Eine Pandemie ist genug!

Ein Bild mit großer Symbolkraft: In Frankreich brennt ein Rechenzentrum. Nicht irgendeins, sondern eines von Europas größtem Cloud-Anbieter OVH. Auf fünf Stockwerken, die Platz für 12000 Server boten, sind in der vergangenen Woche Daten einfach verkohlt. Die Wolke, dieses mythisch metaphysische Synonym für ganz reale Service-Rechenzentren, hat sich in Rauch aufgelöst.

Der Treppenwitz dabei: Weil sich OVH die Datensicherung – also das Kopieren von Daten auf einem Server an einem anderen Ort – teuer bezahlen lässt, haben viele Kunden auf diese fundamentale Vorsorgemaßnahme verzichtet. Dabei ist es doch gerade das zentrale Qualitätsmerkmal der Cloud, dass dort Daten und Software sicherer sein sollen als in Rechenzentren, die Anwenderunternehmen im Eigenbetrieb unterhalten. Wenn man aber in der Cloud die gleiche Dummheit begeht wie auf dem eigenen Betriebsgelände, dann greift eine der Grundregeln dieses Planeten: natürliche Selektion!

Die Daten sind im wahrsten Sinne des Wortes ein Raub der Flammen geworden. Sie sind tatsächlich futsch – unwiederbringlich verloren. Wenn wir von den Folgen von Hacker-Angriffen sprechen, benutzen wir die gleiche Metapher: Datenraub. Dabei werden die Daten in der Regel „nur“ kopiert. Sie sind also nicht weg, sondern nach dem Raub auch noch woanders. Sie sind nur dann futsch, wenn die Betroffenen nach einem Ransomware-Angriff nicht das geforderte Lösegeld bezahlen.

Das ist alles wirklich schlimm. Aber schlimmer noch ist, dass wir allmählich anfangen, uns daran zu gewöhnen. Kaum haben wir uns vom SolarWinds-Hack erholt, verschlägt uns der Angriff auf Microsofts Exchange-Server den Atem. Für die eine Cyber-Attacke werden russische, für die andere chinesische Kreise verantwortlich gemacht. Und in Straßburg wird spekuliert, wer da im Rechenzentrum womöglich absichtlich Daten verbrannt haben mag.

Chinesen, Russen – das passt in unser Feindbild. Von bösen Mächten wunderbar betrogen! Aber offensichtlich haben wir schon wieder die Enthüllungen eines Edward Snowden vergessen, der 2013 offenlegte, wie die US-amerikanische National Security Agency befreundete Staaten und Individuen ausspionierte. „Ausspähen unter Freunden, das geht gar nicht!“ empörte sich damals die Kanzlerin. Nur wenig später musste sie allerdings erklären, warum der Bundesnachrichtendienst unter dem Projektnamen Rubikon selbst über Jahre hinweg zusammen mit der CIA Chiffriermaschinen mit einer Hintertür zum Ausspähen versehen hat.

Wir müssen uns wohl eingestehen: so wie der Verkehrsunfall zum Autofahren gehört, gehört der Datenklau zur Informationswirtschaft. Finden wir uns damit ab? NEIN!

Die Lösung heißt: mehr Hygiene. Was wir nach einem Jahr Corona-Pandemie mühsam gelernt haben, scheinen wir nach zwei Jahrzehnten eCommerce immer noch nicht richtig begriffen zu haben. Wir müssen die Aufgabe, uns selbst zu schützen, endlich ernst nehmen. Sicherungskopien erstellen, Firewalls errichten und nicht zuletzt: Patches und Updates auch tatsächlich aufspielen! Wir machen es den Hackern, Terroristen und dem Schicksal schlicht zu einfach.

Eine Pandemie ist genug! Wir brauchen eine Impfstrategie gegen die chronische Immunschwäche unserer IT-Infrastrukturen. Wenn wir weiter Daten horden – und das ist bei für das Jahr 2025 prognostizierten 50 Milliarden Maschinen mit Zugang zum Internet mehr als wahrscheinlich – brauchen wir auch eine Herdenimmunität gegen Computerviren und Cyberangriffe.  Aber die Realität sieht anders aus: auch Wochen nach der Veröffentlichung der Patches für die Solarwinds-Software hat nach Expertenschätzungen ein Drittel der Anwenderunternehmen die Updates noch gar nicht aufgespielt. Bei den inzwischen veröffentlichten Updates für Microsofts Exchange Server dürfte es nicht besser aussehen.

Hygiene beginnt im Kopf. Wenn das Reiseverbot nach dem Corona-Lockdown endet – falls es jemals endet… – werden wieder viele Facebook-Freunde ihrer Umgebung mitteilen, dass sie jetzt auf Malle sind und ihre Wohnung drei Wochen unbeaufsichtigt ist. Wir werden ungefragt intimste Daten über unser Leben ausplaudern, aber bei der nächsten Corona-WarnApp laut „Datenschutz“ rufen, als wäre der Gottseibeiuns hinter uns her. Wir werden wieder Datensicherungen aus Kostengründen einsparen. Wir werden wieder lieber über eine Mauer an der Grenze zu Mexiko diskutieren, als eine verlässliche Firewall um unsere IT-Infrastruktur zu errichten. Und wir werden wieder vergessen, wo die Feuerlöscher hängen.

Die Corona-Pandemie hat uns deshalb völlig unvorbereitet getroffen, weil es nur schwer zu vermitteln ist, Milliarden für einen solchen Eventualfall auszugeben, von dem niemand weiß, ob er tatsächlich eintritt. Das gleiche gilt für jede Cyber-Attacke, für jeden Lauschangriff: Wir sind nicht bereit, uns auf den Fall der Fälle einzustellen. Statt Vorsorge leisten wir lieber Nachsorge. Egal, was es kostet. Eine Pandemie ist wohl doch nicht genug!

Heinz-Paul Bonn bloggt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Themen der Digitalwirtschaft. Mit HPBonn.Consulting berät er Unternehmen und Persönlichkeiten aus der Szene. Mehr erfahren Sie hier.

Software – die nächste Konsolidierungswelle läuft an

„Sind wir paranoid genug?“ habe ich in meinem letzten Blog gefragt und das damit begründet, dass – während wir noch über den SolarWinds-Hack grübeln – der nächste Großangriff auf unsere IT-Infrastruktur mutmaßlich bereits läuft. Nun, tatsächlich lief der nächste Großangriff bereits: auf Microsofts Email-Dienst Exchange sollen chinesische Cyberkrieger eine Sicherheitslücke genutzt haben, um Mails und Adressen zu klauen. Das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) vermutet, dass Hunderttausende Organisationen betroffen sein könnten. In der Tat: man kann nicht paranoid genug sein!

Microsoft hat längst Patches, also Software-Updates zur Fehlerbehebung, bereitgestellt, die dringend aufgespielt werden sollten. Das BSI geht in seiner Erklärung davon aus, dass noch nicht gepatchte Exchange-Server als infiziert eingestuft werden müssen. Und genau hier liegt die Crux: zwar werden über Internet-Services inzwischen Patches und Updates in Sekundenschnelle über den ganzen Globus „deployed“, aber sie müssen dann auch von den IT-Verantwortlichen genutzt werden. Dabei vergehen oft Tage und Wochen. Das war auch schon bei SolarWinds-Hack so. Ja, manche IT-Betreiber sind fahrlässig genug, die Aktualisierungen überhaupt nicht zu beachten.

Software, vor allem Standard-Anwendungen, ist zur Massenware geworden – egal, ob sie zum persönlichen Gebrauch auf dem Heim-PC oder in der Unternehmens-IT eingesetzt wird. Die Multiplikation von Algorithmen und Programmcode gehört zum grundlegenden Geschäftsmodell der Software-Industrie. Ohne den Mehrfachverkauf eines „Softwerks“ würden sich die erheblichen Entwicklungskosten nicht rechnen. Und anders als bei Individuallösungen mit hohem Spezialisierungsgrad können Standard-Lösungen auch schneller weiterentwickelt werden: ein Update lohnt sich, wenn man es gleich mehrfach verkaufen kann.

Aber dieses Geschäftsmodell der Software-Industrie ist vom Aussterben bedroht. Der Grund: nicht nur erkennen immer mehr Unternehmen, dass ihre Software in der Cloud günstiger betrieben wird als im eigenen IT-Shop; sie erkennen auch, dass es sicherer ist, auf eigene Software weitgehend zu verzichten und stattdessen Cloud-Services und Anwendungen zu mieten. Was als Abonnement auf dem Smartphone bereits hervorragend funktioniert, dürfte sich als neues Geschäftsmodell auch in der Unternehmens-IT immer mehr durchsetzen. Jeder Großangriff von Hackern auf die IT-Infrastruktur bringt die Verantwortlichen dieser Erkenntnis ein Stück näher.

Denn auch wenn es auf den ersten Blick paradox erscheint: in der Cloud sind die Anwendungen sicherer als in der unternehmenseigenen IT-Abteilung. Die mit Milliarden-Investitionen aufgestellten Cloud-Rechenzentren sind vor Hacker-Angriffen besser gesichert als der Server-Raum im Firmenkeller. Die größte Schwachstelle ist dann aber immer noch der Mensch, der durch Fahrlässigkeit und Dummheit Cyber-Einbrechern Tür und Tor öffnet – zum Beispiel durch schwache Passwörter, wie im Fall von SolarWinds mit „solarwinds123“.

Dabei lösen inzwischen immer mehr Anbieter die Idee der gehosteten Software durch ein weiterentwickeltes Geschäftsmodell ab: sie bieten gleich ganze Plattformen als Cloud-Service an. Anwender nutzen nur noch die Funktionen einer zentralen Software-Plattform, die sie zum aktuellen Zeitpunkt auch tatsächlich benötigen. Marc Benioff dürfte wohl der Ruhm gebühren, diese Idee mit dem 1999 gegründeten Unternehmen Salesforce als erster umgesetzt zu haben. Die Mietlösung fürs Customer Relationship Management ist inzwischen funktional so mächtig, dass sie zu einem der härtesten Wettbewerber von Software-Großanbietern wie SAP gehört.

Jetzt setzt auch Microsoft auf Branchen-Plattformen in der Cloud. Während bislang auf der Cloud-Plattform Azure vor allem Software-Hosting und Cloud-Services für das Internet der Dinge, Machine Learning oder Security angeboten wurden, kommen jetzt ganze Branchen-Lösungen hinzu. Microsofts CEO Satya Nadella sieht darin die Antwort auf den Corona-Lockdown, der viele gewohnte Geschäftsprozesse obsolet gemacht hat. Seine Prognose: Wir werden zu dem alten Geschäftsgebaren nicht zurückkehren, sondern Produkte, Produktion und die Kommunikation mit Kunden, Lieferanten und Behörden völlig neu definieren.

Aber wer soll die neuen Anwendungen bezahlen, wenn Unternehmen angesichts einbrechender Umsätze ihre Investitionen zurückschrauben? Viele „haben enorm viel Schweiß und Geld in die Individualisierung ihrer Unternehmenslösung investiert, um diese Branchenbesonderheiten abzubilden“, schreibt Oliver Gürtler, Microsofts Mittelstandschef in Deutschland in seinem Blog. Deshalb sollen Branchen-Plattformen – zunächst für diskrete FertigungFinanzdienstleistungen, Non-Profit-Organisationen, Behörden, Gesundheitswesen, Energieversorgung, Handel und den wachsenden Markt der Spieleentwickler – bei der Modernisierung der Anwendungswelten helfen.

Wenn das Konzept aufgeht, dürfte sich das Geschäftsmodell der Software-Industrie noch einmal ändern, kaum dass der Wechsel vom Lizenzverkauf zum Software-Abonnement richtig vollzogen ist. Die schon jetzt anhaltende Konsolidierung im Markt wird sich dabei noch einmal beschleunigen. Denn während immer mehr Software in die Wolke abwandert, verlieren klassische Software-Anbieter einen Teil ihrer Existenzgrundlage, bei dem neben dem Lizenzerlös nicht unerhebliche jährliche Wartungsgebühren anfielen. Aber beim Software-Abonnement in der Cloud behalten die Softwerker wenigstens noch das geistige Eigentum an der Software.

In der Plattform-Ökonomie reduziert sich das auf wenige Funktionen und Programmierzeilen. Struktur, Basisfunktionen und Dienste gehören dagegen dem Plattform-Betreiber. Vor allem die mittelständischen Softwarehäuser werden sich entscheiden müssen, auf welche Plattform sie aufsatteln wollen, um ihre (Teil-)Lösungen weiter anbieten zu können. Für viele könnte das durchaus eine Rettung darstellen. Denn ebenso wie ihren mittelständischen Kunden fehlt ihnen das Geld, um noch einmal mit einer neuen Software-Generation von vorne anzufangen. Das werden nur noch die Plattform-Anbieter leisten können, die dafür aber ihre Kunden nicht nach Hunderttausenden, sondern nach Millionen zählen werden. Und für diese Abermillionen Kunden übernehmen die Plattform-Anbieter dann auch die Aufgaben der Cyberabwehr. Kein Kunde muss dann noch Patches aufspielen.

Gleichzeitig kommen neue Software-Anbieter ins Spiel. Schon heute bauen die Autobauer mit Unterstützung der Internetgiganten an Plattformen fürs vernetzte und autonome Fahren, suchen Handelsketten nach neuen Verkaufsplattformen und bieten Vergleichsportale Möglichkeiten zum Anbieterwechsel. Morgen werden die Kommunen Plattformen für Smart Cities aufbauen, über die Behördengänge, Verkehrssteuerung, Energieversorgung oder Freizeitangebote abgewickelt werden können.

Und übermorgen finden wir uns dann alle in der Matrix wieder. Wie gesagt: Man kann nicht paranoid genug sein.

Heinz-Paul Bonn bloggt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Themen der Digitalwirtschaft. Mit HPBonn.Consulting berät er Unternehmen und Persönlichkeiten aus der Szene. Mehr erfahren Sie hier.

Sind wir paranoid genug?

Wir sollten uns alle eine neue Einstellung zum Thema Cyber-Security angewöhnen: Es geht nicht mehr allein um die Frage, wie wir den nächsten Angriff auf unsere IT-Infrastruktur verhindern können. Es geht mehr und mehr um die Frage, wie wir den Angriff auf uns entdecken, der mutmaßlich bereits läuft. Das ist die Erkenntnis aus dem großangelegten Cyber-Hack auf Zigtausende Unternehmen und Organisationen, der über ein korrumpiertes Update der Netzwerkmanagement-Software von SolarWinds erfolgte.

Die Selbstdiagnose der industrialisierten und zugleich auch über das Internet vernetzten Welt muss deshalb lauten: „Sind wir paranoid genug?“ Wir können nicht wachsam genug sein. Aber die erschreckende Erkenntnis ist auch: Wir sitzen weithin sichtbar am Lagerfeuer, während sich der Feind in den Büschen anschleicht. Jedes Knacken im digitalen Gehölz – um in der Karl-May-Rhetorik fortzufahren – könnte eine tödliche Bedrohung bedeuten.

Jetzt – im Morgengrauen nach dem feindlichen Überfall – beginnt das Fingerpointing. US-Senator Ron Wyden wirft Microsoft als Platzhirsch auf dem Desktop und in der Cloud vor, zu lange gezögert zu haben. Stimmt nicht, sagt Microsofts Präsident Brad Smith bei einer öffentlichen Anhörung im Capitol: man habe früh reagiert, 30 Blogs zum Thema veröffentlicht und 60 von Microsofts Azure-Kunden, darunter rund die Hälfte Telekommunikationsfirmen, vor der Gefahrenquelle gewarnt. Dagegen, so Brad Smith am vergangenen Freitag, habe sich Amazon zu den Angriffen über die Amazon Web Services noch überhaupt nicht und Google zu den Angriffen über deren Cloud-Services so gut wie nicht geäußert.

Tatsächlich scheint sich Microsoft an die Spitze der Bewegung gegen Cyber-Angriffe stellen zu wollen und startet eine publizistische Offensive für ein schärferes Bewusstsein gegenüber Attacken auf die globalen Cloud-Infrastrukturen. Dazu gehört auch, dass in den offiziellen Microsoft-Kommentaren nicht mehr vom SolarWinds-Hack die Rede ist, sondern von „Solarigate“ – eine Anleihe bei Watergate und andere „–gates“, die zu einem globalen Beben geführt haben. Der texanische Anbieter von Datenbankmanagement-Software ist denn auch wohl eher Opfer als Verursacher. Denn – und das ist das Schlimme daran – die Manipulation an einem Software-Release, das sich durch die Update-Automatismen im Internet metastasierend ausbreiten konnte, könnte und kann jedem Internet-Anbieter passieren.

So ist es denn auch durchaus pikant, dass Amazon Web Services jetzt zugeben musste, dass die Solarigate-Hacker über die sogenannte Elastic Compute Cloud von AWS vorgegangen waren. Nach den Ermittlungen, die der US-Senator Richard Burr anstellen ließ, wurde so über das Amazon-Hosting der bösartige Code über das SolarWinds-Update auf die Systeme der Anwender eingespielt. Es wird also wohl nur noch eine Frage der Zeit sein, bis auch AWS im Repräsentantenhaus vor dem Kadi aussagen muss.

Dabei ist die Schuldfrage, wer wie schnell oder ob überhaupt reagiert hat, alles andere als trivial. Es geht am Ende um die Frage, welchem Internet-Provider die Anwender noch trauen können oder wollen. Zwischen AWS und Microsoft Azure läuft ein spannendes Kopf-an-Kopf-Rennen um Marktanteile im explosionsartig wachsenden Cloud-Geschäft. Dazu hat der Corona-Lockdown einiges beigetragen. Aber auch ohne die Virus-Pandemie ist die Cloud das alles entscheidende Business der Digitalwirtschaft.

Und genau in dieser Zeit startet Microsoft eine weitere Plattform-Offensive, um das Cloud-Business auf neue, noch tragfähigere Säulen zu stellen. Denn während viele mittelständische Betriebe gerade erst über Outsourcing nachdenken und beginnen,  den eigenen IT-Betrieb in die Cloud zu verlagern, schmieden die Internet-Giganten längst Partnerschaften mit Großanwendern, um ganze Plattformen – zum Beispiel für das vernetzte Fahrzeug, für die vernetzte Fabrik oder die smarte City – zu bauen.

Microsoft legt jetzt noch einen drauf, indem CEO Satya Nadella in einer eigenen Videobotschaft drei weitere Lösungs-Plattformen für ganze Branchen ankündigte: nach Lösungen für die öffentliche Hand, den Einzelhandel und das Gesundheitswesen folgen nun Plattformen für Fertigung, Finanzdienstleistungen und gemeinnützige Organisationen. Microsoft habe, so postet Satya Nadella stolz, im zurückliegenden Jahr so ziemlich mit jeder Branche diskutiert, wie man ein auf die jeweiligen Branchen-Usancen zugeschnittenes Plattform-Portfolio aufbauen könne. Will sagen: da kommt noch mehr.

Das Angebot dürfte für viele Anwender attraktiv sein, die genug haben von teuren Releasewechseln bei ihrer Unternehmenssoftware. Insofern ist die Plattform-Offensive von Microsoft nicht nur eine Ansage gegen die Cloud-Wettbewerber, sondern auch gegen die Lösungshäuser wie SAP, Oracle oder SalesForce. Die Plattform-Ökonomie ist ein gigantisches Geschäft, das sich nicht nach Milliarden, sondern nach Billionen misst. Dabei kann ein Angriff auf das Vertrauen in die Cloud an sich, wie es die mutmaßlich 1000 Hacker, die am Solarigate-Angriff beteiligt gewesen sein sollen, offensichtlich beabsichtigten, unabhängig vom unmittelbaren Schaden das gesamte Business zerstören.

Post Scriptum: „Sind wir paranoid genug? – Diese Frage habe ich schon einmal in einem Bonnblog gestellt. Damals, im August 2017, meinte ich die beständige Sorge davor, dass Deutschland im digitalen Wettlauf abgehängt werden könnte. Knapp vier Jahre später hat sich diese Sorge zur Gewissheit verfestigt: die Deutschen sind bei der Digitalisierung längst abgehängt. Jetzt könnten allerdings viele Entscheider dieses Nachlaufen als großen Vorsprung interpretieren. Wo kein Internet, da auch kein Cyber-Hack! Doch das kann sich als folgenschwerer Irrtum erweisen. Denn ebenso gilt: Wo kein Internet, da auch kein Business. In der Tat: Man kann gar nicht paranoid genug sein.

Heinz-Paul Bonn bloggt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Themen der Digitalwirtschaft. Mit HPBonn.Consulting berät er Unternehmen und Persönlichkeiten aus der Szene. Mehr erfahren Sie hier.

 

 

Schlauer als das Virus?

Ich nehme jetzt mal meine (sprachliche) Maske herunter und sage wie es ist, beziehungsweise wie es wird: 2021 wird nicht das Jahr, in dem wir das Virus besiegen, sondern in dem wir lernen müssen, mit dem Virus zu leben.

Denn, Hand aufs Herz, die Vermutung, jetzt noch ein bisschen Lockdown, die Inzidenz bei 35 einpendeln und der „Kaas isch geveschpert“, wie der Schwabe sagen würde – das ist eine Hoffnung, die wir getrost fahren lassen können. Es wird noch lange alles Käse sein.

Die Frage ist, wie wir uns auf diesen Käse einstellen. Noch mehr Lockdown, noch mehr wirtschaftlicher Stilltand, noch mehr Existenzkrise, noch mehr soziale Distanz, noch weniger kultureller Austausch – das soziale Tier „Homo Ludens“ wird daran noch stärker erkranken als an dem Virus. Die soziale Verdumpfung und wirtschaftliche Schrumpfung werden uns mehr in Mitleidenschaft ziehen und nachhaltigere Folgen haben. Und gegen diese Krankheit gibt es keinen Impfstoff. Für den Einzelhandel,  um ihn exemplarisch aus der großen Menge der Virus-Kolateralschäden herauszugreifen, gibt es nur einen Impfstoff – und der heißt zahlungswillige Kunden.

Wir müssen schlauer sein als das Virus, wie es der Grüne Oberbürgermeister der Hansestadt Rostock, Claus Ruhe Madsen, bei Maybrit Illner formulierte. Das gilt für jeden von uns. Das Geschäftsmodell des Einzelhandels besteht ja nicht darin, einen Laden in der Fußgängerzone zu unterhalten, sondern den Kunden ein Verkaufserlebnis zu bieten. Das Ladenlokal ist dabei nicht eine Ultima Ratio, sondern das gängige Geschäftsmodell der Nachkriegsära, das nun schon ein Dreivierteljahrhundert andauert. „Come in and find out“ – da hat sich einiges festgefahren. Aber der Handel lebt nicht vom Laden, sondern vom Handeln. Es gibt genug Beispiele, wie in einer digitalen Welt Konsumgüter verkauft, Essen ausgeliefert und Kulturgut offeriert werden können. Dabei ist die Ladenschließung noch nicht einmal eine zielführende Maßnahme gegen die Pandemie, wie sich immer deutlicher zeigt.

Nach dem Virus wird nicht „wie vor dem Virus“ sein. Wenn wir etwas gelernt haben sollten, dann das: Nach dem Virus ist „wie vor dem nächsten Virus“. Die Mutanten – übrigens in Gestalt der Pest einer der apokalyptischen Reiter – lehren uns gerade auf gruselige und hoffentlich nicht auch noch auf grausame Weise, dass wir es mit einer vielköpfigen Hydra zu tun haben.

Das Virus war schon einmal schlauer als wir. Die mit mangelhafter Genauigkeit „Spanische Grippe“ genannte Pandemie vor etwas mehr als 100 Jahren hat sich die Truppenbewegungen der Amerikaner, Franzosen, Engländer und der Deutschen im Ersten Weltkrieg zunutze gemacht. Ohne Anhängern der Dolchstoßlegende das Wort reden zu wollen: das damalige Influenza-Virus hat wohlmöglich den Ausgang des Ersten Weltkriegs stärker beeinflusst als alle militärischen Strategien und Rüstungsanstrengungen. Je nach Schätzung sind damals drei- bis viermal so viele Menschen dem Virus erlegen wie dem militärischen Weltenbrand.

Aber damals wusste man noch nicht, was ein Bazillus ist, geschweige denn, welche Gefahr durch Viren entsteht. Heute wissen wir das und reagieren in den westlichen Ländern wie das Kaninchen vor der Schlange. Wir verharren in Schreckstarre und nennen es Lockdown. Und wir verhalten uns geradezu antiwissenschaftlich: die Hot Spots sind in Alten- und Pflegeheimen sowie im häuslichen Umfeld zu suchen. Sie sind nicht zu finden in den Schulen, den Sportarenen, in den Läden und Restaurants, in den Kinos und Kunstpalästen – vorausgesetzt, sie befolgen die einschlägigen Hygiene- und Abstandsvorschriften. Warum hindern wir den deutschen Mittelstand daran, zu beweisen, dass er schlauer ist als das Virus?

Niemand hat das in der letzten Zeit besser argumentiert als der Rostocker Oberbürgermeister Claus Ruhe Madsen, der seinen ersten Fernsehauftritt bei Markus Lanz hatte. Für sein Mantra – „Wir müssen schlauer sein als das Virus“ – hat er eigene Vorschläge, die übrigens nicht nur zeigen, dass er die Pandemie verstanden hat, sondern auch den digitalen Wandel. Statt eine wirkungslose App zu entwickeln, appelliert er an den gesunden Menschenverstand: Wenn es in unser aller Interesse ist, unseren Aufenthaltsort bekanntzugeben, dafür aber hingehen zu dürfen, wohin wir wollen, warum sollten wir das nicht tun. Stattdessen pochen wir auf den Datenschutz, der uns vor Daten schützt und damit vor der Erkenntnis, wie wir das Virus besiegen. Oder wie es OB Madsen sinngemäß formuliert: Statt eine Person im Gesundheitsamt hundert Daten erfassen zu lassen, bitten wir besser hundert Personen, ihre Bewegungsdaten selbst zu erfassen. – Ach, so einfach ist das? Ja. So einfach ist das. Denn Menschen haben persönliche Daten schon für weniger preisgegeben.

Wir müssten schlauer sein als das Virus. Aber sind wir es auch? Der Preis für „Survival of the Fittest“ geht nach der Hinrunde an das Virus. Die Menschheit muss sich schon ordentlich steigern, wenn sie in der Rückrunde noch gewinnen will. Zunächst aber würde es reichen, die große Koalition würde hier mit gutem Beispiel vorangehen und schlauer als das Virus sein.