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You Better Never Walk Alone

Abgelegt unter Allgemein,Start-ups by hpbonn am 29. September 2014

Es sind die Stars, zu denen wir aufschauen – das gilt für die Kunst, Sport und fürs Business. Aber dass es neben den Sternen jede Menge „dunkler Materie“ gibt, wird bei der Romantisierung des Erfolgs und der Erfolgreichen allzu gern übersehen. Dabei scheitern drei von vier Firmengründungen, wie jetzt eine aktuelle Analyse von mit Risikokapital gestützten Startups in den Vereinigten Staaten ergab. Und: Der Firmengründer ist selbst sein eigener Sklave, dessen Job ebenso in Gefahr ist wie sein Kapital, seine Gesundheit und seine sozialen Kontakte.

Besser nicht alleine marschieren, sollte deshalb die Devise lauten, die auch das Manager Magazin in einem etwas lapidaren Kurzbericht zur Analyse empfiehlt. Am besten ist die Firmengründung zusammen mit einem Freund. Doch viele Firmengründer sehen im Alleingang auch den Weg zur Selbstverwirklichung, in der Teilen nur eine nachrangige Rolle spielt. Dann schon eher das Mitteilen: Der Firmengründer, so besagt eine ebenfalls neu herausgegebene medizinische Studie der Johns Hopkins Universität, neigt zum Laberflash, zur Logorrhoe. Er ist nicht direkt manisch – aber fast.

Und er bekommt im Durchschnitt weniger in die eigene Tasche als sein festangestellter Kollege. Nach zehn Jahren beträgt das Delta zwischen durchschnittlichem Firmengründer und durchschnittlichem Angestellten immerhin 35 Prozent. Dafür arbeitet er mehr, hat mehr Sorgen und gefährdet sein Sozialleben. Ein Eremit in der Chefetage.

Dennoch gibt es allein in Deutschland mehr als 3,3 Millionen Unternehmen, die meisten davon mittelständisch strukturiert und in der Hand des Gründers oder der Gründerfamilie. Es muss was dran sein am Unternehmertum – und dass es nicht unbedingt die Aussicht auf das schnelle und ganz große Geld sein kann, belegen die jüngsten Gründeranalysen.

Nach langem Anlauf in den neunziger Jahren und einigen Schockerlebnissen in der Dot.Com-Blase, die im Wesentlichen durch ihre fehlgeschlagenen Firmengründungen und der damit verbundenen Geldvernichtung in Erinnerung bleiben, entwickelt sich dennoch so etwas wie eine Startup-Szene in Deutschland. Die Entwicklung einen Boom zu nennen, wäre noch verfrüht, aber tatsächlich entwickeln sich in Berlin, Hamburg, München und Rhein-Ruhr Gründerszenen, die nicht allein vom Internet-basierten Geschäftsmodell leben. Doch es gilt auch viel aufzuholen: 2012 hatte Deutschland einen absoluten Tiefpunkt in den Gründerzahlen erreicht. Lediglich 134.000 Personen fanden sich bereit, ein Unternehmen zu gründen. Schwache Konjunkturaussichten (die sich aber dann doch als stärker als erwartet erwiesen) und weiter sinkende Arbeitslosenzahlen bildeten nicht gerade den optimalen Nährboden für Firmengründungen.

Doch neben der Zahl der erfolgten Firmengründungen ist vor allem die Zahl der erfolgreichen Firmengründungen entscheidend für einen Wirtschaftsstandort. Und da stimmen drei Viertel Fehlschläge – wie jetzt in den USA ermittelt – alles andere als optimistisch. Um zumindest Anfangsfehler, wenn nicht gar Anfängerfehler zu vermeiden, haben sich inzwischen Initiativen wie der Bundesverband Deutsche Startups gebildet. Berater und Investoren befassen sich in langfristig angelegten Engagements damit, den Neugründungen über die ersten fünf Jahre zu helfen. Und auch die Politik hat das Thema nach dem Tiefpunkt der Firmengründungen vor zwei Jahren auf die Agenda genommen.

Am Ende sind es nicht die Indoor-Fahrräder, Veggie-Bars oder After-Work-Parties, die als Vorurteil die Startup-Szene beherrschen, sondern Bilanzen, Beziehungen und Business-Modelle, die über den langfristigen Erfolg entscheiden. Dass „Fancy Offices“ unter Startups im Silicon Valley jedoch nicht nur ein Vorurteil darstellen, sondern auch einem Fehlurteil der Gründer über ihre durchaus gefährdete Situation darstellen, machte jetzt Marc Andreessen deutlich, der als Firmengründer und Venture Capitalist durchaus einen Namen hat. Inzwischen geht das Wort von der „Burn Rate“ um, mit der das Tempo gemessen wird, in der bei Startups das aufgenommene Kapital verbrannt wird. Hier würden, warnt Andreessen, Erwartungen geschürt, die sich gegen das Unternehmen wenden werden, wenn die Marktsituation sich ändert und plötzlich kein Geld mehr für Extras zur Verfügung steht.

Deshalb sollten Startups vor allem in Beratung investieren, wie sie Business Angels, Investoren und Organisationen wie der Bundesverband Deutsche Startups bieten. Wie heißt es schon in jenem Gänsehaut-Song, mit dem die Heimspiele des FC Liverpool eröffnet werden: „Auch wenn deine Träume getreten und gestoßen werden, geh weiter mit Hoffnung im Herzen, dann wirst du niemals alleine gehen.“ – You´ll never walk alone.

 

Der Konkurs des organischen Wachstums

Abgelegt unter Alibaba,Allgemein,Apple,Cloud,HP,IBM,Microsoft,Oracle,Salesforce,SAP by hpbonn am 22. September 2014

Es gibt Zeiten, da jagen die Top-Nachrichten einander im Stundentakt den Rang ab. Letzte Woche war das so,

  • als der chinesische Internetkonzern Alibaba mit seinem als despotisch verschrienen Vorstandschef Jack Ma die amerikanische Wall Street stürmte und für seine Aktienemission einen Wert von bis zu 25 Milliarden Dollar erzielte.
  • als wieder einmal Zehntausende weltweit vor den Apple-Stores campierten, um eines der neuen iPhone 6 für den Erstverkaufspreis von 700 Euro zu ergattern, und damit eindrucksvoll demonstrierten, dass die Company des seligen Steve Jobs nichts von ihrem Charisma eingebüßt hat.
  • als Larry Ellison seinen Teilrückzug aus dem Softwarekonzern Oracle bekanntgab und mit der neuen Doppelspitze aus Safra Catz und Mark Hurd die enttäuschenden Quartalszahlen (bei nach wie vor beeindruckendem Profit) überdeckte.
  • als SAPs alleiniger Vorstandschef Bill McDermott ein Angebot für die Übernahme des amerikanischen Spezialisten für Kostenabrechnung, Concur, in Höhe von 6,7 Milliarden Euro unterbreitete und damit die Akquisitionen der letzten Jahre auf 15 Milliarden Euro hochzuschrauben beabsichtigt.

Vier Ereignisse, von denen drei die suggestive Kraft der Vision vom Cloud Computing symbolisieren, in jedem Fall durch ein Investment im Spiel zu bleiben, sei es durch eine Unternehmensübernahme, durch einen Aktienverkauf oder durch die Markteinführung eines völlig überteuerten Telefons. Das vierte aber, Ellisons Teilrückzug bei Oracle, stellt ein geradezu eklatantes Fehlen an einer Cloud-Aktivität dar. Mit Catz und Hurd signalisiert Oracle, dass alles so weiter gehen soll wie bisher – trotz sinkender Softwareumsätze und Problemen bei den Server-Sales. Lauter kann man ein Minderheitsvotum gegen den Cloud-Hype kaum abgeben.

Aber ist das Übernahmeangebot, das SAP nun vorgelegt hat, nicht ebenfalls ein Eingeständnis der Schwäche? Bis zur Jahrtausendwende war das organische Wachstum durch Marktausweitung und Marktvertiefung das oberste Gebot in Walldorf. Dann folgten die Übernahmen von Business Objects, Sybase, Success Factors, Ariba, sowie kleinere Erwerbungen wie Syclo, Hybris und Fieldglas. Und nun der geplante Zukauf von Concur – einem Unternehmen, das im vergangenen Jahr aus 546 Millionen Dollar Umsatz gerade einmal 6,4 Millionen Dollar Gewinn herausholte. Aber 23.000 Unternehmen mit 25 Millionen Anwendern beflügeln offenbar die Phantasie. Gemeinsam kämen beide Unternehmen auf 50 Millionen Cloud-Anwender. Anscheinend gibt es nur ein Drittel Überschneidung im jeweiligen Kundenkreis.

Alle großen Anbieter der klassischen Informationstechnik – nennen wir noch Hewlett-Packard, Microsoft und IBM – haben längst durchgerechnet, dass der sanfte Übergang in die Cloud bei gleichzeitig organischem Wachstum zu einer Durststrecke von mehreren Jahren führt, die möglicherweise deutlich mehr Geld vernichtet, als der überteuerte Zukauf jener Cloud-Anbieter, die das Gröbste schon hinter sich zu haben scheinen. Es bleibt abzuwarten, wann der ganz große Verzweiflungskauf erfolgt und durch wen – nämlich die Übernahme des Cloud-Pioniers Salesforce. Das Unternehmen will im laufenden Geschäftsjahr mit seiner Cloud-basierten CRM-Lösung erstmals die Umsatzmarke von fünf Milliarden Dollar übertreffen. Es könnte für Larry Ellison ein unheimlich starker Abgang sein, seinen alten Adlatus Marc Benioff auf diese Weise wieder unter sich zu wissen.

Salesforce ist ein Cloud-Native, ein mit der Cloud-DNA geborenes Unternehmen. Das gilt auch für Alibaba, das sich in seiner Heimatbasis China ein Geschäftsmodell aus Einzelangeboten zusammengezimmert hat, die von Amazon, eBay oder PayPal schon bekannt waren und sich bewährt haben. Der gigantische Sprung im Börsenwert von Null (1999) auf 168 Milliarden Dollar in 15 Jahren, zeigt übrigens auch, welch gigantischer Markt den etablierten IT- und Cloud-Anbietern durch Chinas Blockpolitik vorenthalten wird.

Unbeeindruckt davon pflegt Apple nicht nur die Cloud, sondern vor allem die Crowd. Doch auch hier soll das organische Wachstum durch Kooperationen dynamisiert werden. Ob freilich die Hoffnungen in den Deal mit IBM tatsächlich tragen, ist äußerst fraglich. Aber auch IBM könnte ja noch einmal kräftig in die Cloud investieren. Noch wäre das Geld dafür da. Organisch wächst auch IBM schon lange nicht mehr…

Start us up!

Abgelegt unter Allgemein,Cloud,Mobile Internet,Risikokapital,Start-ups by hpbonn am 15. September 2014

„Ich habe mehr als 30 Jahre darauf gewartet, das folgende sagen zu können: Dad, ich habe dir immer gesagt, dass ich zurückkommen werde, um meine Abschluss nachzuholen“, sagte Microsoft-Gründer Bill Gates zur Eröffnung seiner Rede bei der Abschlussfeier des 2007er-Jahrgangs in Harvard. Und mit der Rückschau nach drei äußerst erfolgreichen Jahrzehnten, mit einem milliardenschweren Vermögen und der Gewissheit, ein Lebenswerk sowohl in der Informationstechnik als auch im Gesundheitswesen geschaffen zu haben, das seinesgleichen sucht, kann man den tobenden Applaus für diesen Satz auch mit breitem Grinsen genießen…

Aber vorher, in den Gründerjahren war da dieser pickelige, bebrillte Nerd, der alles andere als sicher sein konnte, dass die Geschäftsidee, mit der er Harvard vorzeitig verlassen hatte, überhaupt bis zum ersten oder zweiten Geschäftsjahresabschluss halten würde. Zukunftsgewissheit steht ebenso an der Wiege eines jungen Unternehmens wie die Angst vorm Scheitern.

Oder die Angst, nach dem Scheitern stigmatisiert zu sein – als Loser, als einer, ders vergeigt hat. Rund zwei Drittel der deutschen Unternehmensgründer sehen (und fürchten) die kulturell bedingte negative Würdigung eines Fehlschlages, wie sie hierzulande üblich ist. Kein „der hats schon mal erlebt“, kein „aus Erfahrung wird man klug“. Die „Kultur der zweiten Chance“, die in den USA – zumindest im Wirtschaftsleben – fest verankert ist, fehlt in Deutschland.

Aber die deutschen Gründer sind deshalb keineswegs unerfahren, wie der zweite Deutsche Startup-Monitor in Erfahrung gebracht hat. Während das Durchschnittsalter deutscher Firmen-Starter bei 35 liegt und zugleich Mehrfachgründer mit 50 Prozent die größte Einzelgruppe bilden, zeigen die Startups selbst, dass ihre Frühphase immer professioneller gestaltet wird. Vom Business Case bis zum Recruiting neuer Mitarbeiter, von der Markteinführung bis zur Marktausweitung verlaufen die Geschäftsprozesse nach Best Practices, die in den vergangenen Jahrzehnten an Business Schools, durch Business Angels und durch Berufserfahrung etabliert wurden. Anteil daran hat auch der Bundesverband Deutsche Startups, der den Deutschen Startup Monitor letztes Jahr erstmals initiiert hat und jetzt sein zweijähriges Bestehen feiert.

Den Gründungserfolg nicht dem Zufall überlassen – das könnte als gemeinsame Überschrift über zahlreiche Initiativen rund um die deutsche – übrigens überwiegend (mit 31 Prozent) Berliner – Startup-Szene gelten. Denn eines ist klar: erfolgreiche Jungunternehmen stellen in ihrer Gesamtheit eine ebensolche Wirtschaftskraft dar, wie so manches etabliertes Industrieunternehmen. Und: sie sind mit rund 17 Mitarbeitern nach der Gründungsphase einer der wichtigsten Job-Motoren im Land. Konkret gerechnet: Wenn die rund 900 befragten Startup-Unternehmen im Durchschnitt im kommenden Jahr jeweils zehn weitere Arbeitsplätze schaffen wollen, dann ist das ein Potenzial vom 9000 Arbeitsplätzen.

Dazu – sagen die befragten Gründer – benötigen sie in Summe ein Wachstumskapital von rund 650 Millionen €uro. Das entspricht einem Investment von 72.000 €uro pro zusätzlichem Arbeitsplatz. Gar nicht mal so wenig, möchte man meinen. Gar nicht mal so viel, möchte man meinen, wenn man bedenkt, dass die Agentur für Arbeit im Rahmen ihrer laufenden Tätigkeit Beschäftigungsverhältnisse in Höhe von bis zu 75 Prozent unterstützt.

Aber den Gründern geht es um Kapital, nicht um Beihilfe. Sie wollen ihr Wachstum finanzieren, nicht ihre Kosten verteilen. Dafür wollen sie ihren Erfolg teilen. Die typische Neugründung erfolgt nicht im Elfenbeinturm, sondern in einer teamorientierten, kommunikativen Umgebung. Und bis zu 13 Prozent der Unternehmensanteile sind heutige Starter bereit, mit ihren Mitarbeitern erfolgsorientiert zu teilen. Deshalb ist es auch interessant, dass sich viele Neugründungen nicht um ichbezogene Innovationen, sondern um teamorientierte Geschäftsmodelle ranken. Die wahre Innovation der Startups liegt nicht unbedingt in der Technologie – hier dominieren IT-Klassiker wie Cloud, eCommerce oder mobile Apps -, sondern in der Geschäftsidee, die bewährtes weiterentwickelt, alte Prozesse mit neuen Methoden aufpoliert. Dass dabei Infrastrukturen wie Cloud oder Mobile Computing und Soziale Medien ins Zentrum der Geschäftsidee gestellt werden, kann nicht überraschen. Wer beispielsweise wie Graphmaster nicht einfach nur ein neues Navigationssystem entwickeln will, sondern alte und neue Infrastrukturen miteinander verknüpft, indem er Straßenkarten mit den Routenplänen anderer Autofahrer vernetzt, der schafft nicht unbedingt neue Technologien, aber neue Geschäftsideen durch die Verknüpfung etablierter Mechanismen.

Davon lebt Deutschland. Startup starten sich nicht nur selbst, sie pushen auch den Standort Deutschland. „If you start me up“, sangen die Rolling Stones (übrigens auch zum Launch des legendären Microsoft Windows 95), „If you start me up I´ll never stop.“ Dass es so kommen möge, gehört zum Gründungsmythos des Bundesverbands Deutsche Startups, dem ich herzlich zum zweiten Geburtstag gratuliere.

 

Zweiundvierzig

Abgelegt unter Allgemein,Cloud,Mobile Internet by hpbonn am 08. September 2014

Alle zwei Jahre ermittelt das Aachener Beratungshaus Trovarit die Antwort auf die Frage „nach dem Leben, dem Universum und überhaupt allem“ in der Welt des Enterprise Resource Plannings. Die Erkenntnisse der Studie zur Anwenderzufriedenheit unter dem Titel „ERP in der Praxis“ sind für Anwender, mehr noch aber für Anbieter außerordentlich hilfreich, wenn es darum geht, einerseits die eigene Standortbestimmung vorzunehmen, sich andererseits im Vergleich zum Wettbewerb zu sehen und darüber hinaus die Handlungsaufforderungen für die Zukunft in gewichteter Form vorzufinden. Karsten Sontow und sein Team leisten hier Beachtliches.

Bemerkenswert ist beispielsweise die Erkenntnis, dass Anwender – erstmals danach befragt – erheblichen Nachholbedarf beim „Mobile Computing“ sehen, während sie das von den Anbietern seit Jahren propagierte Thema „Cloud Computing“ entweder immer noch nicht zur Kenntnis nehmen oder immer noch nicht richtig einordnen können. Praktisch jedes dritte der 2700 befragten, meist mittelständischen Unternehmen sieht sich noch nicht zu beurteilen in der Lage, welches Cloud-Konzept genutzt wird oder werden soll. „So wähnt sich ein Großteil der Anwender von SAP Business by Design in der Private Cloud, was eigentlich im Widerspruch zur Betriebscharakteristik der Software steht“, schreiben die Marktforscher aus Aachen. Und insgesamt erkennen nur 5,7 Prozent der Befragten im Cloud Computing überhaupt eine Relevanz. Entsprechend ist auch das Geschäftsmodell unverändert vom Lizenzkauf dominiert (94 Prozent). Fünf Prozent mieten ihre ERP-Software und das verbleibende Hundertstel zahlt nach Nutzung.

Bemerkenswert ist auch, dass die Anwender zwar insgesamt zufrieden sind mit dem Einsatz ihrer Lösung – das zeigen die häufig genannten Nutzenargumente „Effektivitätssteigerung“ und „Transparenz“. Dort, aber wo sie nicht nur Informationen in ihr ERP-System hineinstopfen, sondern als Analyse herausholen wollen, fällt das Urteil deutlich schlechter aus. Seit Jahr und Tag sind es vor allem die aus Anwendersicht mangelhaften Fähigkeiten der Systeme, schnell und flexibel Auswertungen und Reports zu erzeugen und Formulare zu generieren, die das Schlusslicht auf der Bewertungsskala bilden. Sie wären es auch in diesem Jahr gewesen, wenn Trovarit nicht erstmals auch nach mobilem ERP-Einsatz gefragt hätten, der von Anwendern als „katastrophal“ bis „mäßig“ bewertet wurde und damit das neue Schlusslicht in der Bewertungsskala bildet.

Insgesamt fordern die Anwender mehr „Usability“ für ihre ERP-Systeme ein – will sagen: Benutzerfreundlichkeit, Ergonomie, flexiblere Anpassung, geringere Kosten bei der Implementierung und im Betrieb und nicht zuletzt: besser Auswertbarkeit der in den ERP-Systemen vorhandenen Daten. Diese Bewertungen aber sind für ERP-Anbieter Warnung genug, die technologische Weiterentwicklung in Richtung „Usability“ im Sinne von „Business Intelligence“ und „Mobile Computing“ voranzutreiben.

Die Trovarit-Studie offenbart zudem einen nicht zu übersehenden Wandel in der Wechselwirkung zwischen Marketing und Markt. Bislang waren es die Anbieter, die ihren Kunden die nächsten Trends und damit Investitionsbaustellen aufzeigten. Und die Anwender folgten auch mit einer knappen Dekade Abstand diesen Marktauguren. Jetzt aber zeigt sich, dass die Anwender mündig genug sind, bei „Cloud Computing“ den Daumen nach unten zu halten und das Thema als  – zumindest vorläufig – für irrelevant zu erklären. Gleichzeitig fordern sie aber die Software-Hersteller auf, bei der Unterstützung mobiler Endgeräte etwas mehr Gas zu geben.

Mir scheint, der ERP-Markt emanzipiert sich vom Diktat der Anbieter. Und das ist auch gut so.

Das aufzuzeigen, ist ein Verdienst der Trovarit-Studie, die sich hier auf eine belastbare – wenn auch nicht im strengen Sinne repräsentative – Datenbasis berufen kann. Aber genau darin liegt auch die Schwäche der Studie, die vor allem von den Anbietern selbst verschuldet wird. Es ist durchaus eklatant, dass zwar 160 ERP-Systeme von beinahe so vielen Software-Herstellern aufgefordert wurden, ihre Kunden aktiv an der Studie zu beteiligen und damit eine möglichst breite Datenbasis zu erhalten. Es war dann aber nur ein Viertel der Anbieter –42! –, die tatsächlich genügend belastbares Datenmaterial aus Kundensicht beisteuern konnten. Es scheint, als würden die Marketiers am Feedback ihres Marktes so brennend gar nicht interessiert sein. Oder ist die Angst vor schwachem Abschneiden größer als das Interesse an der Marktmeinung?

Das sollte ein Aufruf an alle Anbieter sein, 2016 mehr und repräsentativer an der nächsten Trovarit-Studie teilzunehmen. Denn „das Leben, das Universum und überhaupt alles“ in der ERP-Welt wird uns weit in Atem halten – und auch bei Atem.

 

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