Noch kein Lebenswerk

Was könnte man mit seinem Leben noch vorhaben wollen, nachdem man – plötzlich, aber nicht unerwartet – mit sofortiger Wirkung von seinem Posten als Chief Executive Officer des größten europäischen Softwarehauses zurücktritt? Bill McDermott schloss zum Wochenende für sich das „Kapitel SAP“ ab – aber das Lebenswerk des heute 58jährigen dürfte noch als unvollendet gelten…

Dem Rücktritt in der Nacht zum Freitag ging offenbar ein Gespräch mit Aufsichtsratsvorsitzendem und SAP-Gründer Hasso Plattner voraus. „Ich habe mit Hasso offen besprochen, dass es unwahrscheinlich sei, dass ich meinen Vertrag als CEO im kommenden Jahr noch einmal verlängere“ heißt es in einer internen Mail an die Mitarbeiter. Zwar lässt die Formulierung offen, aus wessen Sicht die Verlängerung des Vertrages, der noch bis 2021 geht, „unwahrscheinlich“ ist. Die Unmittelbarkeit des Abgangs zu Beginn des vertriebstechnisch wichtigen vierten Quartals lässt dringende Gründe vermuten. Auch die Tatsache, dass Bill McDermott noch im November seine Strategie zur Effizienzsteigerung verkünden wollte, auf die er nun verzichten wird, lässt aufhorchen. Es wäre die Chance gewesen, seinen beiden Nachfolgern als Co-CEO – Jennifer Morgan und Christian Klein – ein Vermächtnis zu hinterlassen.

Die Fußstapfen, in die die beiden Vorstandskollegen treten, sind ohnehin groß: Bill McDermott hat den Weg des Softwarekonzerns in die Cloud bereitet – und das gegen einen durchaus erbitterten unternehmensinternen Widerstand. Lange – vielleicht zu lange – hat der Weltkonzern auf das alte Geschäftsmodell mit Softwarelizenzen beharrt und wichtiges Terrain an Wettbewerber wie zum Beispiel Microsoft verloren.

Noch wichtiger mag der Verlust an Kundenbindung sein – eine wichtige Voraussetzung für ein erfolgreiches Cloud-Geschäft, in dem die Retention-Rate, also die Quote der verlängerten Cloud-Verträge, über den langfristigen Geschäftserfolg entscheidet. Nachdem mehrere Großkunden ihr Schweigen brachen und über die wirtschaftlichen Auswirkungen fehlgeschlagener Einführungsprojekte öffentlich lamentierten, war die SAP-Festung erschüttert. Eine erkleckliche Anzahl von Anwendern ist offensichtlich auf der Suche nach Alternativen.

Und auch der personelle Umbau ist bei weitem nicht abgeschlossen. Rund 4000 Mitarbeiter aus nicht zukunftsträchtigen Bereichen will der Softwarekonzern dem Vernehmen nach ab- und gleichzeitig neue Arbeitsplätze rund um künstliche Intelligenz aufbauen. Der Schwenk soll bereits jetzt eine Milliarde Euro an Abfindungen etc. verschlungen haben. Jennifer Morgan und Christian Klein müssen hier ansetzen.

Dennoch: die Vorschau auf die Ergebnisse des soeben abgeschlossenen dritten Quartals, die SAP parallel zur „Personalie McDermott“ aussendete, ist anständig: Der Erlös wuchs im Jahresvergleich um 13 Prozent auf 6,8 Milliarden Euro, wobei ein Gewinn von 1,26 Milliarden Euro und damit 30 Prozent mehr als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum entstand. Den eingeleiteten Richtungswechsel machen die Cloud-Zahlen deutlich: Der Umsatz in dieser Sparte, die von der neuen Co-CEO Jennifer Morgan geleitet wird, wuchs um 37 Prozent. Mit verantwortlich für diesen Anstieg ist ein Drei-Jahres-Vertrag mit einem „größeren Partner“, wie es ein wenig geheimnistuerisch hieß.

Es wird nicht überraschen, wenn Bill McDermott in kürzester Zeit wieder aus der Wolke auftaucht, in die er sich jetzt kurzerhand zurückzuziehen scheint. Er verlässt die SAP zu einem für ihn perfekten Zeitpunkt mit guten Zahlen, erfolgreich eingeleiteter Restrukturierung und einem runderneuerten Geschäftsmodell. Kein Wunder, dass ihm Aufsichtsrat und Vorstand zum Abschied Kränze winden: Man stehe auf den Schultern eines „sprichwörtlichen Giganten“, wird Jennifer Morgan zitiert. Und Hasso Plattner, der Bill McDermott 2010 nach dem Abgang von Léo Apotheker zusammen mit Jim Habemann-Snabe als Co-CEO etabliert hatte, würdigt dessen langfristige Weichenstellungen, die noch in zehn Jahren ihre Auswirkungen für das Unternehmen haben würden.

Bis dahin werden wir das begnadete Verkaufstalent mit Sicherheit wiedersehen – ob in der Wirtschaft als CEO eines Digitalkonzerns oder in der Politik, bleibt abzuwarten. Schon 2016 kursierten Gerüchte, Bill McDermott könnte seinen Hut in den nächsten Wahlkampf um das Amt des US-Präsidenten werfen – als unabhängiger Kandidat. Die Gerüchte waberten allerdings um den „April Fools´ Day“ herum, verschwanden jedoch nie so ganz. Bill McDermotts Lebenswerk ist noch nicht vollendet – wir warten auf die Fortsetzung.

Mittel für den Mittelstand

Einen „Liebesbeweis“ nennt die „Tagesschau“ den jüngsten Vorstoß von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier, nachdem er erhebliche Steuerentlastungen für die 99,6 Prozent aller deutschen Unternehmen, die dem Mittelstand zugeordnet werden, angekündigt hatte. Sein jüngstes Kalkül: ein Steuerdeckel für Personenunternehmen bei höchstens 45 Prozent, ein Sozialabgabendeckel und Senkung des Arbeitslosenbeitrags sollen im Mittelstand Mittel locker machen, die wiederum in Innovationen und Investitionen fließen.

Natürlich, wenn künftig eingehaltene Gewinne nur noch mit 25 Prozent besteuert werden sollten, wären mehr liquide Mittel im Mittelstand verfügbar, um auf dem Weg von analog zu digital schneller voranzuschreiten. Allerdings: in den Zeiten starker Konjunktur, als die Mittel fehlten, weil Großprojekte vorfinanziert werden mussten, war die Bereitschaft zur grundlegenden Erneuerung auch nicht gerade ermutigend. Die zahllosen Studien über den Mittelstand als digitales Mittelmaß stimmen nicht gerade positiv.

Das gilt auch für die jüngste Umfrage zum Thema. 39 Prozent der vom Beratungsunternehmen Comteam laut Handelsblatt befragten Führungskräfte aus Unternehmen der deutschen Wirtschaft mit zwischen 1000 und 10.000 Mitarbeitern sieht sich nach wie vor für den digitalen Wandel, neue Ausbildungsmethoden wie eLearning oder bezogen auf eine datengetriebene Unternehmenskultur schlecht vorbereitet. Dabei wird deutlich, dass Investitionen in die technische Erneuerung allein nicht ausreichen, um sich in künftigen Märkten zu behaupten, Kultur und Knowhow müssen sich schon auch wandeln. Da aber haperts.

Pointiert gesagt: Marktmechanismen von gestern bleiben auch digitalisiert immer noch Marktmechanismen von gestern. Die Diskrepanz im Umgang mit dem digitalen Wandel wird immer wieder in Vergleichsstudien diesseits und jenseits des Atlantiks deutlich. In den USA rechnen mittelständische Unternehmen nach Investitionen in die digitale Erneuerung vor allem mit der Ausweitung des Marktes und der Gewinnung neuer Kundenkreise. In Deutschland und Europa herrscht dagegen die Hoffnung auf effizienteres und rationelleres Produzieren vor. Während die einen also mit der Veränderung ihres Marktes rechnen, hoffen die anderen darauf, dass alles so bleibt wie es ist – nur bei besseren Margen.

Das ist durchaus gefährlich, weil wir uns damit abfinden müssen, dass „günstiger“ – wenn auch nicht unbedingt effizienter – immer öfter woanders produziert werden wird. Der Trend in die Digitalisierung um das Ziel der Effizienz führt also eher zur Verlagerung von Fertigungsprozessen ins Ausland. Dagegen führt der digitale Wandel im Sinne einer stärker auf Individualität ausgerichteten Kundenorientierung, auf dienstleistungsorientierte Features eines Produkts und auf kurze Reaktionszeiten zu mehr Service im und um das Produkt, die allein das Qualitätsmerkmal „Made in Germany“ in die Zukunft tragen können.

Altmaiers Mittelstandsstrategie ist insofern positiv zu bewerten, weil sie eine finanzielle Entlastung anstrebt, nach der der Mittelstand neue Mittel zur Erneuerung erhält. Sie ist aber kritisch zu sehen, weil sie den Investitionen keine Richtung weist. Noch einmal pointiert formuliert: ein totes Geschäftsmodell ist auch digital ein totes Geschäftsmodell.

Dass diese Probleme im Mittelstand immer noch nicht erkannt werden, kann man aus dem gemeinsamen Mittelstands-Panel von KfW und ifo-Institut herauslesen. Denn darin geht zwar einerseits die Schere zwischen Großunternehmen und Mittelstand weiter auf: während die globalen Konzerne angesichts von Brexit-Unsicherheiten und amerikano-chinesischem Handelskrieg immer zweifelnder in die Zukunft sehen, ist die Perspektive aus Mittelstandssicht noch deutlich rosiger. Schaut man andererseits aber genauer hin, sind es die Handwerksbetriebe und das Baugewerbe, die das Stimmungsbarometer heben, während das verarbeitende Gewerbe und der davon abhängige Großhandel bereits mit Eintrübungen rechnen. Genau diese Branchen aber sind es, die vom digitalen Wandel am stärksten und am schnellsten umgekrempelt werden.

Es wird Zeit, die Mittel im Mittelstand nicht nur zu nutzen, um weiterzumachen wie bisher. Es geht darum, in neue Mittel für den Mittelstand zu investieren. Sonst bleibt nur noch das Mittelmaß. Da hilft dann auch kein „Liebesbeweis“ des Bundeswirtschaftsministers in Gestalt weiterer Steuererleichterungen.