Schlafwandeln in Zeiten des Wandels

Die globalen Unsicherheiten sind so groß wie lange nicht – darin sind sich die Analysten von Gartner, Forrester, IDG oder PwC einig. Und wohl noch nie seit dem Ende des Kalten Krieges haben weltpolitische Unwägbarkeiten so unmittelbare Auswirkungen auf die strategische Ausrichtung von Unternehmen gehabt wie zu Beginn des Jahres 2019. Und für die IT-Abteilungen ist es ein geradezu unlösbares Rätsel geworden, mit welchen Investments und welchen Projekten man zuerst ins neue Jahr starten soll: mehr Cybersicherheit, mehr Cloud Computing, mehr Big Data Analytics, mehr Internet of Things, mehr mobile Kommunikation oder doch einfach nur die Modernisierung der Enterprise Software? Alles hängt irgendwie mit Allem zusammen. In Zeiten des Wandels tappen wir wie Schlafwandler durch das Dickicht der Optionen.

In der Umkehrung des Koran-Worts– „Wer das Ziel nicht kennt, für den ist kein Weg der Richtige“ – scheint für die IT-Abteilungen derzeit weltweit jeder Weg der Richtige zu sein: sagenhafte 3,77 Billionen Dollar werden in diesem Jahr für Informationstechnik ausgegeben. Das entspricht 3,4 Prozent des für 2019 vorhergesagten globalen Bruttoinlandsprodukts. Und es sind 3,2 Prozent mehr als im vergangenen Jahr. Die Informationswirtschaft boomt, während die Weltwirtschaft zu hüsteln beginnt. Erst 2020 wird sich das Wachstum auch im IT-Sektor abschwächen, sagt die Gartner Group voraus. Dann wird nur noch um 2,8 Prozent zugelegt – auf 3,88 Billionen Dollar.

Und wofür das Ganze? Ein gutes Drittel (1,4 Billionen Dollar) wird für Kommunikationsdienstleistungen verwendet – Daten- und Informationsaustausch entlang der Supply Chain, für die Kundenkommunikation, für sichere VPN-Verbindungen, Schutz vor Cyberkriminalität oder leistungsfähige Cloud- und IoT-Verbindungen. Eine weitere Billion (genau: 983 Milliarden) Dollar geht für IT-Services drauf, worunter vor allem Integrationsprojekte rund um die digitale Transformation und Outsourcing-Aufwendungen fallen dürften. 669 Milliarden Dollar werden für IT-Geräte ausgegeben, weitere 202 Milliarden Dollar für Data Centers. Überraschend hoch werden die Ausgaben für Unternehmenslösungen eingeschätzt: fast 400 Milliarden Dollar werden in Software und Prozesse gesteckt – sie sind die eigentliche Triebfeder des digitalen Wandels.

Dabei bleibt der transatlantische Graben bei der Zielsetzung weiter bestehen: Während in den USA vor allem die Erhöhung des Umsatzes durch neue Kunden und mehr Reichweite als Hauptmotivation gilt, wollen europäische, vor allem deutsche Unternehmen im Wesentlichen schneller liefern, günstiger produzieren und weniger Ressourcen verschwenden. Zusätzliche Marktanteile, so das auf dem alten Kontinent weit verbreitete Management-Mantra, kommen dann ganz von alleine…

Unbeeindruckt von den gegenwärtigen Unsicherheiten setzen die Unternehmen also so oder so auf Wachstum und verordnen ihren IT-Abteilungen eine deutliche Neuausrichtung. Denn während für neue Smartphones oder Personal Computer bei einem Plus von 0,5 Prozent kaum mehr ausgegeben wird als im vergangenen Jahr, steigen die Investitionen in die Data Center fürs Cloud Computing um satte elf Prozent. Die Ausgaben für Software und Prozesse legen um stattliche 9,1 Prozent zu. Die Unternehmen sind also erkennbar auf dem Weg in neue Geschäftsmodelle und suchen nach den Anwendungen, die ihnen dabei helfen.

Und die scheinen vor allem rund um das Internet der Dinge zu entstehen: Die Marktforscher von Global Data erwarten, dass rund 170 Milliarden Dollar im Umfeld von IoT-Projekten verwendet werden. Autonom operierende Dinge sind denn auch nach Ansicht von Gartner-Analysten eines der spannendsten Themen, die sich die Unternehmen für dieses Jahr vorgenommen haben. Sie werden nicht nur aus der Cloud angetrieben, sondern sollen durch künstliche Intelligenz völlig neue Eigenschaften erhalten. Dabei sagen die meisten Unternehmensmanager, dass ihnen im eigenen Haus die Kompetenz und Qualifikationen fehlen, um diese Strategien auch tatsächlich umzusetzen.

Die Schlafwandler sind auf der Suche nach Fachkräften, die es nicht gibt. Goldene Zeiten für IT-Dienstleister, die rechtzeitig auf diese Kernkompetenz gesetzt haben.

 

Geldreiche und Datenreiche

Wer auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos Gehör finden will, der sollte vor dem Gipfel eine Studie herausgeben. Immer mehr Organisationen folgen damit dem Beispiel des Weltwirtschaftsforums selbst, das zu Beginn des jährlichen Elefantentreffens mit mehr als 3000 Teilnehmern aus der ersten Riege in Politik und Wirtschaft seinen Global Risks Report veröffentlichte. Darin wurde vor allem der fehlende Wille zur internationalen Zusammenarbeit und gemeinsamen Problemlösung beklagt. Andere folgten, wie zum Beispiel die Nothilfe- und Entwicklungsorganisation Oxfam mit ihrer Kritik, dass die Reichen immer reicher, die Armen dagegen immer zahlreicher werden. Oder die Kommunikationsanalysten von Medien Tenor, die in ihrem „Trust Meltdown“-Report einen massiven Vertrauenseinbruch der Technologie-Unternehmen attestierten.

Tatsächlich beherrschten diese drei Themen weite Teile der Diskussion in Davos, wobei Aufrufe zu mehr Zusammenarbeit, mehr Teilhabe und mehr Vertrauen in nahezu jedem Beitrag zu hören waren. Mehr allerdings auch nicht. Weder werden nationale Egoismen, noch wird die Allokation von Reichtum nach Davos enden. Und auch die Allokation von immer mehr Daten bei wenigen globalen Unternehmen wird sich eher beschleunigen…

„Bitte vergessen Sie nicht, wie viel Gutes wir tun!“ – Geradezu flehend versuchte die Facebook-Managerin Sheryl Sandberg auch das Positive hervorzuheben. Dem Misstrauen nach Daten-Leaks, Hate Speeches, Shit Storms und Fake News will Facebook mit zahlreichen Initiativen begegnen: Die Zusammenarbeit mit dem Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik soll verhindern, dass Falschmeldungen aus dem sozialen Netz die Europawahl im Mai beeinflussen könnten; an der TU München soll ein unabhängiges Institut für Ethik der künstlichen Intelligenz geschaffen werden.

Das latente Misstrauen der Davosianer konzentrierte sich schließlich auf Sicherheitsbedenken gegenüber dem chinesischen Telekommunikationsausrüster Huawei, dem seit langem allzu große Nähe zu den chinesischen Behörden vorgeworfen wird. Huawei stand in Davos stellvertretend für die Volksrepublik China am Pranger, deren offensiver Ausbau von mit künstlicher Intelligenz ausgestatteten Systemen für weltweites Unbehagen sorgt. Der Wettlauf zwischen den Großmächten und den globalen Konzernen um die Vorherrschaft bei KI ist auch ein Wettlauf um die Daten.

IBMs CEO Ginni Rometty warnte denn auch wie viele ihrer Tech-Kollegen die nationalen Regierungen davor, nun bei der Regulierung von Internet-Companies und ihren Datensammlungen überzureagieren. „Wir wollen natürlich die Privatsphäre unserer Konsumenten schützen“. Aber ähnlich wie in der Präzisions-Medizin benötige die Welt eine Präzisions-Regulierung. Dahinter war die deutliche Warnung zu vernehmen, die westlichen Giganten im Wettlauf mit ihren chinesischen Konkurrenten nicht über Gebühr zu behindern.

Auf eine bemerkenswerte Weise unberührt von dieser Stimmung des Misstrauens trat Satya Nadella, der CEO von Microsoft, auf, der bekannte Thesen wiederholte: mit der zunehmenden Verbreitung des Internets der Dinge werde „die Welt zum Computer“. Seine Botschaft klingt versöhnlich, wenngleich nicht weniger herausfordernd: es muss gelingen, möglichst große Teile der Menschheit an den Chancen zu beteiligen, die sich aus der Digitalisierung und vor allem den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz ergeben. Gleichzeitig sprach er sich durchaus für mehr Regulierung in Teilgebieten aus – etwa bei der Gesichtserkennung, die völlig neue Formen der datengestützten Überwachung ermöglicht. Nadella wiederholte dabei das Credo, es gehe nicht darum, die Daten seiner Kunden zu sammeln, sondern für seine Kunden.

Davos hat gezeigt, dass nicht allein der Konflikt zwischen Armen und Reichen schwelt, sondern auch der zwischen den Datenreichen. Beide bieten genügend Zündstoff.

 

CES-Bits

Manchmal erkennt man das ganz Große im ganz Kleinen: Da hat es sich ein Fliesenleger im Raum Ingolstadt verbeten, Aufträge von Ingenieuren aus den Häusern Audi und Siemens annehmen zu müssen, wie der Donaukurier berichtet. Er nennt Beispiele für die Besserwisserei und Praxisferne dieses Berufsstands und klagt über grenzenlose Arroganz. Seit er diese Negativliste auf seiner Webseite veröffentlicht hat, bekommt der Handwerker ein Dutzend Mails pro Tag, zumeist mit positiver Tendenz – auch aus den genannten Häusern. „Endlich bringt das einer mal zur Sprache“, heißt es darin…

Beim Blick auf die CES in Las Vegas bin ich noch immer fassungslos, wie es uns gelingen konnte, die weltgrößte IT-Messe in Hannover zugrunde zu richten und die Weltmarktführerschaft der Consumer Electronics Show mit 180000 Besuchern zu überlassen. Und ich glaube, dass ein Rundgang auf der CES sehr schnell offenbart, warum hierzulande der Misserfolg und dort der Erfolg residiert: die CES ist eine Show mit Spaßfaktor und Entertainment – die CEBIT war immer ein bisschen arroganter Ingenieursdünkel, nach dem Spaß unseriös und Entertainment anrüchig sind.

Um nicht missverstanden zu werden: die CES ist (auch) knallhartes Business. Wer hier auftritt, will die Technologie- und Verkaufstrends des jungen Jahres setzen. Aber niemand hat gesagt, dass man dabei die Freude am Entdecken, den Spaß am Geschäft verlieren soll. „Die CES ist ein leuchtendes Beispiel für das Potenzial von Innovation, globale Probleme zu lösen und das Leben der Menschen überall auf der Welt zu verbessern“, resümierte Gary Shapiro, President und CEO der die Show austragenden Consumer Technology Association. „Die Leidenschaft, Kreativität und geschäftlichen Kontakte auf der CES machen sie zum bedeutendsten internationalen Technologie-Event – und zur inspirierendsten Woche des ganzen Jahres.“ Las Vegas und Hannover sind Antipoden auf der Skala der Leichtigkeit.

Und nun zum Geschäft – das sind die aktuellen CES-Bits:

Es hat den Anschein, als wäre in Las Vegas überall eins draufgesattelt worden: bei der Vernetzung wird aus 4G 5G, beim Fernsehen aus 4K sogar 8K, beim autonomen Fahren aus Level 2 Level 3. Und wichtiger noch: Augmented Reality und Artificial Intelligence ziehen in Alltagsprodukte ein und verändern die Art und Weise, wie wir Maschinen steuern und von Maschinen unterstützt werden. (Ein Schelm, der hier die Verben vertauscht!)

Natürlich hat auch die CES gezeigt, dass 5G noch meilenweit von einer Realisierung entfernt ist – erst recht, wenn es darum geht, diesen Kommunikationsstandard in der Fläche (oder wie wir sagen würden: „an jeder Milchkanne“) bereitzustellen. Aber in dem Maße, in dem wir nicht mehr nur Menschen, sondern Maschinen miteinander verbinden, benötigen wir eine Netzwerkleistung, die nicht nur mehr Geschwindigkeit und höhere Kapazität bietet, sondern als zentrales Nervensystem unserer Wirtschaft auch kürzere Latenz- und damit Reaktionszeiten ermöglicht. Das ist nicht nur für das autonome Fahren entscheidend, sondern auch für die Steuerung einer flexiblen, hochreaktiven Produktion.

Ebenso könnte man sich fragen, wofür Bildschirme nach 4K-Auflösung nun noch einmal doppelt so viele Bildpunkte benötigen, wo doch das menschliche Auge jetzt schon kaum noch Unterschiede ausmachen kann. Doch die Bildschirme werden immer größer – am Arbeitsplatz ebenso wie Zuhause. Vor zehn Jahren lag die durchschnittliche Bildschirmdiagonale bei 91 Zentimetern – jetzt sind es schon 121. Und je mehr Bildschirminformationen zum Beispiel für Augmented Reality-Anwendungen angezeigt werden, desto größer werden die Displays. Und damit steigen auch die Anforderungen an die Bildschirmauflösung.

Bleibt noch Level 3 – der Standard im autonomen Fahren, nach dem ein Fahrer nur noch im Bedarfsfall eingreifen muss. Der Level 2 umfasste Einparkhilfen, Spurhalte-Assistenten, Umgebungssensoren, wie sie in jedem Luxusfahrzeug heute gang und gäbe sind. Auch bei Audi pflegt man diese Ingenieurskunst rund ums autonome Fahren. Die großen deutschen Autobauer waren sämtlich mit Level 3-Beispielen auf der CES vertreten – auf der CeBIT hat man sie weniger gesehen…

Mehr Kick mit KI und 5G

Die CES hieß eigentlich mal Consumer Electronics Show. Doch vor Beginn der am Dienstag öffnenden Show in Las Vegas legte CES-CEO Gary Shapiro Wert darauf, dass der Markenkern nicht mehr bei Consumer-Produkten liegt und nicht reduziert auf Elektronik-Sachen ist. Die CES ist CEBIT, Industriemesse, Internationale Funkausstellung und Automobilsalon in einem. Und sie zeigt zum Jahresbeginn, wo es in den nächsten zwölf Monaten technologisch langgeht. In diesem Jahr lässt sich die Message auf vier Schriftzeichen reduzieren: „5G“ und „KI“.

Tatsächlich wird es auf der CES kaum ein Gerät – vom Auto bis zur Zentralheizung, vom Assistenten bis zum Zubehör – geben, das nicht über 5G-Connectivity oder zumindest Bluetooth verfügt. Und zugleich gibt es kaum eine Produkteigenschaft, die nicht durch Software und künstliche Intelligenz aus der Cloud beeinflusst wird. 5G und KI, Vernetzung und Verständnis, sind die beiden wichtigsten Trends des gerade begonnenen Jahres.

Das sehen auch die CEOs und CIOs von rund 500 Unternehmen so, die in detaillierten Interviews Auskunft über ihre Investitionsplanungen gegeben haben. Unter den fünf wichtigsten genannten Technologien sind ausschließlich Themen, die mit Vernetzung und Verständnis zu tun haben. Der alljährlich erscheinende State of Digital Transformation Report bietet im Übrigen fünf zentrale Erkenntnisse:

  • Digitale Transformation ist ein Projekt, an dem das gesamte Unternehmen und seine Partner beteiligt werden müssen. 28 Prozent der Befragten nennen CIOs, 23 Prozent CEOs als die digitalen Treiber in ihrer Organisation.
  • Der Druck auf die Unternehmen, sich in der digitalen Transformation zu engagieren, kommt aus dem Markt; entweder, weil – wie 51 Prozent der Befragten angeben – Wachstumschancen bestehen, oder aufgrund von Wettbewerbsdruck, wie 41 Prozent der Manager befinden.
  • Das Bewusstsein, dass die Erfahrung der Mitarbeiter und die gelebte Firmenkultur entscheidende Erfolgsfaktoren im digitalen Wandel darstellen können, nimmt zwar zu. Aber die meisten Transformationsprojekte werden mit Blick auf die Modernisierung der Kundenbeziehungen und Kauferfahrungen gestartet. Dabei begeht die Mehrheit der Unternehmen allerdings den Fehler, ihre Kunden nicht in diesen Wandlungsprozess einzubeziehen.
  • Während der digitalen Transformation sind harte Key Indikatoren, nach denen ein wirtschaftlicher Erfolg des Projekts bemessen werden kann, Mangelware. Vielmehr werden die Projekte als Cost Center ohne belastbare ROI-Betrachtungen geführt. Kulturelle Widerstände wie Rechtsfragen und „Das haben wir schon immer so gemacht“ behindern den schnellen wirtschaftlichen Durchbruch.
  • Dagegen setzen immer mehr Unternehmen auf eine Kultur der Innovation, die nicht selten von internen Task Forces angeführt wird. Damit gefährdet die Organisation jedoch den ersten der beobachteten Erkenntnisse: der Wandlungsprozess müsse alle einbeziehen.

Man sieht: der digitale Wandel ist ein Teufelskreis. Tatsächlich kommen mehr und mehr Unternehmenslenker zu der eigentlich banalen Erkenntnis, dass die digitale Transformation keinen Anfang und kein Ende kennt. Deshalb sind auch die Technologiebereiche, in denen Unternehmen in diesem Jahr besonders stark investieren wollen, nahezu die gleichen wie im Vorjahr. Nur die Reihenfolge verschiebt sich.

37 Prozent der Befragten wollen vor allem in Cloud-Technologien investieren. Cybersecurity ist für 35 Prozent der Manager ein Top-Thema. An dritter Stelle der Befragung, bei der Mehrfachnennungen möglich waren, liegt dann schon künstliche Intelligenz (34%), gefolgt von Big Data (28%) und Internet of Things (25%).

Das alles ist auf der CES zu besichtigen. Das Interesse dürfte in diesem Jahr besonders hoch sein, denn nahezu alle Unternehmen planen ein deutlich höheres Digitalbudget für 2019. Vor allem kleine und mittelständische Unternehmen berichten, dass sie Mehrausgaben – zwischen einer und 15 Millionen Dollar – einplanen wollen.

Es wird Zeit für 5G und KI – nicht nur auf der CES, auch in der BRD.