Pandemie als Neuland

Wir führen merkwürdige Debatten in diesem Sommer. Da entscheiden Plagiatsfundstellen in – vermutlich von Ghostwritern verfassten – Büchern über die Glaubwürdigkeit von Kanzlerkandidaten, die im Falle ihrer Wahl mit ganz anderen, seriöseren Herausforderungen konfrontiert werden würden. Da experimentieren Briten mit der Frage, ob individuelle Freiheit staatlicher Fürsorge vorzuziehen ist, und lockern die Corona-Maßnahmen, während – wie zum Beispiel in Deutschland – über Maßnahmen zur Stärkung der Impfbereitschaft nachgedacht wird. Da zeigen wir erneut äußerste Anstrengungsbereitschaft NACH der Unwetterkatastrophe, aber vernachlässigen wieder einmal den Schutz VOR einer Katastrophe. Der Jahrhundertstarkregen beweist, dass wir im Grunde aus der Corona-Pandemie noch nichts gelernt haben. Wir sind immer nur schlau genug für den bereits vergangenen Tag.

Und man wird ja auch nicht schlau aus den Corona-Zahlen in Europa. In den drei Ländern, in denen sogenannte Multispreader-Events die Verbreitung der Delta-Variante beflügelt haben – nämlich in den Niederlanden bei einem Outdoor-Festival, in Großbritannien mit der Fußball-Europameisterschaft, in Portugal durch das Champions-League-Finale und die nachfolgende Meisterschaftsfeier – sinken derzeit die Inzidenzen, wenngleich auf hohem Niveau. In Frankreich, Italien, Deutschland und der Schweiz steigen sie, wenngleich auf niedrigem Niveau.

Gibt es sowas wie die Relativitätstheorie der Inzidenzen? Die Inzidenz in einem Land ist mit der Inzidenz in einem anderen Land nicht zu vergleichen, weil beide nicht das gleiche Bezugssystem haben? Ist der Inzidenzwert, wie RKI-Präsident Stefan Wieler beharrt, wirklich der entscheidende Richtwert? Oder ist es einfach nur die Impfquote, die gerade in Großbritannien besonders hoch ist und deshalb zum Versuch am lebenden Volkskörper verleitet, indem alle Corona-Maßnahmen gelockert werden. In Deutschland mit derzeit 52 Prozent vollständig Geimpften glaubt man hingegen, dass die vierte Welle mit der Impfquote allein nicht flach gehalten werden kann. Zusätzliche Basismaßnahmen werden deshalb vorbereitet, um einer Inzidenz von 800 im Herbst zu verhindern, vor der Bundesgesundheitsminister Jens Spahn jetzt warnte.

Auch im Jahr Zwei von Corona, ist die Pandemie für die Entscheider in Bund und Land immer noch Neuland, um ein Kanzlerinnenwort zu missbrauchen. Dabei zeichnen sich jetzt bereits grausige Wiederholungen ab: Zuerst werden bei Kontakten und Mobilität Zurückhaltung angeraten und Beschränkungen  auferlegt, Reiserückkehrern droht Testpflicht und Quarantäne. In fünf von 16 Bundesländern beginnt in diesen Tagen wieder der reguläre Schulbetrieb – aber wird er auch regulär bleiben?

Die Bildungseinrichtungen im Land wirken ähnlich unvorbereitet auf einen Distanzunterricht wie vor einem Jahr. Noch immer streiten Datenschützer über die Unbedenklichkeit von ansonsten hervorragend funktionierender Software. Noch immer wird über die Anschaffung von Luftfiltern gerungen. Noch immer gibt es kein vollständiges Angebot an für den Distanzunterricht geeigneten Lehrmitteln. Noch immer wissen wir nicht, wie Eltern beim Home Schooling entlastet werden können. Und noch immer wissen wir nicht genau, ob wir Schüler nun  eigentlich impfen sollten oder nicht.

Und gleichzeitig entwickelt sich neben den Corona-Leugnern, Querdenkern und Impfverweigerern eine vierte Gruppe – die der Sorglosen. Die Zahl der Erstimpfungen geht zurück, die Impfbereitschaft sinkt ausgerechnet jetzt, wo genügend Impfstoff vorhanden ist. Es will scheinen, dass immer mehr Menschen zu einer Risikoeinschätzung zurückkehren, wie sie schon zu Beginn der Pandemie im Februar 2020 zu beobachten war: Corona ist für sie auch nichts anderes als eine Grippe-Welle – nur mit höherem Aufmerksamkeitswert.

Irgendwie ähnelt die Corona-Stimmung in Deutschland der Einstellung zur Digitalisierung. Auch dort gibt es Leugner, Verweigerer, Gleichgültige und solche, die die notwendigen Entscheidungen verschleppen. In dieser Stimmung führen wir einen Bundestagswahlkampf durch und lähmen die Entscheidungsfähigkeit der Politik bis zum Wahlgang und dem Ende von vermutlich langanhaltenden Koalitionsverhandlungen. In der Zwischenzeit schläft weder das Virus noch der digitale Fortschritt – beides ist bekanntlich immer noch Neuland.

(Noch) nicht wettbewerbsfähig

Das Motto von Tim Hoettges, dem Vorstandsvorsitzenden der Deutschen Telekom, ist eindeutig: „Wir werden nicht ruhen, bis alle vernetzt sind“, schreibt er in seinem Profil in den sozialen Medien. Nun, er wird noch lange in seinen Anstrengungen fortfahren müssen, bis dieses Ziel erreicht ist. Das sieht er offensichtlich auch selber so: „Europa ist digital (noch) nicht wettbewerbsfähig. Im Muskelspiel zwischen den USA und China sind wir ein Zwerg.“ Auf vier Ebenen müsste Europa angreifen, meint er, und richtet damit indirekt die Handlungsaufforderung an die deutsche Bundesregierung, die immerhin die Rahmenbedingungen für die mit Abstand stärkste Wirtschaftskraft in der Europäischen Union setzt.

Da ist erstens die Abhängigkeit bei digitalen Komponenten: „Keiner der Top-Ten-Halbleiter-Produzenten weltweit kommt aus Europa.“ Doch statt hier im Wettrennen um immer kleinere Chips nachzulaufen, sollte Europa, sollte Deutschland die Differenzierung suchen und etwa für die Automobilindustrie spezialisierte Halbleiter herstellen.

Zweitens geht es um die digitale Infrastruktur: Während die privatwirtschaftlichen Netzbetreiber auf einen möglichst kostengünstigen Netzausbau setzen müssen, sind viele Kostentreiber den politischen Rahmenbedingungen geschuldet. „Alternative Verlegeverfahren, digitale Genehmigungsverfahren und eine Spektrumspolitik, die nicht auf Maximierung von Auktionserlösen setzt, sind Hebel für einen günstigeren und schnelleren Ausbau.“

Drittens sollten die digitalen Plattformen in Europa – und nicht anderswo – ausgebaut werden: 92 Prozent aller weltweit aufkommenden Daten werden nach Hoettges´ Analyse in den USA gespeichert. „Eine souveräne EU-Cloud wird daher nur erfolgreich sein, wenn die EU und die Regierungen der Mitgliedstaaten zu ihren Leitnachfragern werden“ und wenn der Digital Markets Act Offenheit gegenüber Dritten erlaubt.

Viertens schließlich muss die Umsetzung von Forschungsergebnissen in digitale Anwendungen forciert werden. Es ist das alte Dilemma: Europa, insbesondere Deutschland, ist führend in der Grundlagenforschung, aber saumselig bei der Entwicklung von marktfähigen Produkten aus diesen Forschungsergebnissen. Deshalb wird der wirtschaftliche Erfolg in der Regel anderen, auf innovative Produkte setzenden Nationen wie den USA überlassen. Hoettges belegt dies mit Zahlen:“ 21 Prozent aller privaten Investitionen in Forschung und Entwicklung kommen aus der EU. Aber nur 15 Prozent des BIP wird hier geschaffen. Und nur acht Prozent aller Unicorns sind in der EU beheimatet.“

Dass dieser Wahnsinn Methode hat, beweist der Global Skills Report von Coursera. Danach gehört Deutschland hinsichtlich digitaler Kompetenzen und Fähigkeiten in den Bereichen Business, Technologie und Data Science zu den fünf am besten ausgebildeten Ländern weltweit. In die sind die Leistungsdaten von mehr als 77 Millionen Lernenden weltweit und 14,2 Millionen in Europa, 4000 Campus, 2000 Unternehmen und 100 Regierungen eingeflossen. Deutschland rangiert weltweit auf Platz zehn bei Business Skills, Platz zwölf bei den Technologie-Skills und Platz acht bei Data-Science-Fähigkeiten. Insgesamt reicht das für Platz fünf.

Das zeigt: Deutschland – und dadurch auch Europa – hat kein Erkenntnisproblem, sondern ein Umsetzungsproblem. Das bestätigt auch die Bewertung der letzten Legislatur durch den Hightech-Verband Bitkom. Von den im Koalitionsvertrag zwischen Union und SPD vereinbarten Digitalprojekten wurde lediglich die Hälfte – nämlich 64 von 135 Projekten – vollständig umgesetzt. Zählt man die 47 zumindest begonnen Projekte hinzu, erhöht sich der Anteil auf immerhin vier Fünftel.“ Dennoch: ein digitaler Durchbruch sieht anders aus. Denn die Corona-Pandemie dürfte die Digitalisierung stärker bewegt haben als die Regierungen in Bund und Ländern. Und der Lockdown “hat dargelegt, dass wir an vielen Stellen drastischen Nachholbedarf haben, insbesondere bei der Digitalisierung der Ämter, Behörden und Schulen“, resümiert Bitkom-Präsident Achim Berg.

Dass die Pandemie aber auch den deutschen Mittelstand in Richtung Digitalisierung geschoben hat und dabei ebenfalls die strukturellen Defizite offenlegte, macht das Umsetzungsproblem zu einem gesamtwirtschaftlichen und gesellschaftlichen Dilemma. Von Hoettges bis Berg ist das Urteil eigentlich identisch. Wir sind weder in Europa noch in Deutschland wettbewerbsfähig. Das muss sich ändern – bereits am Tag Eins nach der Bundestagswahl.

Alles wird virtuell – eventuell

Da hätte man auch schon früher draufkommen können: eine komplette Umgebung für den Desktop, die über einen beliebigen Browser aus der Cloud geliefert wird. Kein Support-Mitarbeiter mehr, der einen bei der Arbeit stört, weil er ein dringendes Service-Pack aufspielen will. Keine verzögerten Sicherheitsfeatures, das Hackern Tür und Tor öffnet. Und keine DAUs mehr – also die „dümmsten anzunehmenden User“ –, die es nicht auf die Kette bringen, eine neue App zu installieren und zu individualisieren.

Das ist Windows 365, das jetzt auf der virtuellen Partnerkonferenz Microsoft Inspire angekündigt wird und schon im Oktober allgemein verfügbar sein kann. Der Clou an diesem nächsten cloud-basierten Virtualisierungsschritt besteht nicht nur darin, dass jede individuelle Anwenderumgebung künftig in der Cloud gewartet und dann im Browser überall auf der Welt bereitgestellt werden kann. Der eigentliche Clou des „Cloud-PC“ besteht in der Tatsache, dass künftig Windows auf jedem Endgerät laufen kann – egal ob dort Linux, Android, iOS oder Windows läuft. Microsoft hat durch Virtualisierung seine Installationsbasis auf theoretische 100 Prozent erweitert.

Alles wird virtuell – und erinnert damit in seiner Grundstruktur an längst vergangene Zeiten, als User an 3270-Mainframe-Monitoren saßen und darauf warteten, dass der sündhaft teure Großrechner in irgendeinem weit entfernten Service-Rechenzentrum bei seiner Stapelverarbeitung endlich auch mal beim eigenen Request angekommen war. Time Sharing nannte man das damals – und tatsächlich ist es heute im Prinzip nicht anders. Nur, dass die Zeit heute nicht mehr in Minuten sondern in Millisekunden getaktet ist.

Bei der Gelegenheit sei aber daran erinnert, dass heute der Bottleneck nicht bei den Servern, sondern bei der Leitung liegt. Deshalb: Bitte mehr Gigabit und 5G, liebe Bundesregierung!

Mit Windows 365 hat Microsoft sozusagen seinen virtuellen Schlussstein seiner Cloud-Strategie gesetzt, in deren Folge nach und nach alles dorthin verlagert wurde: die Office-Suite kommt als Office 365 ebenso aus der Wolke wie die ERP- und CRM-Suite Dynamics 365, das Komplettpaket Microsoft 365 und nicht zuletzt die Cloud-Plattform Azure selbst mit Services für Security, künstliche Intelligenz, Internet der Dinge und Migrationspfade für die weitere Virtualisierung von OnPremises nach OnDemand.

Und auch Microsoft selbst virtualisiert sich selbst immer weiter. Die Zahl der weltweiten Partner, über die 90 Prozent des Microsoft-Umsatzes generiert werden, ist auf inzwischen 400.000 Unternehmen gestiegen. Dabei verändert sich die Partnerlandschaft auch strukturell. Es ist nicht mehr der produktorientierte Detailexperte, der Anwendern weltweit in die Digitalisierung und damit in die Virtualisierung hilft, sondern der Spezialist für Geschäftsprozesse, Branchen, Anwendungsfälle und digitale Zukunftsstrategien. Die schaffen aus den Lösungsangeboten ganze Ökosysteme, die mit eigenen Services zusätzlichen Value generieren. Und auch die Kunden bauen als Plattform-Betreiber eigene Ökosysteme auf und virtualisieren damit ihre eigenen Produktangebote. Deshalb krempelt Microsoft derzeit seine Partnerlandschaft und die Art und Weise um, wie ihnen Support zukommen soll.

Das mündet zum Beispiel in zusätzlichen Anreizen für Partner, aus der von Microsoft bereitgestellten Cloud-Infrastruktur neue Angebote zu entwickeln. Ein Beispiel ist der Microsoft Azure Marketplace, der – analog zu App-Shops von Google oder Apple – Entwicklern die Möglichkeit gibt, eigene Apps über eine zentrale Plattform zu vertreiben. Die Bedingungen, mit denen die Internet-Größen bis zuletzt erheblich am Erfolg von Dritt-Anwendungen partizipierten, waren unter anderem Gegenstand der Untersuchungen im US-Kongress und der Wettbewerbsbehörden. Microsoft hat jetzt den Zugang zum Azure Marketplace deutlich gelockert und die Gebühren massiv gesenkt. Es dürfte dazu beitragen, das Lösungsangebot in der nächsten Zeit explodieren zu lassen.

Die Partnerkonferenz Microsoft Inspire, die selbst Corona-bedingt erneut ausschließlich virtuell stattfand, stellt durchaus einen Wendepunkt dar. Es geht gar nicht mal so sehr um dieses oder jenes Announcement, sondern darum, dass sich die Ökosysteme rund um den gesamten Wertschöpfungszyklus von Cloud-Services und Software fundamental veränderen und von der Entwicklung bis zur Vermarktung und Anpassung immer weiter virtualisieren. Die Informationstechnik ist damit Vorreiter für nahezu alle Dienstleistungsbranchen. Aber langfristig erfasst die Virtualisierung immer weitere Wirtschaftszweige.

Ein Teufelskreis

Jetzt ist es passiert! Am vergangenen Samstag löste der Landkreis Anhalt-Bitterfeld den deutschlandweit ersten Cyber-Katastrophenfall aus. Die Kommunalverwaltungen im sächsisch-anhaltinischen Landkreis sind für mindestens zwei Wochen lahmgelegt, weil ihre Datenverarbeitung durch Hacker attackiert worden war. Ob Daten verschlüsselt und Lösegeldforderungen gestellt wurden, wird „aus ermittlungstechnischen Gründen“ vorerst nicht bekannt gegeben. Sicher ist aber, dass die Behörden in den nächsten Tagen keine Sozial- oder Unterhaltsleistungen erbringen können.

Der Katastrophenfall kommt nicht überraschend. Schon mehrfach waren Kommunen Ziel eines Cyberangriffs. Doch zum ersten Mal wurde deswegen der Katastrophenfall ausgelöst, um – wie es heißt – schneller reagieren zu können. Doch die eigentliche Katastrophe ist nicht der Angriff selbst, so verabscheuenswürdig er ist, sondern die Fahrlässigkeit und Bräsigkeit im deutschen Beamtendickicht. Seit Jahren werden Investitionen in neuere und aktuellere Hard- und Software verschleppt. Die unzureichende Digitalausstattung in einer großen, vermutlich überwiegenden Zahl der Kommunalbehörden „in diesem unseren Land“ lähmt nicht nur den agilen Staat, sondern ist auch zugleich ein sperrangelweit geöffnetes Einfallstor für Cyber-Kriminelle. Es ist ein Teufelskreis aus fehlender Qualifizierung und verschleppter Digitalisierung, der die öffentliche Hand in den Ländern und Gemeinden arthritisch werden lässt. Das ist doppelt skandalös, wenn man sich bewusst macht, dass nirgendwo eine größere Menge an sensiblen persönlichen Daten gespeichert ist als in der Datenverarbeitung der kommunalen Behörden.

Die verschleppte Erneuerung ist nicht nur den klammen Gemeindekassen geschuldet, sondern hat auch ihre Ursache in der Kakophonie der Landesdatenschutzbeauftragten, die mal mehr, mal weniger laute Bedenkenträger bei der Cloudifizierung der kommunalen Datenverarbeitung sind – „Informationstechnik“ mag man die dortige Ausstattung ja noch gar nicht nennen! Dabei geht es stets um den Schutz personenbezogener Daten – ein im Prinzip äußerst ehrenwertes Ansinnen. Die Crux liegt meist in der Tatsache, dass US-amerikanische Technologie-Anbieter auch in Europa amerikanischem Recht unterliegen, das in bestimmten Verdachtsfällen die Herausgabe personenbezogener Daten zu Ermittlungszwecken fordert. In seinem Transparency-Report dokumentiert etwa Microsoft, wie verschwindend gering der Anteil dieser Anfragen ist, die im Übrigen keinen Automatismus nach sich ziehen. Erst einer letztinstanzlichen Gerichtsanordnung muss sich der Cloud-Provider tatsächlich beugen.

Wie sehr die Übertreibung des tatsächlichen Gefahrenpotenzials bei personenbezogenen Daten Methode hat, zeigt sich am eklatantesten in unserem Bildungswesen, das trotz des vom Bund initiierten Bildungspaktes Länder- und Kommunalsache bleibt. Wenn im vergangenen Schuljahr beispielsweise Lehrer auf ihren Dienst-Laptop warten mussten, weil sie die personenbezogenen Daten ihrer Schüler nicht auf dem Heim-PC abspeichern durften, dann wird deutlich, wie sehr inzwischen die Maßstäbe verstellt wurden. Jedes liegengelassene Klassenbuch ist ein größerer Verstoß gegen die Datenschutz-Grundverordnung.

In Umkehrung des Grundsatzes der Unschuldsvermutung unterstellen Landesdatenschützer den Internet-Giganten wie Google, Microsoft oder Amazon Web Service kriminelle oder zumindest illegitime Absichten hinter ihren Cloud-Angeboten. Wie beim Besitz einer Destille reicht die schlichte Möglichkeit, persönliche Daten missbrauchen zu können, inzwischen als Grundlage für eine Vorverurteilung aus. In einem Blogpost wendet sich Microsoft inzwischen direkt an die Schüler*innen und Studierenden, um die eigenen Datenschutz-Grundsätze zu erklären, etwa: „Wir geben keine Daten an Werbetreibende weiter.“

Das zeigt Wirkung: In Baden-Württemberg haben Schüler vor einigen Wochen eine Petition eingereicht, um die Rücknahme – um nicht zu sagen: das Verbot – von Microsoft Teams zu verhindern. Teams beziehungsweise Collaboration Software wie Slack oder Zoom ist die Grundlage praktisch aller Formen im Distanzunterricht. Man werde „in die Steinzeit zurückgeworfen“, wenn der dortige Landesdatenschutzbeauftragte bei seinen Bedenken bleibt, heißt es in dem Begehren, das inzwischen 10.000 Unterschriften gesammelt hat. Nach dieser Schwelle muss eine öffentliche Antwort der Behörden erfolgen. Dass sie positiv ausfallen wird, ist freilich nicht anzunehmen.

Das Ganze gewinnt noch zusätzlich an Brisanz, wenn man sich vergegenwärtigt, dass in den Schulen nach wie vor die Ausstattung mit Luftfiltern unzureichend ist. Angesichts der sich ausbreitenden Delta-Variante ist schon jetzt abzusehen, dass das nächste Schuljahr mit Distanzunterricht beginnen wird. Ein Teufelskreis! Bei ihrem Auftrag, Bürger zu schützen, setzen die Behörden mitunter schon seltsame Maßstäbe an.

Wie sehr übrigens selbst bei größtem Erneuerungswillen und freigegebenen Gigabudget es ist, Innovationsprojekte durchzuziehen, hat in den vergangenen zwei Jahren auch das US-Verteidigungsministerium erfahren müssen. Das Pentagon hat jetzt den auf Zehn-Milliarden-Dollar dotierten Auftrag an Microsoft annulliert, in dem über zehn Jahre hinweg alle Einheiten aller Streitkräfte unter einem gemeinsamen cloud-basierten Kommandodach zusammengefasst werden sollen. Hier liegt die Ursache allerdings nicht in Datenschutzbedenken, sondern in der Klage von Amazon Web Services, die in dem Deal nicht zum Zuge kamen. Der Verdacht, dass der damalige US-Präsident Donald Trump das Pentagon angewiesen habe, Amazon und seinen Chef Jeff Bezos gezielt zu benachteiligen, steht wie ein Elefant im Raum. Jetzt soll neu ausgeschrieben werden. Bis dahin bleibt auch dort die veraltete IT-Ausstattung State of the Art: Ein Teufelskreis.