Lauter werden!

 

Ich möchte diesem Blog, der ja ohnehin meine persönliche Meinung wiedergibt, eine persönliche Anmerkung vorausschicken: Ich wurde früh um 1 Uhr am 9. Mai 1945 geboren – dem ersten Tag, nachdem die größte Katastrophe, die Europa je heimgesucht hat – nämlich der Zweite Weltkrieg – mit der deutschen Kapitulation geendet hatte. Seit dieser Zeit erleben wir eine beispiellose Phase des Friedens, des Wohlstands und der Verständigung über Grenzen, Gesellschaftsschichten und politische Überzeugungen hinweg.

Und mich beschleicht das beklemmende Gefühl, dass wir dies alles leichtfertig aufs Spiel setzen – ohne Not, ohne Verstand und viel zu oft ohne persönliches Engagement.

Dabei stehen wir vor einer der wichtigsten und zugleich kuriosesten Wahlgänge in der deutschen Geschichte, ja in der Geschichte Europas: Vom 23. bis zum 26. Mai sind rund 400 Millionen Europäer aus 28 Ländern – darunter 64,8 Millionen Deutsche – aufgerufen, das neunte Europäische Parlament zu wählen. Und wir sollten diese Wahl als eine Abstimmung über Europa verstehen. Über ein Europa, das nun wirklich das Attribut „alternativlos“ verdient.

Kurios ist diese Wahl, weil auch die Briten, die eigentlich diese Union verlassen wollen, aber nun doch über die Zusammensetzung der Legislative mitbestimmen, wahlberechtigt bleiben. Kommt es zum Brexit, werden die britischen Sitze zum Teil gelöscht, zum Teil auf andere Fraktionen verteilt – aber die Machtverhältnisse haben sie dann dennoch beeinflusst. Man kann darüber nur den Kopf schütteln und schweigen.

Wichtig ist diese Wahl, weil so viele Anti-Europäer zur Wahl stehen, die dem Brexit am liebsten einen fundamentalen Exit hinterherschicken wollen und zugleich Europäische kulturelle Errungenschaften wie Freizügigkeit und Toleranz mit Füßen treten. Man kann darüber nur den Kopf schütteln – aber schweigen? Nein!

Es ist an der Zeit, dass wir lauter werden und unser Bekenntnis für Europa, unsere Errungenschaften und für die europäische Stimme im internationalen Konzert verstärken. Und gleichzeitig geht es darum, in Aktion zu treten angesichts der Megatrends wie Globalisierung, Digitalisierung und demographischem Wandel. Und besonders gefordert sind dabei die Träger des Wohlstands in Europa: die mittelständisch geprägte Gesellschaft der Mitte und die mittelständischen Unternehmen! Denn Politik, Medien, Gesellschaft und Öffentlichkeit brauchen eine glaubwürdige, verantwortungsvolle Stimme, die sich für die europäische Idee einsetzt.

Familienunternehmen und der Mittelstand sind Europa. In Deutschland stellen sie 90 Prozent der Unternehmen, generieren 52 Prozent des Umsatzes und 58 Prozent der Arbeitsplätze. Sie sind Träger und Garant zugleich für den Wohlstand in Europa. Und deshalb stehen sie auch in der gesellschaftlichen Verantwortung für Europa. Denn dieser Wohlstand ist gefährdet.

Es gibt eine Vielzahl von Möglichkeiten, sich für diese Gesellschaft einzusetzen: als Arbeitgeber in der Region ebenso wie als Champion auf dem Weltmarkt, als Wortführer in der politischen Diskussion und als Meinungsmacher in den politischen Gremien und Verbänden. Es ist an der Zeit, den eigenen Einfluss zu nutzen. Dazu haben sich die mittelständischen Vertreter im Bundesverband der Deutschen Industrie in einem Papier auf Leitgedanken zu mehr Verantwortung, mehr Position und mehr Bekenntnis zu Europa geeinigt. Zusammengefasst bedeutet das: Wir müssen lauter werden!

 

Immer zu zweit sie sind…

Es ist ein Deal von wahrhaft gigantischem Ausmaß: zehn Milliarden Dollar will das US-Verteidigungsministerium für seine technologische Revolution ausgeben: JEDI – oder: Joint Enterprise Defense Infrastructure – soll die gesamte Kommandostruktur, den ministeriellen Apparat und die Beschaffungsstrukturen des Militärs in die Cloud verlagern. Dass dies krisensicher und kriegstauglich geschehen soll, ist selbstverständlich. Es gibt wohl keinen anspuchsvolleren Cloud-Deal in der freien Welt. Höchstens in der Volksrepublik China könnte der Staatsapparat ein Projekt von vergleichbarer Größenordnung und Tragweite lostreten. Dort aber wäre der Zugang vor allem den chinesischen Cloud-Anbietern wie Alibaba, Baidu oder Tencent vorbehalten.

Doch auch in den USA gilt beim Einkauf: my country first. Nach dem Ausscheiden von IBM und Oracle sind nur noch Amazon und Microsoft im Rennen um den Deal, über den im ausgehenden Sommer entschieden werden soll. Das Schaulaufen zwischen Amazons Web Services und Microsoft Azure, den beiden marktführenden Cloud-Plattformen, verläuft verdächtig ruhig. Dabei steht viel mehr auf dem Spiel als ein Kontrakt für zehn Gigadollar. Die Entscheidung des Departement of Defense könnte auch eine Entscheidung über die künftige Marktdominanz im Cloud-Business haben. Dort genießt Amazon die Marktführerschaft – aber das könnte sich mit dem DoD-Deal ändern…

Aber vielleicht wird der Deal auch geteilt – wie so oft in der Vergangenheit, wenn es bei großen Cloud-Ausschreibungen ein totes Rennen zwischen AWS und Azure gab. Volkswagen zum Beispiel vernetzt seine Elektrofahrzeuge der ID-Modellreihe mit Hilfe von Microsofts Azure-Plattform, will aber gleichzeitig seine 122 Fabriken weltweit mit Hilfe von Amazon Web Services vernetzen. Zwar heißt es offiziell, die Ausschreibung werde nach dem Motto „The winner takes it all“ ausgeführt. Doch gerade weil der Deal die Marktballance zugunsten des Siegers verschieben wird, könnte sich beim JEDI-Projekt doch eine solche Teilung vollziehen – getreu der JEDI-Weisheit von Yoda: „Immer zu zweit sie sind.“

Allerdings hat Microsoft schon im Januar einen DoD-Deal über 1,76 Milliarden Dollar geholt, der den Kontrakt aus dem vergangenen Jahr über mehr als zehn Millionen Outlook-Accounts noch einmal erweitert. Dies dürfte auch im Lichte der Ankündigung aus Redmond erfolgt sein, dass Azure den Sicherheitslevel 6 erreichen wird. Das war bislang Amazons Alleinstellungsmerkmal, in einer Kategorie, die als „conditio sine qua non“ – also als unverzichtbar – gilt. Praktisch alle US-Geheimdienste nutzen Microsoft Office und die für die Bundesbehörden individuell ausgelegte Azure Plattform. Ohne die Einhaltung des Impact Level 6 wären diese Engagements wohl nicht von Dauer.

Aber ohne Produktivitätswerkzeuge funktioniert der gesamte Verwaltungsapparat auch nicht. Das ist eine der Stärken von Microsft mit den Produkten Office 365 und Dynamics 365. Microsoft will zur Jahresmitte hin eine spezielle Version von Dynamics 365 veröffentlichen, die ausschließlich auf die Belange des US-Verteidigungsministeriums ausgelegt ist. Zwar wird hier dem Vernehmen nach nur der Impact Level 5 erreicht, doch offensichtlich hat diese Ankündigung bereits das „Thumbs up“ des Departements of Defense erhalten.

Und dann gibt es noch einen durchaus persönlichen Aspekt, der die Position von Amazon im Wettstreit um JEDI schwächen könnte: die Washington Post. Sie ist im Besitz von Amazon-Gründer Jeff Bezos und zugleich eine der lautstärksten Kritiker des gegenwärtigen US-Präsidenten Donald Trump. Nach den Erfahrungen aus der Vergangenheit wäre es nicht unwahrscheinlich, wenn am Ende ein völlig irrationaler Aspekt rationale Entscheidungen dominiert. Aber auch dazu weiß Yoda Rat: „Die Furcht vor Verlust ein Pfad zur Dunklen Seite ist.“

 

Brauchen wir das „Gute–Kuka-Gesetz“?

Die Übernahme des Augsburger Roboterherstellers Kuka durch den chinesischen Investor Midea hatte vor drei Jahren eingeschlagen wie eine Bombe. Roboterbau war plötzlich Schlüsseltechnologie und damit maßgeblich verantwortlich für die Zukunft des Wirtschaftsstandortes Deutschland. „Schon“ 36 Monate später reagierte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier mit der Vorlage einer Industriestrategie, mit der deutsche Hightech–Firmen vor den finanzkräftigen Investoren aus den USA und China geschützt werden sollen und gleichzeitig vorgeschlagen wird, europäische Champions gezielt für den globalen Wettbewerb zu trimmen.

Danach hagelte es Lob und Tadel. Als die negative Resonanz überwog, stufte der Bundeswirtschaftsminister das Strategiepapier zu einem Diskussionsbeitrag herunter. Das änderte freilich nicht viel, denn protektionistische Bestrebungen gehören nicht in das Arsenal freier Marktpolitik – egal, ob sie Bestandteil einer Strategie oder einer Diskussion sind. Das war und ist ein europäischer Trumpf gegenüber den in Washington und Peking angezettelten Handelsstreitigkeiten. Doch ohne eine zukunftsorientierte Innovations- und Investitionsstrategie bleiben europäische Unternehmen gegenüber ihren starken Konkurrenten aus Übersee gefährdet. Die beste Industriestrategie für Deutschland und Europa ist also die, die den Unternehmen auf dem alten Kontinent beste Chancen eröffnet, ihre Produkte und Märkte und im Zuge dessen auch sich selbst neu zu erfinden. Dazu fehlt im Altmaier-Papier jeglicher Ansatz.

Das findet auch der Bundesverband der Deutschen Industrie, der an diesem Montag auf dem „Kongress zur nationalen Industriestrategie 2030“ beim Bundeswirtschaftsministerium ein Gegen- Papier vorlegen wird. Darin fordert der BDI, das Beihilfe- und Wettbewerbsrecht zu modernisieren, um „die marktwirtschaftlichen Errungenschaften Europas zu verteidigen“, statt in Protektionismus zu verfallen. Vor allem soll die Europäische Union einen „stärkeren Fokus auf Investitions- und Innovationsförderung“ legen. Als Beispiel nannte der BDI den Klimaschutz, der „nicht zulasten der Standortbedingungen für Unternehmensinvestitionen gehen“ dürfe. – Also statt dem Altmaierschen „Gute–Kuka–Gesetz“ besser ein „Gutes–Klima–Gesetz“, um die neue Terminologie der Bundesregierung bei der Findung von Gesetzesnamen zu übernehmen.

Schließlich geht der BDI auch auf die viel geäußerte Kritik an Altmaiers Papier ein, die Industriestrategie des Bundeswirtschaftsministers nütze nur global tätigen Unternehmen und nicht den kleinen und mittelständischen Firmen mit hohem Innovationsanspruch. Der Entwurf werde „den Perspektiven des industriellen Mittelstands inklusive der forschenden kleinen und mittelgroßen Unternehmen nicht gerecht“, schreiben die Autoren. Genau dort aber befindet sich seit sieben Jahrzehnten der eigentliche Innovations- und Jobmotor. Das betonte auch BDI-Präsident Dieter Kempf in seiner Rede bei der Präsentation des Gegenentwurfs: „Eine wirkungsvolle Industriestrategie muss die Wettbewerbsfähigkeit der gesamten Industrie im Fokus haben und darf den gerade für Deutschlands Wirtschaftskraft so wichtigen Bereich des Mittelstands nicht aus dem Auge verlieren.“

Und, so möchte man hinzufügen, ebenso wichtig ist die Förderung der Startups. Sie sind der Mittelstand von morgen. Hier Investitionen in Zukunftstechnologien zu erleichtern und Unternehmensplanern die Luft zu lassen, neue Geschäftsmodelle für die anbrechenden Zeiten der Plattform–Ökonomie und Sharing-Society zu erdenken, wäre die wahre Industriepolitik, die breiten Konsens in der Wirtschaft erhielte.

Und ganz nebenbei: diese Unternehmen wären zwar immer noch Objekt der Begierde ausländischer Investoren, sie hätten aber selbst bessere Mittel an der Hand, sich gegen feindliche Übernahmen durch globale Kooperationen zu schützen. Es hat noch nie geklappt, europäische Champions zu züchten: sie entstehen durch die Kraft der Märkte und nicht durch die Macht der Politik. Das musste auch Airbus erst erfahren. Für Kuka freilich kommt jede Hilfe zu spät.

 

Wie groß ist Microsoft?

 

Letzte Woche erreichte Microsoft als drittes Unternehmen der Welt eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Billion Dollar. Es war die Anerkennung der Anleger für Quartalszahlen, die mit 30,6 Milliarden Dollar Umsatz über den Erwartungen der Analysten lagen. Zwar rutschte Microsoft binnen Stunden wieder unter diese Marke – aber das Signal bleibt: Das Vertrauen in die Microsoft-Aktie ist ungetrübt.

In der zweiten Hälfte des vergangenen Jahres hatten schon Apple und Amazon die Billion-Dollar-Marke genommen – und ebenso kurzfristig wieder verloren. Alle drei verdienen ihr Geld inzwischen hauptsächlich mit Services aus der Cloud. Und alle drei sind US-amerikanische Unternehmen. Eine europäische Company ist Lichtjahre von dieser Marke entfernt.

Doch wie groß Microsofts Business mit der Cloud tatsächlich ist, lässt sich aus den Zahlen nicht unbedingt im Detail ablesen. Denn unter der Produktsparte Commercial Cloud finden sich alle Cloud-Angebote – von Office365 über Dynamics 365 bis zur Geschäftskunden-Plattform Azure. Zwar wurde das Wachstum des Azure-Anteils am gesamten cloud-basierten Quartalsumsatz von rund neun Milliarden Dollar mit 73 Prozent im Jahresvergleich angegeben. Aber was heißt das schon, wenn man die Basis nicht kennt. Tatsächlich dürften die Umsätze mit Office 365 und Dynamics365 deutlich höher liegen als der Azure-Beitrag.

Cloud ist Cloud, könnte man sagen. Aber die Größe des Azure-Portfolios ist nicht nur etwas für Knöpfchen-Sortierer. Es geht auch um die Frage, wie groß das Standing im Cloud-Markt ist, der nicht nur hart umkämpft ist, sondern auch ein immer größeres individuelles Auftragsvolumen aufweist. Projekt mit WalMart, BMW, Volkswagen und vielen anderen sind auf Jahre angelegt und weisen zugleich auf zukunftsorientierte Geschäftsmodelle hin. Projekte auf der Azure-Plattform sind also Game Changer. Zuletzt hat Microsoft bei der milliardenschweren Ausschreibung des US-amerikanischen Verteidigungsministeriums gepunktet.

Microsoft ist mit Azure im Cloud Business klarer Zweiter hinter Amazons Web Services, wächst aber offensichtlich schneller als die Nummer Eins. Hinzu kommt, dass praktisch alle Produktsparten positiv zum Ergebnis beitragen. Selbst die Surface-Tablets steuern Quartal für Quartal einen Umsatz von mehr als einer Milliarde zum Gesamtergebnis bei. Die im Oktober abgeschlossene Akquisition von LinkedIn scheint ebenfalls gelungen zu sein, während die Übernahme der Entwicklungsplattform GitHub noch nicht im Detail ausgewiesen wurde.

Eines jedenfalls machen die Quartalsergebnisse alle drei Monate immer wieder aufs Neue deutlich: Die von CEO Satya Nadella vorangetriebene Umstrukturierung der ehemaligen Windows-Only-Company ist noch immer im vollen Gange und weist erhebliche Erfolge auf. Die Substanz ist dabei so gut, dass die 1.000.000.000.000-Dollar-Grenze wohl nicht wieder aus den Augen verloren wird. Mit jedem neuen Großauftrag rund um Azure verzücken die Redmonder ihre Anleger und heizen die Marktkapitalisierung an.

Dabei ist es bemerkenswert, dass Microsoft gleichzeitig erhebliche Investitionen in gemeinnützige Projekte tätigt. Letzte Woche wurde dazu die Zusammenarbeit mit der Clooney Foundation for Justice angekündigt, die weltweit gegen Justizwillkür vorgeht. Oliver Gürtler, bei Microsoft Deutschland für das Azure-Geschäft verantwortlich, fasst das in seinem aktuellen Blog nobel zusammen: „Größe verpflichtet“.

Doch wie groß Microsoft im Cloud Business tatsächlich ist, wüssten wir ja doch allzu gerne. Meine Prognose: Sobald die Zahlen auf Augenhöhe mit denen von Amazon Web Services sind, werden wir es erfahren.