Update vom 11. Mai 2021 – 13:30 Uhr:
Kein Instagram für Kinder unter 13
40 US-amerikanische Generalstaatsanwälte und Justizminister haben jetzt Mark Zuckerberg aufgefordert, seine Pläne für eine Instagram-Plattform, die vor allem Kinder unter 13 nutzen sollen, zu beerdigen. Die Vertreter der US-Justiz weisen dabei auf die schlechte Leistung von Facebook und Instagram hin, Kinder in ihren Online-Auftritten zu schützen. Bis zu diesem Alter seien Kinder noch nicht in der Lage, die Wahrung der eigenen Privatsphäre ausreichend zu beachten und die Fallstricke in den sozialen Medien zu erkennen. Während Mark Zuckerberg keinen Zusammenhang zwischen der Nutzung sozialer Medien und Verhaltensauffälligkeiten bei Kindern erkennen will, sehen die Autoren in dem Brief, der dem Branchendienst Business Insider vorliegt, einen klaren datengestützten Zusammenhang zwischen Aktivitäten in den sozialen Medien und seelischem Leid, selbstzerstörerischen Tendenzen und sogar verstärkter Neigung zu Selbstmord.

Update vom 10. Mai 2021 – 12:00 Uhr:
Ransomware legt US-Pipeline lahm
Rund 100 Gigabyte an Daten haben Hacker beim US-amerikanischen Ölpipeline-Betreiber abgegriffen und verschlüsselt und legten so eine der wichtigsten Ölleitungen der USA lahm, die täglich rund 50 Millionen Ostküstenbewohner mit Kraftstoffen versorgt – rund 45 Prozent der gesamten Lieferungen in diese Region. Das Unternehmen, Colonial Pipeline spricht inzwischen selbst von einem Ransomware-Angriff, wonach erst nach der Zahlung eines Lösegelds der Zugriff auf die betriebskritischen Daten wieder gewährt wird. Der Angriff, über den BBC berichtet, ist ein weiterer in einer fortlaufenden Serien von Attacken, um mithilfe von Ransomware Lösegelder zu erpressen. Gerade mittelständische Unternehmer wähnen sich in einem trügerischen Gefühl von Sicherheit, weil sie ihr Unternehmen für nicht attraktiv genug für Hacker-Angriffe halten. Wie groß die Gefahr tatsächlich ist, können Sie in meinem Beitrag für den Sparkassen- und Giroverband lesen.

Update vom 9. Mai 2021 – 12:00 Uhr:
2,4 Milliarden hier; 2,5 Milliarden dort
Amazon-Gründer Jeff Bezos hat gut 700.00 Aktien des Online-Hä#ndlers verkauft – und damit rund 2,6 Milliarden Dollar erzielt, schreibt der Branchendienst Business Insider. Dies ist ein weiterer Schritt zur Trennung von seinem Amt als CEO des Unternehmens. Einen Schritt in Richtung Trennung hat auch Bill Gates unternommen: er hat seiner Frau Melinda am Tage der Bekanntgabe, beide wollten sich scheiden lassen, Aktien im Wert von 2,4 Milliarden Dollar überwiesen, meldet die gleiche Quelle.

Update vom 8. Mai 2021 – 12:00 Uhr:
Die Deutschen kaufen seltener, dafür aber mehr
18 Milliarden Einkäufe tätigten die Deutschen im vergangenen Jahr, meldet das Handelsforschungsinstitut EHI. Das sind rund zwei Milliarden Gänge zur Kasse weniger als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Dafür steht mehr auf dem Kassenbon: Waren es 2019 noch 22 Euro, summieren sich die Beträge letztes Jahr auf 24 Euro pro Einkauf. Und jeder dritte Einkauf wird inzwischen mit Karte bezahlt – egal ob Kleinstbetrag oder 500-Euro-Einkauf. Das ist freilich immer noch deutlich weniger als in anderen Ländern.

Update vom 8. Mai 2021 – 12:00 Uhr:
Kein Anschluss unter dieser IP
16 Prozent der von Deloitte in ihrer „Fiber Consumer Survey“  befragten rund 2000 Konsumenten in Deutschland würden im Homeoffice arbeiten, wenn die Internet-Verbindung zuverlässig oder schnell genug wäre. Zusätzlich würden bis zu 20 Prozent mehr Dienste wie Videokonferenzen, Games oder Smart Home-Lösungen genutzt, wären Bandbreite und Verfügbarkeit größer. Nur ein Drittel der stationären Internetanschlüsse ist schneller aus 100 Mbit pro Sekunde. Der Weg in die Gigabit-Gesellschaft ist noch weit. Hier geht’s zur Studie.

Update vom 7. Mai 2021 – 19:00 Uhr:
Wieder da: Die Treuhand-Cloud
„Wir werden keine Daten dieser Kund*innen aus der EU heraus transferieren müssen“, kündigte jetzt Microsofts Präsident Brad Smith am Donnerstag in einem Blogeintrag an. Dazu sollen europäische Kunden ihre Daten in einem Cloud-Rechenzentrum ablegen können, auf das US-Behörden keinen Zugriff haben. Microsoft reagiert damit auf das sogenannte Schrems-II-Urteil des EuGH, der den USA eine mit Europa vergleichbare Datenschutzkultur abspricht. Problematisch ist dabei die Möglichkeit von US-Behörden, US-Unternehmen im Verdachtsfall zur Herausgabe personenbezogener Daten zu zwingen. Einen ersten Versuch, dieser Zwangsjacke zu entkommen, hatte es schon in Kooperation mit der Deutschen Telekom gegeben, die zwei Cloud-Rechenzentren von Microsoft in Treuhänderschaft übernommen hatten. Hier geht’s zum Blog.

Update vom 7. Mai 2021 – 15:00 Uhr:
Leugnen nützt nichts
Es gibt praktisch keine Tatsache, die nicht von irgendwelchen Querdenkern abgestritten wird. Sie leugnen den Klimawandel, die Existenz des Corona-Virus – der den Nutzen der Digitalisierung. Fast jeder sechste Entscheider in Deutschland äußert noch immer Zweifel daran, dass Digitialisierung seinem Unternehmen Vorteile bringen dürfte. Vor einem Jahr war es sogar noch jeder vierte Unternehmer. Das ergab eine jüngste Umfrage des Hightech-Verbands Bitkom.

Zukunft – ohne uns?

Man kann das kaum noch glauben: 76 Jahre nach Kriegsende ringt Europa nicht etwa um die Zukunft, sondern darum, wie die Konferenz ablaufen soll, auf der die Weichen zum ökologischen und klimaverträglichen Wirtschaftswachstum, zu neuem sozialen Zusammenhalt und zu mehr Digitalisierung in praktisch allen Lebensbereichen gestellt werden. Wichtiger als diese Zukunftsziele scheinen offenbar Ego-Fragen zwischen EU-Parlament, nationalen Volksvertretungen und der EU-Kommission zu sein. Eigentlich sollte diese Zukunftskonferenz schon vor einem Jahr – also 75 Jahre nach Kriegsende – beginnen. Doch die Debatte um Verfahrensfragen war zu verfahren. Und die Zukunft kommt ja eh – egal, ob wir sie verschlafen oder verdaddeln.

Zwar können die EU-Bürger auf einer Online-Plattform ihre Vorstellungen von ihrer Zukunft verschriftlichen, aber allzu viel Vertrauen scheinen Politiker und Beamte in Europa nicht in das Volk zu haben, dessen Interessen sie eigentlich vertreten sollen. Zu tief sitzt offenbar immer noch der Schock über die Brexit-Abstimmung und über das Plebiszit zur EU-Verfassung, das vor zwei Jahrzehnten in den Niederlanden und Frankreich mit der Ablehnung einer gemeinsamen europäischen Verfassung geendet hat.

Doch Klimawandel und Corona-Pandemie haben die Einstellung der EU-Bürger zu Zukunftsthemen wie Klimaneutralität und digitalem Wandel radikaler geändert als das ihren Interessensvertretern bewusst zu sein scheint. Wie Umfragen belegen, wollen sie eine starke, handlungsfähige und nachhaltig operierende Wirtschaft und eine agile, transparente öffentliche Hand, die sich beide mit aller Kraft der grünen, digitalen Transformation verschreiben.

Welche Auswirkungen diese Zukunftstrends auf unser gesellschaftliches und wirtschaftliches Miteinander haben könnten, hat jetzt – auch mit Blick auf die Zukunftskonferenz – die Unternehmensberatung Accenture zu Papier gebracht. Sieben Trends, die womöglich das 21. Jahrhundert bestimmen werden:

Collective Displacement: Wir alle teilen dieses Gefühl der Verlagerung und suchen nach neuen Wegen und Orten, um zu arbeiten, einzukaufen, weiter zu qualifizieren, andere Menschen zu treffen, Kinder zu erziehen und unsere Work/Life-Balance neu auszutarieren. Dieser Trend wird auch dann fortdauern, wenn wir unsere persönlichen Freiheitsrechte nach der Pandemie zurückerhalten.

Do it yourself Innovation: DIY – der Trend erobert seit den siebziger Jahren immer neue Lebensbereiche. Jetzt wird es darum gehen, Menschen dazu zu befähigen, ihr Leben in allen Aspekten kreativer zu gestalten. Die Zahl der Unternehmensgründungen, von Startups. Aber auch von Soloselbständigen wird rapide steigen.

Sweet (und smart) Teams: Accenture erwartet ein Zeitalter des Ausprobierens, in denen neue Formen der Zusammenarbeit, neue Jobbeschreibungen, neue Arbeitsumgebungen entstehen. In den Personalbüros geht es künftig nicht nur um Qualifikation und Kompetenz, sondern um Kulturtechniken und Talente, die auf den ersten Blick nichts mit den unmittelbaren Unternehmenszielen zu tun haben müssen.

Interactive „Wanderlust“: Die User Experience – die Art, wie wir Inhalte am Bildschirm aufnehmen – wird sich rapide wandeln, nachdem wir immer mehr Zeit vor dem Display verbringen. Mehr grafischer Content, mehr Audio/Video-Input wird unsere kognitiven Kräfte, unsere Aufmerksamkeit und unser Auffassungsvermögen auf möglichst abwechslungsreiche Weise in Anspruch nehmen. Gamification – die Nutzung von Spielelementen für betriebliche Zwecke – ist darin ein wesentliches Merkmal.

Liquid Infrastructure: Remote Work, Lieferdienste, individualisierte Produktion, hybride Cloud, Plattform-Ökonomie, KI-Algorithmen – die Unternehmen müssen ihre physische und organisatorische Infrastruktur völlig neu ausrichten, um den Wertschöpfungsprozess vom Lieferanten des Lieferanten bis zum Kunden des Kunden agil und flexibel zu gestalten. Das geänderte Einkaufsverhalten verlangt andere Mechanismen zur Kundengewinnung und Kundenbindung.

Empathy Challenge: Die Menschen machen sich zunehmend Gedanken über die Ziele und das ethische Handeln der Unternehmen, für die sie arbeiten und deren Produkte oder Dienstleistungen sie nutzen. Umgekehrt müssen Unternehmen und Organisationen durch die Art, wie sie sich präsentieren und ihre Angebote designen, deutlich machen, wie sehr sie die Bedürfnisse und Erwartungen ihrer Kunden verstanden und in Produktdesign und Serviceorientierung umgesetzt haben.

Rituale und Sinnsuche: Das Jahr 2020 hat viele unserer Gewohnheiten ausgelöscht. Ob diese Rituale wieder aufgenommen oder in veränderter Form übernommen werden, hängt von den Ergebnissen unserer Sinnsuche ab. Business Trips werden auch aus Klimaschutzgründen strenger überdacht werden, Lieferdienste trotz aller Bedenken möglicherweise beibehalten. Schon jetzt stellen sich Reiseveranstalter und Logistikunternehmen darauf ein, dass unser Mobilitätsverhalten nach anderen Regeln ticken wird.

Die Trends zeigen, dass menschliches Verhalten immer für Überraschungen gut sein kann. Wir dürfen gespannt sein. Jenseits aller Technologieorientierung, die in Digitalstrategien und Innovationsplänen kursiert, kommt es am Ende doch immer auf den Menschen, seine Kultur und seine soziale Interaktion an. Das ist vielleicht nicht neu, aber das vergangene Jahr hat das Veränderungspotenzial, das darin steckt, wie in einem Brennglas fokussiert. Zukunftsplanungen ohne den menschlichen Faktor hat einfach keine Zukunft. Technologie um ihrer selbst willen ist nutzlos.

Ich bin am 9. Mai vor 76 Jahren geboren – an jenem ersten Friedenstag, den wir heute als Europatag feiern. Ich bin geimpft, gehe jeden Tag zu Fuß – und meine größte Klimasünde dürfte darin bestehen, dass ich jeden Tag die Internet-Server dieser Welt mit Anfragen und Downloads beschäftige. Ich habe für meine Lieben und mich eine Zukunftsperspektive: „Wir brauchen eine starke, handlungsfähige Europäische Union – eine Europäische Union, die den Übergang zu nachhaltiger, klimaneutraler und digital gestützter Entwicklung weltweit anführt.“ – So schrieb es Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier zusammen mit den 20 anderen Staatsoberhäuptern in der EU in ihrem Aufruf zur Beteiligung an der jetzt gestarteten Zukunftskonferenz. Ich möchte hinzufügen: Wir sollten uns trauen und uns mehr zutrauen. Sonst findet die Zukunft ohne uns statt. Nicht mehr, aber auch nicht weniger wünsche ich mir von Europa zum Geburtstag – pardon: zum Europatag.

Heinz-Paul Bonn bloggt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Themen der Digitalwirtschaft. Mit HPBonn.Consulting berät er Unternehmen und Persönlichkeiten aus der Szene. Mehr erfahren Sie hier.

Digitale Schizophrenie

Wir wissen ja alle, dass die Impfkampagne gegen das – selbstverständlich erfundene – Corona-Virus nur dem Zweck dient, uns einen Chip unterzuschieben, damit Bill Gates uns alle beherrschen kann. Und dass der erste Versuch, das Gleiche mit ChemTrails zu erreichen, daran gescheitert ist, dass wegen der Pandemie kaum noch Flugzeuge am Himmel sind. Und wir wissen natürlich auch alle, dass die Erde flach ist und Gott sich während des siebentägigen Schöpfungsaktes noch kurz Zeit genommen hat, ein paar Dinosaurierknochen zu verbuddeln, um die Darwinisten Jahrtausende später hinters Licht zu führen…

Das ist nur eine Auswahl der Verschwörungs- und Verblödungstheorien, die unter Querdenkern und sonstigen Querulanten kursieren. Der Phantasie – oder eigentlich: Phantasmagorien – sind keine Grenzen mehr gesetzt. Im Vergleich zum aktuell kursierenden Verfolgungswahn ist der Verdacht, der Staat wolle mit einer Volkszählung den gläsernen Bürger durchleuchten, noch geradezu substanziell. Der Verdacht geisterte zuletzt vor gut einem Jahr durch die Webseiten der Digitalverweigerer, als der Testlauf zum Zensus 2021 gestartet werden sollte: „Lasst euch nicht erfassen“, lautet der Evergreen der Erfassungsverweigerer, seit der Heilige Hollerith 1890 die erste Zählung mit Hilfe von Lochkarten durchführte. Dass der Zensus 2021 auf 2022 verschoben wurde – und das ausgerechnet wegen Corona – führt uns wieder zu Bill Gates und an den Anfang dieser digitalen Schizophrenie.

Dabei hat die Corona-Krise schneller aus Digitalgegnern Befürworter gemacht, als es jede Kampagne hätte leisten können. Das hat jetzt eine Umfrage des Internet-Verbands eco ergeben, die das Meinungsforschungsportal Civey im Auftrag unter gut 5000 für Deutschland repräsentativ ausgewählten Privatpersonen durchgeführt hat. Danach ist praktisch jeder mit dem Stand der Digitalisierung in Deutschland unzufrieden, während zugleich die Ressentiments gegenüber einer mutmaßlichen digitalen Hegemonie vergessen zu sein scheinen: Mit dem Stand der Digitalisierung in der Verwaltung sind demnach satte 96,6 Prozent unzufrieden, im Bildungsbereich liegt dieser Wert mit 96,2 Prozent ähnlich hoch. Bei der digitalen Infrastruktur sind es auch nur 95,1 Prozent.

Zur digitalen Schizophrenie gehört es wohl auch, dass die Mehrheit der Befragten in der CDU/CSU den wahrscheinlichsten Treiber einer zukünftigen digitalen Offensive vermuten – und das, obwohl wir auf ein gutes Vierteljahrhundert an schleppendem Erkenntnisgewinn in Sachen Digitalisierung zurückblicken müssen. Erinnern wir uns:

  • Am 4. März 1994 antwortete der damalige Bundeskanzler Helmut Kohl in der Sendung „Gefragt“ auf die Frage des damaligen Microsoft-Statthalters Christian Wedell, wie es denn nun mit dem Ausbau der Datenautobahn in Deutschland weitergehe, mit dem legendären Satz: „Der Zustand, den wir jetzt auf den Autobahnen haben, ist dergestalt, dass wir wissen, wann wir überhaupt nur noch von Stop and Go auf Autobahnen reden können.“
  • 19 Jahre später, am 19. Juni 2013, überraschte Bundeskanzlerin Angela Merkel ausgerechnet beim Besuch des damaligen US-Präsidenten Barack Obama mit dem Satz: „Das Internet ist für uns noch Neuland.“
  • Seitdem ist die Digitalisierung von elf Ministern aus drei Parteien in vier Ministerien verschleppt worden mit dem Ergebnis, dass
  • heute der wissenschaftliche Beirat im Bundeswirtschaftsministerium „archaische Zustände“ und „Organisationsversagen“ in der öffentlichen Verwaltung attestiert.

Nachdem die Deutschen in drei aufeinanderfolgenden Volkszählungen sich vor allem als Verweigerer profilierten, haben sie sich unter dem Eindruck des Corona-Virus zu digitalen Vorreitern gewandelt, die nicht nur bereitwillig Persönliches in den sozialen Medien ausplaudern, sondern eine bessere Digitalausstattung in den Schulsystemen fordern, endlich Anspruch auf gigabit-schnelle Leitungen erheben und nicht verstehen wollen, dass eine Behörde nicht auf die Daten einer anderen Behörde zugreifen kann.

Die Bürger sind inzwischen digitaler ausgerichtet als die Institutionen. 60 Millionen Smartphone-Nutzer gibt es hierzulande, die im Schnitt mehr als zehn Apps pro Smartphone verwenden. Unter den 14- bis 49jährigen liegt der Abdeckungsgrad bei 95 Prozent. Sie sind praktisch durchgängig online und surfen aktiv im Schnitt mehr als vier Stunden pro Tag. Hinzu kommen rund zehn Millionen Deutsche, die täglich – und dann vermutlich bis zu acht Stunden – im Home Office online sind, während weitere acht Millionen Arbeitnehmer zumindest teilweise im Remote Workplace arbeiten.

Hier hat der Mittelstand in der Corona-Krise massiv investiert – leider zulasten der Weiterbildung. Nach einer Untersuchung der Kreditanstalt für Wiederaufbau hat rund die Hälfte der Unternehmen – fast zwei Millionen Firmen – die Ausgaben für Qualifizierungsmaßnahmen auf Null zurückgefahren. Bildung hat – so scheint es – keinen großen Stellenwert mehr in Deutschland. Auch diese digitale Schizophrenie hat Methode: Während Deutschland immer abhängiger von Qualifikation und Innovation wird, liegen unsere Schulen nach einer Untersuchung der OECD in Sachen Digitalausstattung hinter Moldawien auf Platz 27 im Ländervergleich. Die Folge: im Lockdown ist Bildung ein Mauerblümchen.

Die Digitalkonzerne haben längst erkannt, wo der wahre Treiber der Digitalisierung sitzt – im Home Office, beim Home Schooling und im Smart Home. Es sind die Privatpersonen, die die digitale Transformation vorantreiben. Das gilt nicht nur fürs Gaming, wo Monat für Monat neue Nutzungsrekorde erreicht werden. Es gilt auch fürs vernetzte Arbeiten, Fahren, Einkaufen, im Gesundheitswesen ebenso wie im Bildungsbereich. Hier werden die künftigen Konzerngewinne entstehen.

Das ist die digitale Schizophrenie: Die Deutschen sind gleichzeitig Bremser und Treiber der Digitalisierung – jeder scheint den Interessenkonflikt ganz privat mit sich selbst auszutragen und kommt je nach Perspektive zu entgegengesetzten Meinungen. Oder ist das auch nur eine weitere Verschwörungstheorie, hinter der – natürlich, wer sonst – Bill Gates steht?

Heinz-Paul Bonn bloggt seit mehr als zwei Jahrzehnten zu Themen der Digitalwirtschaft. Mit HPBonn.Consulting berät er Unternehmen und Persönlichkeiten aus der Szene. Mehr erfahren Sie hier.

 

Na, geht doch!

Die Diskussion über das Klima und seine vom Menschen gemachte Veränderung ist deshalb so kompliziert, weil das, was wir tatsächlich wahrnehmen, nicht Klima, sondern schlicht Wetter ist. Und das Wetter ist schon komplex genug! Während wir gerade unter einer Kaltfront leiden, die stärker ist als die Sonneneinstrahlung, erwarten wir besseres Klima, bekommen aber schlechteres Wetter. Dabei sind die Kapriolen schon extrem genug: während es im Sommer mitunter in einem Landstrich regnet, kommt es ein Tal weiter zu Starkregen mit Bächen, die sturmflutartig über die Ufer treten und Milliardenschäden verursachen.

Nicht nur die Versicherungen interessieren sich deshalb immer mehr dafür, Wetter nicht nur global, sondern lokal vorhersagen zu können. Auch die Landwirtschaft ist mehr und mehr davon abhängig, Wetter auf den Quadratkilometer genau antizipieren zu können. Und auch die Logistik ist mehr und mehr davon abhängig, die kommende Wetterentwicklung zeitlich und räumlich möglichst genau im Blick zu haben. Die Starkregenfälle in Frankreichs Süden im vergangenen Jahr hatten verheerende Folgen. Und das Elbehochwasser in Deutschland hat 2012 sogar eine Bundestagswahl entschieden. Allein im Süden von England hat es seit 2007 jährlich mindestens eine schwerere Überschwemmung gegeben.

Deshalb kommt es nicht überraschend, das die Briten jetzt zusammen mit Microsoft den weltweit stärksten Supercomputer für Wettervorhersagen einsetzen wollen, der ab Sommer kommenden Jahres in Betrieb genommen werden soll und übrigens von Beginn an CO2-neutral operieren soll. Das Projekt, das Microsoft für 1,6 Milliarden Dollar umsetzen soll, nutzt 285.000 CPUs und weitere 10.000 Grafikprozessoren in einer Azure Cloud. Dabei wird das von Elon Musk gegründete Open AI-Konsortium, in das Microsoft insgesamt gut eine Milliarde Dollar investiert hat genutzt, um möglichst umfassende KI-gestützte Wettermodelle und Simulationsvarianten einsetzen zu können. Der Open AI-Supercomputer wurde schon auf der Microsoft Build im vergangenen Jahr vorgestellt und gehört seitdem zu den fünf stärksten Supercomputern der Welt. Dabei lässt sich das Cloud-Netzwerk künftig auch weiter ausbauen.

So geht hoch-innovative Hightech! In Deutschland existieren vom ambitionierten Daten-Cloud-Projekt Gaia-X nur Blaupausen und Diskussionspapiere, in denen gefordert wird, US-amerikanische und erst recht chinesische Internet-Spezialisten vom Konsortium auszuschließen, weil sonst die gewünschte europäische Datensouveränität nicht hergestellt werden könne. Die Briten beweisen derweil nicht nur bei der Impfstrategie und im Supercomputing unverkrampfte Hemdsärmeligkeit. Der Brexit verleiht, so scheints, Flüüügel.

Natürlich ist es allemal schöner, bei Local Heros einzukaufen und die eigene Region zu stärken. Aber Ananas wachsen nun mal nicht am Niederrhein und Hightech entsteht vor allem in den USA. Dies hat die jüngste Jahresbilanz der Boston Consulting Group noch einmal dramatisch deutlich aufgezeigt. Seit 15 Jahren bewertet BCG die innovativsten Unternehmen der Welt und kommt kontinuierlich zum gleichen Ergebnis: Mit einer einzigen Ausnahme (2019) gilt Apple als das Unternehmen mit dem größten Erneuerungspotenzial, gefolgt von Alphabet/Google und – nach rasantem Aufstieg – Amazon. Microsoft wird auf Platz vier eingestuft und Tesla ist die neue Nummer Fünf.

Die ersten fünf Positionen werden also von US-amerikanischen Unternehmen gehalten. Das ist selbst dann beeindruckend, wenn man der Boston Consulting Group eine „America First“-Attitüde unterstellen will. Aber es sind andere Zahlen, die das abgehängte Europa dokumentieren. Während die USA die ersten fünf Plätze besetzt, kann Deutschland überhaupt nur fünf Unternehmen unter den ersten 50 Ranglistenplätzen aufweisen: Siemens (11), Bosch (30), Adidas (34), SAP (40) und Bayer (50). Die deutschen Flaggschiff-Unternehmen Volkswagen, BMW und Daimler sind hingegen unter „ferner liefen“ abgeschmiert. Aber ebenso schlimm ist, dass es überhaupt nur zehn europäische Unternehmen unter die ersten 50 geschafft haben – und davon immerhin die Hälfte aus Deutschland.

Die Wahrheit ist, dass weder die „digitale Souveränität“ noch eine andere Hightech-Weltmarktführerschaft für Europa in greifbarer Nähe ist – weder in der Elektromobilität, noch beim KI-Einsatz oder im Batteriebau. Die jetzt angestrebte Vorreiterrolle bei Wasserstoff-Antrieben geht schon aus geografischen Gründen nur in Kooperation mit sonnenverwöhnten Staaten wie – in diesem Fall – Saudi-Arabien. Warum also immer wieder diese Warnungen vor Kooperationen mit den Internet-Giganten?

Dass die fünf Weltranglistenführer in Europa Steuern vermeiden, liegt an den Schlupflöchern, die ihnen gewährt werden. Dass sie unter besonderer Datenschutz-Gesetzgebung im eigenen Land liegen ist misslich, greift aber nur in seltenen Sonderfällen tatsächlich deutsche Persönlichkeitsrechte an. Dass die Fünf aber in ihren Ökosystemen mehrere Hunderttausend Arbeitsplätze in Europa schaffen, wird in der Debatte völlig vergessen.

Warum also nicht auch eine deutsche KI-Initiative mit Microsoft oder Google? Auch in Deutschland gibt es einen Bedarf an präzisen Wettervorhersagen, von Verbesserungen im Gesundheitswesen oder in der öffentlichen Hand ganz zu schweigen. Die Briten zeigen schließlich: Es geht doch!