling. Mehr als Zehntausend unabhängige Softwareanbieter (ISVs – Independent Software Vendors) gehören zur IBM Ecosphere. Jeder Dollar (oder Euro), den diese Anbieter beim Kunden lockermachen, spült bis zu fünf Dollar (oder Euro) in die IBM Computerkassen.

Was für große Anbieter gilt, gilt erst recht für Anbieter von Cloud Services. Wer seine Software “as a Service“ anbietet, geht rechtliche und technische Risiken ein, die nur mit einem erheblichen Investment in Rechenzentrums-Infrastruktur minimiert werden können. Das ist das Cloud Business, mit dem Steve Mills noch lange gute Geschäfte machen will und kann. Und in der Tat: Kaum ein Cloud-Anbieter von Google über Salesforce bis SAP verzichtet vollständig auf IBM-Produkte. Die Schlacht um Unix, Linux und Open Source hat IBM schlau gemacht. Nach 20 Jahren der Verteidigung gegen den Vorwurf einer vermeintlichen oder tatsächlichen IBM Hegemonie weiß Mills, wie er sich mit Hilfe der Graswurzel-Taktik überall ins Geschäft dübelt. Nicht mit dem Brand der Anwendungssoftware, sondern mit dem Brand, das die Anwendungssoftware überhaupt erst zum Laufen bringt.

Und, meint Mills, ein wirklich großer Anwender hat nicht einfach nur eine Kernsoftware im Einsatz, sondern Tausende, die in einer heterogenen Infrastruktur eingesetzt werden. Überhaupt denken Anwender keineswegs in Anwendungen, sondern in Prozessen, die sie von einem Ende zum anderen durch automatisieren wollen. Das ist zwar die Kernaufgabe eines ERP-Systems, aber ebenso die zentrale Aufgabe der stützenden Infrastruktur. Und die wird sich IBM auch weiter zusammenkaufen: bis zu einem Dutzend Softwarehäuser pro Jahr – also Monat für Monat eine Übernahme – werden seit Mills´ Zeiten in den Konzern integriert. SPSS, der Spezialist für Business Analytics, war das letzte spektakuläre Beispiel. Nur Sun Microsystems passte dann doch nicht in diese Strategie, zu groß, zu notleidend, zu teuer und zu schwer zu verdauen.

Aufgaben wie Datenintegration, Business Intelligence, Analytics, neue Herausforderungen wie Green IT und Security sind Grundsteine, auf denen ERP-Anbieter ihre sicheren Lösungen aufbauen. Aber die Anbieter von Unternehmenslösungen sind gar nicht in der Lage oder nicht dazu angetreten, diese Grundsteine zu legen. IBM sieht sich deshalb in einer Welt des Cloud Computing weniger als Anbieter von Software as a Service, sondern vielmehr als Wächter über die Platform as a Service. Mills Vision ist so simpel wie anspruchsvoll: Überall, wo Cloud Computing draufsteht, ist eine IBM Plattform drin (oder drunter). So übernehmen die ISVs, die Integrierten Software-Verkäufer, auch noch die Verbreitung der IBM-Infrastruktur. Die breitet sich aus wie, ja wie  Mills` Brand.

Ready for Takeover?

Es liegt was in der Luft. Und diesmal ist es nicht allein die Wolke, die Cloud. Es scheint vielmehr, dass Xynthias Orkan-Ableger noch durch die globalen Softwarehäuser streift und einen Frühjahrsturm auf die Börsenpakete aufkommen lässt. Anders lassen sich die Andeutungen, die mal mit weniger, mal mit mehr Aggressivität vorgetragen werden, kaum noch deuten: Die Softwarebranche bereitet sich auf den nächsten ganz großen Takeover vor.

Hören wir doch mal hinein in das Ätherbrausen – zum Beispiel bei Infor. „Weg mit BigERP“ grummelt das Softwarehaus derzeit in Werbespots gegen die globalen Lösungsanbieter und möchte so Wechselstimmung herbeizaubern. Vor allem im Lösungsmarkt der IBM System i-Anwendungen, wo Infor durch Übernahmen bereits einen Kundenstamm von 15.000 Unternehmen zusammengetrommelt hat, soll weiter zugelegt werden. Seit einem Jahr verantwortet Ex-IBMer Mark Wright diese Plattformlösungen. CeBIT-Gerüchten zufolge steht bereits wieder die Übernahme eines  traditionellen „AS/400-Hauses“ an.

Und IBM selbst scheint endlich gewillt zu sein, sich auf dem Anwendungssektor zu wehren. Nachdem die AS/400 erst durch 400 Anwendungs-Software-Angebote (sic!) weltberühmt wurde, folgte in den 1990er Jahren erst der Totalausstieg aus dem Lösungsmarkt, dann der Globaleinstieg durch die (allerdings fehlgeschlagene) Software-Initiative „San Francisco“. Jetzt feiert der Ansatz, branchenorientierte Industry-Frameworks für die Welt der Anwendungen bereitzustellen wieder fröhliche Urstände. Nachdem IBM beinahe beim Kaufangebot von Sun schwach  geworden wäre, scheint jetzt der Boden bereitet für eine dritte Software-Offensive.

Vielleicht zusammen mit SAP, wo nach dem Weggang von Leo Apotheker das große Stühlerücken begonnen hat. „Mehr Kreativität“ fordert die neue Doppelspitze von den Produktmanagern, was nicht allein auf Innovationen und Marktstrategien gemünzt zu sein scheint, sondern auch auf strategische Partnerschaften zielt. Mit IBM wurde der Schulterschluss bei Hosting und OnDemand-Angeboten schon gezogen. IBM selbst versucht bereits seit Jahren, mit enger Technologiepartnerschaft zu SAP die eigene Datenbank DB2 bei SAP-Anwendern gegen Oracle zu positionieren. SAP hat die Business Suite, IBM, so scheint es, den passenden Business Case.

Oder doch lieber wieder mit Microsoft? Auch hier verstummen die Gerüchte um wieder aufgenommene Gespräche zwischen Walldorf und Redmond nicht. Beide Unternehmen suchen noch ihre Rolle in der Cloud – und es wäre nicht die erste Ehe, die im Himmel geschlossen wurde. Zumal beide nach einer geeigneten Strategie gegen Störenfried Google fahnden. Der Suchmaschinenanbieter ist längst im Anwendungsgeschäft angekommen und attackiert mit seinen offenen Apps bereits das gesamt Establishment von SAP bis Microsoft.

Oder doch lieber Oracle? Nach mehrfachem Technologiewechsel erscheint die Programmiersprache Java in Walldorf wieder hoffähig zu sein – trotz Oracles Übernahme des Java-Beschützers Sun Microsystems. SAPs neuer Chief Technology Officer im Vorstandsrang, Vishal Sikka, hat nie einen Hehl aus seiner Java-Neigung gemacht. Und auch Co-CEO Bill McDermott zeigte sich jetzt vor eigenen Mitarbeitern in der kalifornischen Niederlassung gegenüber diesem Thema aufgeschlossen.

Aber anders als Oracle, das wie Infor den Übernahmemarkt immer wieder ankurbelt, will SAP möglichst organisch wachsen. Doch ebenso kündigten die Co-CEOs McDermott und Jim Hagemann Snabe an, durchaus eine Unternehmensübernahme in Betracht ziehen zu wollen – „wenn‘s strategisch passt“. Aber nach den positiven Erfahrungen mit der Übernahme von Business Objects passt’s doch irgendwie immer strategisch.

Eines scheint sicher: die nächste Übernahme wird ein neues Schwergewicht im Cloud Computing kreieren. Die Branche ist ready for Takeover – und am Ende wird BigERP noch bigger.

Gesucht: Die Ikone der Informationstechnik

Eine Entschuldigung schon mal vorweg: Nach einer Woche Standdienst auf der weltgrößten IT-Messe, der CeBIT in Hannover, hält man Hard- und Software nebst Telekommunikation sowieso für den Nabel der Welt (und sich selbst gleich mit). Aber Hand aufs Herz: Wenn Sie an ITK denken (schon das Kürzel verscheucht jeden kreativen Gedanken), was sehen Sie dann vor Ihrem inneren Auge? So ein kleines, wellenförmig gezeichnetes Fenster in lustigen Farben; oder so einen kleinen, brillenförmigen Schriftzug in lustigen Farben; oder die Silhouette eines Apfels in lustigen Farben; oder einen blauweiß (nein, nicht weißblau) gestreiften Schriftzug mit drei Buchstaben; vielleicht sehen Sie auch ein Mini-Tangram aus Quadrat und Dreieck? Oder einfach nur so ein kleines blaues „e“.

Wenn wir an Software denken, denken wir eigentlich nicht an Software. Wir denken an nichts. Bei Computern sehen wir das jüngste Produkt unserer Lieblingsmarke, bei der Telekommunikation hören wir unser Lieblingsjingle (Tadadadida). Aber Software? Ein Gesicht vielleicht: Der nerdige Bill Gates, der arrogante Larry Ellison, der pausbäckige Marc Benioff.

Dass dies alles US-Amerikaner sind, ist grundsätzlich kein Problem. Nicht nur Hollywood, sondern auch Silicon Valley ikonisiert unsere Bilderwelt. Bill Gates sozusagen als der Hugh Grant der Softwareindustrie. Kann man mit leben.

Aber Ikonen sind Stellvertreter – sie stehen nicht nur für den konkreten oder abstrakten Begriff, sie ersetzen ihn auch. Fußball? Der Kaiser! Hartz IV-Dekadenz? Westerwelle! Computer? Nixdorf – das war einmal. Software aus Deutschland? Moment, da ist doch dieser freundliche Herr, der samstags bratwurstessend in der VIP-Lounge der TSG 1899 Hoffenheim sitzt – oder war das jetzt wieder der Kaiser?

Nein, Deutschland hat keine Software-Ikone, keine Computer-Ikone und überhaupt praktisch keine High-Tech-Ikone. Wir sind ein Volk der gesichtslosen Ingenieure. Wir sind „Hidden Champions“, wie BITKOM-Präsident August-Wilhelm Scheer zusammen mit seinen Softwarekollegen Karl-Heinz Streibich (Software AG) und Michael Kleinemeier (SAP AG) jetzt feststellte. Software und IT-Services sind die „Arbeitsplatzmotoren“ der Wirtschaft. Aber wir sehen nicht, wie dieser Motor arbeitet. Und wir zeigen auch nicht die Männer und Frauen, die diesen Motor täglich optimieren.

Amerika, du hast es besser. Dort werden IT-Unternehmer zu Kultfiguren stilisiert, die zwar keine Oskar-Nominierung aufweisen können, aber nicht selten in die Bestenliste „Man of the Year“ des Time Magazines vordringen. Hat es ein Deutscher Softwerker schon auf den Titel des Stern oder des Spiegel gebracht? Will er da überhaupt hin?

Es ist geradezu faszinierend, mit welcher erwartungsvollen Freundlichkeit die beiden neuen Co-CEOs der SAP auf der CeBIT aufgenommen wurden. Sicher, Jim Hagemann Snabe und Bill McDermott haben eine Mission, die ihnen ihr Aufsichtsratsvorsitzender Hasso Plattner (beinahe eine Ikone) aufgetragen hat: das Vertrauen der Kunden zurückgewinnen. Aber ganz nebenbei gelingt es dem Duo, auch eine ganze Messe für sich und ihre Charming-Offensive einzunehmen. Und diese Mittvierziger sind auch noch vergleichsweise jung!

Wenn BITKOM-Sprecher Scheer der Bundesregierung zu einem „IT-Minister“ rät, so nicht unbedingt nur deshalb, weil derzeit so ziemlich jeder im Kabinett Merkel eine Meinung zu den Auswirkungen der Informationstechnik entwickelt, während eine einheitliche und geglückte Politikstrategie nicht zu erkennen ist. Es geht auch darum, ein Zukunftsthema zu personalisieren. Einer der wichtigsten Wirtschaftsbereiche der deutschen Industrie, ein Enabler für andere Industriezweige, eine Querschnitttechnologie braucht einen Darsteller. Einen, der den Hidden Champion aus der Kulisse holt. Deutschland sucht den Superstar der IT. Stefan Raab – übernehmen Sie.