Erzähl keinen vom Weihnachtsmann…

Wer mit den Mythen des christlichen Abendlandes vertraut ist, weiß, dass der Weihnachtsmann eigentlich mit dem Nikolaus identisch ist. Aber anders als der Nachfolger des Bischofs von Myra entstammt die Gestalt des „Saint Nick“ keiner uralten Heiligenlegende, sondern dem Gedicht „A visit from St. Nicholas“, eher bekannt unter seiner ersten Textzeile „´twas the night before Christmas“, in dem der Wichtel mit rotweißem Fellmantel und drolliger Schnapsnase 1823 erstmals beschrieben wurde. Der Mann auf dem Rentierschlitten reklamiert also inzwischen zwei Megaevents des Jahres für sich, die eigentlich einmal gemeinfreies Gut, also Open Source waren: Nikolaustag und Weihnachten – und das unter zwei unterschiedlichen Markennamen.

Das ist kartellrechtlich im Grund schon durchaus bedenklich, denn das Christkind – das ja eigentlich Jesus ist, aber immer von einem Mädchen dargestellt wird – muss sich inzwischen dieser Marktmacht beugen. Ältere Rechte schützen halt nicht vor schlechtem Marketing. Nicht das Christkind fährt den mächtigen Coca-Cola-Truck, sondern der Weihnachtsmann, beziehungsweise Saint Nick.

Hinzu kommt ein Verstoß gegen das Datenschutzrecht. Denn der Nikolaus hat in seinem Buch alle guten und bösen Taten der Menschenkinder verzeichnet – und rechnet aufgrund dieser Datenbasis am Nikolaustag mit der Menschheit ab. Dabei kommt erschwerend hinzu, dass die Menschen ihre Verfehlungen nicht nur selbst zu Protokoll geben. Vielmehr wird die Datenbasis auch über Dritte gesammelt – Engel und Wichtel zum Beispiel, die zum Weltkonzern „Heaven Corp.“ gehören, aber nicht explizit als solche auftreten. Das rechtfertigt neben der datenschutzrechtlichen Würdigung auch die Einleitung eines weiteren Kartellverfahrens wegen Marktmissbrauchs.

Auch bei Theodor Storm ist bereits diese bedenkliche Verquickung unterschiedlicher Konzernteile nachzulesen: da erkundigt sich das Christkind bei Knecht Ruprecht über von Dritten erhobene, eigentlich geschützte personenbezogene Daten, die dann auch munter, wenn auch anonymisiert ausgeplaudert werden. Ebenfalls bedenklich ist die Tatsache, dass die Betroffenen weder die Möglichkeit zur Dateneinsicht haben, noch ein Recht auf Löschung durchsetzen können. Sie müssen diesem Datendeal zwangsweise zustimmen, wenn sie in den Genuss des ansonsten kostenfreien Weihnachts-Services kommen wollen.

Nicht anders verhält es sich bei Facebook und den Konzernteilen WhatsApp und Instagram, weshalb jetzt nahezu alle US-Bundesstaaten und die Antitrust-Behörde eine erste Klageschrift aufgesetzt haben. Auch in Deutschland regen sich die Markthüter, weil sie in der Tatsache, dass Nutzer für die zum Facebook-Konzern gehörende VR-Brille Oculus einen Facebook-Account benötigen, einen klaren Missbrauch der Marktmacht sehen. Und ganz ähnlich sind auch die Vorwürfe gegen Amazon gelagert, wo ebenfalls aus unterschiedlichen Konzernteilen und Produktangeboten Daten gesammelt und zu einem umfassenden Userprofil zusammengesetzt werden. Ob die Verfahren gegen beide tatsächlich zu einer Zerschlagung der Konzerne führen werden, darf getrost bezweifelt werden. Und auch der Versuch, die Datenbeziehungen zwischen Facebook, Instagram und WhatsApp zu kappen, dürfte kaum von Erfolg gekrönt sein. Allenfalls nutzt Facebook künftig einen Umweg, um die Daten in seinem großen Buch zu sammeln.

Es ist die Crux der vertikal integrierten Konzerne, wie wir sie seit Nelson Rockefellers Standard Oil kennen. Die Integration ganzer Prozessketten von der Ölexploration bis zur Tankstelle, von der Barrel-Produktion bis zur Herstellung von Öllämpchen war lange Zeit segensreich und brachte die junge Petrochemie überhaupt erst zur vollen Blüte. Auch bei Facebook und Amazon waren (und sind) die Synergieeffekte einer vertikalen Integration zunächst einmal vorteilhaft. Es ist nun Mal einfacher, sich mit seinem Facebook-Account bei Drittanbietern anzumelden. Solange dies freiwillig geschieht, ist dagegen auch nichts einzuwenden.

Man kann es durchaus als Grundgesetz des Kapitalismus ansehen, dass sich komplette Wertschöpfungsketten innerhalb eines vertikal integrierten Konzerns schneller bilden und dadurch neuen Geschäftsmodellen zum Durchbruch verhelfen. Aber diese Konzerne neigen irgendwann dazu, den innovativen Wettbewerb wegzubeißen oder wegzukaufen. So konnte IBM mit ihrem Mainframe-Monopol lange Zeit die Entwicklung anderer IT-Infrastrukturen verhindern. Microsoft benachteiligte im eigenen Betriebssystem die Webbrowser von Konkurrenten. Amazon stellt die Produktangebote seiner eigenen Kunden schlechter als die eigenen Konkurrenzprodukte – so jedenfalls der anhängige Kartellvorwurf.

IBM und Microsoft konnten – anders als Standard Oil – die Zerschlagung ihrer Konzerne verhindern, weil sie Strafzahlungen akzeptierten und vage Zugeständnisse machten. Es ist nicht zu erwarten, dass es jetzt bei Facebook und Amazon anders laufen wird. Wer an die Macht der Kartellbehörden glaubt, glaubt wohl auch noch an den Weihnachtsmann.

 

Ach, du Heiliger Sankt Nimmerlein

„Ich brauche ja die App nicht zum Sankt-Nimmerleins-Tag, sondern ich brauche sie sofort.“ Im Gespräch mit der Publizistin und Wissenschaftlerin Miriam Meckel verteidigte die Bundeskanzlerin und Wissenschaftlerin Angela Merkel auf dem virtuellen Digitalgipfel 2020 die Vorgehensweise bei der Entwicklung der Corona-App. Man habe dabei den dezentralen und freiwilligen Ansatz gewählt, um möglichst schnell möglichst breite Akzeptanz zu gewinnen. Es würde ja nichts geholfen haben, wenn man – wie in Frankreich – eine anspruchsvollere Lösung entwickelt hätte, die aber erst nach langer politischer Debatte um die Akzeptanz am Sankt-Nimmerleins-Tag 2023 zum breiten Einsatz gekommen wäre. Und außerdem habe man der Industrie durchaus vorgeführt, was mit Bluetooth möglich ist. Innovativ und agil – das sind nicht unbedingt die beiden Eigenschaften, die man mit der Technologiepolitik dieser Bundesregierung verbindet.

Das sind aber durchaus die Erfolgsgeheimnisse der Startups: Code a little, test a little. Von Teilprojekt zu Teilprojekt, also von Sprint zu Sprint folgen im agilen Projekt Entwicklung, Abstimmung und Zustimmung, ehe der nächste Entwicklungsschritt in Angriff genommen wird. Ähnlich agil will die Bundesregierung jetzt auch beim Datenschutz und dem Schutz der Privatsphäre vorgehen, scheint es: Die Frage der Abwägung von technologischem Fortschritt auf der einen und dem Schutz der Daten auf der anderen Seite müsse kulturell immer wieder neu ausgehandelt werden, so Merkel. Also von Kultur-Sprint zu Kultur-Sprint. Klar sei aber, dass dieser Prozess nun schnell gehen müsse, um zum Beispiel bei den Zielen beim Klimawandel nicht weiter hinterherzuhinken.

Oder zum Beispiel im Gesundheitswesen, in der Smart City, bei der Verbrechensbekämpfung, der Terrorabwehr, dem Kampf gegen Cyber Crime oder ganz allgemein bei den Zielen der Plattform-Ökonomie, dem Cloud Computing, dem Internet der Dinge und bei Anwendungen der künstlichen Intelligenz, möchte man hinzufügen. Denn Deutschland hinkt inzwischen überall hinterher.

Im Spannungsfeld zwischen digitaler Freizügigkeit und Datensparsamkeit wird in Deutschland im Zweifel immer für den Datenschutz entschieden, den wir nicht als Schutz der Daten, sondern eher als Schutz vor den Daten definieren. Im Wettbewerb mit den IT-Hochburgen in China und den USA ziehen wir dadurch immer wieder die Bremse an. Das hat einen sicheren wirtschaftlichen Nachteil zur Folge, während der gesellschaftliche Vorteil durchaus nicht als gesichert gelten muss.

Es ist das Dreigestirn aus überbordendem Datenschutz, Zögerlichkeit in der digitalen Transformation und Klein-Klein bei der Technologieförderung, das Deutschland lahmlegt. Das zeigt sich beim Cloud Computing, bei der Förderung von künstlicher Intelligenz und jetzt auch bei der neuesten Königsdisziplin der Informationstechnik, dem Quantencomputing. Hier will die Bundesregierung zwei Milliarden Euro in ihr Konjunkturprogramm einstellen. Wofür? „Wir entwickeln gemeinsam mit Fraunhofer eine Strategie, wie wir auch selber Quantencomputer bauen können“, erklärte die Kanzlerin.

Zwei Milliarden, das klingt nach viel Geld, ist es aber nicht. Zum Vergleich: allein für die Lufthansa und damit für ein Geschäftsmodell von gestern wurden 5,7 Milliarden Euro an stillen Einlagen eingeplant. Das aktuelle Hilfspaket für die Automobilindustrie umfasst drei Milliarden Euro und soll einer Branche klimafreundliche Investitionen schmackhaft machen, die in ihrer SUV-Laune das Drei-Liter-Auto völlig aus den Augen verloren hatte und jetzt versäumten Elektromobilitätszielen nachhechelt.

Wenn wir uns schon bei Investitionen in die Vergangenheit nicht lumpen lassen, warum klotzen wir dann nicht bei Investitionen in die Zukunft? Denn auch im internationalen Vergleich klingen zwei Milliarden Euro für eine „Strategie, wie man einen Quantencomputer baut“, nicht besonders beeindruckend. IBM und Google, zwei der Pioniere beim Rechnen mit Qubits, haben allein schon mehr investiert. Beide haben auch mehr in Cloud Computing und KI investiert als die Bundesregierung für diese Zukunftsthemen bereitstellt. Und in China ist allein ein Campus für Quantencomputing für zehn Milliarden Dollar in die Welt gesetzt worden. Deutschland wird mit der nächsten halbgaren Hightech-Initiative nicht den Abstand zu den führenden Quantentechnologen verringern, sondern lediglich das Anwachsen des Rückstands verlangsamen.

Wie wenig die Kanzlerin auf der Höhe der Debatte ist, zeigt der billige Wortwitz, die Investition in Quantencomputing sei ein Quantensprung. Das haben in der Tat schon andere – und das Jahre vor uns – erkannt. So meldet sich zum Beispiel das US-Unternehmen Honeywell zu Wort, das in den letzten Jahren eher durch Gerätesteuerung und Klimatechnik bekannt geworden ist, und meldet nach vier Jahren Forschungsarbeit die Entwicklung eines Quantenchips. Das wäre – wenn es denn stimmt – ein Quantensprung. Wir warten wahrscheinlich auch beim Quantencomputing auf den Sankt-Nimmerleins-Tag.

Startups: der Mittelstand von morgen

Mit Florian Nöll, dem Gründungs-Präsidenten des Deutschen Startup-Verbands, habe ich vor einem guten halben Jahrzehnt eine tiefergehende Analyse über die deutsche Gründerszene und die unternehmerischen Motive unter dem Titel: „Heute Startup – morgen Mittelstand“ veröffentlicht. Eine der Grundthesen darin war, dass die heutigen Founder viel von jenem Gründergeist haben, der am Anfang von Familiendynastien in Deutschland stand – stets nach Krisenzeiten, wie dem großen Crash von 1873, der Depression in den zwanziger Jahren oder der Nachkriegszeit mit ihrem Wiederaufbau und Wirtschaftswunder.

Diesen Gründergeist brauchen wir nach der Überwindung der Corona-Krise erneut – und es wird sich zeigen, wie vital, wie überlebensfähig, ja überlebenswillig der deutsche Mittelstand und die Startups sein werden. Schon jetzt zeigen Umfragen in beiden Lagern, dass die Lage zwar ernst ist, aber nicht hoffnungslos. Und ebenso wichtig ist die Tatsache, dass mittelständische Unternehmer die Attitüde ihrer meist jüngeren Startup-Kollegen übernehmen und in innovativen Dienstleistungen und Geschäftsmodellen die künftige Erfolgsschiene erkennen.

Damit hat sich schon jetzt viel in den Köpfen der Mittelständler bewegt. Denn noch vor einem halben Jahrzehnt mussten wir beklagen, dass Startups und Mittelstand einander sprachlos gegenüberstanden, dass sich beide nicht verstanden und ihre Strategien fundamental voneinander abweichen. Denn während die einen mit grundlegend neuen Angeboten in noch nicht existierende Märkte vorstoßen wollten, waren die anderen darauf aus, mit Veränderungen in homöopathischen Dosen die alten Märkte und die bestehenden Kunden nicht zu verunsichern. Die einen hatten Ideen, aber keine Märkte, die anderen hatten Märkte, aber keine Ideen.

Heute finden sich zahllose Beispiele dafür, dass sich das geändert hat. Immer mehr mittelständische Unternehmen gründen eigene Risikokapitalgesellschaften, mit deren Hilfe sie das Angebot an potenziellen Innovationspartnern sondieren und assimilieren wollen. Lange Zeit stand dabei die defensive Taktik, mögliche Wettbewerber einfach vom Markt wegkaufen zu wollen, im Vordergrund. Dann folgten Joint-Innovation-Strategies, bei denen die eigenen Produkte mit dem Skill der Startups weiterentwickelt werden sollten. Jetzt zeichnet sich immer mehr ab, dass mittelständische Unternehmen auch Partnerschaften in Bereichen und Branchen suchen, die nichts mit dem eigenen Kerngeschäft zu tun haben. Es geht vielmehr darum, sich breiter aufzustellen, zu diversifizieren und durch alternative Geschäftsmodelle das eigene Business neu zu definieren.

Nach Joint-Innovation und Corporate Venture Capital folgt jetzt Corporate Venture Building. Danach gründen mittelständische Unternehmer selbst Startups, um in ihnen die Keimzelle für neues Wachstum in neuen Märkten zu legen. Auf Kopieren folgt Kapieren! Sie übernehmen die Charaktereigenschaften der Startups wie Agilität, Disruption, Digitalisierung und die Wahrnehmung neuer Gesellschafts- und Geschäftsmodelle und gliedern sie locker in die eigene Firmenstruktur ein. Der Vorteil: die eigene Entwicklungsabteilung folgt weiterhin der DNA des Konzerns und entwickelt die bestehende Produktpalette weiter. So bleiben die angestammten Märkte unberührt.

Die Corporate Startups hingegen können auf neue Projektziele ausgerichtet werden. Dabei besteht durchaus eine Risikominimierung durch die Gründung mehrerer Startups: scheitert eins, ist nur ein Projekt gefährdet, während andere unbehelligt voranschreiten können. Scheitert die eigene F&E-Abteilung sind meist Abschreibungen auf Kapital und die eigene Zukunft die Konsequenz.

Dabei nutzen Mittelständler durchaus unterschiedliche Strategien. Nach wie vor sind Kooperationen mit bestehenden Startups die verbreitetste Variante. Tatsächlich haben die Gründer im jüngsten Deutschen Startup Monitor zu Protokoll gegeben, dass die Zusammenarbeit mit mittelständischen Unternehmen die bevorzugte Form der gemeinsamen Entwicklungsarbeit ist – besser noch als die Kooperation mit Weltkonzernen oder Startups aus dem eigenen Umfeld. Die Übernahme und Eingliederung von Startups ist ebenfalls eine Alternative – birgt aber die Gefahr, dass den Jungunternehmen dann die eigene (verknöcherte) Kultur übergestülpt wird. Corporate Venture Building hingegen gibt die DNA des eigenen Unternehmens an die agilen Organisationen weiter – den Mittelstand von morgen.

Wenn die Corona-Krise beendet ist, werden wir unseren Wirtschaftsstandort vielleicht nicht mehr wiedererkennen. Das liegt nicht nur an den Homeoffices, die überall möglich werden. Es liegt auch nicht allein daran, dass die Automobilindustrie als deutsche Leitbranche ihr Gesicht verändert und vollkommen elektrisiert aus der Krise kommen will. Es liegt wohl vor allem daran, dass mehr und mehr Mittelständler ihr Gründungs-Gen wiederentdecken und aktivieren. In der Kooperation mit Startups könnte der Mittelstand von heute dann der Mittelstand von morgen sein.

 

An Europas Wesen genesen?

Es ist die Art der Gunmen, wie wir sie aus dem Wilden Westen kennen: Der US-amerikanische Cloud Act steht wie ein Revolverheld auf der Main Street und ruft, „kommt raus, wenn ihr euch traut – aber einzeln“. Und die Europäer stehen an den Fenstern und schwenken die weiße Flagge. In einem kläglichen Versuch des Appeasements hatten sie versucht, mit dem Datentransferabkommen „Privacy Shield“ die für Europäer abwegige Rechtsauffassung im Cloud Act einfach zu übersehen, die darin besteht, dass US-Gerichte von amerikanischen Cloud-Anbietern unter bestimmten Bedingungen die Herausgabe personenbezogener Daten verlangen können, selbst wenn diese auf europäischen Server abgelegt sind und damit der europäischen Datenschutz-Grundverordnung unterliegen. Und diese verbietet die Weitergabe ganz schlicht – unter allen Umständen.

Mit dem Cloud Act hatte das Trump-Regime die Bestimmungen aus dem Patriot Act gegen Terrorismus, der nach Nine-Eleven geschmiedet wurde, noch verschärft. Seitdem müssten also amerikanische Cloud-Anbieter in Europa entweder gegen die eine oder die andere Gesetzgebung verstoßen. Doch es bedurfte erst eines österreichischen Datenaktivisten, um den Europäischen Gerichtshof dazu zu bringen, den „Privacy Shield“ zu kassieren. Seitdem herrscht allerdings die gleiche Situation wie vorher: Der Gunman steht immer noch auf der Hauptstraße – und die Europäer sitzen am Stammtisch und hecken neue Regeln für den Umgang mit Daten, Datenstrukturen und Datenanalyse aus. Gaia-X, als alternative europäische Cloud gestartet, ist nun „nur noch“ oder „immerhin“ – je nach Blickwinkel – ein Regelwerk zum Umgang mit Daten in der Cloud, dessen erste Fassung im kommenden März zur Diskussion gestellt wird.

Anwender sollen dadurch eine Richtschnur dafür erhalten, welche Anbieter welchen europäischen Standard einhalten. Gaia-X wird damit so etwas wie Julia Klöckners Nutri-Score. Mit dieser Lebensmittel-Ampel sollen Hersteller auf freiwilliger Basis den Verbrauchern Hinweise auf Haltung, Herstellung, Ingredienzen und Nährwert geben. Dabei gibt es aber keine feste Skala, sondern lediglich einen relatives Rating mit Vergleichsprodukten. Gaia-X zumindest könnte da aussagefähiger werden. Aber den US-amerikanischen Revolverhelden wird das wohl nicht von der Hauptstraße vertreiben. Der Herausgabe-Paragraf im Cloud Act wird wohl kaum an Europas Wesen genesen…

Dafür aber könnte Gaia-X einem meist unbewiesenen, aber dennoch stetig vorgebrachten Vorbehalt entgegenwirken: nämlich dem Generalverdacht, Cloud-Anbieter würden die Daten ihrer Kunden zum eigenen Nutz und Frommen abzweigen und zweckentfremden. Es besteht aber ein fundamentaler Unterschied zwischen professionellen Cloud-Services wie Deutsche Telekom oder Microsoft und den Daten-Plattformen wie Google oder Facebook, die ihre Kunden als Datenlieferanten sehen und ihnen im Gegenzug zur Preisgabe persönlicher Daten individuelle Cloud-Services zum Nulltarif anbieten. Amazon ist dabei ein Sonderfall, weil mit Amazon Web Services einerseits professionelle Cloud-Services angeboten werden, andererseits wird aber mit der Verkaufsplattform Amazon auch größtmöglicher Nutzen aus den Verbraucherdaten gezogen. Das trägt tatsächlich durchaus dazu bei, dass der Vorbehalt der Datenuntreue immer wieder neu belebt wird.

Aber auch gegen die Online-Plattformen ziehen die Europäer jetzt unter Federführung des EU-Binnenkommissars Thierry Breton ein Stützkorsett ein. Mit dem Digital Services Act soll ein Dienstegrundgesetz für Online-Plattformen entstehen. Damit sollen die Bestimmungen der gut 20 Jahre alten E-Commerce Richtlinie auf den neuesten Stand gebracht werden, die zu Bedingungen vor der Dot.Com-Blase entstanden, als die marktbeherrschenden Plattformen und Geschäftsmodelle noch gar nicht existierten. Doch Anbieter wie Google warnen schon jetzt, dass die Umsetzung der neuen Benimm-Regeln möglicherweise dazu führen könnte, dass Google künftig keine Restaurant-Empfehlungen mehr auf seinen interaktiven Gebietskarten anzeigen werde. Denn den Empfehlungen liegt ein Google-Algorithmus zugrunde, der weitgehend intransparent nach Kriterien auswählt, die alles andere als objektiv sein dürften. Und das ist nicht gerade in Übereinstimmung mit dem Digital Services Act. Der ist aber ohnehin eher gegen Hate Speehes, Fake News und Wahlmanipulationen gerichtet.

Auch bei der künstlichen Intelligenz versuchen die Europäer die Welt mit ethisch motivierten Regelwerken neu zu kartographieren. Europa verortet sich damit neu zwischen dem westlichen Datenkapitalismus der USA und dem östlichen Datenkommunismus Chinas. Es ist der Versuch, eine in der Nachkriegsordnung verlorengegangene Souveränität wiederzugewinnen. So ist auch das 14seitige Strategiepapier der deutschen Sozialdemokraten zu verstehen, die angesichts der anhaltenden Debatte um die europäische Rolle im Nordatlantikpakt, eine „28. Europäische Armee“ neben den 27 nationalen Streitkräften vorschlagen. Man wird ja noch träumen dürfen.

Dabei muss am europäischen Wesen Europa erst einmal selbst genesen. Die Versuche aber, zunächst in Europa, dann aber weltweit gültige Rahmenwerke ins Leben zu rufen, sind Beispiele dieser noch jungen, aufkeimenden Sehnsucht nach Souveränität. Immerhin hat sich die DSGVO bereits als Exportschlager entpuppt, deren Inhalte in Japan und lateinamerikanischen Ländern adaptiert wurden. Den Gunman wird das alles wohl nicht von der Hauptstraße vertreiben. Wahrscheinlicher ist, dass sich ihm ein Mandarin entgegenstellt…