Deutschland instandsetzen!

13 Millionen Bundesbürger waren zur Wahl in Nordrhein-Westfalen aufgerufen und die, die tatsächlich ihre Stimme abgegeben haben, haben eine noch nie dagewesene Vielfalt an Wimpel-Koalitionen ins Spiel gebracht: schwarzgrün, schwarzrot, schwarzgelbgrün, rotgelbgrün… Und alles ist irgendwie politisch möglich, weil sich die Kandidaten noch nie so wenig uneins gewesen sind. Selbst die beiden Spitzenkandidaten, Ministerpräsident Hendrik Wüst und Herausforderer Thomas Kutschaty, konnten sich nicht aufraffen, gegeneinander klare Kante zu zeigen. Ja, sie verwechselten sogar in einem Wahlcheck die Wahlkampfaussagen des jeweils anderen mit den eigenen.

Und trotz des unverändert tobenden Überfalls von Putin-Russland in der Ukraine, traten in dieser Landtagswahl endlich wieder die hierzulande drängenden Sachthemen in den Vordergrund: Bildung, Infrastruktur, Energiewende, Klimaschutz, Sicherheit, Wohnen und die digitale Transformation im Mittelstand. Ja, Mittelstand – denn nicht nur 10 der 40 im DAX vertretenen größten deutschen Konzerne haben ihren Sitz in NRW, sondern auch beinahe jedes vierte mittelständische Unternehmen in Deutschland. Und – für viele wahrscheinlich überraschend: – knapp ein Zehntel der Agrarfläche in Deutschland liegt hier. Genug Potenzial also, um endlich mal wieder Realpolitik zu diskutieren und – nach den Koalitionsverhandlungen – auch zu verwirklichen.

Und wie ein endlos gewundenes Band schlängelt sich durch jeden Politikbereich das Thema Digitalisierung. Handlungsfelder gibt es wahrlich genug – nicht nur in Nordrhein-Westfalen, aber hier ganz besonders: modernere Ausstattung der Schulen, Verbesserung von Forschung und Lehre an den Universitäten, berufliche Qualifizierung der Mitarbeiter, beschleunigte Genehmigungsverfahren beim Wohnungsbau, bei der Errichtung von Windrädern und nicht zuletzt bei der Firmengründung, Umstieg auf neue Energiequellen und zukunftsfähige Produktionstechnologien, Erneuerung und Ertüchtigung von Straßen, Brücken und Schienen, bezahlbares Wohnen, erhöhte innere Sicherheit und schließlich Kampf gegen Inflation und Rezession. Nichts davon geht ohne Digitalisierung. Und nichts davon geht, ohne dass der Mittelstand gefordert ist und zugleich gefördert werden muss.

Da ist noch viel zu tun.  Denn der Großteil des deutschen Mittelstands ist gerade eben erst auf dem Sprung ins digitale Zeitalter. Das verlangt mehr als die Erstellung einer Webseite mit Bestellmöglichkeit, Online-Kommunikation in der Lieferkette oder das Aufstellen digitalisierter Fertigungsmaschinen. Im digitalen Zeitalter ändern sich Geschäftsmodelle grundlegend, werden Produkte durch digitale Services aus der Cloud angereichert und Lieferanten und Kunden unmittelbar in den Planungs- und Produktionsprozess eingebunden. Hierzu sollen jetzt nach und nach Transformationsagenturen in den Bundesländern installiert werden, die – ergänzend oder vielleicht doch eher in Konkurrenz zu den Industrie- und Handelskammern und kommunalen Digitalagenturen – dem Mittelstand auf die Sprünge helfen. Rheinland-Pfalz ist schon vorgeprescht, in Nordrhein-Westfalen sind sich die Parteien auch bei diesem Thema weitgehend einig.

Doch warum sollten halbstaatliche Agenturen schaffen, woran Hundertschaften von Unternehmensberatern bislang gescheitert sind? Die Vorstellung, dass verbeamtete oder angestellte Mitarbeiter für ein paar Stunden in den Betrieb gehen und dort für frischen Wind sorgen könnten, scheint doch eher abwegig. Wichtiger und zielführender wäre da schon eine Lotsenhilfe durch den Behördendschungel, um mittelständische Unternehmer schneller und zielsicherer an die Fördertöpfe zu dirigieren.

Für die digitalen Visionen hingegen sollte der Blick auf die erfolgreichen Mitbewerber, die „digitalen Vorreiter im Mittelstand“ helfen, wie eine gleichlautende Studie von Digital Mind im Auftrag der Deutschen Telekom zeigt. Die digitalen Vorreiter sind nicht nur gestärkt aus den jüngsten und noch andauernden Krisen hervorgegangen, sie erleben auch deutliche Umsatz- und Gewinnsteigerungen. Jedes zweite der untersuchten mittelständischen Unternehmen erfreut sich zweistelliger Wachstumsraten. Jeder dritte von ihnen verdiente Euro entstammt bereits einem Digitalprozess. Und drei von vier Unternehmen treiben smarte Lösungen in ihren Kerngeschäften voran, bei denen vernetzte Produkte und Services neue Wachstumsquellen erschließen.

Aber auch bei den digitalen Vorreitern gibt es erheblichen Nachholbedarf – zum Beispiel bei Projekten zur Nachhaltigkeit. 80 Prozent der Unternehmen haben das Thema auf ihrer Agenda, aber noch nicht umgesetzt. Maßnahmen der Digitalisierung zur CO2-Reduktion sind noch immer die Ausnahme. Denn 87 Prozent können bisher nicht ihren CO2-Abdruck messen. Auch deshalb will jedes dritte Unternehmen mehr als die Hälfte der Investitionen in die Digitalisierung stecken, dicht gefolgt von der Mitarbeiterqualifizierung. Der Mangel an qualifiziertem Personal und IT-Ressourcen ist unverändert groß. Aber auch ein noch nicht in allen Bereichen vollzogener Kulturwandel bremst die digitale Transformation, sagen die Studienautoren.

Es wird Zeit, dass wir in Politik und Wirtschaft aus dem ewigen Krisenmodus heraus und in einen andauernden Strukturwandel eintreten. Das gilt für Nordrhein-Westfalen ebenso wie für Deutschland und Europa. Es gilt aber in ganz besonderem Maße für den Mittelstand, der sich selbst – völlig zu Recht – als Träger und Rückgrat des politischen und gesellschaftlichen Gefüges sieht. Das gern benutzte Wort vom „Wiederaufbau“ ist wohl zu hoch gegriffen – Instandsetzen trifft es besser. Das haben Autobahnbrücken und mittelständische Betriebe gemeinsam.

Too Big to Fail?

Können Sie sich ein Leben ohne Amazon noch vorstellen? In noch nicht einmal drei Jahrzehnten hat sich der Logistikriese, der mal mehr wie ein Onlinehändler, mal mehr wie ein Cloud Provider ausschaut, als Kulturtechnik fest in unsere Einkaufsgewohnheiten eingenistet. So, wie Google unsere Recherchegewohnheiten prägt. Oder so, wie Apple Smartphones unser Alltagsleben gestalten. Die E-Autos von Tesla sind noch zu exklusiv, um den gleichen ubiquitären Status im Mindset zu erhalten. Aber der Börsenwert von Tesla ist höher als der der drei größten deutschen Autobauer zusammengenommen.

Doch wie lange noch? Die Stimmung im DAX ist nicht nur wegen des „Russland-Feldzugs“ – dieses archaische Wort scheint inzwischen für die Vorgänge in der Ukraine angemessen – schlecht wie lange nicht. Auch die US-amerikanische Technologiebörse NASDAQ ist noch nie in ihrer 50jährigen Geschichte so schlecht in ein Börsenjahr gestartet und erholt sich von der Baisse kaum. Ein im doppelten Sinne gutes Jahrzehnt neigt sich dem Ende zu. Technologiewerte werden abgestraft, wenn sie zwar Visionen aufweisen, aber keine oder kaum Gewinne. Oder wenn – wie im Fall von Microsofts aktuellen Quartalsergebnissen – die Erwartungen der Analysten nicht weit genug übertroffen werden. Die Börsianer sind im Red-Alert-Modus.

Der Bär hat an der Börse den Bullen abgelöst, der die Märkte seit 2009 vor sich hergetrieben hatte. „Die meisten Leute unterschätzen dramatisch die Außergewöhnlichkeit dieses Bullenmarktes“, twitterte Anfang Mai der im vergangenen Jahr zurückgetretene Amazon-CEO Jeff Bezos in einem denkwürdigen Tweet. Und er warnt die Schönwetter-Börsianer vor schlechten Zeiten, die da „unaufhaltsam“ heranrollen: „Märkte lehren. Aber ihre Lektionen können schmerzhaft sein.“ Und weiter unkte er, es könne eine Zeit geben, in der Amazon in die Insolvenz taumele.

Amazon? Die Company, die jedes denkbare Marktsegment am Wegesrand der Logistik infiltriert, ist doch eigentlich „too big to fail“! Doch die aktuellen Finanzreports geben einen Vorgeschmack auf das, was Bezos kommen sieht: Im ersten Quartal 2022 setzte Amazon 116,4 Milliarden Dollar um, was einem Plus von sieben Prozent entspricht. Dabei fiel der operative Gewinn um 59 Prozent auf nunmehr 3,7 Milliarden Dollar. Doch wegen der Abschreibung auf den Elektroautobauer Rivian steht nun ein Verlust von 3,8 Milliarden Dollar an. Und Bezos´ Nachfolger Andy Jassy kündigte bereits an, dass die Umsätze im laufenden Quartal meilenweit von den Erwartungen entfernt seien – um fünf bis zehn Milliarden Dollar.

Mehr noch: Amazon Web Services scheint den Laden hochzuhalten. AWS ist nach Meinung von Analysten rund eine Billion Dollar wert, würde es für sich genommen an der Börse notiert. Nachdem Amazon wegen der schlechten Marktaussichten auf einen Schlag 200 Milliarden Dollar an Marktwert verloren hatte, verbleibt ein aktueller Börsenwert von 1,3 Billionen Dollar, was bedeuten würde, dass der gesamte Rest aus Online-Handel, weltweiten Logistik-Zentren, Amazon Prime, MGM mit James Bond und anderen Blockbustern auf lediglich 300 Milliarden Dollar taxiert wird.

Apple, so mutmaßen Analysten, könnte das nächste Unternehmen sein, das es hart treffen könnte. „There is one more thing“ – diese Ansage, mit der der verstorbene Apple-Gründer Steve Jobs fast immer eine technische und kulturelle Revolution angekündigt hatte, klingt schon länger nicht mehr aus Cupertino an. Und auch Highflyer wie die Streaming-Dienste Netflix und Spotify haben bereits ihre Prognosen nach schwachen Zahlen gedämpft. Auch der Fahrtenvermittler Uber liegt im Kreuzfeuer der Analysten: zwar hat der Taxi-Konkurrent seinen Umsatz in den ersten drei Monaten des Jahres verdoppelt, dabei aber einen Verlust von fast sechs Milliarden Dollar eingefahren. Und auch die Datenkrake Google kommt nicht unbeschadet durch die Baisse in der Tech-Branche. Die Google-Mutter Alphabet berichtet einen um 1,5 Milliarden Dollar auf 16,4 Milliarden Dollar geschrumpften Gewinn im Quartal.

Und in diesen Bärenzeiten an der Börse gibt Elon Musk satte 44 Milliarden Dollar für Twitter aus, um den Dienst mittelfristig von der Börse zu nehmen und damit unabhängig von Gängelungen zu machen. Musk, der für diesen Deal rund sieben Milliarden Dollar von Großinvestoren eingeworben hat, geriert sich damit als Retter der freien Rede – allerdings, so ist zu befürchten, einschließlich Hate-Speech und Fake-News. Ein Geschäftsmodell scheint auf den ersten Blick nicht dahinter zu stehen.

Tatsächlich aber ist die nächste Tech-Blase schon längst in Ausdehnung: der Wettbewerb um die Lufthoheit in der Meinungsfreiheit – oder sollte man besser sagen: der Meinungslenkung. Denn ganz so frei dürfte die Meinungsäußerung auf Twitter unter Musks Ägide nicht werden. Profinutzer sollen Gebühren zahlen. Will sagen: Wer zahlt, schafft an – auch bei der Meinungsbildung. Der Kampf um die Wahrheit ist längst verloren, wie die Berichterstattung um den Ukraine-Krieg zeigt. Die Gedanken sind frei, aber sie zu äußern könnte künftig teuer werden. Das Geschäft mit Fakten und Fälschungen ist in der Tat „too big to fail“.

Mittelstand im Fadenkreuz

Sanktionen sind nichts für Ungeduldige: Sie wirkten langsam und langfristig, heißt es immer wieder. Die Frage aber muss erlaubt sein, wer im aktuellen Fall dabei schneller in die Knie geht – die zentral gelenkte russische Wirtschaft oder der breit diversifizierte deutsche Mittelstand. Denn angesichts der multiplen Herausforderungen, vor denen mittelständische Unternehmen hierzulande derzeit stehen, kann von Erholung kaum die Rede sein; geschweige denn von zukunftsfrohen Investitionen. Und doch: kleine und mittelständische Firmen investieren verstärkt in ihre Fähigkeit, sich von Rückschlägen möglichst schnell zu erholen. Resilienz nennt man das. Dass dabei auch mehr Nachhaltigkeit angestrebt wird, ist ein positiver und erwünschter Nebeneffekt.

Doch paradoxer könnte die Lage kaum sein: zwar blättern mittelständische Unternehmen derzeit in vollen Auftragsbüchern, belastbare Prognosen für die nächste Zukunft lassen sich daraus aber kaum ableiten. Denn erstens ist die Zahl der Stornierungen noch nie so hoch gewesen, so dass die Produktions- und Lieferplanung kaum eine Halbwertzeit von einem Monat aufweist. Und zweitens sind die Beschaffungskosten für Energie, Rohstoffe und Komponenten so hoch und dabei so schwer zu kalkulieren, dass nicht einmal sichergestellt ist, ob bei einem abgeschlossenen Auftrag auch tatsächlich der benötigte Gewinn herausspringt. Die Lage ist existenzgefährdend.

Anders in Russland, dessen Wirtschaft eigentlich durch die Sanktionen in die Knie gezwungen werden soll mit dem Ziel, möglichst schnell zu einem Verhandlungsfrieden in der Ukraine zu kommen. Doch Ostexperten warnen: Öl, Gas und Kohle kommen aus der russischen Erde und stehen dem Staat somit unbegrenzt zur Verfügung. Selbst bei einem Spontanboykott aller fossilen Brennstoffe würde Russland immer noch China, Indien und nicht zuletzt die Türkei beliefern können, die wiederum als Händler auf dem Markt auftreten könnten. Und 60 Prozent des russischen Staatshaushalts sind nicht unmittelbar von Energieexporten abhängig.

Zwar weist Russland in puncto Hochtechnologie deutliche Rückstände gegenüber dem Westen auf, aber als zweitgrößter Waffenexporteur müssen die Angebote schon Weltniveau in Elektronik und Informationstechnik erreichen. Wieder geht hier der Blick nach Indien. Als größter Abnehmer russischer Waffenexporte ist das Land in der Lage, die fehlenden Hightech-Komponenten selbst beizusteuern – denn an den Sanktionen des Westens beteiligt sich der Subkontinent nicht. Und auch die eigenen Verluste im Ukrainekrieg können noch lange aus den russischen Arsenalen aufgefüllt werden. Allein westlich des Urals hat Russland 2800 Panzer stationiert – ohne die in der Ukraine zerschossenen oder aufgegebenen 500 Einheiten blieben immer noch 2300 Kettenfahrzeuge übrig…

Dennoch müssen die Sanktionen aufrechterhalten bleiben – auch wenn es im deutschen Mittelstand inzwischen quietscht und knirscht. Nach Einschätzung von Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck sind viele Unternehmen inzwischen mit Hochdruck dabei, sich von russischen Gasimporten freizumachen. KfW-Kredite helfen dabei ebenso wie die Aussicht, durch klimafreundliche Alternativen den eigenen CO2-Abdruck und damit die Emissionskosten klein zu halten. Und auch in die Logistik investiert der deutsche Mittelstand mit Priorität. Denn jeder nicht gefahrene Kilometer hilft beim Sparen doppelt.

Logistik ist denn auch die Branche, die inzwischen am stärksten in die Digitalisierung ihrer Prozesse investiert. Laut einer Benchmark-Studie der Deutschen Telekom zusammen mit dem Beratungshaus techconsult sind es vor allem die personalintensiven Wirtschaftszweige im tertiären und quartären Segment, bei denen Digitalisierung derzeit boomt – also überall dort, wo Informationen und Daten ein unmittelbar verwertbarer Rohstoff sind. Allen voran die Banken und Versicherungen, dicht gefolgt von der Logistik und dem Handel nutzen Digitalprozesse, um die eigenen Geschäftsabläufe zu verschlanken und ihren Kunden zusätzliche Services aus der Cloud anbieten zu können.

Der deutsche Mittelstand ist ins Fadenkreuz der Geschichte geraten – und hält sich dort erstaunlich gut. Denn trotz Corona, Ukraine, Russland-Sanktionen, Fachkräftemangel und Energiewende haben sich die Investitionen leicht verbessert – wenn auch nur um einen Index-Punkt in der Telekom-Analyse auf einen eher noch mittelmäßigen Wert von 59 von 100. Dass es nicht mehr ist, liegt an der verschlafenen Zeit der Hochkonjunktur, als mittelständische Unternehmer angesichts voller Auftragsbücher keine Zeit für „irgendwas mit digital“ hatten. Danach hatte man zwar Zeit, aber nun wiederum kein Geld. Die, die schon früh mit der Digitalisierung begonnen haben, sind bereits besser durch die Corona-Krise gekommen und weisen auch in der Sanktionszeit eine größere Fähigkeit zur Resilienz auf.

Aber Corona war ein guter Lehrer: vor allem Investitionen in hybride Arbeitsmodelle, bei denen Mitarbeiter wahlweise zuhause oder im Büro arbeiten, sind die unmittelbare Folge der Lockdowns. Jetzt sind die Menschen auf den Geschmack gekommen und fordern mehr Freizügigkeit bei der Wahl des Arbeitsplatzes und der Arbeitszeit. Dass dies nicht zulasten der Effizienz geht, sondern im Gegenteil sich positiv auf die Produktivität auswirkt, beweisen Studien, die Microsoft unter seinen Mitarbeitern immer wieder auflegt.

Investiert wird auch in neue Services, um zusätzliche Umsatzpotenziale zu erschließen und Kunden stärker an sich zu binden. Dabei ist die Cloud das zentrale Mittel. Und folgerichtig werden bei zunehmender „Onlineisierung“ auch die Investitionen in Sicherheitsvorkehrungen gegen Angriffe aus dem Cyberspace stärker in den Fokus genommen. Und drittens – als direkte Folge der Energiedebatte und der explodierenden Kosten – investiert der Mittelstand in Nachhaltigkeitsprojekte.

Neun von zehn mittelständischen Unternehmen wollen ihre Digitalprojekte fortsetzen oder sogar verstärken. Dabei überrascht eines: die bereitgestellten Staatsmittel, mit denen Digitales gefördert werden soll, werden kaum abgerufen. Ganz so knapp scheinen die finanziellen Möglichkeiten im Mittelstand also doch nicht zu sein. Problematisch ist aber auch, dass es offenbar keine leichte Aufgabe ist, die Bürokratiehürden zu überwinden, um an „Staatsknete“ zu gelangen. Während nur 18 Prozent der befragten 2000 Unternehmen Anträge erfolgreich gestellt haben, mussten zwei Drittel von ihnen fremde Beratungsleistungen in Anspruch nehmen. Das ist nun nicht im Sinne des Erfinders.

Der Mittelstand steht derzeit im Fadenkreuz der Geschichte wie vielleicht noch nie seit dem Wiederaufbau. Und er zeigt einen erstaunlichen Überlebenswillen. Der Mittelstand war schon resilient als es das Wort noch gar nicht im allgemeinen Sprachgebrauch gab. Zumindest das stimmt in diesen schweren Zeiten hoffnungsfroh.

SAPperlot!

Es hat schon viele Würdigungen für SAP zum 50. Geburtstag – offiziell am 1. April, faktisch wohl aber einiges früher – gegeben. Warum also jetzt noch eine? Weil sich offensichtlich kaum einer der Gratulanten so richtig an die Zeit vor einem halben Jahrhundert erinnert – teils, weil die Laudatoren selbst diese Zeit nicht erlebt haben, teils aber auch, weil die IT-Branche eine schrecklich geschichtsvergessene Gesellschaft ist. Hier deshalb die notwendige SAP-Würdigung von einem, der (fast) von Anfang an dabei war – und unter der SAP genauso gelitten hat, wie er sie bewundern musste. Aber – diese Pointe sei schon einmal vorweggenommen – die Bewunderung ist längst in Frustration wegen so vieler verdaddelter Chancen umgeschlagen. Aber – und das ist wieder irgendwie versöhnlich – in diesem Sinne ist SAP ein Spiegelbild der Deutschen. Oder ist das jetzt nicht sogar noch frustrierender?

Rücksturz ins Jahr 1972: Ostverträge und Grundlagenvertrag zwischen der BRD und der DDR; die Olympischen Spiele in München und der schreckliche Anschlag auf die israelischen Athleten; Wiederwahl für Willy Brandt und Richard Nixon; das Wahlalter in Deutschland wird von 21 auf 18 Jahre gesenkt und in Cape Canaveral startet mit Apollo 17 zum letzten Mal eine bemannte Mission Richtung Mond. – Oder erklärt man das Jahr 1972 besser über das, was es damals nicht oder nicht für jeden gab: Computer oder auch nur Zeit am Computer, Computerprogramme, kabelloses oder mobiles Telefonieren, Datenbanksysteme, Laptops,, Tablets, Smartphones, Internet, World Wide Web, eCommerce oder gar die Cloud. Obwohl die Cloud gab es in gewisser Weise schon, weil Anwender, die Zugriff auf einen Computer haben wollten, sich ein Zeitfenster bei einem Service-Rechenzentrum buchen mussten.  Time Sharing nannte man das damals.

In dieser Zeit machten sich die Gründer Dietmar Hopp, Hasso Plattner, Claus Wellenreuther, Klaus Tschira und Hans-Werner Hector daran, ein eigenes Computerprogramm für die deutsche Niederlassung von Imperial Chemical Industries (ICI) zu entwickeln. Ein Kunde wie ICI war wichtig, weil es ohne das Rechenzentrum des Kunden keinen Computer für die Software-Entwicklung gab. Man saß an Computerausdrucken auf Endlospapier, korrigierte die Programmierfehler, aktivierte das Ganze noch einmal – Debuggen war eine Arbeit für Menschen, die bereit sind, sich einer Sache voll und ganz zu verschreiben.

Aber – und dieser Teil der Geschichte wird gerne unterschlagen – verschrieben hatten sich die fünf Gründer zunächst dem Nonplusultra der Informationstechnik, die damals noch ADV oder Angewandte Datenverarbeitung hieß, nämlich der Internationalen Büromaschinen GmbH, dem deutschen Ableger der US-Amerikanischen IBM. Die hatte soeben im Antitrust-Verfahren der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft verloren und musste die Preise, die sie für Rechnerzeit und Programmierstunden in Rechnung stellte, offenlegen. Als die fünf IBM-Programmierer die Zahlen sahen, wussten sie, dass sie künftig die Ausbeutung durch IBM lieber mit der Selbstausbeutung ihrer intellektuellen Leistung ersetzen wollten. So wurde die „SystemAnalyse Programme“ gegründet. Ihr innovativer und sogar in gewisser Weise disruptiver Ansatz bestand darin, Individualprogrammierung nach und nach in Standardprogramme weiterzuentwickeln. Die Idee des Standardvertriebs anstelle des „Body-Leasings“ war geboren.

Nur wenige Unternehmer haben damals diesen Schritt gewagt, auf der Basis von gemieteten Großrechnern der IBM /370-Architektur eine Computerprogrammierung zu beginnen, die in Standards münden sollte. Die schon zehn Jahre früher, also 1962, in Wilhelmshaven gegründete ADV/Orga war in den Siebzigern zwar größer als die SAP, wuchs aber mit Spezialaufträgen für die Marine. Der Nachteil: Keine Standards, keine Skaleneffekte. Anders die SAP: Ihre Lösungen vertickten die Gründer bei praktisch allen DAX-Unternehmen.

Nicht jedoch im Mittelstand, der sich Rechnerzeit auf einem Großrechner der IBM /370-Architektur gar nicht leisten konnte, geschweige denn einen eigenen Mainframe in den Keller stellen konnte. Das änderte sich erst, als IBM mit den Strich-Drei-Systemen Hardware für kleine und mittlere Unternehmen die Chance auf eigene „EDV“, wie das inzwischen hieß, eröffnete. Damit explodierte die Software-Szene, weil viele Unternehmer, darunter zahlreiche Ex-IBMer, die Chance für Standardsoftware im Mittelstand erkannten. Ihr Geheimnis: Sie setzten die Branchen-Spezialitäten minutiös um und erwarben sich so eine Nische.

So trat ich 1980 mit Lösungen für die pharmazeutische Industrie in die Software-Szene ein – und traf immer wieder auf die exzellente Finanzsoftware der SAP. Es wäre ein smarter Move gewesen, damals die beiden Lösungen – Finanz hier, Branchenkompetenz dort – miteinander zu verbinden. Doch SAP beanspruchte den ganzen Kuchen. So wurden wir Wettbewerber.

Doch die Branchenkompetenz in zahllosen mittelständischen Einzelbranchen ist nicht so einfach abzubilden. Als die IBM mit dem Midrangesystem AS/400 überraschend breiten Erfolg hatte, musste etwas geschehen. SAP bot den inzwischen Hunderten branchenorientierten Softwareunternehmern einen Deal an: die Selbstentleibung. Wer seine eigene Lösung zugunsten des künftigen Supports von SAP im Mittelstand vernachlässigte, würde alle Segnungen des größten deutschen Softwarehauses genießen: Internationalität, Marketing, Vertrieb und – den Nachbau der eigenen Lösungen. So wurde SAP zur Weltmacht, während sich in der deutschen Software-Szene ein Exodus ereignete. Im Midrange-Sektor entstand deshalb nie ein deutscher Anbieter mit Weltbedeutung.

Doch inzwischen gab es Personal Computer und damit wieder eine völlig neue Infrastruktur. Und wieder schaffte es die SAP, die eigene Großrechner-Architektur in die neue Welt zu verlagern. Das wiederholte sich bis in die Neuzeit noch einige Male: Internet, Workplaces, mobile Devices, flexible Geschäftsprozesse – die Liste ist endlos und die Zahl der Adaptionen durch SAP auch. Doch als die Cloud am Horizont auftauchte, musste irgendwas mit dem Erneuerungswillen innerhalb der SAP passiert sein, das den nötigen Erneuerungswillen in Walldorf gebrochen hat. Seitdem läuft SAP dem Weltgeschehen hinterher, statt ihm voranzugehen. Aber auch hier gilt: Es entstand nie ein neuer deutscher Anbieter mit Weltgeltung.

Dabei hätte alles ganz anders laufen können. Mit Business by Design bot SAP plötzlich eine völlig neue Architektur an, die zudem Cloud-geboren war und für kleine und mittlere Unternehmen ebenso attraktiv gewesen wäre, wie für globale Konzerne. Doch die modernste aller SAP-Architekturen erhielt nie die funktionalen Weihen der großen Standardprogramme von R/3, All-in-One, SAP ERP oder dem heutigen S/4 Hana. Ich selbst habe damals den letzten Versuch unternommen, Business by Design mit den Branchenfunktionen aus meinem Haus zu verknüpfen und musste feststellen, dass die Beharrungskräfte in der SAP stärker schienen als die Innovationspotenziale. Das war der Moment, wo die SAP aus meiner Sicht den Wettlauf in die Cloud verloren hat. Seitdem ist sie – auch wegen der milliardenschweren Investitionen in eine weltweite Infrastruktur an Data Centern – ins Hintertreffen geraten.

Der Wechsel in die Cloud ist weniger eine technische als vielmehr eine vertriebstechnische und damit bilanzielle Herausforderung. Denn wenn sich Umsätze vom Verkaufen ins Vermieten verlagern, dann sinken die Einnahmen zunächst, ehe sie exponentiell anwachsen. Mittelständische Softwareanbieter können dieses dreijährige „Tal der Tränen“ angesichts der dünnen Finanzdecke kaum überstehen. Startups, die von Anfang an auf dieses Modell setzten, aber schon. Deshalb sitzt SalesForces als Pionier der cloud-basierten Unternehmenslösung allen etablierten Anbietern im Nacken. Microsoft hatte mit Dynamics 365 eine Antwort bereit. Andere aber lange nicht.

Aber SalesForce brachte noch eine weitere Innovation, wenn nicht Disruption: Fehlende Funktionen, vor allem wenn sie branchenspezifisch waren, ließ die Company einfach von der User Community entwickeln. Das war in Walldorf undenkbar, wo die alte Software-Architektur gehütet wurde wie der Schatz der Nibelungen. Und dieses Beharrungsvermögen zieht sich bis heute fort.

Mir geht es nicht darum, Aktienkurse, Quartalsumsätze oder Gewinneinbrüche angesichts der Russland-Sanktionen oder Lieferketten-Probleme zu kommentieren. Mir geht es darum, deutlich zu machen, wie das einzige deutsche Softwarehaus von Weltruhm diese Position aufs Spiel zu setzen beginnt, weil es zu lange auf sich, auf seine Vergangenheit und damit auf seine Beharrungskräfte schaut, statt auf sein Innovationspotenzial. Es ist so, wie die Anwendergemeinde inzwischen unkt, dass SAP sich zum 50. Geburtstag selbst das größte Geschenk macht und sich organisatorisch und technisch völlig erneuert. Anregungen von NewUps und Startups gibt es genug.

Am Ende bleibt aber doch ein „Sapperlot“ als Ausruf der Anerkennung, das allerdings der Vergangenheit gewidmet ist. Ich fürchte aber, dass die Nachrichten über „SAP in Not“ doch künftig häufiger die Schlagzeilen prägen werden, wenn wir in Deutschland technisch und wirtschaftlich nicht die überfällige „Zeitenwende“ einläuten. SAP kann dazu beitragen – oder getragen werden.

Unabhängig davon entbiete ich den Gründern meinen Respekt – auch dafür, was sie inzwischen durch ihre Stiftungen an notwendigem Innovationspotential gefördert haben.