Lernen für die Plattform-Ökonomie

Die Cloud-Projekte, mit denen sich Microsoft und Amazon in ihrem Wettrennen um die Lufthoheit im Cloud-Business gegenseitig überbieten, werden immer gigantischer. Kaum verkündet Microsoft, dass Volkswagen die Fahrzeuge seiner elektrifizierten ID-Serie mit Hilfe von Microsoft Azure vernetzen will, zieht Amazon nach, indem in einem zweiten Großprojekt die weltweit 122 Produktionsstätten von VW über AWS vernetzt werden sollen. Kaum meldet Amazon Erfolge im eCommerce, reagiert Microsoft mit Plattform-Projekten, die die größten US-Handelskonzerne ins 21. Jahrhundert katapultieren sollen.

Jüngstes und vorläufig gigantischstes Beispiel für die Entwicklung des Cloud-Computings zur Plattform-Ökonomie ist die Vergabe des auf zehn Milliarden Dollar ausgelegten Militärprojekts des Pentagon an Microsoft. Und konsequent reagiert Amazon mit einer Klage gegen die nach Ansicht der Kläger unfaire Auftragsvergabe. Das ist nur allzu verständlich, denn das Projekt hat eine solche Tragweite, dass dem Sieger – zur Zeit also Microsoft – ein kaum einzuholender Wettbewerbsvorteil winkt.

Der Grund für die Gigantomanie im Cloud-Business liegt in einem fundamental veränderten Verständnis der Infrastruktur. Cloud-Computing ist nämlich nicht mehr nur eine andere Form der IT-Nutzung – wie es zum Beispiel bei der Ablösung von Mainframes durch Personal Computer der Fall war. Die Cloud ist keine bloße IT-Infrastruktur, sondern mehr und mehr die Basis fürs Business schlechthin: vernetzte Fahrzeuge bilden ein Ökosystem, in dem neue Services und Produkte florieren. Nur unter der Cloud kann der Wandel vom Kreditinstitut zur „Every-Day / Every-Pay“ Bank gelingen. Nur durch die Plattform-Ökonomie vollziehen sich die disruptiven Veränderungen in den Geschäftsmodellen – egal, ob im weltweiten Handelsgeschäft, in der unternehmensübergreifenden Wertschöpfungskette, im Smart Home oder in der Smart City. Selbst das Gesundheitswesen und die öffentliche Hand sind im Begriff, sich zu cloud-basierten Plattform-Modellen zu wandeln, in denen der Patient und der Bürger im Mittelpunkt stehen.

Das jüngste Beispiel für diese fundamentale digitale Transformation kommt aus der Versicherungswirtschaft. Die Allianz, immerhin Europas größter Versicherer, hat beschlossen, die eigene Software zur Risikoanalyse auch Wettbewerbern zur Verfügung zu stellen. Dazu soll die Software, die nach Schätzungen über die Jahre hinweg ein dreistelliges Millioneninvestment darstellt, als Open Source auf der Azure-Plattform bereitstehen, wie Microsofts Direktor für das Cloud-Business, Oliver Gürtler, berichtet. Die Allianz hat erkannt, dass nur so die Software mit dem Tempo der technologischen Entwicklung Schritt halten kann. Die Allianz – ohnehin einer der größten Arbeitgeber für Software-Entwickler – entpuppt sich damit ganz offiziell als Softwarehaus.

In der Tat wird die Plattform-Ökonomie durch Software angetrieben. Egal, ob Handelsunternehmen, Autobauer, Logistikdienstleister oder Banken – das Differenzierungspotential der Zukunft liegt in der Software, in die die cloud-basierten Geschäftsprozesse gegossen werden. So gesehen, ist jedes Unternehmen der Plattform-Ökonomie ein Softwarehaus.

Aber was machen dann die Softwarehäuser? Sie müssen sich auf die Mechanismen der neuen Ökosysteme einstellen. Mit Migration oder Systemmanagement allein kann man vielleicht noch ein Jahrzehnt lang einen Blumentopf gewinnen. Danach geht es weniger um Technik als vielmehr um Inhalte. Wo in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus Unternehmensberatern Softwarehäuser wurden, werden in den Zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts aus Softwarehäusern wieder Berater im Cloud-Business, die dabei helfen, neue Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle umzusetzen.

Da ist ein gigantischer Prozess im Gang, der jedes Unternehmen, jede Branche, jede Regierung und jeden Kontinent erfasst. Gartner sieht für 2026 ein weltweites Cloud-Business von mehr als 600 Milliarden Dollar – und diese Zahl dürfte sogar noch eher konservativ geschätzt sein. Zählt man die Inhalte und Werte mit, die über die Cloud-Plattformen transportiert werden, dann dürfte die Zahl um ein Vielfaches höher liegen. Das Cloud-Business ist das Business schlechthin.

Das müssen Software-Unternehmer verstehen, wenn sie ihr Unternehmen in die nächste Generation übergeben wollen. Sie brauchen völlig andere Mitarbeiter, die in Ökosystemen denken, statt sich auf die Optimierung einzelner Prozessschritte zu konzentrieren. Sie müssen Visionen über die Veränderungen der branchenweiten Marktmechanismen entwickeln und umsetzen können. Sie müssen ebenso Marketing-Experten wie Produktionsspezialisten sein. Und nicht zuletzt: sie müssen in der Lage sein, aus großen Datenmengen neue Werte der Erkenntnis schöpfen zu können. Ohne KI-Expertise ist das nicht denkbar.

Und auch die Cloud-Anbieter wie Microsoft, Amazon, Google oder die Deutsche Telekom müssen sich neu ausrichten. In dem Maße, in dem ihre Cloud-Plattformen zu Trägerinnen der Weltwirtschaft werden, übernehmen sie Verantwortung für die Sicherstellung der ökonomischen Handlungsfähigkeit. Sicherheit und Zuverlässigkeit sind die harte Währung in diesem Geschäft. Die Diskussion um die europäische Daten-Cloud Gaia-X weist bereits in diese Richtung – auch wenn weiterhin unklar ist, wie diese Vision technisch umgesetzt werden kann. Aber auch die europäische Datenschutz-Grundverordnung ist ein Meilenstein auf diesem Weg. Da ist es interessant, dass Microsoft jetzt den gerade im Werden befindlichen California Consumer Privacy Act für die gesamten Vereinigten Staaten anerkennen will. Das ist freilich außerhalb Kaliforniens kein einklagbares Versprechen – aber es weitet die Prinzipien des europäischen Datenschutzrechts auf die USA aus.

Wir werden weder Cloud-Kunden, noch Softwarehäuser, noch Cloud-Provider in zehn Jahren wiedererkennen. Sie entwickeln sich sämtlich zu Betreibern von digitalen, cloud-basierten Ökosystemen. Das einzige, was uns auf diesem Weg aufhalten kann, sind die Menschen. Denn die neue Ökonomie braucht Fachkräfte, für die es noch kaum richtige Ausbildungskonzepte gibt. Wir müssen lernen und umlernen für die Plattform-Ökonomie.

 

Ein Blog über Blogs

Vorwort zur achten Ausgabe der „Bonnblogs – frisch reingekommen“

Das Buch als PDF können Sie hier downloaden.

Wir schreiben das Jahr Eins nach dem Ende der CeBIT. Im November 2018 mussten wir erfahren, dass die Weltmesse der Informationswirtschaft plötzlich und unerwartet im Kreise ihrer Lieben von uns gegangen ist. Nein, von uns gegangen wurde. Ich habe damals einen reichlich emotionalen Blog geschrieben, in dem ich uns allen wünschte, dass die CEBIT eben nicht in Frieden ruhen solle, sondern zumindest eine würdige Erbfolge haben könnte. Dann kam die CES in Las Vegas, die Industriemesse in Hannover ging vorüber, der angekündigte Digitaltag nach Schweizer Vorbild blieb aus, schließlich folgten IAA mit fahrenden Smartphones und die IFA mit denkender Unterhaltungselektronik. In Januar 2020 wird sich zeigen, dass die CES die einzige würdige Nachfolgerin der CEBIT sein wird.

Wieder ein Asset „Made in Germany“, das wir ohne Not ans Ausland verschenken!

In diesem emotionalen Blog vom 26. November 2018 habe ich ein Wort geprägt, das mich das ganze folgende Jahr hindurch begleitet, ja verfolgt hat: Bräsigkeit! Es ist dieser deutschen Gen-Defekt, Technologien nicht bis zum Produkt zu Ende denken zu können, der mich schier in den Wahnsinn treibt. Und bei der Lektüre der Blogs aus den letzten 52 Wochen wird mir klar, wie sehr mein Unmut, meine Ungeduld, mein Unwillen zugenommen haben, diese Bräsigkeit weiter hinzunehmen. Wir schlafwandeln im digitalen Wandel, habe ich dazu einmal geschimpft.

Dabei hatte ich zum Jahreswechsel 2018 / 2019 noch Hoffnung, dass wir zumindest beim Thema künstliche Intelligenz Fahrt aufnehmen würden. Zwar hielt ich die von der Bundesregierung losgetretenen KI-Initiative von Anfang für „nett, aber nicht gut genug“ – aber ich hatte am 31. Dezember 2018 noch die Hoffnung, dass sich nun doch etwas tun würde. Doch über die Wochen und Monate wurde auch diese zerstört: es geht einfach nicht voran in diesem Land. Das können wir auch am schleichenden Verfall unserer Infrastruktur erkennen – ganz zu schweigen vom schleichenden Aufbau einer IT-Infrastruktur auf der Basis von 5G oder wenigstens 4G.

Es ist einfach nicht zu fassen, wie wir unsere Talente vergeuden und unsere Chancen ausschlagen. Doch zum Jahresende hin müssen wir uns die selbstgefällige Zwischenbilanz der Bundesregierung gefallen lassen, bei der der Vizekanzler auf die „schwarze Null“ verweist und die Kanzlerin aufzählt, dass zwei Drittel der Gesetzesvorhaben erledigt oder zumindest auf den Weg gebracht worden seien. Aber WIE, müssen wir fragen. Von der Pkw-Maut über die Industriepolitik und das Klimapaket bis zur KI-Initiative ist doch das meiste zu kurz gesprungen.

Blogs geben immer nur eine Momentaufnahme wieder. Aber übers Jahr genossen, zeichnen sie ein Bild der laufenden Ereignisse. Diese inzwischen achte Sammlung von Bonnblogs erscheint erstmals als eBook – sozusagen mein Beitrag zum digitalen Wandel und zur Verkleinerung meines ganz persönlichen CO2-Abrdrucks.

Wie immer sind die Blogs so angeordnet, dass der aktuellste Beitrag vorne und der älteste Blog hinten im Buch zu finden sind. Beim Durchblättern wird Ihnen auffallen, dass ich im Rückblick 2018 Microsofts CEO Satya Nadella zu meinem persönlichen Mann des Jahres erkoren habe. Jetzt – und damit endet beziehungsweise beginnt dieses Buch – haben die Analysten von Fortune ihn zur Businessperson of the Year 2019 gewählt.

Diese und andere Entdeckungen bietet dieses Buch. Ich wünsche bei der Lektüre viel Vergnügen – und der Bundesregierung endlich einen Haken, an dem sie sich aus ihrer Bräsigkeit ziehen kann.

 

Runter vom Podest!

Microsofts Gründer Bill Gates ist nach zwei Jahren wieder der reichste Mann der Welt! Nach Schätzungen besitzt er derzeit ein Vermögen, das ungefähr eine Milliarde Dollar größer ist als das von Amazon-Gründer Jeff Bezos, dem bislang reichsten Mann der Welt. Eine Milliarde Dollar ist für uns Normalbürger eine enorm große Menge Geld. Aber in realen Zahlen ausgedrückt ist der Abstand zwischen den beiden „Big Spendern“ geradezu marginal: 109 Milliarden Dollar versus 108 Milliarden Dollar.

Den erneuten Sprung an die Spitze hat Bill Gates wahrscheinlich einem anderen zu verdanken: seinem Nach-Nachfolger im Amt als Microsofts CEO, Satya Nadella. In dem gut halben Jahrzehnt seit dessen Ernennung zum Vorstandsvorsitzenden hat sich die Notierung der Microsoft-Aktie verdreifacht – auf einen nahezu All-Time-Höchststand, der dem Unternehmen eine Marktkapitalisierung von mehr als einer Billion Dollar beschert. Selbst der reichste Mann der Welt könnte seine alte Company ohne fremde Finanzierungshilfe nicht zurückkaufen…

Der Sprung an die Spitze für Bill Gates erfolgte wenige Tage, nachdem das Pentagon den mit zehn Milliarden Dollar dotierten Auftrag für das JEDI-Projekt (also die Joint Enterprise Defense Initiative) an Microsoft vergeben hatte und der Aktienkurs sprunghaft stieg. Das Cloud-Projekt wird die Landschaft des Cloud Computings signifikant zugunsten von Microsoft und der Plattform Azure verschieben. Derzeit ist das Cloud-Business von Microsoft noch deutlich kleiner als das von Jeff Bezos´ Amazon Web Services. Kein Wunder, dass Amazon jetzt gegen die Vergabe gerichtlich vorgehen will.

Bemerkenswert aber ist, wie Satya Nadella den Deal mit dem Verteidigungsministerium gegenüber seinen pazifistisch ausgerichteten Mitarbeitern verteidigte: Es könne nicht sein, dass ein Unternehmen die beste Technologie und das beste Knowhow denjenigen verweigere, „die unsere Demokratie schützen“. Das Argument folgt ganz dem Nadella´schen Glaubenssatz, dass Microsoft dafür da ist, Menschen und Organisationen zu befähigen, mehr zu erreichen.

Dafür musste sich der im indischen Hyderabad geborene CEO erst von den Glaubenssätzen seiner beiden Vorgänger lösen und das Primat von „Devices“, die durch Windows angetrieben werden, durch „Services“ auf der Azure Plattform ersetzen. Für 2023 sagen denn auch Analysten voraus, dass Microsoft mit Cloud Computing mehr Umsatz machen wird als mit allen anderen Produktsparten.

Nadella war Ende 2013 einer der wenigen im Management-Board, die sich gegen die von Steve Ballmer eingestielte Übernahme von Nokia ausgesprochen hatten. Seine Begründung: Er sehe nicht ein, dass die Welt der Smartphones neben Apple´s iOS und Google`s Android noch ein drittes Ökosystem benötige. Damals war der Anteil von Windows mobile bei vier Prozent angelangt – ohne Aussicht darauf, zu den beiden Marktführern aufzuschließen.

Stattdessen bestand Nadellas erste Amtshandlung darin, die Cash-Cow Microsoft Office für das iPad von Apple verfügbar zu machen – also für den direkten und erbitterten „Erzfeind“. Aber der vermutlich wichtigste Move bestand darin, dass Satya Nadella diese Ankündigung nicht – wie von seinen Vorgängern gewohnt – von einer erhöhten Bühne aus machte, sondern auf gleichem Level mit seinem Publikum. „Runter vom Podest“ ist seitdem ein stehender Begriff in Microsofts Managementkultur.

Diesen Kulturwandel hat Nadella seinem eigenen Bekunden zufolge einem Buch zu verdanken: „Mindset – The New Psychology of Success“ der heute 73jährigen Stanford Professorin Carol Dweck. Darin macht sie deutlich, wie ein auf Wachstum ausgerichteter Geist mehr Kreativität, mehr Miteinander, mehr Experimentierfreude freisetzt als ein auf das Bewahren bestehender Prinzipien ausgelegter Kopf. Für Microsoft, wo unter Ballmers Ägide Entwicklungsabteilungen absichtlich gegeneinander angesetzt wurden und wo Mitarbeiter-Bewertungssysteme darauf angelegt waren, selbst bei All-Star-Teams relative Low-Performer abzustrafen, war das eine Kulturrevolution.

Sie hält bis heute an und treibt in der Tat Microsoft zu immer neuem Wachstum. Deshalb wählten die Analysten von Fortune Satya Nadella jetzt zur Businessperson of the Year 2019. Er wird diese Auszeichnung mit seinem bekannt breiten Lächeln zur Kenntnis genommen haben. Aber der Versuchung, wieder aufs Podest zu steigen, wird er widerstehen. Wir gratulieren trotzdem. Es ist gut, in einer Zeit des Wertverfalls einen so wertvollen Business Leader zu haben.

 

KI-Klein-Klein

Es gilt, ein trauriges Jubiläum zu begehen: Vor ziemlich genau einem Jahr hat die Bundesregierung ihre KI-Initiative verabschiedet, deren Grundprinzipien im Sommer 2018 festgelegt wurden. Ziel sollte es sein, bis zum Jahr 2025 rund drei Milliarden Euro in die Entwicklung von Grundlagen, Lösungen und Produkten der KI-Technologien zu stecken und dafür sowohl Wissenschaft als auch Wirtschaft zu mehr Anstrengungen zu ermuntern.

Geschehen ist seitdem – nichts. Oder wenn wir sehr fair sein wollen: so gut wie nichts!

Die ersten rechnerisch verteilten 500 Millionen Euro sind ohne nennenswerte Wirkung geblieben. Von den 100 KI-Professuren, die laut Initiativ-Papier installiert werden sollten, sind bislang lediglich 30 ausgeschrieben – also noch nicht einmal besetzt. Und Bundesbildungsministerin Anja Karliczek reklamiert bereits die deutsche Daten-Cloud als Erfolg der KI-Initiative. Dabei ist „Gaia-X“ selbst derzeit kaum mehr als ein Papiertiger. „Weichenstellungen“ nennt das Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier im selbstgefälligen Ton in seiner Würdigung der ersten zwölf Monate KI-Förderung. Unbegründetes Selbstlob dieser Art sind wir schon aus der Halbzeitbilanz der Bundesregierung sattsam gewohnt.

Tatsächlich beschränken wir uns bei der künstlichen Intelligenz schon seit mehr als 30 Jahren auf „Weichenstellungen“. Das Deutsche Forschungszentrum für künstliche Intelligenz gehört zu den größten Einrichtungen seiner Art weltweit. Aus ihm sind Grundlagen-Ergebnisse, Spin-offs und Produktideen hervorgegangen, die jedoch größtenteils ein Nischendasein fristen. Der ganz große Schub kommt – obwohl dort ursprünglich lange Zeit keine vergleichbare Einrichtung bestand – inzwischen aus den USA.

Das soll jetzt noch besser koordiniert werden. Nach dem deutschen Vorbild planen auch die Vereinigten Staaten eine zentrale KI-Behörde, die die KI-Forschung bündeln und gezielt fördern soll. Geplant ist ein Investitionsvolumen von 100 Milliarden Dollar – naturgemäß über einen längeren Zeitraum. Aber selbst wenn die Bundesregierung – wie jetzt angekündigt – ihre Anstrengungen verdoppeln will und selbst wenn die Bundesförderung durch die Anteile der Wirtschaft gehebelt wird, bleibt es beim deutschen KI-Klein-Klein. Lediglich ein gutes Zehntel der in den USA geplanten Ausgaben wäre dann erreicht.

Hinzu kommen die zahlreichen Venture Capitalists in den Vereinigten Staaten, die vor allem vielversprechende KI-Startups mit Millioneninvestitionen pushen. In Deutschland fehlt es unverändert an Kapital für die zweite Wachstumsphase. Zwar säen wir hierzulande vielversprechende Neugründungen und fördern sie durch Acceleratoren. Aber wenn es um die Skalierung der Produkte und Marktpräsenz geht, brauchen die sogenannten Scaleups erheblich größere Finanzspritzen.

Und während am Deutschen Forschungszentrum für künstliche Intelligenz mit rund 1000 Mitarbeitern – überwiegend wissenschaftliche Hilfskräfte – mit Fleiß und Verstand geforscht wird, warten die KI-Eliteunis auf ihre Lehrstühle und Professorenstellen. Dabei wird es angesichts der weltweiten Knappheit an KI-Personal gar nicht so leicht werden, die anvisierten Stellen auch wirklich zu besetzen. Das soll sich ändern, verspricht Peter Altmaier. Das muss sich ändern, sagen Wirtschaft und Wissenschaft.

Ungewöhnlich vehement wehrt sich der Hightech-Verband Bitkom gegen das Schulterklopfen in der Bundesregierung. „Wenn wir so weitermachen, sehen wir von den schnellen Vorreiterländern der KI bald nicht mal mehr die Rücklichter“, warnt Bitkom-Hauptgeschäftsführer Bernhard Rohleder und fordert im Namen der Wirtschaft deutlich stärkere Anstrengungen. Doch solange Papiertiger und Weichenstellungen bereits als Erfolge verkauft werden, bleibt es wohl beim deutschen KI-Klein-Klein.