Kuratorium digitales Deutschland

Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass die Digitalisierung kein Technologiethema ist, sondern vielmehr eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Digitalisierung ist nämlich kein Synonym für Automatisierung. Sie transformiert vielmehr unsere bisherigen Lebensgewohnheiten in einen anderen Lebensstil. Dass das so ist, haben wir mit der Einführung des Smartphones erfahren: Was als neue Technologie eingeführt wurde, entwickelte sich vom reinen Mobilitätstool zum Symbol einer unmittelbar synchronisierten Gesellschaft.

So wie das Auto als Mobilitätstool den Raum überwindet, schaltet das Smartphone die Zeit gleich. Die digitale Transformation überwindet sowohl Raum und Zeit als auch die Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Und ganz grundsätzlich: sie verwandelt flüchtige Zustandsbeschreibungen in dauerhafte und verwertbare Informationen. Theoretisch kann jeder Gegenstand jeder Prozess, jeder Dialog und jede Bewegung Teil des großen digitalen Orchesters werden.

Für viele Kritiker des digitalen Fortschritts reduziert sich dessen Tragweite allerdings auf die Frage, ob der Automatisierungsgrad bei den Trägern unseres Wohlstands – allen voran der mittelständischen Wirtschaft – schnell und weit genug ausgebaut wird. Aber ein Prozess, der lediglich automatisiert wird, ist noch kein neuer Prozess, schon gar nicht ein neues Geschäftsmodell. Er ist dann vielleicht effizienter und flexibler – und das ist ja auch schon was. Aber eine Transformation des Bisherigen ist damit nicht erreicht.

Wir stehen deshalb vor drei Aufgaben:

In der Gesellschaft muss erstens ein offener und breit angelegter Diskurs zwischen Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, Schule und Beruf entstehen, der eine Vorstellung von der Veränderungsdynamik durch die Digitalisierung vermittelt.

Es bedarf dazu zweitens einer gelebten Gründerkultur, die das Entstehen dynamisch, digital und disruptiv ausgerichteter Startups begünstigt.

Und wir brauchen drittens neue Kooperationsformen von Altem und Neuem, von Startups und etablierten Unternehmen, aber auch zwischen den Generationen.

Aus der Sicht der Startup-Szene stellt sich der Bundesverband Deutsche Startups nun seit fünf Jahren diesen Themen. Neben den rund 800 Startup-Unternehmen, die der Verband inzwischen vertritt, sind zahlreiche Unternehmen der etablierten Wirtschaft, Interessensverbände, Lehrstühle, Kapitalgeber, Business Angels und nicht zuletzt Vertreter aus Politik und Gesellschaft im Verband vertreten. Umgekehrt ist der Startup-Verband in zahlreichen Verbänden und Gremien aktiv. So entstand ein Netzwerk des digitalen Deutschland, in dem dieser Diskurs bereits funktioniert.

Jetzt, zum fünften Geburtstag, hat sich der Startup-Verband ein Kuratorium zur Seite gestellt, das diesen Dialog vertiefen und auf ein möglichst breites Spektrum in Deutschland und Europa ausgeweitet werden soll. Das „Kuratorium digitales Deutschland“ ist letzte Woche offiziell ins Leben gerufen worden. Der Vorstand hat mich zum Leitenden Kurator bestellt.

Um dieses Netzwerk weiter auszubauen, stützt sich das Kuratorium auf Beiräte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kapital, die den Diskurs weiter tragen sollen. Sie sind Ratgeber für die Startups und Botschafter der Startups zugleich. Es freut mich mitzuerleben, wie dieser Beiratsgedanke begeisterten Zuspruch unter jenen Personen der Gesellschaft erfährt, denen Florian Nöll, der jüngst wiedergewählte Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, und ich als Kuratoriumsvorsitzender diese Idee angetragen haben.

Die Idee lässt sich in fünf Thesen umreißen:

  1. Deutschland braucht Gründungs-Botschafter. Unternehmer­tum und unternehmerisches Wagnis werden in der deutschen Gesellschaft nicht als Alternative zum festen Arbeitsverhält­nis gesehen. Unternehmerischer Erfolg ist ebenso wie das Scheitern negativ konnotiert.
  2. Kooperation zwischen Startups und etablierten Unternehmen intensivieren. Etablierte Unternehmen suchen Partnerschaften bevorzugt unter ihresgleichen. Startups gehen die überkommenen Geschäftsmodelle in der Regel aus der Perspektive der digitalen Transformation an.
  3. Die digitale Transformation greift in alle Lebensbereichen ein. Die Veränderungen, die sich durch die Digitalisierung in unserem Lebensstil, in der Arbeits­welt, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vollziehen, erfolgen schleichend und dennoch rasend schnell. Die Auswirkungen der digitalen Transformation werden jedoch nicht überall und von jedermann verstanden.
  4. Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft sind die Säulen einer Gründerkultur. Es gibt inzwischen vertikal ausgerichtete Kooperationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Es fehlt aber an der umfassenden, konzertierten Aktion, die für einen Ruck in der Neu­erfindung des Standorts Deutschland sorgen kann.
  5. Der digitale Wandel hat viele Gesichter. Die Digitalisierung ist abstrakt, ihre Beispiele aber sind konkret. Deshalb sollen konkrete Erfolge aufzeigen, wie sich aus einer unternehmerischen Vision eine Standort­bestimmung, eine Digitalstrategie und schließlich eine erfolgreiche digitale Transformation mit neuen Geschäftsmodellen entwickeln können.

Es sind also nicht die Technologiefragen, die das Kuratorium digitales Deutschland umtreiben, sondern ihre gesellschaftlichen Implikationen. Kooperationen zwischen unterschiedlichsten Teilen der Gesellschaft steht dabei am Anfang und am Ende dieser Idee. Ich freue mich auf viele Mitstreiter, Botschafter und Beiräte.

Unklare Kante

Die ewig oszillierende Informationstechnologie ist wieder einmal im Begriff, die Richtung zu wechseln im fortdauernden Wechselspiel von Zentralisierung und Dezentralisierung. Nachdem auf die zentralen Mainframes die verteilten Personal Computer folgten, die wiederum durch Server zusammengefasst wurden, kommt rund um das Cloud Computing die nächste Restrukturierungsrunde. Denn auf die zentralen Server-Farmen folgte die Auslagerung von Teilen der IT, wobei der Weg zu Hybrid-Lösungen gerade erst begonnen hat. Doch schon folgt der nächste Dezentralisierungsschritt an der Kante zwischen Mensch und Maschine, zwischen Endgerät und Server, zwischen Datenerfassung und Datenanalyse.

Edge Computing ersetzt nicht die Cloud, aber es entlastet sie. Denn je mehr Daten durch mobile Endgeräte und intelligente Maschinen anfallen, desto notwendiger wird eine Infrastruktur, die die Daten abfängt, bevor sie die Kanäle verstopfen. Das Internet der Dinge mit seinen Billionen an Sensordaten benötigt eine Instanz, in der die Minimalinformationen verdichtet werden, ehe sie von den zentralen Unternehmenslösungen zur Planungsgrundlage herangezogen werden.

Edge Computing wird überall dort zum Einsatz kommen, wo unsere Kommunikation auf schnelle Interaktion ausgelegt sein wird. Das kann überall, mit jedem und allem sein: wenn wir von selbstfahrenden Autos, interaktiven Werbeplakaten, Systemen zur Gesichtserkennung und Standortbestimmung umgeben sind und gleichzeitig Posts über Facebook (oder seinem heute noch unbekannten Nachfolger) verbreiten, uns mit Freunden beim nächsten Starbucks verabreden und vorher schnell noch „148 Mails checken“ – dann wollen wir nicht auf die Antwort einer imaginären Cloud warten, sondern kommunizieren, als wäre der nächste Netzknoten „um die Ecke“ oder wir „Close to the Edge“.

Dabei kommen praktisch ausschließlich Systeme zum Einsatz, die es heute schon gibt – Edge Computing nutzt die Rechenleistung von Smartphones, Tablets, Controllern, Routern und Servern für eine schnelle Peer-to-Peer-Vernetzung. Dennoch dürften die Investitionen immens sein, berücksichtigt man die Allgegenwart der Edge. Die Cloud schwebt über allem, Edge schwingt überall.

Dabei sind nicht nur Cloud-Provider und Telekommunikationsanbieter, die Betreiber von Infrastrukturen für Smart Cities oder Smart Factories betroffen. Jede Organisation, deren Geschäftserfolg von der Unmittelbarkeit der Kommunikation mit ihrer Klientel abhängig ist, wird sich auf die Kante konzentrieren müssen. Dabei dürfte der größere Aufwand nicht in der Hardware liegen, sondern in der Entwicklung neuer Apps, die eine interaktive User Experience erlauben. Die „MeNow“-Generation wird Ubiquität und Unmittelbarkeit in praktisch jeder Lebenslage einfordern – bei der Kaufentscheidung, bei Gesundheitsfragen, bei Verabredungen und beim Feedback zu Ereignissen in der aktuellen Umgebung.

Das ist kein Ausdruck einer hypernervösen Gesellschaft, die alles im Jetzt und Hier erleben will. Es ist vielmehr das Symptom einer sich immer genauer synchronisierenden Welt, in der Millisekunden entscheiden können. Ein Auto legt bei Tempo 160 knapp viereinhalb Meter pro Zehntelsekunde zurück. Bei der Darstellung virtueller Realitäten werden Verzögerungen von mehr als fünf Millisekunden, die zwischen Kopfbewegung und Bildaufbau liegen, bereits als störend empfunden. Schon vor zehn Jahren schätzte Amazon-Pionier Greg Linden, dass eine Millisekunde Verzögerung im laufenden Online-Verkauf ein Prozent des Umsatzes kosten kann. Und ebenfalls 2006 rechnete Melissa Mayer vor, dass 500 Millisekunden Verzögerung bei der Online-Suche den Google-Umsatz um bis zu 20 Prozent verringern würden. Und nicht zuletzt entscheiden Millisekunden im Online-Trading an den Börsen über Gewinn und Verlust.

Nach Einschätzung der Gartner Group, die Edge Computing zum nächsten ganz großen Ding in der Informationstechnik erkoren hat, werden in den kommenden fünf Jahren zwei von fünf Unternehmen in diese Technologie investiert haben. Heute schätzt Gartner, dass nicht einmal ein Prozent der Organisationen weltweit Anstrengungen in diese Richtung unternommen hat.

Wie allerdings Unternehmen in die Kante investieren sollen, ist noch weitgehend unklar. Es wird nicht jeder Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen wichtigen Knoten in ungebrochenem Fiberglas legen können. Selbst dann würde eine Datenreise von San Francisco nach New York City und zurück immer noch 42 Millisekunden verbrauchen – ohne Verarbeitungszeit für die Anfrage. Edge Computing fordert die Lichtgeschwindigkeit heraus. Ein herrliches Thema für Science Fiction. Wir stehen an der Kante zum Sprawl, wie William Gibson das alles umfassende Datennetz in der Megalopolis seiner Neuromancer-Trilogie nannte. Es lohnt sich, die Welt des Sprawls oder der späteren Matrix noch einmal zu besuchen. Wir stehen an der unklaren Kante zur nächsten Dezentralisierungsrunde.

Uns geht´s ja noch gold

Die deutschen Systemhäuser sind schon jetzt die Gewinner der Digitalisierung. Das macht das aktuelle Branchenbarometer des Hightech-Verbands Bitkom deutlich, nach dem 82 Prozent der Unternehmen mit Informations- und Kommunikationstechnik hierzulande zuversichtlich ins zweite Halbjahr schauen. Nach einer leichten Eintrübung zum Jahresbeginn 2017 stieg der Branchenindex zu den Umsatzerwartungen in den ITK-Segmenten auf 76 Punkte – dem zweithöchsten Wert seit der Indexermittlung im Jahr 2001.

Und was heißt schon Eintrübung? Vor Jahresfrist war mit 77 Punkten das All-Time-High im Index erreicht worden – ein Wert, der nun nahezu wieder hergestellt worden ist. Zum Vergleich: Vor knapp zehn Jahren – zu Zeiten der Finanzkrise – lag der Index sogar im Minus. Seitdem arbeitet sich das Stimmungsprofil der deutschen ITK-Wirtschaft kontinuierlich von Bestnote zu Bestnote.

Und dabei ist die Stimmung in der Branche sogar noch besser als in der Gesamtwirtschaft, deren Vertreter ja schließlich die Hauptkunden der ITK-Industrie sind. Laut ifo Geschäftsklimaindex sind die Umsatzerwartungen über alle Industriezweige hinweg unverändert gut, aber noch ein Stück von ihrem Bestwert aus dem Jahr 2010 entfernt. Während die geringen Zinsen die Baubranche von einem Rekord zum nächsten treiben, hat der Großhandel leichte Bauchschmerzen wegen der befürchteten Abschottung der Märkte. Und im Einzelhandel klagen aus naheliegenden Gründen vor allem die Kfz-Händler.

Interessant ist aber, dass sich die Kunden in der Phase boomender Geschäfte mit der Erneuerung ihrer IT-Ausstattung befassen. Zwar sind es Umfragen zufolge vor allem die Themen Rationalisierung und Effizienzsteigerung, die den deutschen Unternehmern unter den Nägeln brennen. Aber die Modernisierung der IT-Infrastruktur könnte langfristig doch auch den erhofften Schub im digitalen Wandel bringen, der zu mehr Innovationsfähigkeit, mehr Umsatz und schließlich neuen Geschäftsmodellen führen wird. Dann wäre die ITK-Branche als Enabler der Wirtschaft auch der Garant für den nächsten Schub.

Dabei gibt es nicht nur Gewinner unter den Anbietern von Informations- und Kommunikationstechnik. Schon traditionsgemäß leidet der Hardware-Sektor unter den rapide sinkenden Preisen, die auch die Margen und damit den Spielraum für Neuausrichtungen minimalisieren. Dabei sind es ja gerade Investitionen in das Internet der Dinge, die die Umsätze für Hardware in die Höhe treiben. Allerdings ist es dort vor allem der Maschinenbau, der von der Digitalisierung der Fertigungsebene profitiert. Dennoch: 68 Prozent der Hardware-Anbieter setzen auf die Konjunktur.

Das hat seinen Grund auch darin, dass die Digitalisierung praktisch alle Lebensbereiche erfasst und gerade bei Consumer Electronics zu einem neuen Boom führt, bei dem sinkende Margen durch rapide steigende Stückzahlen mehr als ausgeglichen werden. Allein das Smartphone, das als Produktkategorie gerade einmal zehn Jahre auf dem Markt geführt wird, trägt schon satte 1,4 Prozent zum Bruttoinlandsprodukt bei. Bis 2022, so ermittelten die Berater von Deloitte zusammen mit dem Bitkom, soll der Anteil sogar auf 1,7 Prozent steigen. Damit wäre das Smartphone als Branchensegment genommen schon alleine so groß wie die klassische Unterhaltungsbranche.

Klarer Sieger sind aber die Dienstleister und hier vor allem die Systemhäuser, die sich auf Großprojekte rund um die Digitalisierung komzentrieren. 86 Prozent der Systemhäuser gehen von steigenden Umsätzen aus, während die Softwareanbieter mit 83 Prozent positiver Erwartung ziemlich genau im Trend liegen. Ob sie die steigenden Umsatzerwartungen allerdings wirklich realisieren können, ist nicht so sehr eine Frage der Auftragsbücher als vielmehr der Payroll. Denn all überall sind Fachkräfte Mangelware – und damit das wesentlichste Hemmnis bei der Realisierung neuer Geschäftschancen.

Damit ist die Digitalisierung zumindest im ITK-Sektor alles andere als ein Job-Killer. „Unsere Branche schafft Jahr für Jahr rund 20.000 neue Jobs“, betont Bitkom-Präsident Achim Berg. Bis zum Jahresende sollen es branchenweit 1.051.000 Beschäftigte sein, die in der ITK-Industrie nicht nur Lohn und Arbeit, sondern auch attraktivste Karrierechancen finden. Der Mangel an Fachkräften hemmt dabei nicht nur die Software- und Hardware-Anbieter. Über alle Branchen hinweg könnten es nach Berechnungen des Bitkom gut und gern 51.000 Arbeitsplätze mehr sein, die für Fachkräfte für Informations- und Kommunikationstechnik bereit stünden.

Der Ruf nach ITK-Experten ist seit zwei Jahrzehnten ein Evergreen der Branche. Die Klagen darüber, im internationalen Vergleich hintanzustehen, haben nicht in ausreichendem Maße zu der einzig richtigen Schlussfolgerung geführt: die Ausbildung stärker in diese Berufe zu lenken. Es ist deshalb eine der wichtigsten Anliegen an die künftige Bundesregierung, die Bildungsinitiative gerade auf diese zukunftsweisenden technischen Berufe hin stärker auszurichten. Dem Land der Ideen dürfen die Ingenieure nicht ausgehen.

Aber noch geht’s uns ja gold, wie Walter Kempowski die Mutter seiner Kriegsfamilie sagen lässt. Dabei hören wir seit Jahren die Unkenrufe der Untergangspropheten, die wahlweise in der „amerikanischen Herausforderung“, im „digitalen Darwinismus“, in der „Marginalisierung der Wertschöpfung“ die Sendboten eines nahen Niedergangs erkennen. Dass sie seit Jahren durch starke Konjunkturzahlen ins Unrecht gesetzt werden, sollte dennoch niemanden zu einem fröhlichen „Weiter so!“ veranlassen. Gerade weil die Wirtschaft brummt, sind Investitionen in die Infrastrukturen überfällig, die diesen Boom befördern. Das sind sowohl Verkehrswege als auch Datenautobahnen, das sind Bildungseinrichtungen ebenso wie Gründungskulturen. Und nicht zuletzt sind es Integrationsanstrengungen, über die wir Menschen mit Migrationshintergrund in wertschöpfende Arbeitsverhältnisse bringen können. Wir können es uns gar nicht leisten, dass Wirtschaftsinformatiker, deren Abschluss hierzulande nicht anerkannt wird, sich mit Taxifahren durchbringen. Dann wäre es schon besser, sie kreierten das „nächste Uber“.

So what?

Expertise entsteht aus Experimenten! Der im Grunde richtige Lehrsatz scheint zugleich das Credo der Bildungsexperten zu sein, die ständig an neuen Modellen arbeiten. Kaum hat eine Schulreform erste Ergebnisse gezeigt, wird sie durch die nächste bereits abgelöst. Aber es braucht nun mal Zeit, aus Fakten Wissen und aus Wissen Bildung wachsen zu lassen. Da ist es denn auch nur folgerichtig, dass mehr und mehr Bundesländer wieder zum neunjährigen Gymnasium zurückkehren.

Dass Bildung Zeit braucht, müssen auch die Schulungsexperten der künstlichen Intelligenz und des maschinellen Lernens erkennen. Je komplexer die Aufgabenstellung ist, desto langwieriger ist der Aufbau einer Computing-Umgebung für deren Bewältigung. Inzwischen zeigt sich, dass beispielsweise der schlagzeilenträchtige Sieg von IBMs Watson bei der Quizshow Jeopardy! doch ein relativ leichtes Unterfangen war im Vergleich zu den immensen Aufgaben, mit denen IBMs Auftraggeber die Plattform für das Cognitive Computing betrauen wollen. Neben schönen Erfolgen mehren sich inzwischen Nachrichten über abgebrochene oder gar fehlgeschlagene Projekte.

Um Maschinenstürmern gleich den Wind aus den Segeln zu nehmen: Cognitive Computing und Deep Learning erzeugen keine Bildung – die bleibt uns Menschen vorbehalten. Aber diese und andere Formen der künstlichen Intelligenz revolutionieren die Verfügbarkeit von allokiertem Wissen und die Fähigkeit, aus Daten Informationen zu generieren und in großen Datenmengen Muster zu erkennen, aus denen wiederum Schlussfolgerungen gezogen werden können, die uns bei der Entscheidungsfindung unterstützen.

Das hat inzwischen einen unermesslichen Nutzwert. KI-gestützte Systeme erkennen in Netzwerken auffällige Verhaltensmuster, die auf einen Hackerangriff schließen lassen, und ergreifen Abwehrmaßnahmen. Das Potential allein ist immens: Wie der Hightech-Verband Bitkom jetzt mitteilt, ist allein in den vergangenen zwei Jahren rund die Hälfte der deutschen Unternehmen Ziel eines Angriffs geworden. Der dabei entstandene Schaden summiert sich in den zurückliegenden 24 Monaten auf 53 Milliarden Euro. Und dabei wird die Malware immer komplexer, so dass Virenscanner ohne Zuhilfenahme künstlicher Intelligenz versagen. IBM hat jetzt ihr Wissen um Systeme und Netze aus 30 Jahren Projektgeschichte in einen Datenpool geleitet, aus dem Watson schöpfen soll. Die Datenbank unter dem Namen IBM Data Lake soll bei der Automatisierung der Systemadministration helfen und Hackern das Leben schwer machen.

Ein weiteres Paradebeispiel ist das Scannen von Millionen Seiten an Fachliteratur, die mit Hilfe der Fähigkeiten von IBMs Watson, natürliche Sprache auf ihren Inhalt hin zu analysieren und sich bei der Entschlüsselung der Semantik auch nicht durch syntaktische Sprachfallen wie doppelte Verneinung beirren zu lassen, ausgewertet werden. Ebenso sind KI-Systeme hervorragend geeignet, in Bildern typische Muster zu erkennen und damit Abweichungen von der Norm zu identifizieren. Beide Methoden helfen heute Ärzten und Wissenschaftlern in nahezu allen Disziplinen bei der Forschungsarbeit und der Diagnose von Krankheiten. Wenn auf diese Weise auch nur ein Menschenleben gerettet werden konnte, haben sich die Investitionen bereits gelohnt.

Und die Investitionen sind in der Tat immens: IBM allein hat einen zweistelligen Milliardenbetrag in die Entwicklung der Technologie hinter Watson gesteckt und dabei auch zahlreiche Firmenübernahmen gewagt. Aber die Marktchancen sind keineswegs geringer: Im Jahr 2025 sollen Unternehmenslösungen im Wert von 31 Milliarden Dollar verkauft werden. Darin ist die damit verbundene Wertschöpfung noch gar nicht berücksichtigt. Sie dürfte ein Vielfaches betragen.

Kein Wunder also, dass sich die Konkurrenz um die vordersten Plätze rangelt. Nach Einschätzung von Gartner ist IBMs Watson-Plattform die am weitesten entwickelte, doch Anbieter wie GE Digital, Microsoft, PTC und Amazon Web Services folgen auf dem Fuß. Und Internetgiganten wie Google und Facebook entwickeln eigene KI-Plattformen für den Eigenbedarf. Wie IBM wollen sie vor allem die eigenen Datenmengen gewinnbringend auswerten.

Dabei steckt die KI-Forschung auch 50 Jahre nach ihrer Begründung durch Marvin Minsky eigentlich noch in der Trial-and-Error-Phase – also am Beginn der Bildungskarriere. So verfolgen Cognitive Computing oder Deep Learning unterschiedliche Konzepte des Wissensausbaus und der Analyse, was sie keineswegs zu universell einsetzbaren Hochbegabten macht. Sie verfügen eher über singuläre Fähigkeiten, die sie für bestimmte Aufgaben optimal erscheinen lässt, für andere wie3derum nicht. Das ist eine typische Erkenntnis bei komplexen Unternehmenslösungen: Auch ERP-Systeme lassen sich nicht ohne weiteres heute im Maschinenbau und morgen in der Medizin einsetzen. Sie folgen kontextspezifischen Best Practices und keinen universellen Begabungen.

Das muss nun auch das Bildungssystem rund um die künstliche Intelligenz erkennen. IBMs Watson ist ebenso wenig ein Universalgenie wie es die KI-Angebote der Konkurrenten sind. Dass Googles KI-Ansatz den Weltmeister im Go-Spiel besiegt, bedeutet nicht, dass es jedes Spiel beherrschen kann. Aber es kann fahren (im autonomen Google-Fahrzeug) und antworten (über Android-Smartphones).

IBM wiederum versucht nun, Watsons Fähigkeiten zur Mustererkennung für die Prozesssteuerung im Internet der Dinge zu nutzen. Das wäre ein weiterer Riesenmarkt. Und der wäre auch nötig, denn bislang dürfte Watson trotz lukrativster Verträge mit Fortune-500-Unternehmen kaum mehr eingespielt haben als die Kapitalkosten. Mit IoT könnte sich jedoch ein niedrigschwelliger Bildungssektor anbieten, für den man nicht gerade das KI-Abitur benötigt.

Denn für IBM verrinnt die Zeit. Nicht nur wächst die Konkurrenz. Nach 21. Quartalen mit Umsatzrückgang schmilzt auch die Marktbedeutung. Gut, dass die jüngsten Anstrengungen zur Verschlankung die Kosten so weit senken, dass unverändert Gewinn ausgewiesen werden kann. Sonst heißt es für IBMs Watson in wenigen Quartalen wirklich nur noch: „So what?“