Microsoft lernt das Alphabet

Eric Horvitz und Ryen White, zwei Wissenschaftler in Diensten von Microsoft, haben jetzt in der wissenschaftlichen Fachzeitschrift „Journal for Oncology Practice“ berichtet, dass sie in der Lage sind, anhand von an Bing gestellten Suchanfragen einen drohenden Bauchspeicheldrüsenkrebs vorherzusagen. Dabei gelang ihnen die Früherkennung anhand von Suchbegriffen wie „Appetitlosigkeit“, „Blähbauch“, Juckreiz“ oder „heller Stuhl“ in bis zu 15 Prozent der Fälle. Mindestens ebenso wichtig: Nur einmal in 10.000 Fällen stellten sie eine Fehldiagnose. Mal abgesehen von der Frage, wie wir es ethisch bewerten, wenn bei einer harmlosen Anfrage plötzlich ein Popup mit dem Hinweis: „Bitte kontaktieren Sie sofort Ihren Hausarzt“ auftauchen würde, zeigt der wissenschaftliche Hinweis, wohin die Reise geht, wenn wir Big Data, Social Media und Suchmaschinen intelligent miteinander verknüpfen.

Als gelernte Verschwörungstheoretiker wissen wir ja sofort, wie man unerklärbare Phänomene einzuordnen hat. Wir sehen sozusagen das große Ganze hinter dem Detail – oder andersherum das Detail hinter dem großen Ganzen. Ist aber auch jetzt egal. Deshalb ist für uns sofort klar, warum Microsofts CEO Satya Nadella so große Anstrengungen unternommen hat, der Welt den Kauf von LinkedIn und damit die Investition von satten 26 Milliarden Dollar zu erklären. Es geht überhaupt nicht um LinkedIn. Es geht um Microsoft, das sich auf den Weg zu einem Multimarken-Anbieter in der digitalen Welt begeben hat.

Und da ist Zeit Geld. Will sagen: Zeit kann man durch Geld erwerben – zum Beispiel, indem Microsoft Unternehmen hinzukauft, die auf dem Weg in die digitale Vernetzung von allem und jedem schon einen guten Zeitvorsprung haben. Und wo Steve Ballmer noch analog gedacht hat, beim Kauf der Telefonsparte von Nokia nämlich, denkt Nadella digital und vollvernetzt.

Es geht also keineswegs allein darum, dieses „fantastische Geschäft“ mit 19prozentigem Wachstum im jahresübergreifenden Vergleich weiter auszubauen, wie Satya Nadella betont. Wenn es sich „darum dreht, die beruflichen Profis zu verbinden“, soll die Integration mit Skype, Office365 und Dynamics CRM gute Dienste tun. Aber das wäre doch allein keine 26 Milliarden Dollar wert, oder? Nicht, wenn es allein darum ginge, über kurz oder lang mit Facebook gleichzuziehen.

Deshalb investiert Nadella in Lösungen für Preemptive Analytics, das heute schon für Feedback-gestützte Entwicklungsprozesse eingesetzt werden kann, morgen aber schon Einzug in praktisch alle Erkenntnis-orientierte Vorfälle eingebunden werden soll. Die Früherkennung von Krankheiten ist nur ein Beispiel. Analog auf die Maschinenwelt angelegt stehen auch vorausblickende Wartungsarbeiten auf dem Lösungsprogramm. Und im Umfeld von Industrie 4.0 wären auch vorauseilende Produktionsschritte denkbar: „ich weiß, dass demnächst ein weißes Dings bestellt wird, ich weiß nur noch nicht von wem.“

Im LinkedIn-Netzwerk steckt unglaublich viel Kompetenz. Der Wert liegt nicht bei der Lösung, sondern in dem Netzwerk und den professionellen Mitgliedern. Hier ist das soziale Netzwerk deutlich weiter als die SharePoint-Community. LinkedIn bietet aber nur wenige Möglichkeiten, nach dieser Business Competence auch effektiv zu suchen. Das kann die Suchmaschine Bing leisten, während die Sprachlösung Cortana zugleich als lernende Maschine dazu beitragen wird, dass auch komplexe Anfragen komfortabel bedient werden.

Während Cortana Business-Englisch lernt, lernt Microsoft das Alphabet. Die Redmonder werden unter Satya Nadellas Führung zu einem ähnlich wie Google aufgestellten Multi-Media-Marken-Molloch, dessen Kernkompetenz der Produktivität betrieblicher Mitarbeiter und Organisationen ist. Deshalb wird langfristig auch das Zusammenspiel von Komponenten wie Bing, Cortana und den Backbone-Lösungen ERP und CRM vorangetrieben, die allesamt Träger großer Datenmengen sind.

Apples Siri, Googles Echo, IBMs Watson bekommen mit dem Microsoft-Deal Konkurrenz. Aber noch besser: Microsofts Wettbewerber sind auch Microsofts Kunden. Von Amazon bis Zalando setzen alle – ob sie wollen oder nicht – auf Microsoft-Lösungen, die das neue Alphabet mit Leben füllen.

 

 

 

Kempf kommt wie gerufen!

Eben rufe ich im aktuellen Bonnblog nach den Transformers, da erscheint auch schon einer am Horizont. Prof. Dieter Kempf, bis zum Anfang des Jahres noch Vorstandsvorsitzender der Datev in Nürnberg und in dieser Position langjähriger Vizepräsident des BDI. Die Chancen stehen exzellent, dass Kempf am Ende des Jahres BDI-Präsident und damit Nachfolger von Ulrich Grillo sein wird. Damit stünde ein Transformer an der Spitze des Bundesverbands der Deutschen Industrie.

Kempf hat es fertig gebracht, den Riesenapparat Datev in das digitale Zeitalter zu befördern. Eine Steuerberater-Genossenschaft hat nicht unbedingt per se den Ruf, Innovationsführer zu sein. Aber die Nürnberger verfügen über die größten Rechenzentren mit 47 Petabyte Datenspeicher für 40400 Mitgliedern und deren Hunderttausende Kunden. Und sie ist noch vor der Deutschen Telekom der erste Cloud-Anbieter in Deutschland. Über ihre Cloud-Services werden mehr und mehr Buchungsvorgänge in Deutschland und im benachbarten Ausland digitalisiert und als Services angeboten.

Das ist nicht allein Kempfs Leistung, aber sie gelang unter seiner Ägide. Sie gelang, weil Kempf es versteht, mit anderen zu kommunizieren, Visionen zu vermitteln und dann die richtigen Kräfte in die richtige Richtung wirken zu lassen. Dass ihm das auch bei der Digitalen Transformation gelingen könnte, macht ihn zu einem Hoffnungsträger für die deutsche Industrie.

Ruft die Transformers!

Es läuft wie ein Mantra durch alle Managementberatungen: Die Digitale Transformation wird kommen, aber weder Gesellschaft, noch Wirtschaft, noch Politik seien darauf vorbereitet. Das stimmt – und es stimmt auch wieder nicht.

Viele Unternehmensberater sehen nämlich in dem Mantra eher ein Menetekel, ein „Gewogen-und-zu-leicht-befunden.“ Zu leicht nimmt es demnach die Geschäftsleitung mit der digitalen Herausforderung, die zwar alle kommen sehen, aber eher so hinnehmen wie die nächste Unwetterfront: keine Versicherung gegen mögliche Schäden, keine Vorkehrungen, um sie zu vermeiden; keine Veranlassung etwas zu tun, bevor es zu spät ist.

Die Übereinstimmung darüber, welche Ziele mit der Digitalen Transformation zu erreichen sind, ist zwar unter den Firmenlenkern groß, ergeht sich aber eher im pauschalen Managementsprech, wie jetzt die Beratungsfirma DoubleYUU (die sich rühmt, auch die Bundeskanzlerin zu ihren Kunden zu zählen) ermittelt hat. Demnach sehen neun von zehn Befragten in der Sicherung der Zukunftsfähigkeit das dominierende Ziel in der Digitalen Transformation. Und immerhin zwei von drei der gut 1000 Teilnehmer an diesem Online-Fragebogen suchen in der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse eine Steigerung der Kundenzufriedenheit.

Diese hehren Ziele sind so richtig wie trivial. Jede Innovation, jede Reorganisation in der Wirtschaft hat diese beiden Perspektiven. Profitabilität, Schnelligkeit, Marktführerschaft sind dabei die Zielsetzungen, die diesem Streben attestieren, sie herbeiführen, ja garantieren. Aber bei den Fragen, was genau jetzt im konkreten Transformationsprozess zu tun ist, welche Schritte die richtigen und die naheliegenden sind, da herrscht Schulterzucken. Es wird ein wenig am Status quo gebosselt oder an der ganz großen Vision gefeilt. Dazwischen, an den Meilensteinen vom Heute zum Morgen, finden sich keine wegweisenden Markierungen.

Nach Einschätzung der von DoubleYUU Befragten fehlen in der Hälfte der Unternehmen belastbare Roadmaps zur Digitalen Transformation. Das kann nicht verwundern, denn bei 58 Prozent der Unternehmen sind noch keine Gesamtverantwortlichen benannt. Die oberste Managementriege sieht sich selbst als Vorreiter, aber nur einer von fünf Mitarbeitern traut ihr die digitale Kompetenz auch wirklich zu. Da verwundert es nicht, dass nach dieser Selbsteinschätzung vier von fünf Unternehmen heute noch kaum Fortschritte bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse gemacht haben.

Es wird höchste Zeit, dass wir die Transformers rufen! Aber sucht sie nicht in der IT-Abteilung. Zwar wird den IT-Experten die höchste digitale Kompetenz zugeschrieben. Aber was hilft das schon, wenn sie in ihrer Ausbildung nicht die Kommunikationskompetenz, nicht den Blick für die Geschäftsprozesse, nicht die Hingabe an den Kunden, nicht die Innovationskraft für neue Produktangebote erworben haben. Der Transformer ist ein Allrounder, kein Eierkopf. Er ist ein Netzwerker, kein Linearbeschleuniger.

Und da krankt es in deutschen Unternehmen gewaltig. Die Kommunikationsstränge sind entlang des Organigramms ausgerichtet. Sie dienen der Durchsetzung des Managementwillens von oben nach unten und dem Reporting von Vollzugsmeldungen von unten nach oben. Doch die Abteilungen sind nach wie vor abgeteilt – deshalb heißen sie auch so. Die Ohren der Zuständigen sind ständig zu, wenn es darum geht, die Belange der anderen wahrzunehmen.

Tatsächlich geht es in der Digitalen Transformation weniger um Technik im Sinne von Maschinen und Steuerungen. Darum geht es auch. Aber in Wirklichkeit müssen die Transformer neue Kommunikationstechniken einführen: horizontal, barrierefrei und vernetzt. Das müssen übrigens auch die Unternehmensberater erst noch verstehen, die sich ans Topmanagement wenden und hier ihre Evangelien verlesen. Top-Down ist 20. Jahrhundert. Wir müssen einfach querfeldein. Ruft die Transformers!

 

Nicht nur für eine Nacht

Seit ich im November 2009 angefangen habe, zu Themen der Informationswirtschaft, zur digitalen Agenda und mehr und mehr zum Zusammenspiel von deutschem Mittelstand und Startups regelmäßig zu bloggen, sind 358 Blogposts veröffentlich worden. Dies ist der 359. Sie erreichen mehrere Hundert Leser, werden über soziale Medien und per Mail von Dritten geteilt und verursachen freundliche Kommentare. Vielleicht tragen sie auch zur Meinungsbildung bei – aber das lässt sich mit den mir zur Verfügung stehenden Mitteln nicht zweifelsfrei messen.

Bin ich deshalb ein Publizist, weil sich Montag für Montag ein fester Leserkreis auf meine Meinung freut? Oder bin ich einfach nur ein selbsternannter Lautsprecher, der seine Meinung ungefragt über die Medien verbreitet – als Akt der Selbstdarstellung? Wie auch immer die Antworten lauten, ich trage wie Tausende andere Blogger auch in jedem Fall zur Medienvielfalt hierzulande ein Mosaiksteinchen bei. Die Steinchen, die das Gesamtbild der Medienlandschaft in Deutschland darstellen, sind naturgemäß unterschiedlich groß. Da ist die Bildzeitung mit einer verkauften Auflage, die inzwischen unter zwei Millionen gerutscht ist. Da sind die Qualitätsmedien, überregionale Tages- und Wochenzeitung mit investigativem (und zugleich) kostenintensivem Journalismus. Da sind die Fernsehsender mit ihren großen Reichweiten, die Radiosender mit ihrer treuen Hörerschaft, die News-Plattformen mit ihrer auf das individuelle Profil der Besucher ausgerichteten Nachrichtenauswahl…

Jeder bekommt in dieser neuen Medienwelt die Nachrichten, die er verdient – von jenem Nachrichtenüberbringer, dem er vertraut. Aber sechs von zehn Befragten einer Emnid-Umfrage sagen, dass sie „den Medien“ im Allgemeinen misstrauen. Das klingt paradox in einer Zeit, in der die Medienlandschaft so transparent war wie noch nie. Nicht nur kann jeder selbst bemessen, wie viel der Newsfeed, dem er sich auszusetzen wünscht, wert ist – von null Cent im Internet bis zu den knapp fünf Euro, die der Spiegel kostet, vom billigen Yellow-Press-Ramsch bis zu hochwertigen Fachmedien. Und doch sagen mehr als die Hälfte: Wir trauen dem geschriebenen und dem gesprochenen Wort nicht mehr, verweigern dem gezeigten Bild unser Vertrauen.

Eine der Begründungen für das Misstrauen, die die Befragten selbst anboten, war die Unterstellung, dass Medien in jedem Fall interessensgelenkt seien. Die vorgegebene Meinung des Herausgebers, die sprichwörtliche Schere im Kopf des Berichterstatters, die im Hintergrund tätigen Kräfte der Politik, die im Geheimen wirkenden Maßnahmen der Wirtschaftslobby – all das, so die Unterstellung, führe zu einem Gesamtmedienbild, das geschönt, geformt, zurechtgerückt ist.

Die Bundeskanzlerin – in diese Pauschalkritik ja ohne genannt zu werden als Institution der Politik mit einbezogen – stimmt dieser Vertrauensverlust „unruhig“ und „besorgt“, weil sie ihn auch als Ausdruck einer auseinanderfallen Demokratie wahrzunehmen scheint. Dort, wo nicht mehr diskutiert wird, wo also durchregiert wird und Politik als alternativlos apostrophiert wird, und auch dort, wo anderslautende Meinungen im Shitstorm niedergebrüllt werden, ist der gesellschaftliche Disput als Baustein der Demokratie gefährdet.

Mit nicht weniger als dieser Sorge beschäftigten sich in der CDU medianight in der vergangenen Woche Vertreter von Politik, Medien und Wirtschaft. Wer freilich nicht zu Wort kam, war der Medienkonsument selbst. Diejenigen, die auch der serösesten Berichterstattung ihr Vertrauen entziehen, waren nur in diesen beiden Zahlen vertreten: Sechs aus Zehn. Über ihre Köpfe hinweg wurde eine halbe Nacht lang diskutiert, ihr Verhalten analysiert. Und es gab genug Platz für Product Placement, beispielsweise durch Bildzeitungs-Chefredakteurin Tanit Koch, die schon mal mit der Exklusivnachricht des kommenden Tages warb.

Die Kanzlerin freilich tat das, was sie so erfolgreich, ja so beliebt macht. Sie stand über den Dingen und mahnte. Dass es auch zu viel Medienkonsum geben könne, erwähnte sie, indem sie den Deutschen aufs Kopfkissen schaute. Dort liegt nämlich in der ersten halben Stunde nach dem Aufwachen das Smartphone und versorgt den Aufgeweckten mit Nachrichten aus seiner Community. Die Kanzlerin mahnte davor, nicht unentwegt am Tropf der Nachrichten-Infusion zu hängen – und sei es auch nur für eine Nacht…