Sparen wäre falsch

Er wisse genau, welche Rede er halten müsste, um den Saal zum Toben zu bringen. Leider werden wir nie erfahren, was Jens Spahn seinen neuen Kollegen im Bundesgesundheitsministerium gesagt hätte. Aber wir können es ja mal probieren:

Jens Spahn hätte zum Beispiel sagen können, dass die 8000 Pflegekräfte, die die große Koalition fest eingeplant hat, nur ein erster Anfang sind. Dass also die Zahl der Arbeitsplätze im Pflegebereich stärker dem tatsächlichen Bedarf angepasst werden soll. Angesichts der heute gängigen Praxis, dass Pflegedienste bereits Kündigungen aussprechen, weil sie den zusätzlichen Anforderungen nicht mehr genüge tun können, wäre das ein Satz, der nicht nur den Saal zum Toben gebracht hätte. Vielleicht hätte der Bundesgesundheitsminister auch gesagt, dass die Digitalisierung im Pflegebereich stärker Einzug nehmen soll – zum Beispiel durch Pflegeroboter, die die Mitarbeiter vor körperlicher Überforderung bewahren.

Vielleicht hätte Jens Spahn auch gesagt, dass es nun mit der Entwicklung einer patientenzentrierten, standardisierten, elektronischen Gesundheitsakte ernst werden soll. Ihr Ziel, nämlich die Schaffung eines einfachen, barrierefreien Zugangs für jeden Patienten zu seinen eigenen Gesundheitsdaten, würde die therapeutische Partnerschaft mit dem ärztlichem Fachpersonal stärken. Bisher blieb dieser Plan immer nur in den Anfängen stecken.

Dabei könnte sie wie schon die ebenfalls steckengebliebene Gesundheitskarte unmittelbar Leben retten. Denn je schneller im Notfall die ärztlichen Helfer Klarheit über Vorerkrankungen und Medikamentenversorgung erhalten, desto konkreter können sie eingreifen.

Dazu ist es allerdings auch Voraussetzung, dass die Deutschen sich aus sicheren Quellen über medizinische Themen, Gesundheitsfragen und Vorsorge informieren können. Immer häufiger vertrauen sich Patienten lieber „Doktor Google“ an und versorgen sich bei Doc Morris oder anderen Online-Apotheken mit dem schnell wirkenden Schmerzmittel, das es rezeptfrei over the counter gibt. Die seriöse Beratung wird dagegen einer Diskussion um die Zwei-Klassen-Gesellschaft geopfert.

Der Bundesgesundheitsminister hätte also in seiner ungehaltenen Rede eine Online-Plattform ankündigen können, die ein umfassendes und gut vernetztes Informationsangebot bereit hält. So würde nicht nur die Gesundheitskompetenz in der Gesellschaft verbessert. Die Informationsplattform könnte auch zu mehr Transparenz bei den wahren Kostentreibern im Gesundheitswesen beitragen. Der Nutzen von Therapiepfaden und die dabei verursachten -kosten sind heute doch nur Experten verständlich.

Dabei muss nicht nur ein rechtssicherer Rahmen für Patienteninformationen geschaffen werden, sondern auch für die Apparate und Anwendungen, in denen diese Patientendaten entstehen. Damit ist zugleich die Basis für eine Digitalstrategie im Gesundheitswesen geschaffen, die es Kliniken und Ärztegemeinschaften erlaubt, fach- und therapieübergreifend neue Technologien zu nutzen. Vor allem der Einsatz der künstlichen Intelligenz zur Analyse und Diagnose, sowie zur Wahl der richtigen Therapie und schließlich zu ihrer Überwachung könnte ein Schwerpunkt der Rede von Jens Spahn gewesen sein.

Dazu braucht es neue Formen der Kooperation zwischen den etablierten Trägern der Gesundheitsversorgung und Newcomern wie den Internet-Giganten und Startups der digitalen Wirtschaft. Der Bundesgesundheitsminister hätte darüber reden können, wie traditionelle Medizin und Digitales zu einem neuen Gesundheitswesen 4.0 zusammen geschmiedet werden. Fitness-Tracker, Smart Watches, Gesundheits-Apps und Online-Plattformen gibt es bereits zu Hauf. Aber die Hürden, die überwunden werden müssen, damit alle diese Systeme auch zum Wohle des Patienten zusammenarbeiten können, sind hoch. Aber sie wären die richtige Herausforderung für einen zupackenden Politiker vom Schlage eines Jens Spahn.

Zugegeben – das alles kostet Geld. Und weil das so ist, hat der Bundesgesundheitsminister diese Rede auch nicht gehalten. Aber sparen wäre jetzt das falsche.

Kuratorium digitales Deutschland

Mehr und mehr bricht sich die Erkenntnis Bahn, dass die Digitalisierung kein Technologiethema ist, sondern vielmehr eine gesellschaftspolitische Herausforderung. Digitalisierung ist nämlich kein Synonym für Automatisierung. Sie transformiert vielmehr unsere bisherigen Lebensgewohnheiten in einen anderen Lebensstil. Dass das so ist, haben wir mit der Einführung des Smartphones erfahren: Was als neue Technologie eingeführt wurde, entwickelte sich vom reinen Mobilitätstool zum Symbol einer unmittelbar synchronisierten Gesellschaft.

So wie das Auto als Mobilitätstool den Raum überwindet, schaltet das Smartphone die Zeit gleich. Die digitale Transformation überwindet sowohl Raum und Zeit als auch die Grenzen zwischen Mensch und Maschine. Und ganz grundsätzlich: sie verwandelt flüchtige Zustandsbeschreibungen in dauerhafte und verwertbare Informationen. Theoretisch kann jeder Gegenstand jeder Prozess, jeder Dialog und jede Bewegung Teil des großen digitalen Orchesters werden.

Für viele Kritiker des digitalen Fortschritts reduziert sich dessen Tragweite allerdings auf die Frage, ob der Automatisierungsgrad bei den Trägern unseres Wohlstands – allen voran der mittelständischen Wirtschaft – schnell und weit genug ausgebaut wird. Aber ein Prozess, der lediglich automatisiert wird, ist noch kein neuer Prozess, schon gar nicht ein neues Geschäftsmodell. Er ist dann vielleicht effizienter und flexibler – und das ist ja auch schon was. Aber eine Transformation des Bisherigen ist damit nicht erreicht.

Wir stehen deshalb vor drei Aufgaben:

In der Gesellschaft muss erstens ein offener und breit angelegter Diskurs zwischen Politik und Gesellschaft, Wirtschaft und Wissenschaft, Schule und Beruf entstehen, der eine Vorstellung von der Veränderungsdynamik durch die Digitalisierung vermittelt.

Es bedarf dazu zweitens einer gelebten Gründerkultur, die das Entstehen dynamisch, digital und disruptiv ausgerichteter Startups begünstigt.

Und wir brauchen drittens neue Kooperationsformen von Altem und Neuem, von Startups und etablierten Unternehmen, aber auch zwischen den Generationen.

Aus der Sicht der Startup-Szene stellt sich der Bundesverband Deutsche Startups nun seit fünf Jahren diesen Themen. Neben den rund 800 Startup-Unternehmen, die der Verband inzwischen vertritt, sind zahlreiche Unternehmen der etablierten Wirtschaft, Interessensverbände, Lehrstühle, Kapitalgeber, Business Angels und nicht zuletzt Vertreter aus Politik und Gesellschaft im Verband vertreten. Umgekehrt ist der Startup-Verband in zahlreichen Verbänden und Gremien aktiv. So entstand ein Netzwerk des digitalen Deutschland, in dem dieser Diskurs bereits funktioniert.

Jetzt, zum fünften Geburtstag, hat sich der Startup-Verband ein Kuratorium zur Seite gestellt, das diesen Dialog vertiefen und auf ein möglichst breites Spektrum in Deutschland und Europa ausgeweitet werden soll. Das „Kuratorium digitales Deutschland“ ist letzte Woche offiziell ins Leben gerufen worden. Der Vorstand hat mich zum Leitenden Kurator bestellt.

Um dieses Netzwerk weiter auszubauen, stützt sich das Kuratorium auf Beiräte aus Politik, Wirtschaft, Wissenschaft und Kapital, die den Diskurs weiter tragen sollen. Sie sind Ratgeber für die Startups und Botschafter der Startups zugleich. Es freut mich mitzuerleben, wie dieser Beiratsgedanke begeisterten Zuspruch unter jenen Personen der Gesellschaft erfährt, denen Florian Nöll, der jüngst wiedergewählte Vorstandsvorsitzende des Startup-Verbands, und ich als Kuratoriumsvorsitzender diese Idee angetragen haben.

Die Idee lässt sich in fünf Thesen umreißen:

  1. Deutschland braucht Gründungs-Botschafter. Unternehmer­tum und unternehmerisches Wagnis werden in der deutschen Gesellschaft nicht als Alternative zum festen Arbeitsverhält­nis gesehen. Unternehmerischer Erfolg ist ebenso wie das Scheitern negativ konnotiert.
  2. Kooperation zwischen Startups und etablierten Unternehmen intensivieren. Etablierte Unternehmen suchen Partnerschaften bevorzugt unter ihresgleichen. Startups gehen die überkommenen Geschäftsmodelle in der Regel aus der Perspektive der digitalen Transformation an.
  3. Die digitale Transformation greift in alle Lebensbereichen ein. Die Veränderungen, die sich durch die Digitalisierung in unserem Lebensstil, in der Arbeits­welt, in Wirtschaft, Wissenschaft und Politik vollziehen, erfolgen schleichend und dennoch rasend schnell. Die Auswirkungen der digitalen Transformation werden jedoch nicht überall und von jedermann verstanden.
  4. Politik, Wirtschaft, Bildung und Gesellschaft sind die Säulen einer Gründerkultur. Es gibt inzwischen vertikal ausgerichtete Kooperationen zwischen Startups und etablierten Unternehmen. Es fehlt aber an der umfassenden, konzertierten Aktion, die für einen Ruck in der Neu­erfindung des Standorts Deutschland sorgen kann.
  5. Der digitale Wandel hat viele Gesichter. Die Digitalisierung ist abstrakt, ihre Beispiele aber sind konkret. Deshalb sollen konkrete Erfolge aufzeigen, wie sich aus einer unternehmerischen Vision eine Standort­bestimmung, eine Digitalstrategie und schließlich eine erfolgreiche digitale Transformation mit neuen Geschäftsmodellen entwickeln können.

Es sind also nicht die Technologiefragen, die das Kuratorium digitales Deutschland umtreiben, sondern ihre gesellschaftlichen Implikationen. Kooperationen zwischen unterschiedlichsten Teilen der Gesellschaft steht dabei am Anfang und am Ende dieser Idee. Ich freue mich auf viele Mitstreiter, Botschafter und Beiräte.

Der große Graben

Die Debatte um die digitale Transformation und ihre Bewältigung folgt üblicherweise einem bewährten Narrativ. Es dient als Hypothese, die in Studien bestätigt wird. Es ist die Basis für Fördermittelvergabe an der Schnittstelle von Wissenschaft und Wirtschaft. Und es ist die Grundlage für Lobbyisten und Politiker. Das Erzählmotiv geht ungefähr so:

Auf der einen Seite steht der deutsche Mittelstand, der sich nur zögernd gegenüber den Möglichkeiten der Digitalisierung öffnet. Da mittelständische Unternehmen für gut zwei Drittel der deutschen Wirtschaft stehen, ist der Standort Deutschland in Gefahr.

Auf der anderen Seite stehen die deutschen Startups, die sich disruptiv mit der Digitalisierung bestehender Geschäftsmodelle befassen. Da in Deutschland eine intensiv gelebte Gründerkultur fehlt, gibt es viel zu wenige dieser Hoffnungsträger. Deshalb ist der Standort Deutschland in Gefahr.

Dabei wird unterstellt, dass die einen – der Mittelstand – eine aussterbende Spezies sind, weil es ihr nicht gelingt, sich an die Herausforderungen des digitalen Ökosystems anzupassen. Die anderen – die Startups – verhungern auf der Suche nach Kapital und Kunden im digitalen Ökosystem. Deshalb werden Fördermaßnahmen gefordert, die das „Survival of the Unfittest“ sicherstellen sollen.

Die wichtigste Fördermaßnahme aber liegt gar nicht in den Händen der Politik. Sie liegt in den Händen der Beteiligten selbst, wie das Humboldt-Institut für Internet und Gesellschaft (HIG) jetzt in einer breit angelegten Studie herausgearbeitet hat: Die wichtigste Fördermaßnahme besteht in der Überwindung des großen Grabens zwischen Mittelstand und Startups. „Learn, Match and Partner“ – empfehlen die Studienautoren nach gut 70 Interviews auf beiden Seiten des Atlantiks. Den während es dem Mittelstand an der Agilität fehlt, um neue Geschäftsmodelle aus den bewährten Strukturen herauszuheben, fehlt es den Startups an Kunden. Im Grunde also sind Mittelständler und Startups die idealen Partner, weil jeder hat, was dem anderen fehlt.

Es gelingt nur bislang viel zu selten, den großen Graben zwischen beiden zu überwinden. Einen Grund dafür sehen die Studienautoren in den geschlossenen Innovationsprozessen, die im Mittelstand immer noch bevorzugt werden. Zwar ist es inzwischen kaum noch möglich, die für Neuerungen notwendigen Kompetenzen sämtlich im eigenen Haus vorzuhalten, aber die meisten mittelständischen Unternehmen blieben trotzdem diesem Prinzip treu. Wenn sie Kooperationen suchen, dann in der eigenen Branche, besser noch innerhalb der eigenen Wertschöpfungskette.

Ein offener Innovationsprozess hingegen sucht die Kompetenzen möglichst außerhalb des eigenen Ökosystems – entweder, indem eigene Ideen mit Hilfe des Marktes weiterentwickelt werden (also Inside-Out) oder, indem Innovationsansätze von außerhalb aufgenommen und mit der eigenen Expertise, zum Beispiel bei der Fertigung, umgesetzt werden (Outside-In).

Soweit die Theorie. In der Praxis aber, das haben die Interviews und Workshops gezeigt, die der Studie zugrunde liegen, prallen mit Startups und Mittelstand zwei Welten aufeinander, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dabei sind es interessanterweise die Kunden, die die Unterschiede in den Denkschulen der beiden potentiellen Kooperationspartner ausmachen. Mittelständische Unternehmen verfügen in der Regel über einen loyalen Kundenkreis und richten den überwiegenden Teil ihrer Aktivitäten darauf aus, diese Kundenbindung durch eine vorsichtige Produktpolitik und Stetigkeit in den Geschäftsprozessen zu erhalten. Startups hingegen verfügen über kaum nennenswerte Kunden, auf deren Bedürfnisse es Rücksicht zu nehmen gilt, und können den Markt ohne Scheuklappen analysieren und umkrempeln.

Startups sind „Explorer“, Etablierte sind „Exploiters“. Aber aus diesem Clash of Cultures können echt Innovationen entstehen. Dass dafür in Deutschland die Voraussetzungen nahezu ideal sind, hat jüngst der 5. Deutsche Startup Monitor vorgeführt. Die Untersuchung der Startup-Szene in Deutschland, die vom Bundesverband Deutsche Startups in Zusammenarbeit mit KPMG durchgeführt wird, bekräftigte die Einschätzung, dass der größte Teil der deutschen Neugründungen auf Business-to-Business-Beziehungen setzt. Sie sind also ähnlich ausgerichtet wie ihre potentiellen Kooperationspartner aus dem Mittelstand.

Der Startup-Verband, der in diesen Tagen sein fünfjähriges Bestehen feiert, hat daraus Konsequenzen gezogen. Der wesentliche Teil der Verbandsarbeit zielt inzwischen auf die Überwindung des großen Grabens. Matchmaking-Events, Fördermitgliedschaften und Wirtschafts-Netzwerke sollen die Zusammenarbeit zwischen Startups und Mittelstand stimulieren. Denn Startups gelten als „Mittelstand von Morgen“. Aber sie sollen nicht den Mittelstand von heute ablösen, sondern mit ihm kooperieren. Der wichtigste Schritt auf dem Weg in die Digitalisierung ist damit ein großer Sprung: der Sprung über den großen Graben.

Die heimlichen Chefs

Kennen Sie das? Sechziger Jahre: „Angewandte Datenverarbeitung? – Macht bei uns der Personalchef!“ – Siebziger Jahre: „Enterprise Resource Planning? – Macht bei uns der Finanzchef!“ – Achtziger Jahre: „Personal Computer? – Macht bei uns der Juniorchef!“ – Neunziger Jahre: „Webseite? – Macht bei uns der Sohn vom Juniorchef!“ – Nuller Jahre: „eCommerce? – Wir lesen Börsenberichte!“ – Zehner Jahre: „Cloud? Also, unser IT-Leiter sagt Nein!“

Wer jetzt lacht, hat nichts verstanden! Denn Informationstechnik – den Begriff habe ich mir für diesen Absatz aufgespart – war noch nie wirklich Chefsache. Eingabe, Verarbeitung, Ausgabe – das war etwas für die Fachabteilungen. Vertrieb, das ist in mittelständischen Unternehmen wirklich strategisch. So wird man zum Hidden Champion. Deshalb sind auch viele Geschäftsführende Gesellschafter heute unverändert ihre besten Vertriebsbeauftragten. Sie kennen ihr Produkt, sie brennen für die Geschäftsidee und sie nennen ihre Wettbewerber beim Vornamen – eine verschworene Clique aus dem gleichen Tal. Tuttlingen für die Medizintechnik, Hochschwarzwald für den Werkzeugbau, der Niederrhein für Textil, Rheinhessen für Finanzdienstleistungen – und dann noch Berlin, die Stadt ohne nennenswerte Industrie – für Startups. So tickt Deutschland.

Zwar kommt die jüngste, groß angelegte Trendstudie von Bitkom Research in Zusammenarbeit mit Tata Consultancy Services zu dem erfreulichen Ergebnis, dass drei von vier Unternehmen in Deutschland dem Thema Digitalisierung gegenüber äußerst aufgeschlossen sind und sogar eine Ausweitung der Investitionszone planen. Aber die Chefs in den Unternehmen ziehen sich nach einem zwischenzeitlichen Hype wieder aus dem Thema zurück und delegieren die Digitalstrategie an die Fachabteilungen. Das hat sich schließlich über Jahrzehnte bewährt.

2016, als die Trendstudie zum ersten Mal erschien, hatten die Analysten bei 51 Prozent der Unternehmen festgestellt, dass Digitalisierung Chefsache ist – mindestens auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene. Jetzt zeigt die repräsentative Befragung, dass nur noch 42 Prozent der gut 900 interviewten Unternehmen das Thema noch in den Chefetagen ansiedeln. Dafür landet das Thema wieder bei den CIOs oder IT-Leitern. 86 Prozent der befragten Unternehmen haben die Verantwortung für die Marschroute nach Digitalien wieder in diese Fachabteilung delegiert. Allerdings zeigt sich auch: Die Bereitschaft, einen Chief Digital Officer zu installieren, wächst proportional zur Größe des Unternehmens.

Die heimlichen Chefs der Digitalisierung aber finden sich in den Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern bei den Abteilungsleitern, deren operative Geschäftsprozesse am stärksten von Digitalisierungsprojekten beeinflusst werden. Das sind nach Einschätzung der befragten Unternehmen zuallererst Marketing und Vertrieb. Und damit haben die vertriebsorientierten Chefs im Grunde alles richtig gemacht. Sie haben die Digitalstrategie längst in die Etappe zurückverlagert, wo die operativ Verantwortlichen für die Umsetzung sorgen sollen. 80 Prozent der Unternehmen arbeiten an der Verbesserung ihres Kundenservices, drei Viertel der Befragten wollen bei der Neukundenakquise besser werden und Drei von Fünf wollen bei der Internationalisierung zulegen.

Man muss Mittelständler sein, um mittelständische Unternehmen zu verstehen. Jahrelang haben sie sich in Studien und Kommentaren prügeln lassen, weil sie – wieder einmal – angeblich einen Trend verschlafen. Aber vor allem Familienunternehmen denken langfristig. Sie sehen eine neue Technologie und fragen vor allem: was bringt das für mein Portemonnaie. Dann suchen sie nach Einsatzmöglichkeiten und kalkulieren den Return on Invest. Und dann überlassen sie die Umsetzung ihren Bereichsverantwortlichen, die als heimliche Chefs die Details verstehen und die Projekterfahrung besitzen.

Dass der deutsche Mittelstand entgegen aller Unkenrufe aus Wirtschaftswochen und Manager Magazinen hier weiter ist, beweist die Frage nach der strategischen Verankerung einer Digitalstrategie im Unternehmen. Hier sagen die Unternehmen praktisch aller Größenklassen über 100 Mitarbeiter, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Während laut Studie 2016 und 2017 rund drei Viertel aller Befragten eine – laut Fragestellung – „Strategie zur Bewältigung des digitalen Wandels“ im Unternehmen verankert haben, ist der Unterschied zwischen Groß, Mittel und Klein marginal: Er schwankt zwischen 79 und 71 Prozent – eine Größenordnung, die innerhalb der statistischen Toleranz liegen dürfte.

„Ist Deutschland auf dem Sprung?“, fragt die Studie und macht mit attraktiven Bildern eines Skispringers auf sich aufmerksam. Die Flugphase ist längst eingeleitet, rufen die heimlichen Chefs aus den Fachabteilungen entgegen – und kehren zum Tagesgeschäft zurück.