Groko-Deal

Dass die Bildung einer Bundesregierung einhellig begrüßt wurde, ist in der Bundesrepublik Deutschland eher die Ausnahme. Der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt beispielsweise wurde offenes Misstrauen entgegen gebracht. Dem als „Birne“ verunglimpften Helmut Kohl wurde zu Beginn seiner Amtszeit nachgesagt, auch die kleinsten Probleme seien für ihn „eine Nummer zu groß“. Der rot-grünen Koalition wurde zunächst allenfalls Experimentalstatus zugebilligt.

Was sich allerdings in den vergangenen Wochen in den öffentlichen Kommentierungen abspielt, ist schlicht beispiellos und gipfelte in den Würdigungen zum Koalitionsvertrag, der „kein Dokument des Aufbruchs, sondern eine Dokumentation des Scheiterns“ sei. Ein „roter Faden der Wirtschaftsfeindlichkeit“ durchziehe das Papier, dessen Vereinbarungen „noch scheußlicher als erwartet“ ausgefallen seien. Die Liste der Sottisen ließe sich beliebig fortsetzen.

Diese Bundesregierung hat bereits verloren, ehe sie überhaupt begonnen hat. Dazu hat sie zugegebenermaßen auch selbst nach Kräften beigetragen. Nach einer Wahl, die uns den größten Bundestag aller Zeiten mit so vielen Parteien wie nie und völlig unklaren Machtverhältnissen bescherten, folgten Sondierungen, Verhandlungen, Ultimaten, Rücktritte, Rücktritte von Rücktritten und Wiederaufnahmen der Sondierungen und Verhandlungen. Außer einer Diätenerhöhung sind ein knappes halbes Jahr lang kaum substantielle Entscheidungen gefallen. Eine der reichsten Industrienationen der Welt gönnte sich eine politische Auszeit.

Dieses politisch-mentale Sabbatjahr kann sich die Wirtschaftsmacht Deutschland nur leisten, weil der Standort seit Jahren ungebrochen boomt. Allein der Export wuchs im zurückliegenden Jahr noch einmal um 6,3 Prozent auf 1,3 Billionen Euro. Und mit seiner Prognose von 2,7 Prozent Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr geht beispielsweise Mar­tin Wans­le­ben, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Indus­trie- und Han­dels­kam­mer­tags (DIHK), sogar noch über die Erwartungen der Bundesregierung hinaus, warnt aber zugleich, dass man nicht davon ausgehen dürfe, dass das immer so weiter gehe.

Denn in der Tat ist der deutsche Boom gefährdet. Die Digitalisierungswelle ist im Begriff, wie ein Tsunami über „blühende Landschaften“ hinwegzufegen und völlig neue Verhältnisse zu hinterlassen. Deshalb ist es kritikwürdig, dass dieser Bundesregierung ausweislich ihrer Koalitionsvereinbarung jegliche digitale Vision abzugehen scheint. Ein „Recht auf schnelles Internet“ klingt vordergründig gut, ist aber so unzureichend wie alle Digitalisierungsstrategien der letzten drei, vier Bundesregierungen. Wir leisten es uns nicht nur, mit dem Breitbandausbau im europäischen Vergleich weiter zurückzufallen und nur noch mühsam überdurchschnittlich zu sein. Wir leisten es uns auch, im Gesundheitswesen, in der Entbürokratisierung, im Verkehrswesen und in der Wirtschaftspolitik ohne eine globalstrategische Vision für ein Leben in Digitalien auszukommen. Das ist grob fahrlässig.

Allerdings weist das Groko-Bashing der letzten Tage von den eigenen Versäumnissen der Wirtschaft weg. Nach einer jüngsten Umfrage des Bitkom-Verbands hinken deutsche Unternehmen beim Entwurf einer Digitalstrategie und erst recht bei ihrer Umsetzung hinterher. Die Nutzung neuester Technologien geschieht hierzulande eher widerwillig oder zögerlich. Bewährtes wird lieber bewahrt, Umwälzendes eher abgewälzt.

Es könnte also durchaus sein, dass das Ende des Booms nicht durch eine verfehlte Politik der Bundesregierung eingeleitet wird, sondern durch verpasste Innovationspotentiale in der Wirtschaft. Es reicht nicht, Bandbreiten zu fordern und gleichzeitig die Antwort auf die Frage, wofür man sie denn nutzen möchte, zu verweigern. Ein Digitalministerium würde den Standort Deutschland auf dem Weg in den digitalen Wandel nicht weiterbringen, wenn es nicht gleichzeitig zu einer „konzertierten Digitalaktion“ aus Wirtschaft und Politik kommt.

Was wir wirklich brauchen, ist ein gesellschaftlicher Konsens darüber, wie wir in einer digitalen Welt leben und arbeiten wollen. Wir müssen nicht nur neue Lebensentwürfe, sondern auch neue Geschäftsmodelle entwickeln, die uns in das digitale Jahrtausend begleiten. Eine solche „konzertierte Aktion“ zur Digitalisierung wäre wahrhaftig ein Groko-Deal, über den man keine Tränen vergießen müsste.

 

Amicus Stay Home

Seit sechs Jahren geht der Absatz von Personal Computern und Laptops stetig zurück. Nach den Berechnungen der Gartner Group wurden im zurückliegenden Jahr noch 260 Millionen Rechner verkauft – vor vier Jahren waren es noch 320 Millionen Stück. Lange Zeit war der PC unser bester Freund. Fünf mobile Geräte entfallen inzwischen auf jeden auf der Welt installierten PC. Wenn wir das Haus verlassen, sind es die Tablets, Smartphones und Netbooks, die wir mitnehmen. Zu unserem langjährigen Freund, dem PC, aber sagen wir: „Amicus Stay Home“.

Von dieser Entwicklung profitieren diejenigen, die rechtzeitig auf den Technologiewandel gesetzt haben – allen voran Apple mit dem iPhone und die Anbieter von Android-Geräten wie zum Beispiel Samsung. Wer neben PCs auch Server in der Angebotspalette hat, muss – vorerst – nicht um sein Geschäft bangen, denn in die weltweiten Data Centers wird kräftig investiert. Denn erst die Cloud macht mobile Computing so richtig schön. Nach Einschätzung von McKinsey werden in diesem Jahr 80 Prozent aller bestellten Server in Rechenzentren aufgestellt. Doch auch hier droht ein langfristiger Marktschwenk. Immer mehr Server werden in Asien hergestellt oder als sogenannte „weiße Marken“ zum Selberbauen angeboten. IDC schätzt, dass im Jahr 2020 jeder zweite Server „Marke Eigenbau“ sein wird. Public Clouds werden zum Mainstream. Dem eigenen Rechenzentrum sagen wir „Amicus Ade“.

Kein Wunder: die Cloud-Betreiber bieten ein Sicherheitsniveau, das zu wirtschaftlichen Bedingungen im eigenen Rechenzentrum nur erreicht werden kann, wenn man es konsequent vom Internet abschottet. Aber wo bliebe dann der Mehrwert, der sich aus der Digitalisierung und dem Internet der Dinge ergibt? Cloud Services sind inzwischen unsere liebgewordenen Freunde, zu denen wir sagen: „Amici Stay with Us!“

Aber wir begegnen auch völlig neuen Gefahren in dieser cloudifizierten Welt – und selbst unsere besten Freunde könnten da zu unseren Gegnern werden. Davor warnen jetzt der Hightech-Verband Bitkom, der Bundesverband der Deutschen Industrie und die Deutsche Industrie- und Handelskammer mit Blick auf eine anstehende Entscheidung des Obersten Gerichtshofs in den USA. Darin geht es um den seit Jahren anhängigen Rechtsstreit der US-Bundesregierung mit Microsoft, wonach der Cloud-Anbieter auch dann personenbezogene Daten herausgeben muss, wenn diese außerhalb der USA, also zum Beispiel in Europa, gespeichert sind. Die Begründung im so genannten „New York Search Warrant Case“ ist einfach: US-Unternehmen unterliegen auch dann US-amerikanischem (Zugriffs-)Recht, wenn es sich um Aktivitäten außerhalb der USA handelt.

Microsoft hat die Zeit der Verhandlungen genutzt, um sich zumindest in Deutschland vor dem drohenden Zugriff zu schützen. Zwei Rechenzentren hierzulande wurden in die treuhänderische Verantwortung der Deutschen Telekom gegeben, die nun wirklich kein US-Unternehmen ist und damit per se nicht den Zugriffsrechten der US-Behörden unterliegen kann. Hier gilt: „Ami Stay Out“.

Doch sollte der Oberste Gerichtshof – was zu befürchten ist – eine Entscheidung zugunsten der US-Behörden treffen, dann wäre dies ein tiefgreifender Eingriff in deutsches Datenschutzrecht. Denn wenn sie sich im Falle eines Falles einem Auslieferungsbegehren für personenbezogene Daten aus den USA gegenübersehen, verstoßen sie im Verweigerungsfall gegen US-Recht. Und wenn sie dem Begehren nachgeben, wäre deutsches Recht gebrochen. Dann wäre also der Freund des Freundes Wolf. Oder im schönsten Juristenlatein: „Amicus amicum lupus“.

Dabei haben die Deutschen kaum Rechtsmittel an der Hand, um hier auf den Obersten Gerichtshof in den USA einzuwirken. In einem sogenannten „Amicus-Schreiben“, das in Rule 37 Abs. 1 der Verfahrensordnung des US Supreme Court dritten, nicht direkt am Rechtsstreit beteiligten Personen oder Personengruppen erlaubt, Stellung zu beziehen und zusätzliche Rechtsfragen aufzuwerfen, hat der Bitkom jetzt das Dilemma beschrieben. Zur Zusammenarbeit mit ausländischen Behörden gebe es bestehende Rechtshilfeabkommen, die nicht dadurch umgangen werden dürften, dass US-Behörden unmittelbaren Zugriff auf Daten in Europa verlangen.

Waren das noch Zeiten, als wir unsere Daten auf dem PC gespeichert hatten. Da sind sie zwar den pausenlosen Hackerangriffen aus dem Internet ausgesetzt, vor denen wir uns in der Regel nur notdürftig schützen. Aber wir mussten wenigstens nicht mit der Herausgabe an US-Regierungsbehörden rechnen. Denn „Amicus Stay Home“ bedeutet eben auch: „Ami Stay Out“.

Der große Graben

Die Debatte um die digitale Transformation und ihre Bewältigung folgt üblicherweise einem bewährten Narrativ. Es dient als Hypothese, die in Studien bestätigt wird. Es ist die Basis für Fördermittelvergabe an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft. Und es ist die Grundlage für Lobbyisten und Politiker. Das Erzählmotiv geht ungefähr so:

Auf der einen Seite steht der deutsche Mittelstand, der sich nur zögernd gegenüber den Möglichkeiten der Digitalisierung öffnet. Da mittelständische Unternehmen für gut zwei Drittel der deutschen Wirtschaft stehen, ist der Standort Deutschland in Gefahr.

Auf der anderen Seite stehen die deutschen Startups, die sich disruptiv mit der Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle befassen. Da in Deutschland eine intensiv gelebte Gründerkultur fehlt, gibt es viel zu wenige dieser Hoffnungsträger. Deshalb ist der Standort Deutschland in Gefahr.

Dabei wird unterstellt, dass die einen – der Mittelstand – eine aussterbende Spezies sind, weil es ihr nicht gelingt, sich an die Herausforderungen des digitalen Ökosystems anzupassen. Die anderen – die Startups – verhungern auf der Suche nach Kapital und Kunden im digitalen Ökosystem. Deshalb werden Fördermaßnahmen gefordert, die das „Survival of the Unfittest“ sicherstellen sollen.

Die wichtigste Fördermaßnahme aber liegt gar nicht in den Händen der Politik. Sie liegt in den Händen der Beteiligten selbst, wie das Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft (HIG) jetzt in einer breit angelegten Studie herausgearbeitet hat: Die wichtigste Fördermaßnahme besteht in der Überwindung des großen Grabens zwischen Mittelstand und Startups. „Learn, Match and Partner“ – empfehlen die Studienautoren nach gut 70 Interviews auf beiden Seiten des Atlantiks. Den während es dem Mittelstand an der Agilität fehlt, um neue Geschäftsmodelle aus den bewährten Strukturen herauszuheben, fehlt es den Startups an Kunden. Im Grunde also sind Mittelständler und Startups die idealen Partner, weil jeder hat, was dem anderen fehlt.

Es gelingt nur bislang viel zu selten, den großen Graben zwischen beiden zu überwinden. Einen Grund dafür sehen die Studienautoren in den geschlossenen Innovationsprozessen, die im Mittelstand immer noch bevorzugt werden. Zwar ist es inzwischen kaum noch möglich, die für Neuerungen notwendigen Kompetenzen sämtlich im eigenen Haus vorzuhalten, aber die meisten mittelständischen Unternehmen blieben trotzdem diesem Prinzip treu. Wenn sie Kooperationen suchen, dann in der eigenen Branche, besser noch innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette.

Ein offener Innovationsprozess hingegen sucht die Kompetenzen möglichst außerhalb des eigenen Ökosystems – entweder, indem eigene Ideen mit Hilfe des Marktes weiterentwickelt werden (also Inside-Out) oder, indem Innovationsansätze von außerhalb aufgenommen und mit der eigenen Expertise, zum Beispiel bei der Fertigung, umgesetzt werden (Outside-In).

Soweit die Theorie. In der Praxis aber, das haben die Interviews und Workshops gezeigt, die der Studie zugrunde liegen, prallen mit Startups und Mittelstand zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dabei sind es interessanterweise die Kunden, die die Unterschiede in den Denkschulen der beiden potentiellen Kooperationspartner ausmachen. Mittelständische Unternehmen verfügen in der Regel über einen loyalen Kundenkreis und richten den überwiegenden Teil ihrer Aktivitäten darauf aus, diese Kundenbindung durch eine vorsichtige Produktpolitik und Stetigkeit in den Geschäftsprozessen zu erhalten. Startups hingegen verfügen über kaum nennenswerte Kunden, auf deren Bedürfnisse es Rücksicht zu nehmen gilt, und können den Markt ohne Scheuklappen analysieren und umkrempeln.

Startups sind „Explorer“, Etablierte sind „Exploiters“. Aber aus diesem Clash of Cultures können echt Innovationen entstehen. Dass dafür in Deutschland die Voraussetzungen nahezu ideal sind, hat jüngst der 5. Deutsche Startup Monitor vorgeführt. Die Untersuchung der Startup-Szene in Deutschland, die vom Bundesverband Deutsche Startups in Zusammenarbeit mit KPMG durchgeführt wird, bekräftigte die Einschätzung, dass der größte Teil der deutschen Neugründungen auf Business-to-Business-Beziehungen setzt. Sie sind also ähnlich ausgerichtet wie ihre potentiellen Kooperationspartner aus dem Mittelstand.

Der Startup-Verband, der in diesen Tagen sein fünfjähriges Bestehen feiert, hat daraus Konsequenzen gezogen. Der wesentliche Teil der Verbandsarbeit zielt inzwischen auf die Überwindung des großen Grabens. Matchmaking-Events, Fördermitgliedschaften und Wirtschafts-Netzwerke sollen die Zusammenarbeit zwischen Startups und Mittelstand stimulieren. Denn Startups gelten als „Mittelstand von Morgen“. Aber sie sollen nicht den Mittelstand von heute ablösen, sondern mit ihm kooperieren. Der wichtigste Schritt auf dem Weg in die Digitalisierung ist damit ein großer Sprung: der Sprung über den großen Graben.

Die Schlafwandler

Das altbekannte Lied vom orientierungslosen Mittelstand, der wie ein Schlafwandler durch die Nacht des digitalen Wandels irrt, hat jetzt eine unüberhörbare Zweitstimme erhalten: Auch die börsennotierten Großkonzerne werden von Unternehmenslenkern geführt, die kaum nennenswerte digitale Kompetenz aufweisen. Schlimmer noch: den Vorständen wird sogar überhaupt unternehmerische Kompetenz abgesprochen. Gründergeist, die Fähigkeit zur Transformation und Entrepreneurship sind in den Chefetagen der deutschen Aktiengesellschaften seltene Tugenden.

Zu diesem starken Urteil kommen jedenfalls Prof. Dr. Julian Kawohl, Inhaber der Professor für Strategisches Management an der Hochschule für Technik und Wirtschaft (htw) in Berlin, und Dr. Jochen Becker vom Investment Lab Heilbronn nach der Lektüre von gut 400 Lebensläufen der DAX- und MDAX-Vorstände. Süffisant urteilt der Management-Professor Kawohl in seiner Studie, dass die wichtigsten börsennotierten Unternehmen bei der Besetzung der Vorstandteams großen Nachholbedarf hätten, wenn es um die Kompetenzfelder Entrepreneurship, Gründergeist und Digitalerfahrung gehe. Offensichtlich werde der unternehmerische Ansatz bei der Auswahl von Vorständen nicht hoch genug bewertet.

Damit befindet sich der so oft gescholtene deutsche Mittelstand in bester Gesellschaft – was die Orientierungslosigkeit in Bezug auf die Digitalisierung angeht. Dagegen werden aber gerade den Familienunternehmen Bestnoten bei der unternehmerischen Kompetenz verliehen. Dabei ist es eher Augenmaß als Risikofreude, was die mittelständischen Lenker antreibt, die deshalb auch angesichts der digitalen Herausforderung ebenso zögerlich sind wie die Konzern-Vorstände.

Hinzu kommt, dass mittelständische Geschäftsführungen und DAX-Vorstände deutlich überaltern. Ein Durchschnittsalter von 52,6 Jahren hat die Studie demnach ergeben. Nur ein Prozent aller Vorstände kommt aus der sogenannten Generation Y – also der nach 1980 Geborenen. Und dieses eine Prozent befindet sich praktisch komplett in der Chefetage von Zalando, wo das Durchschnittsalter bei 33,7 Jahren liegt. Dabei, so zeigen andere Studien, nimmt die Bereitschaft zur Innovation und Investition ohnehin im Alter ab. Darunter leidet vor allem der deutsche Mittelstand mit seinem hohen Anteil an Unternehmern im Rentenalter.

Nur jedes zwölfte Vorstandsmitglied bringt nach der Kawohl-Analyse überhaupt so etwas wie Digitalkompetenz aus dem vorherigen Job mit. Da ist es geradezu folgerichtig, dass die deutschen Konzerne bislang vor allem Abwehrmaßnahmen gegenüber der digitalen Transformation eingeleitet haben. Erst allmählich bricht sich dabei auch ein Verjüngungsprozess Bahn. Es gehört inzwischen zum guten Unternehmerton, einen Chief Digital Officer einzukaufen, der typischerweise von einem der Internet-Giganten wie Apple, Amazon oder Google abgeworben wurde. Sie sollen nach und nach die Schlafwandler in den Chefetagen aufwecken.

Nur wenige Unternehmen finden Gnade vor dem vernichtenden Urteil des Management-Professors. Allen voran und nicht wirklich überraschend gilt SAP als das digitalste unter den DAX-Unternehmen. Dahinter folgen Adidas, Airbus, Beiersdorf, Deutsche Bank und Deutsche Telekom. Und SAP-CEO Bill McDermott ist in den Augen der Analysten geradezu ein Vorzeige-Unternehmer. Dass der US-Amerikaner zugleich auch der mit Abstand am besten verdienende DAX-Chef ist, bekommt somit im Nachhinein noch ein professorales Placet.

Man mag die Studie als überzogen ablehnen und den Daimler-Chef Dieter Zetsche als lebendes Gegenbeispiel hervorheben, dass auch unter angejahrten Unternehmern so etwas wie der Wille zur Erneuerung zu finden ist. Tatsächlich aber lassen sich die Fakten nicht von der Hand weisen: die deutschen Unternehmer ergrauen, die Vorstandsetagen vergreisen.

Darin liegt eine ungeheure Chance. Wer heute durch die digitale Hintertür in die Chefetagen vordringt, hat gute Chancen, die Transformation der deutschen Wirtschaft aktiv zu gestalten. Es liegt an den Aufsichtsräten und Firmeninhabern diesen Verjüngungsprozess voranzutreiben und die Schlafwandler zu wecken. Das ist nicht ganz einfach, sagen Schlafforscher, aber ungefährlich.