Meine Wolke, deine Wolke…

Es ist, als hätten die Cloud-Marketiers lange Zeit Angst vor der eigenen Courage gehabt. In der Anfangsphase der Cloudifizierung nämlich herrschte die Überzeugung vor, dass alles und jedes als Service in einer öffentlichen Wolke bereitgestellt werden soll. Das provozierte die heftigsten Ressentiments der IT-Manager, die die Exklusivität der eigenen System-Infrastruktur gefährdet sahen. Wie Fürstentümer wollten sie ihre IT Landschaft für sich allein. Wenn nicht OnPremises, dann aber wenigstens in einer privaten Wolke.

Okay, okay, sagten da die Cloud-Adepten und knickten brav ein: dann eben privat, Hauptsache Wolke. Und tatsächlich klappte das. Mehr und mehr Unternehmen engagierten sich im Aufbau einer privaten Cloud-Infrastruktur oder wählten die Hybridlösung – ein bisschen OnPremises, ein bisschen OnDemand. Das Ganze hat mehr Ähnlichkeit mit Hosting und Outsourcing als mit Sharing.

Jetzt schlägt das Pendel wieder zurück, behauptet die Gartner Group, die in den letzten Monaten intensiv das Kaufverhalten der Unternehmen rund um die Cloud beobachtet hat. Während sich derzeit nicht einmal sechs Prozent der Cloud-Investitionen auf Investitionen in Public Clouds beziehen, sollen es 2020 schon knapp zehn Prozent sein – bei einem Gesamtumsatzvolumen von 381 Milliarden Dollar. Doch der Trend wird sich weiter beschleunigen. 80 Prozent der von Gartner befragten IT-Manager mit Entscheiderkompetenzen gaben an, dass sie sich in öffentliche Infrastrukturen einkaufen wollen.

Es gibt eine Reihe von Gründen für diesen Meinungswechsel. Erstens haben sich ganz grundsätzlich die Ressentiments gegenüber Cloud Computing im Allgemeinen gelegt, so dass auch die Public Cloud mit mehr Rationalität bewertet wird. Zweitens kann die Private Cloud gegenüber der Shared Infrastructure in puncto Skalierbarkeit kaum mithalten. Und drittens ist das Innovationstempo durch neue Services, die neutralisiert allen Cloud-Kunden zur Verfügung gestellt werden, deutlich höher. Damit ist die Basis für die Umsetzung digitaler Geschäftsprozesse vor allem in der öffentlichen Wolke gegeben. Private Clouds sind nur so innovativ und so schnell – kurz: so agil – wie ihre Besitzer es zulassen. Public Clouds hingegen profitieren von der Nachfrage aller.

Nach den Erhebungen der Gartner Group ist die Modernisierung der eigenen IT-Infrastruktur derzeit die Haupttriebfeder, die die Unternehmen in Richtung Public Cloud treibt. Gerade IaaS-Angebote – also Infrastructure as a Service – belebt dabei das Geschäft, das gegenüber dem Vorjahr um 42 Prozent wachsen soll und damit am stärksten wächst. Cloud Applications (SaaS) wachsen halb so schnell (21,7 Prozent) auf stattliche 39 Milliarden Dollar Umsatz. Platforms as a Service hingegen werden nach Ansicht von Gartner in den kommenden Jahren vor allem dadurch belebt, dass Datenbank-Managementsysteme über die Cloud angeboten werden. Eines von zehn DBMS-Systemen könnte im Jahr 2020 aus der Cloud heraus genutzt werden.

Der Schwenk zur Private Cloud erfolgt dagegen alles andere als mit fliegenden Fahnen. Der Wind weht aus allen Richtungen. So wie der Übergang von OnPremises zu OnDemand durch hybride Mischformen der IT-Infrastruktur gekennzeichnet ist, werden auch Hybridlösungen eine Mixtur aus Private und Public Clouds vorantreiben. Der typische Fall könnte so aussehen: Während ein Unternehmen nach wie vor seine ERP-Lösung (zum Beispiel SAP) vor Ort einsetzt oder über einen Hosting-Anbieter outgesourct wird, erfolgt zugleich die Integration einer Lösung für das Kundenmanagement, die über die Public Cloud angeboten wird – zum Beispiel durch Salesforce. Die Social Media Integration und die Einbindung des Internets der Dinge wiederum wird ebenfalls über öffentliche Plattformen eingebunden. Und für Lösungen mit Drittanbietern nutzt man die Infrastrukturangebote von Microsoft Azure oder Amazon Webservices.

Das Spiel der Infrastrukturen läuft auf „Meine Wolke, deine Wolke“ hinaus. Und die Gewinner des demografischen Wandels – die Digital Natives, deren erste Vertreter derzeit in die Arbeitswelt hineindrängen – werden darauf antworten: „Ach, was: unsere Wolke!“

Ist die Welt doch ein Ponyhof?

Wie fühlt man sich, wenn 75 Prozent der weltweiten Geschäftstransaktionen über die eigene Produktplattform abgewickelt werden? – Verdammt verantwortlich! Und zwar für alles!

Aber bislang vielleicht nicht verantwortlich genug, meinte jetzt SAP-Vorstandsvorsitzender Bill McDermott auf der SAPPHIRE Now in Orlando. Denn, so seine Selbstkritik, den Mitarbeitern des größten deutschstämmigen Softwarehauses habe es bislang an wichtigen Tugenden im Verantwortungsbewusstsein für deren Kunden vermissen lassen. Die wichtigste Tugend dabei sei die Empathie, das Mitfühlen mit den Geschäftsproblemen und Herausforderungen der Kunden.

Das klingt schon ein bisschen nach Ponyhof. Nur dass der weltweite SAPonyhof eine Multibillionen-Community der größten, erfolgreichsten und demnach auch anspruchsvollsten Unternehmen der Welt ist. Da darf man die Zügel nicht schleifen lassen. Das aber, auch diese Selbstkritik ließ der CEO in seiner im Gestus einer amerikanischen Vorwahlkampf-Rede vorgetragenen Keynote durchblicken, habe SAP getan, als man sich auf die Runderneuerung der eigenen Software-Suite konzentriert habe. Zwar hat SAP mit HANA eine zukunftsweisende Plattform in die Welt gestellt und mit S4Hana auch die Anwendungs-Suite dazu erneuert. Aber man habe dabei vergessen, dass dieser Wandlungsprozess nur mit und bei den Kunden erfolgreich sein kann.

Das aber haben im vergangenen halben Jahr zahlreiche CIOs zum Ausdruck gebracht. Der Message haben sie mit dem Hinweis auf die vielen Milliarden Dollars und Euros Nachdruck verliehen, die die SAP-Customer-Community bislang in ihre IT-Umgebung gesteckt hat. Und jetzt steht eine der größten Transformationen an, die die Menschheit je erlebt hat: die Digitalisierung der gesamten Geschäftsprozesse und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und dabei, bitte schön, möge die SAP nun ihren Kunden genauer zuhören, besser folgen und mehr Verständnis, mehr Empathie aufbringen.

Keine schlechte Forderung in einer Welt, in der Technik nur erfolgreich sein kann, wenn sie erfolgreich angewendet wird. Das gilt für Autobauer und Maschinenbauer ebenso wie für Dienstleister oder Produzenten, für Startups ebenso wie für mittelständische Familienunternehmen und Großkonzerne. Nur, von Zeit zu Zeit muss man dieses Business-Mantra ins Gedächtnis rufen. Denn Organisationen haben die Tendenz, auf sich selbst zu schauen, sich selbst zu optimieren und dabei den eigentlichen Daseinszweck zugunsten der Selbstbezüglichkeit zu verlieren.

Bill McDermott fügte dem Ponyhof-Mantra von der Kundenzuwendung zwei weitere SAP-Klassiker hinzu: Umfassende Vision gepaart mit dem Streben nach größtmöglicher Einfachheit. Aber über allem steht von nun an die Ausrichtung der SAP-Ziele auf die Ziele ihrer Kunden. Das ist doch schön.

Dass dem auch Taten folgen, hat SAP in den Tagen der SAPPHIRE Now zu beweisen versucht. Zum Beispiel mit der Ankündigung, noch enger mit Microsoft zusammenzuarbeiten. S4HANA gibt es nun vollständig integriert und verwaltet auf Microsofts Azure-Plattform, wobei Office-Funktionen und die Oberfläche Fiori noch enger zusammenwachsen. Auch mit Lenovo hat SAP seine Daten- und System-Management-Lösungen erweitert. Und nicht zuletzt haben sieben weltweit führende Unternehmen ihr Testimonial abgegeben, wie gut es jetzt mit der empathischen SAP in einem sich revolutionär verändernden Geschäftsleben klappt.

Die „beste SAPPHIRE Now aller Zeiten“, wie Bill McDermott sich selbst lobte, hatte doch etwas von einem Ponyhof. Nur, die Hürden sind deutlich höher. Und die Steaks sind heißer.

 

SAPple

In einer Welt, in der jeder jeden kaufen könnte, sind schon Kooperationen Anlass zur Spekulation. Es sollte eigentlich nichts Besonderes sein, wenn SAP mit Microsoft über eine engere Zusammenarbeit diskutiert. Immerhin sind gut und gerne 90 Prozent der Endgeräte, von denen aus auf SAP-Software zugegriffen wird, von Microsoft dominiert. Aber, dass dabei schon zweimal über eine Fusion der beiden Software-Riesen diskutiert worden sein soll, entfacht doch die Phantasie. Da muss man noch nicht einmal Verschwörungs-Fanatiker sein.

Jetzt verspricht Apple, die SAP-Software auf seine mobilen Geräte iPhone und iPad zu bringen. Eigentlich nur logisch. Denn die Welt der Gegenwart ist schon mobil – die Zukunft hingegen wird wearable und virtuell real. Da lohnt es sich, mit jedem der potentiellen Device-Designer zusammenzuarbeiten. Also eigentlich keine Nachricht, oder?

Oder doch? Anders als Microsoft hat sich Apple seit Jahrzehnten dem Markt für Geschäftskunden verweigert. Zwar gibt es eine hochloyale Geschäftskundschaft in der Kreativindustrie, aber der Markt für ERP-Systeme, über die Unternehmen ihre Geschicke und Geschäfte steuern, verzichtet weitgehend auf die Unterstützung aus Cupertino. Dabei sind doch gerade hier die langfristigen Bindungen möglich, die einen soliden Umsatzsockel sichern. Stattdessen ist Apple mit der Fokussierung auf das hoch volatile Privatkundengeschäft zur weltweit wertvollsten Firma emporgestiegen. Aber derzeit ist die Aktie im Sinkflug, Apple droht – wie schon einmal – die Spitzenpositionen an Alphabet (also Google) zu verlieren. Denn die nächsten Highflyer-Produkte, mit denen die nächste Umsatz- und Gewinnrakete gezündet werden kann, sind nicht in Sicht.

Jetzt soll also der direkte Zugriff auf die Hana-basierenden SAP-Anwendungen vom iPad und iPhone aus zusätzliches Geld in die Kassen spülen. Aber warum sollte das funktionieren? Die schon 2014 mit IBM eingegangene Partnerschaft hatte anscheinend nicht die erhofften Auswirkungen. Das freilich könnte an den seither kontinuierlich enttäuschenden Quartalsergebnissen von Big Blue liegen.

Da könnte die Partnerschaft mit den Walldorfern tatsächlich aussichtsreicher sein. SAP will seine Benutzeroberfläche Fiori auf die mobilen Apple-Geräte bringen und diese zugleich mit Afaria, den seinerzeit über Sybase erworbenen Tools fürs Gerätemanagement, weltweit ansteuern. Das könnte zumindest dem Arbeitsplatztrend entgegenkommen, wonach jeder Mitarbeiter sein eigenes Device auswählen und anwenden darf. Zudem wandelt sich der Arbeitsplatz derzeit ohnehin rapide. Ein fester Desktop klingt irgendwie nach 20. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert erfolgt das Unternehmensmanagement von unterwegs aus – und sei es aus Panama…

Die neue SAPple-Umgebung wird freilich gleich auch den Herausforderungen der digitalisierten Arbeits- und Fertigungswelt begegnen müssen. Ob dazu Gestensteuerung oder doch lieber gleich virtuelle Realität das Werkzeug der Zukunft ist, bleibt abzuwarten. Aber für beide Seiten dürfte es besser sein, diese Entwicklungsaufgaben gemeinsam anzugehen. Die Arbeiten an der Benutzeroberfläche Fiori hatten seinerzeit SAP-Entwickler ohnehin schon an den Rand des Wahnsinns getrieben. Das muss man nun nicht wiederholen, sondern kann es getrost den Experten überlassen. Die Expertise der SAP liegt nun mal eindeutig im Prozessumfeld und das liegt tief unter der Oberfläche.

 

 

SAP will wachsen wie ein Startup

Der Kurswechsel könnte fundamentaler kaum sein. Bis gestern galt bei Europas größtem Softwarehaus noch das Paradigma des traditionellen Dienstleistungskonzerns: je mehr Marge, desto glücklicher die Börse; je höher der Kurs, desto unwahrscheinlicher die feindliche Übernahme.

Jetzt will SAP lieber wachsen und Marktanteile gewinnen und dafür den Gewinn (ein wenig) aus den Augen verlieren. Es geht darum, in der Cloud so schnell wie möglich zum einzig bestimmenden Anbieter von Unternehmenslösungen zu werden, hieß es jetzt bei der Bekanntgabe der Jahreszahlen.

Dabei gilt, dass nach wie vor alles, was Unternehmer zum Optimieren ihrer eigenen Geschäftsprozesse benötigen, aus einer Hand – sprich: SAP – kommen soll. Aber die Walldorfer wollen nicht mehr notwendigerweise in die Hand des Kunden liefern. Denn statt des eigenen Rechenzentrums sollen Anwender künftig lieber auf die Cloud-Datacenter der SAP zurückgreifen. Ob das nun gehostete Anwendungsumgebungen sind oder tatsächliche Cloud-Dienste im Mietabonnement, ist SAP für die eigene Bilanz erstmal egal.

Stolz notiert man in Walldorf, dass mit Cloud-Geschäften – worin die auch immer bestehen mögen – ein Wachstum von 110 Prozent erreicht worden ist. Andere traditionelle IT-Anbieter wie IBM, Microsoft oder Oracle reklamieren für sich lediglich Wachstumsraten um 75 Prozent – wobei auch hier nicht ganz sauber definiert ist, was Cloud-Geschäfte eigentlich sind (und was nicht). Bei SAP beispielsweise werden Hosting-Leistungen ebenso eingerechnet wie die InMemory-Datenbank Hana, die nach SAP-Definition als hybrid gilt, also sowohl als auch eingesetzt werden kann.

Egal ist neuerdings auch die Größe des Kunden. In dieser Frage tobten bislang Glaubenskriege zwischen der Cloud-Fraktion und den Standard-Softwerkern bei der SAP: Konzerne nein, Konzerntöchter ja, Mittelständler sowieso, junge Unternehmen vielleicht – das war die Strategie, mit der SAP es sich ganz gemütlich in der Cloud bequem machen wollte, ohne den eigenen Markt zu kannibalisieren. Die Rechnung erfolgte freilich ohne den Wettbewerb, der wie zum Beispiel Microsoft zu einer Cloud-First-Strategie aufgerufen hat und massiv in die Wolke investiert. Die Rechnung ging aber auch nicht auf, weil Großkunden plötzlich angesichts überbordender Cyberattacken keine Lust mehr darauf haben, selbst für die Datensicherheit verantwortlich zu sein.

Mal abgesehen davon, dass sie jetzt das Versprechen der SAP einlösen wollen, in der Cloud wäre alles billiger. Teuer, das war gestern. Morgen, nämlich in zwei Jahren, soll SAP nun mehr Umsatz mit der Cloud machen als mit dem bestehenden Software-Lizenzgeschäft und Dienstleistungen. Dabei ist die Marge plötzlich nicht mehr so wichtig: Im Geschäftsjahr 2015 schaffte SAP zwar ein Umsatzplus von 18 Prozent auf nun stolze 20,8 Milliarden Euro. Der Gewinn aber sackte um sieben Prozent nach unten – auf immer noch ansehnliche 3,06 (Vorjahr: 3,28) Milliarden Euro.

Für mehr Wachstum sollen jetzt neue beziehungsweise ausgeweitete Kooperationen sorgen, um branchenspezifische Ergänzungen auf Hana-Basis zu erzielen. Neben der Produktion von Daten durch die ERP-Suite soll also immer stärker die Analyse der Daten durch Hana treten. Während die eigenen Rechenzentren eine SAP-only Location bleiben sollen, suchen die Walldorfer für hybride Anwendungen mit Lösungen von Dritten die Dienste anderer Cloud-Spezialisten – Microsoft oder T-Systems zum Beispiel. Da sollen dann auch Angebote, die Office 365 beinhalten, angesiedelt werden.

Marktanteile vor Gewinnanteile – das wird nun also der von Startups abgeguckte Strategiekern für die nächsten Jahre. Der Konzernumbau ist dafür schon im vollen Gange: Zwar sind im vergangenen Jahr netto rund 2500 Mitarbeiter mehr für SAP tätig. Rund 2000 Mitarbeiter haben aber das Frühverrentungsprogramm angenommen, weitere Tausend sind auf einen anderen Posten versetzt worden. Und bei drei Milliarden Euro Gewinn, die der Kriegskasse zugeschoben werden, braucht SAP – anders als Startups – derzeit keine zusätzliche Finanzierungsrunde…