Wenn der Zweck die Mittel heiligt

Nur mal angenommen, Sie fahren einen Wagen der Luxusklasse, der mit zahlreichen Extras ausgestattet ist, wie zum Beispiel einem autonomen Parkassistenten. Dann stellen Sie das Fahrzeug nur noch vor der Parklücke ab, aktivieren per Knopfdruck oder Smartphone den Assistenten und steigen schon mal aus. Der Wagen ruckelt sich ganz von alleine – quer oder längs – in die Lücke. Toll!

Nur, dass der Parkassistent bei diesem Vorgang weiß, wo Sie parken, wie lange das Fahrzeug dort steht und wann Sie wieder losfahren. Das gilt auch für so manches Topmodell der Navigationssysteme, das die Route mitschreibt und deshalb ein automatisches Tracking Ihrer Spritztouren leistet. Bei Tesla beispielsweise funktioniert das Navi praktisch nicht ohne Abonnement, das also von einer zentralen Stelle irgendwo in der Cloud freigeschaltet werden muss. Bei Mercedes kann man einen Beschleunigungs-Booster per Abo dazukaufen – und irgendeine Instanz weiß danach, wann Sie mal wieder den Porsche an der Ampel stehen gelassen haben.

Alles schöne Spielzeuge für die „großen Jungs und Mädchen“! Aber alle diese teuren Spielzeuge sind zugleich große Datenschleudern, von denen der Service-Provider interessante Erkenntnisse über das Fahrverhalten ziehen kann. Beim Parkassistenten ist es beispielsweise sinnvoll, die Fahrdaten mitzuschreiben, um die Steuerungssoftware zu optimieren. Beim Navi lernt das System allmählich, bislang nicht kartierte Nebenwege in den digitalen Atlas aufzunehmen. Aber ob und inwieweit dabei schützenswerte personenbezogene Daten mitgeschrieben und weiterverarbeitet werden, wird kaum diskutiert.

Und nun nur noch angenommen, das Kraftfahrzeugbundesamt würde diese Fahrzeugmodelle, in denen der Einbau solcher Assistenten möglich ist, vom Markt nehmen, weil nicht geklärt ist, welche bei diesen Diensten anfallenden Daten vom Service-Anbieter gesammelt und ausgewertet werden und ob er dies als „Auftragsverarbeiter“ oder als „Verantwortlicher“ tut. Nach Artikel 5, Absatz 2 der Datenschutzgrundverordnung müssten Audi, Mercedes, BMW oder Tesla als „Verantwortliche“ jederzeit Rechenschaft darüber ablegen können, welche Verarbeitungen im Einzelnen stattfinden.

Ziemlich genau so sieht das Dilemma aus, das die deutschen Datenschützer bei Microsoft verursachen, nachdem sie auf ihrer 104. Datenschutzkonferenz erneut und diesmal mit ziemlicher Vehemenz den Gebrauch des Online-Services Microsoft 365, zu dem neben Windows auch Office und die Collaboration Software Teams gehört, für Behörden und öffentliche Bildungseinrichtungen mehr oder minder untersagt haben. Für die Datenschutzbeauftragten ist auch nach den Nachbesserungen in den Standardvertragsklauseln und des Datenschutznachtrags in Form eines Berichts an die eigentlich verantwortliche EU-Datenschutzbehörde in Irland nicht ausreichend geklärt, ob und wenn ja in welchem Umfang Microsoft personenbezogene Daten abgreift. Microsoft bestreitet, inhaltliche Daten unrechtmäßig zu lesen.

Die Datenschützer argumentieren also mit der Datenschutzgrundverordnung und den Konsequenzen aus dem Urteil des Europäischen Gerichtshofs, dem sogenannten Schems II-Urteil, nachdem US-amerikanische Cloud-Anbieter gegen die DSGVO verstoßen, weil sie auch mit ihren europäischen Daten Centern nicht vor dem Zugriff von US-Behörden geschützt sind, wenn diese zur Aufklärung einer Straftat im begründeten Verdachtsfall in Europa gespeicherte personenbezogene Daten einsehen wollen. Sie argumentieren also nicht, dass erwiesen ist, dass diese Lücken in Microsoft 365 existieren. Sie gründen ihr Verbot lediglich damit, dass Microsoft ihrer Ansicht nach den Verdacht nicht ausreichend ausgeräumt habe.

Die Datenschützer kehren also die Unschuldsvermutung um: Es ist keineswegs erwiesen, dass Microsoft 365 gegen die Datenschutzgrundverordnung verstößt. Es ist lediglich möglich. Sie gehen sogar so weit, jeder deutschen Organisation – egal ob in der öffentlichen Hand oder in der privaten Wirtschaft – zu unterstellen, dass sie beim standardmäßigen Betrieb von Microsoft 365 gegen die  DSGVO verstoßen. Auch hier also ein Generalverdacht, der dem Brauch der Unschuldsvermutung widerspricht. Vor keinem deutschen Gericht käme ein Staatsanwalt mit dieser dünnen Faktenlage durch. Aber die Datenschützer befinden sich hier offensichtlich selbst außerhalb des Rechtssystems, möchte man meinen.

Dabei geht es gar nicht um die Software oder den Cloud-Service selbst. Ein Stresstest wurde nie gestartet. Es geht lediglich um das begleitende Paperwork. Seit zwei Jahren ändert Microsoft kontinuierlich Standardvertragsklauseln und Datenschutzerklärungen. Doch nach Ansicht der Datenschützer liefern die Dokumente nicht die notwendige Transparenz, um zu erkennen, welche Daten von Microsoft „für eigene Zwecke verwendet werden können“. Es lasse sich an einigen Stellen nicht einschätzen, welche Informationen und Diagnosewerte noch erhoben und an Microsoft übertragen werden, heißt es. Damit lasse sich auch nicht prüfen, ob alle Schritte im Sinne der DSGVO rechtmäßig sind, schreiben die Datenschützer.

Es gibt in der Tat Diagnosewerte, die Microsoft nutzt, um sie zur Analyse von möglichen Bedrohungen aus dem Cyberraum zu nutzen und dadurch die eigenen Sicherheitsmaßnahmen zu schärfen. Das ist nach Ansicht der Datenschützer bereits ein Verstoß gegen die DSGVO. Damit wäre Datenschutz auch Täterschutz. Oder sollte doch hier der Zweck nicht die Mittel heiligen können. Im Automobil wäre das wünschenswert. Im  Cloud Computing aber doch wohl auch.

Souveränes Energiesparen

Für die Recherche dieses Blogs habe ich etwa 20 Suchanfragen bei Google gestellt. Dabei hat mir eine Stunde lang eine Energiesparlampe Licht gespendet. Beides – die Suchanfragen und die Lichtstunde – haben etwa gleich viel Energie verbraucht, nämlich jeweils etwa 0,3 Wattstunden. Und wer bei den aktuellen Strompreisen sein Heim noch mit alten Lichterketten schmückt, verursacht bis Weihnachten etwa vier Euro Energiekosten pro Stück, wer dies mit modernen LED-Lichtern tut,  verbraucht dagegen nur Energie zum Einkaufspreis von lediglich 40 Cent pro Lichterkette. Allerdings: Eine LED-Lichterkette kostet mehr als vier Euro. Geld spart man also beim Wechsel nicht – aber der fossile Fußabdruck wäre kleiner.

Dass wir neuerdings solche Rechnungen aufmachen, hat drei Gründe: Erstens und am dringendsten sind die exorbitant gestiegenen Energiekosten. Zweitens und wichtiger ist die fortschreitende Welterwärmung. Und drittens und bislang kaum beachtet ist die Lichtverschmutzung durch die Weihnachtsbeleuchtung, die es zum Beispiel nachtaktiven Tieren immer schwieriger macht, ihren Geschäften nachzugehen. Früher, als noch alles besser war, machten wir uns solche Gedanken nicht.

Früher haben wir auch ohne viel Federlesens im firmeneigenen Rechenzentrum einen Server an den anderen gereiht, weil die Anschaffungskosten vergleichsweise gering waren, die laufenden Kosten aber kaum ins Gewicht fielen – und die Abwärme ging durchs offene Fenster. Das hat sich geändert. Die Inhouse-IT ist heute bei vielen Unternehmen ein erheblicher Kostenfaktor, der sich aus Ausgaben für die Systemadministration, die Wartung, die Energie und die Abwärme zusammensetzt.

Das alles sind Gründe, den Eigenbetrieb der informationstechnischen Infrastruktur durch einen günstigeren Cloud-Betrieb zu ersetzen. Denn in der Regel sind die Energiekosten pro Transaktion im professionell betriebenen Rechenzentrum geringer. Und wenn der Cloud Provider zugleich auch noch auf erneuerbare Energien setzt, wird schnell ein klimapolitischer Move aus diesem Wechsel. Nahezu alle großen Cloud-Anbieter – von der Deutschen Telekom bis SAP – weisen in ihren Bilanzen inzwischen ihre Aktivitäten zur Nachhaltigkeit aus und sind – wie zum Beispiel Microsoft oder Google – im Betrieb ihrer Data Center zumindest klimaneutral.

Doch die Ressentiments gegenüber dem Wechsel in die Cloud sind vor allem beim deutschen Mittelstand noch immer groß und beharrlich. Zwei von fünf Mittelständlern haben oder planen laut IDC keine Aktivitäten in der Cloud – nutzen also noch nicht einmal Basisdienste wie Storage as a Service oder Cloud-basierte Mail-Server. Die Gründe sind seit knapp zwei Jahrzehnten, also seit es die Debatte um „Clout-Sourcing“ gibt, unverändert: Die Cloud gilt als nicht sicher genug, die Abhängigkeit vom Service Provider ist zu groß, die Daten könnten auch anderen zugutekommen. Nichts von alldem trifft zu. Aber die Sorge um einen Verlust der Souveränität in der eigenen Informationsverarbeitung ist offensichtlich ungemindert. Und die Debatte um US-amerikanischen Zugriff auf in Europa von US-amerikanischen Anbietern betriebene Data Center war bei all dem auch nicht gerade förderlich.

Deshalb wurde 2019 noch unter der alten Bundesregierung die europäische Initiative zur souveränen Daten-Cloud ins Leben gerufen. Gaia-X soll den europäischen Anwendern genau jene Souveränität garantieren, die nach einer Studie von Censuswide von mehr als 80 Prozent der IT-Experten gefordert wird. 87 Prozent der befragten französischen IT-Experten plädieren dafür. In Großbritannien mit 82 Prozent und Deutschland mit 81 Prozent ist die Sensibilität hierzu kaum geringer. Dabei wird interessanterweise die Parallele zum russischen Gas gezogen. Nachdem sich Europa in gefährliche Abhängigkeit von Energie aus Russland begeben habe, solle dieses Dilemma bei den Daten und den Cloud-Services unbedingt vermieden werden. Dazu brauche es eines Neustarts für Gaia-X.

Die Forderung kommt ausgerechnet zu einem Zeitpunkt, da die Gaia-X-Initiative den ersten Katalog für souveräne Standards vorgelegt hat. Ihre Umsetzung würde noch Monate, wenn nicht Jahre dauern, ein Neustart könnte die Realisierung noch einmal verzögern. Gaia-X käme dann – wie die Gaspreisbremse – zu spät, um wirklich zu helfen.

Denn aller Unkenrufe zum Trotz sind auch die von US-amerikanischen Anbietern unterbreiteten Cloud-Services sicherer als der souveräne Eigenbetrieb. Das allein machen schon die milliardenschweren Verluste durch Cyber-Kriminalität deutlich, die vor allem die Inhouse-IT treffen und betreffen. Die jetzt überbordenden Energiepreise fügen diesem Argument zugunsten einer Cloud-Migration nun noch ein weiteres hinzu. Anbieter wie Microsoft oder SAP gründen deshalb inzwischen eigene Initiativen, um mehr Souveränität in die Cloud zu bringen. Das wäre dann ein souveränes Energiesparprogramm, von dem mittelständische Unternehmen sofort eine Entlastung erfahren könnten.

Todesursache: Multiples Organversagen

„Herr, es ist Zeit: Der Sommer war sehr groß“, so beginnt Rainer Maria Rilke sein Gedicht „Herbsttag“. Und in der Tat: der sonnenreiche, „große“ Sommer hat erheblich dazu beigetragen, dass der Anteil der erneuerbaren Energien am gesamten Energiemix deutlich gestiegen ist. Nach den Daten des Fraunhofer-Instituts für Solare Energiesysteme haben sie bis Mitte November zusammen einen Anteil von gut 38 Prozent an der Einspeisung ins öffentliche Stromnetz gehabt. Rechnet man die vor allem aus eigenen Gaskraftwerken für den Eigenbedarf produzierte Energiemenge der Wirtschaft hinzu, reduziert sich der Anteil der Erneuerbaren auf immerhin noch beachtlich 34 Prozent – also gut ein Drittel des Gesamtbedarfs.

Der Wettergott ist also offensichtlich nicht auf Russlands Seite – sonst würde er dem Westen nicht die Gelegenheit gegeben haben, die Gasspeicher in dem sich an den großen Sommer anschließenden milden Herbst praktisch vollständig aufzufüllen. Das ist die gute Nachricht. Die schlechte aber ist: Deutschlands Energieverbrauch wird zwar 2022 voraussichtlich etwas zurückgehen und 2,7 Prozent unter dem des Vorjahres liegen – doch ein stärkerer Rückgang wäre möglich gewesen. Vor allem im Verkehrssektor hat der Spritbedarf zugelegt und damit einen geringeren Energieverbrauch der Gesamtwirtschaft verhindert. Und: 84,1 Millionen Menschen leben inzwischen in Deutschland, was den Energieverbrauch im privaten Sektor trotz deutlich sparsamerer Haushaltung erhöht hat.

Dass der Energieverbrauch dennoch sinken konnte, ist vor allem den Investitionen der Wirtschaft in alternative Energiequellen und erhöhte Energieeffizienz zu verdanken. Allen Unkenrufen zum Trotz hat vor allem der deutsche Mittelstand nicht wie das Kaninchen auf die leere Gas-Pipeline gestarrt, sondern gehandelt. Doch waren es nicht nur Investitionen, sondern auch der Rückgang von Produktion hierzulande und die Verlagerung der Fertigung ins Ausland, die zum geringeren Energiebedarf geführt haben.

Und doch bleibt der Würgegriff der historisch hohen Energiepreise für viele Handwerksbetriebe und mittlere Unternehmen bis weit ins kommende Jahr bestehen. Langfristig halten das im Zweifel nicht alle kleinen und mittelständischen Unternehmen aus. Geschäftsaufgaben, Geschäftsverlagerungen, Entlassungen und Kurzarbeit drohen deshalb weiterhin. Und die ebenfalls historisch hohe Inflationsrate führt dazu, dass auch im Einkauf der Rohstoffe und Halbfertigwaren die Kosten den Gewinn auffressen. Für viele Unternehmen im Mittelstand kommt die für März – möglicherweise Februar – geplante Gaspreisbremse wahrscheinlich zu spät. Und auch die nächsten Maßnahmen der Europäischen Zentralbank gegen die galoppierende Inflation könnten zu spät greifen. Viele mittelständische Unternehmen werden auf die Intensivstation verlegt, wo Banken und Bundesregierung Sofortmaßnahmen einleiten müssten, weil sonst ein multiples Organversagen droht, das tödlich enden könnte.

Und auch wenn Bundesregierung, EZB und Wirtschaft sowohl die Energiekrise und als auch die Inflation mittelfristig in den Griff bekommen sollten – die Engpässe in den Lieferketten werden anhalten, weil sie andere Ursachen haben. Das liegt einerseits an der Null-Covid-Strategie der Chinesen, andererseits an der aberwitzigen Situation, dass es für den internationalen Warenverkehr nicht genügend Schiffe gibt. Laut einer Umfrage des ifo-Instituts im September dieses Jahres sind durchschnittlich fast zwei Drittel der Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe von einer Knappheit von Vorprodukten betroffen. Drei Viertel sehen die Lieferketten inzwischen als kritisches Organversagen.

Das alles könnte sich auch dann als lebensbedrohlich erweisen, wenn auch der Winter milde ausfiel. Für fast die Hälfte der Unternehmen haben sich die Preise inzwischen verdoppelt, für ein knappes Drittel sogar verdreifacht. Daran wird sich sobald nichts ändern. Die Folgen sind weiteres Organversagen: Um die Krise zu bewältigen, denken viele Unternehmen an Personalkürzungen, geplante Investitionen müssen gestoppt oder verschoben werden und einige Unternehmen werden auch ins Ausland gehen, um in der Krise nicht unterzugehen. Für einige wird sich die Produktion auch gar nicht mehr lohnen.

Es herrscht  Endzeitstimmung angesichts des drohenden multiplen Organversagens. Sie findet sich auch in Rilkes „Herbsttag“, wo es in der letzten Strophe heißt; „Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr. / Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben.“

Die Grenzen des Wachstums

Ziemlich genau 50 Jahre ist es her, da rüttelte der Club of Rome in seinem ersten Report unter dem Titel „Die Grenzen des Wachstums“ die beiden Teile einer nie einigen Welt auf – den einen, weil er die darin beschriebenen Endzeitszenarien glaubte, den anderen, weil seiner Meinung nach die im Report berechneten Simulationen auf falschen oder unzulänglichen Parametern beruhten. Letzterer fühlte sich in den Jahrzehnten danach erst durch neue Rohstoff-Funde bestätigt, dann durch die Eroberung neuer Absatzmärkte in den sogenannten Schwellenländern. Wachstum ging irgendwie immer weiter.

Allen voran die Volksrepublik China erwies sich geradezu als unerschöpflicher Nährboden für Wachstumsphantasien, die im postsowjetischen Europa noch durch zusätzliche günstige Gaslieferungen im wahrsten Sinne des Wortes befeuert wurden. Die Volksrepublik wurde zugleich wichtigster Produktionsstandort und Absatzmarkt, in dem praktisch jedes halbwegs hippe Konsumgut im Auftrag der globalen Konzerne gefertigt, um den halben Globus geliefert und anschließend bei den globalen Markenartiklern wieder eingekauft wurde. Zugleich haben die Chinesen ihre internationalen Beziehungen völlig unbehelligt vom Rest der Welt knüpfen können, sodass sie heute nicht nur einen großen Teil der Rohstoffvorkommen, sondern auch der Transportwege kontrollieren. Das konnte nicht gutgehen und es geht auch nicht gut.

Selbst wenn wir wollten, wir können das Reich der Mitte als Handelspartner nicht ignorieren – auch wenn die großen deutschen Automobilkonzerne und US-amerikanischen Tech-Giganten darüber reden. In Wahrheit bauen sie ihre Standorte in Fernost aus. Denn im Handel mit den Chinesen funktioniert das ein Jahrhundert alte westliche Konsummodell, auf dem unser Wachstum fußt, noch. Für Indien oder die südamerikanischen und afrikanischen Länder wird das Wachstumsmodell, das auf immer mehr Nachfrage beruht, die durch immer effizientere Produktion gestillt wird, nicht anwendbar sein.

Noch sind Wachstum, Produktivität und Kostensenkung das motivationale Dreigestirn der digitalen Erneuerung. Vor allem der Mittelstand jagt diesen Effektivitätszielen nach, wenn er sich darauf beschränkt, analoge Prozesse durch digitale zu ersetzen, ansonsten aber die bewährten Geschäftsprozesse unangetastet lässt. Dahinter steht allerdings ein beängstigendes Beharrungsvermögen, das die Entscheider an alten und eigentlich überkommenen Grundprinzipien festhalten lässt, statt sich einer Erkenntnis zu öffnen, die unser Wirtschaften in den kommenden Dekaden bestimmen wird: Wir haben das Ende des Wachstums längst erreicht. Worum es geht bei der digitalen Transformation ist nicht ein Wachstum durch ein Schneller, Höher, Weiter, sondern durch ein Besser, Genauer und Schonender.

Es geht also gar nicht darum, immer mehr zu produzieren, sondern darum, immer genauer zu liefern. Das Ziel der digitalen Transformation muss es also sein, die Kommunikation mit dem Kunden weiter zu intensivieren, flexibel auf die von ihm geäußerten Bedürfnisse zu reagieren und auch dann noch Liefertreue zu beweisen, wenn sich im letzten Moment Änderungen in der Bestellung ergeben. Wenn das Produkt es lernt, mit dem Kunden zu kommunizieren, und seine Eigenschaften per Software-Update den Wünschen des Kunden anpassen kann – dann ist die ideale Transformation gelungen. Und dann entstehen auch neue Wachstumspotenziale durch Services im Abonnement, die über das Internet geliefert werden. Die Plattform-Ökonomie ist wahrscheinlich der größte noch brachliegende Absatzmarkt auf diesem Planeten.

Und es geht darum, Effizienz nicht im Sinne einer Produktionssteigerung zu definieren, sondern im Sinne von Nachhaltigkeit, dem sorgsamen Umgang mit der Umwelt, den Rohstoffen und dem sozialen Umfeld umzusetzen. Denn im Grundsatz hatte der Club of Rome vor 50 Jahren doch recht: Die Ressourcen der Erde sind endlich, auch wenn das Ende später eintreten könnte als bisher befürchtet. Und ebenso endlich ist die Belastbarkeit der Erde, wie jetzt (leider wieder ergebnislos) in Ägypten auf internationaler Bühne diskutiert wird. Die Schäden von morgen sind der Kredit, mit dem wir bislang unser Wachstum finanziert haben. Diese Schäden werden beide Teile der Menschheit treffen – die Leugner ebenso wie die Ahnungslosen.