Der Muff aus 30 Jahren

Alle reden von der neuen CEBIT – die jetzt mit großem E auftritt, weil sie – wie die Deutsche Messe selbst betont – jetzt erwachsen geworden ist. Dabei ist die entscheidende Nachricht die, dass die CEBIT wieder jung geworden ist, frisch, fröhlich und frei – jedenfalls draußen auf dem Freigelände.

Doch wir müssen zunächst von der alten CEBIT reden, ohne deren Verständnis der Wagemut der Messemacher rund um CEBIT-Chef Oliver Frese gar nicht zu würdigen wäre. Zwar sagt er selbst, dass draußen, auf dem zehn Fußballfelder großen Campus Festivalstimmung herrschte, während drinnen, in den (vergleichsweise wenigen) Hallen konkretes Geschäft lief. Also Ergebniswelt und Erlebniswelt in einem! Aber tatsächlich konnte man in den altbackenen Cubicals und Null-Acht-Fuffzehn-Ständen den Muff aus 30 Jahren riechen. Das war Alte CEBIT at its worst.

So hat die CEBIT ihre eigene Wandlung zur Schau gestellt. Das SAP-Riesenrad vor Halle 27 steht dabei beispielhaft für den frischen Wind, der übers Gelände fegte. Denn die Riesensause war ja eine Botschaft auf mehreren Ebenen. Das Spielgerät war erstens selbst ein Beispiel für Lösungen rund um das Internet der Dinge. Zweitens hat es dem berühmten Elevator-Pitch, der kurz-knappen Alleinstellungs-Message eine Plattform gegeben. Und drittens signalisierte es schlicht und schön: Hauptsache, Ihr habt Spaß!

Drinnen aber konnte man erleben, warum die Messe in den letzten Jahren so sehr an Attraktivität verloren hatte. In den meisten Hallen ist sie noch immer ein Spiegelbild jener muffigen mediokren Welt der Software- und Systemhäusler, der Hardware-Schrauber und Strippenzieher in ihren altbekannten dunkelblauen Vertreter-Anzügen. Nur die Krawatte abzunehmen, macht noch keinen Gründergeist.

Den gab es in Halle 27, die mit SCALE11 erfrischend anders war. Großflächig wurde hier ein Startup-Bazar eröffnet, in dem die Grenzen zwischen Ausstellern verschwanden. Für gegenseitige Besuche musste man keine Schwellenangst überwinden, wie das bei den klassischen Messeständen der Fall ist, die mit Stufe, Teppichboden und Tresen den Eindruck erwecken: Noch ein Schritt und du bist mir als Aussteller erbarmungslos ausgeliefert.

Dabei haben die großen Aussteller wie Microsoft oder die Deutsche Telekom, die sich entschieden haben, der CEBIT fernzubleiben (aber Werbung rund um die Fußball-Weltmeisterschaft zu schalten), mit Recht mehr Schlagzeilen gemacht, als die 2800 Aussteller, die sich für den Gang nach Hannover entschieden haben. Und natürlich haben wir wieder gezählt, wie viele Besucher die CEBIT anlockt. Während es in früheren Jahren hieß: „Turnschuhe unerwünscht!“, geht es in diesem Jahr darum, mit der CEBIT der Spiegel der gesamten Gesellschaft zu sein. Die Turnschuhträger von gestern sitzen heute in den Vorstandsetagen der Startups oder Systemhäuser oder sind selbst Chief Digital oder Chief Information Officer.

Der Snobismus der Fachbesucher und Aussteller ist gottseidank vorbei. Jetzt setzen wir auf Popularität und Ubiquität. Nicht nur ist jeder ein User und damit auch ein Experte für seinen persönlichen Beitrag zur Digitalisierung. Jeder ist auch selbst eine Datenquelle. Und jeder ist Teil mindestens einer Community. Egal, ob es sich dabei um Facebook-Freunde, Open-Sourcerer, SAP-Anwender, Car-Sharer, eSports-Gamer, Startup-Gründer, Lehrstuhl-Inhaber, IT-Leiter, Internet-Influencer oder Video-Freaks handelt.

Das ist der Geist, den wir von der CEBIT erhofft haben. Dass die Verantwortlichen rund um Oliver Frese dem Zeitgeist nachzuspüren verstehen, haben sie schon früher mit CEBIT-Slogans wie „Shareconomy“ oder „d!conomy“ gezeigt. Aber ein solches Messe-Motto wirkte immer ein bisschen aufgesetzt. Aufgesetzt auf den Muff aus 30 Jahren. Jetzt aber weht frischer Wind. Es war noch kein Sommermärchen wie bei der Expo2000. Aber ein verheißungsvolles Frühlingserwachen. Die CEBIT verdient eine zweite Chance nächstes Jahr. Die Aussteller haben ein Jahr Zeit, ihre langweiligen Messekonzepte zu überdenken, und die Ausstelller, die dieses Jahr nicht da waren, haben die Chance, davon zu lernen und nächstes Jahr wohl vorbereitet wieder auf der CEBIT auszustellen.

 

 

Hingehen oder fernbleiben?

Hingehen oder fernbleiben? Das ist die zentrale Frage dieses Sommers. Sollen die Spitzenpolitiker in den führenden Staatsämtern die Weltmeisterschaft 2018 in Russland besuchen? – Ja oder Nein? Und ebenso wichtig: Sollen wir anderen diese Woche zur CEBIT nach Hannover gehen? Ja oder Nein.

Die Kanzlerin hat sich wohl entschieden: Sie geht nicht zur CEBIT-Eröffnung. Ob sie aber auch der Versuchung widerstehen wird, nach einer erfolgreichen Titelverteidigung „der Mannschaft“ einen Kabinenbesuch abzustatten, liegt zunächst einmal nicht in ihren Händen, sondern in den Füßen der Kicker.

Die Entscheidung für einen CEBIT-Besuch können wir alle alleinverantwortlich treffen. Und es gibt gute Gründe, in diesem Jahr wieder nach Niedersachsen zu pilgern. Gerade weil es diesmal kein Business as usual ist. Gerade weil die CEBIT nun zum ersten Mal im Sommer stattfindet. Gerade weil die Messe keine klassische Sammlung von mehr oder weniger großen Hasenställen mehr ist, in denen auf Bildschirmen die Wirklichkeit abstrahiert wird. Denn gerade weil die Wirklichkeit auf dieser Eventmesse unvermittelt und ungefiltert stattfindet, sollten wir dabei sein.

Die CEBIT sei nur ein aktueller Abklatsch der Trendmesse South by Southwest, sagen die Kritiker der neuen CeBIT .Dort treffen ich die hippsten Internauten, um sich über autonomes Fahren, kognitives Computing und virtuelle Realität zu unterhalten und dabei – ganz nebenbei – auch noch über die Unsterblichkeit zu philosophieren.

Auf der CEBIT ist Informationstechnik überall. In jedem Lebensbereich nutzen wir inzwischen kleine digitale Helferlein, die als Smartphone in unseren Taschen stecken, sich als Smart Watches um unsere Handgelenke schmiegen oder als Datenbrillen auf der Nasenspitze sitzen. Digitalisierung führt nicht zur Interpretation der Realität, sondern ist bereits die Wirklichkeit selbst. Sie ist ebenso sehr Ergebniswelt wie auch Erlebniswelt.

Und das ist die CeBIT auch   – also hingehen!

 

Digital ist nicht gleich digital

Die Weltwirtschaft boomt – trotz drohender Handelskriege und Schuldenkrisen. Zwar gibt es erste Eintrübungen im Aufschwung, doch der private Konsum scheint ungebrochen. Kein Wunder also, dass mittelständische Unternehmen investieren wie lange nicht. Angesichts überfüllter Auftragsbücher und Reichweiten bis in das nächste Jahr hinein haben gerade Unternehmen im Familienbesitz, die für gewöhnlich aus den eigenen Finanzmitteln heraus investieren, die Gewissheit, dass die Konjunktur Substanz hat und die Investitionen von heute auch morgen noch tragen.

Dabei zeigen die Konjunkturbarometer derzeit kein einheitliches Bild. Anders als der Ifo-Geschäftsklimaindex ist der Mittelstandsindikator der DZ Bank noch immer aufwärtsgerichtet. Den Unternehmen geht es aber nach beiden Indizes gut und sie versuchen daraus zunehmend Kapital zu schlagen. Ein Viertel der Mittelständler plant unter anderem auf der Basis der Vollauslastung, ihre Preise demnächst zu erhöhen, haben die Ökonomen der DZ Bank in ihrem Frühjahrsbericht ermittelt. Im vergangenen Halbjahr haben bereits 37,6 Prozent der Unternehmen die Preise angehoben.

Auch wenn die Spitzenwerte der letzten Quartale Vergangenheit sind: Angesichts der unverändert boomenden Konjunktur investieren die mittelständischen Unternehmen hierzulande in drei Richtungen:

  • Sie wollen erstens ihre Kapazitäten ausweiten. Dabei zielen sie auf zusätzliche Fertigungsstraßen und denken sogar mit den Betriebsräten über eine dritte Schicht nach.
  • Sie investieren zweitens in eine erhöhte Effektivität, indem sie die Fertigungsprozesse über das gesamte Liefernetzwerk und in den eigenen Hallen optimieren.
  • Und sie investieren in die Weiterentwicklung ihrer Produkte. Denn die Entwicklungsarbeiten von heute bestimmen die Nachfrage von morgen. Tatsächlich hat der deutsche Mittelstand durchaus den Ruf, an der Spitze der Sach- und Fach-Innovationen zu stehen.

Aber er hat auch den Ruf, die digitale Wende zu verschlafen. Seit gut einem halben Jahrzehnt ertönen die Kassandra-Rufe über den Mittelstand, der die nächste und übernächste Technologiewelle verschläft, weil er pragmatisch an das aktuelle Geschäft denkt und dabei das Business von morgen übersieht. Tatsächlich betonen mittelständische Entscheider in jeder Studie, die zu diesem Thema aufgelegt wird, dass sie in Effektivitätssteigerung, Kostensenkung und Senkung der Kapitalbindung investieren. Auf der anderen Seite des Atlantiks geben die Unternehmer hingegen zu Protokoll, dass sie in die Ausweitung der Märkte, in die Erhöhung der Umsätze und die Verbesserung der Kundenkommunikation investieren. Alle drei Zielsetzungen sind Königsdisziplinen des digitalen Wandels. Die deutschen beziehungsweise europäischen Investitionsziele hingegen sind die Erträge aus der guten alten Geschäftsprozessoptimierung – ohnehin seit Jahrzehnten eine Paradedisziplin des deutschen Mittelstands.

Wie viel Digitalisierung wirklich in den Investitionsplänen des deutschen Mittelstands steckt, hat jetzt dankenswerterweise die Fachhochschule St. Gallen für den „großen Kanton“, wie die Schweizer ihren nördlichen Nachbarn nennen, ermittelt. Dabei zeigt sich: digital ist noch lange nicht digital. Denn welche Technologie und welchen Einsatzbereich die Mittelständler tatsächlich mit dem Begriff „Digitalisierung“ assoziieren, scheint äußerst unterschiedlich zu sein. So endet für viele das digitale Engagement bereits bei der Erstellung einer eigene Webseite mit Webshop, bei einem kundenorientierten Newsletter oder bei einer Kunden-Hotline, die rund um die Uhr verfügbar ist.

Generell wird Digitalisierung zwar mit den Begriffen wie Digitale Marktplätze, Plattformen, Big Data, Industrie 4.0, Digitale Fertigung, Online Marketing, Internet der Dinge (IoT) verbunden – die Investitionen in diesen Segmenten stehen dahinter aber weit zurück. Dabei gibt es nicht den Mittestand. Das Verständnis und der Durchsetzungsgrad der Digitalisierung ist je nach Branche unterschiedlich. Wo aus Kapazitätsgründen in neue Fertigungsstraßen investiert wird, nimmt auch die Digitalisierung Einzug. Wo hingegen neue Geschäftsprozesse durch Digitalisierung neues Business bringen könnte – in so unterschiedlichen Branchen wie Gastronomie und im Baugewerbe beispielsweise – hält der digitale Wandel derzeit kaum Einzug.

Und generell kann gesagt werden: Wo Digitalisierung eine (disruptive) Veränderung der Produkte, der Kundenkommunikation oder gleich des gesamten Geschäftsmodelles bedeuten würde, ist die digitale Veränderungsbereitschaft noch gering ausgeprägt.

Das klingt gefährlich. Denn wo die Risiken der Digitalisierung höher eingeschätzt werden als deren Chancen wird womöglich übersehen, dass kein digitaler Wandel das größtmögliche Risiko bedeuten würde.

Digital ist nicht gleich digital. Aber egal sollte es auf keinen Fall sein.

 

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