Begegnungen der dritten Art

Das Jahr 2017 ist nun Vergangenheit – aber es ist nicht fort. Es bestimmt als gewesene Gegenwart die gerade eintreffende Zukunft. So viel populäre Philosophie ist wohl nötig, um zu erklären, was diesen Jahreswechsel von seinen Vorgängern unterscheidet: Denn – zumindest in meinem persönlichen Empfinden – sind die Debatten, die wir vor gerade erst zwölf Monaten geführt haben, aus heutiger Sicht ungemein gestrig…

Vor zwölf Monaten glaubten wir noch, die Digitalisierung wäre ein technisches Projekt, in dem es darum geht, analog arbeitende Maschinen durch moderne zu ersetzen, um möglichst viele Daten zu möglichst vielen Prozessen zu erhalten, die dann ausgewertet und genutzt werden können. Aber im Laufe des Jahres wuchs die Erkenntnis, dass Digitalisierung zugleich Dematerialisierung bedeutet: Immer mehr Eigenschaften eines Produkts oder eines Prozesses werden durch digitale Dienste aus der Cloud definiert. Ein Auto ist nicht einfach nur ein Fahrzeug, sondern ein mobiles Kommunikationsgerät; eine Uhr ist nicht einfach nur ein Chronometer, sondern ein Multifunktionsgerät.

Digitalisierung schafft lediglich die Infrastruktur, auf der die eigentliche Revolution allmählich Gestalt anzunehmen beginnt. Denn hinter den digitalen Diensten aus der Cloud steckt immer häufiger künstliche Intelligenz. Diese Systeme sind es, die in Wirklichkeit unser Leben verändern werden. Sie helfen Unternehmen dabei, sich mit ihren Angeboten besser auf unsere Wünsche einzustellen. Sie helfen Kliniken dabei, die wahren Ursachen unserer Krankheiten zu diagnostizieren. Und sie helfen sich selbst dabei, komplexe Strukturen und Regelwerke zu erlernen und damit Entscheidungen zu treffen, die geradezu übermenschlich sind…

Und diese Entwicklung hat ein Tempo angenommen, dass inzwischen wenige Monate wie Jahre wirken. Was wir gestern noch Machine Learning nannten, haben Wissenschaftler und Entwickler in Googles Schwestergesellschaft DeepMind jetzt mit einem neuen Begriff versehen: Reinforcement Learning. Das neuronale Netz AlphaZero lernt dabei Verhaltensmuster und Strategien aus sich selbst heraus – ohne dass es auf menschlichen Input angewiesen ist. In nur vier Stunden hat AlphaZero sich selbst Schachspielen angeeignet und es dabei zu einer Meisterschaft gebracht, die das bislang beste Schachprogram namens Stockfish wie einen Anfänger aussehen lässt. In einhundert Partien hat AlphaZero nicht ein einziges Mal verloren, aber 25 Siege davongetragen.

Das Revolutionäre daran ist, dass AlphaZero sich damit unabhängig von menschlichen Vorurteilen entwickeln kann. Sie gelten in vielen lernenden Systemen als ein Hemmnis, wenn es darum geht, neuen, bislang unbetretenen Denkpfaden zu folgen. Menschliche Voreingenommenheit ist aber umgekehrt auch die sicherste Methode, inhumane Entscheidungen durch künstliche Intelligenzen zu verhindern. Keine geringeren als Ginni Rometty (IBM), Vishal Sikka (damals Infosys) und Satya Nadella (Microsoft) haben auf dem World Economic Forum in Davos diese ethischen Fragestellungen zur Sprache gebracht. Es ist erst zwölf Monate her, aber es wirkt heute wie ein Ruf aus weiter Ferne.

Denn 2018 wird das Jahr sein, in dem wir überall eine Begegnung der dritten Art in Gestalt von künstlicher Intelligenz haben werden. Dass ihre überwiegend positiven Leistungen möglichst vielen Menschen zugutekommen sollen, ist das Ziel zahlreicher Initiativen. DeepMind ist eine davon. IBMs kognitiver Computer Watson erscheint tagtäglich in sympathischen Werbeeinblendungen mit freundlichen Fingerzeigen fürs tägliche Leben. Und Microsofts hat praktisch seine gesamte Produktpalette mit künstlicher Intelligenz aus der Cloud hinterlegt. „Demokratisierung von künstlicher Intelligenz“, nannte Microsofts CEO Satya Nadella diese Vision im vergangenen Sommer. Inzwischen ist sie Realität.

AlphaZero wird seine Milliarden-Investitionen nicht dadurch rechtfertigen, dass es andere Schachprogramme in Grund und Boden spielt. Reinforcement Learning kann dafür genutzt werden, komplexe Logistiknetzwerke zu optimieren oder Verkehrsströme zu lenken. Es kann an der Börse spekulieren oder unsere Kaufabsichten erahnen, wenn nicht gar beeinflussen. Es kann aber auch Drohnen lenken und auf menschliche Ziele ansetzen. Und es kann bei Null anfangend völlig eigene Denkstrukturen aufbauen. Tabula Rasa nennen das die Autoren des Fachartikels, der AlphaZeros mathematische Grundlagen beschreibt.

Der Begriff Tabula Rasa weckt ungute Assoziationen. Und er wirft – wie in der Begegnung der dritten Art – neue ethische Fragen auf, denen wir uns 2018 stellen werden.

Frohe wAInacht

Kein Event im jährlichen (christlichen) Festival-Kalender ist so mit Emotionen überfrachtet, wie die Solemnitas in nativitate Domini, das „Hochfest der Geburt des Herrn“. Unsere Hoffnungen, unsere guten Wünsche, unser gesamter Setzkasten aus Emotionen ist mit diesem 25. Dezember verbunden. Dabei hat in vielen Ländern – wie zum Beispiel in Deutschland – der Vorabend längst die Bedeutung des Weihnachtsfests auf sich vereinigt: es ist der Tag, an dem die Geschenke überreicht werden. Wo dies in der Nacht geschieht und die Geschenke erst am folgenden Morgen ausgepackt werden, heißt der Tag dann auch schon nicht mehr unbedingt Christmas, sondern Boxing Day.

Und der „Auspack-Tag“ weist denn auch schon schamlos auf die ökonomische (und für viele tatsächliche) Bedeutung dieses emotionalen Großkampftages hin: Das Jahresendgeschäft ist inzwischen derart mit dem Tag verknüpft, an dem die christliche Welt ihr größtes Geschenk erhielt, dass Börsenkurse, Kreditgeschäfte, IT-Infrastrukturen und Logistikkonzepte auf diese dem Konsum geweihte Nacht ausgelegt sind. Ohne anschlaggeschützte Weihnachtsmärkte, ohne Retail-Ketten und ohne den Online-Handel wäre das Fest der Geschenke nicht mehr zu meistern.

Grund genug für Lifestyle- und Wirtschaftsmagazine, in der sogenannten stillen Zeit die Stimme fürs Amazon-Bashing zu erheben. „Gelieferte Weihnacht“ hieß es beim Spiegel, „Die Perfide Psychologie des Kaufens“ in der Wirtschaftswoche und die Süddeutsche Zeitung meint, dass die Kunden Amazon längst „ausgeliefert“ sind. Dabei gewinnt der Spiegel mit seinem Titel den Zyniker-Preis, indem er Maria in der Anbetung des Kindes an Umtauschoptionen denken lässt.

Aber den Gipfel der Scheinheiligkeit erklimmt Edeka mit seinem Weihnachtsspot(t) (Link), in dem in einer verödeten, menschenvergessenen Welt ein kleiner anarchisch veranlagter Roboter den Geist der Weihnacht entdeckt. Der Hashtag KeinFestOhne verweist darauf, dass künstliche Intelligenz nicht die menschliche Wärme ersetzen kann. Der Spot übersieht dabei, dass es erst die Artificial Intelligence des Robots ist, die ihn erkennen lässt, worin der Kern des Weihnachtsfestes liegt. Ein treffenderes Beispiel für Machine Learning kann man gar nicht produzieren – auch wenn es wohl unabsichtlich geschah.

Tatsächlich wäre Weihnachten ohne Amazon und Co. ein anderes Weihnachten. Die Süddeutsche Zeitung formuliert es als Vorwurf, aber in Wahrheit ist es eine Leistung: „Amazon macht es den Kunden leicht, sie bekommen genau das, was sie wollen: schnelle Lieferung, ein riesiges Angebot, günstige Preise.“ Und diese Leistung stützt sich auf zwei Pfeiler: Big Data und AI. „Nach jahrelangem Datensammeln kennt der Konzern die Kunden besser als sie sich selbst. Amazon erinnert sich an alles, was ein Kunde je gekauft hat oder kaufen wollte.“ War das nicht genau das, was wir beim Verschwinden des letzten Tante-Emma-Ladens beklagt haben – den Verlust der Individualität. Jetzt bekommen wir sie auf artifizielle Weise zurück.

Big Data Analytics ist unsere moderne Form der Sterndeuterei. Mit künstlicher Intelligenz erkennen wir die Zeichen am Himmel und brechen auf, nicht um dem Erlöser zu huldigen, sondern den Erlösen. Das ist kein Phänomen der Neuzeit. Vor beinahe Tausend Jahren, im Jahr 1038, entschied Kaiser Konrad II., dass der vierte Adventssonntag auf den Heiligen Abend fallen darf. Seitdem gibt es von Zeit zu Zeit so kurze Adventszeiten wie in diesem Jahr. Was damals durchaus im Sinne des personalintensiven Handwerks war, ist heute keineswegs im Sinne des materialintensiven Handels. Er verliert einen der umsatzstärksten Tage im Jahr.

Aber es gibt ja inzwischen Black Fridays und Crazy Mondays. Doch mit jedem dieser verkaufsintensiven Tage verschärfen sich die Herausforderungen an die Logistik. Im stationären Handel müssen die Waren rechtzeitig in den Regalen liegen, im Online-Handel rechtzeitig im Postkasten. Auch das ist ohne künstliche Intelligenz nicht mehr zu meistern. Denn je stärker wir unser Kaufverhalten synchronisieren, umso genauer müssen unsere Handels- und Logistiksysteme auf unser Verhalten reagieren. Der Hashtag „KeinFestOhne“, den Edeka bemüht, bezieht sich auf den Kern von Weihnachten als Fest der Liebe. Aber es ist auch das Fest der Logistik – nd der Hilfe durch Artificial Intelligence.

Frohe wAInachten!

Gesundheit frei Haus

Was haben die Logistik und das Gesundheitswesen gemeinsam? Beide beeinflussen unser Leben Tag für Tag: durch die Belieferung mit den Dingen unseres (täglichen) Bedarfs und durch die Sicherung unseres (täglichen) Wohlbefindens. Dabei ist der Erfolg der Versandapotheken ohne die Leistungsfähigkeit der Logistik – vor allem auf der letzten Meile – nicht denkbar. Und ebenso wie die Logistik wird auch das Gesundheitswesen gerade durch die Digitalisierung der Welt aus den Angeln gehoben und neu wieder zusammengesetzt.

Wie stark beispielsweise das Geschäft mit der Gesundheit ins Internet abwandert, zeigt sich schon daran, dass jede siebte Apotheke in Deutschland inzwischen eine Versandhandelserlaubnis hat. Zwar setzt dabei nur ein Prozent (weniger als 200 Apotheken) überwiegend auf den eCommerce, dennoch haben im vergangenen Jahr mehr als die Hälfte aller Internetbenutzer – das sind nach Einschätzung des Bundesverbands Deutscher Versandapotheken immerhin 31 Millionen Kunden – schon Arzneimittel über das Internet bestellt und sich nach Hause liefern lassen. Zwei Jahre zuvor waren es erst 16 Millionen Kunden oder jeder dritte Internetbenutzer. Dabei können nur rezeptfreie Medikamente oder Nahrungsergänzungsmittel online bestellt werden, nicht jedoch die verschreibungspflichtigen Arzneien. Die OTC-Produkte (over the counter – also frei gehandelt) machen zwar nur 15 Prozent des gesamten Pharmaumsatzes in Deutschland aus, stellen aber mehr als die Hälfte aller Packungseinheiten. Ihre Logistik ist kleinteilig, spontan und verzweigt – aus Sicht der Lieferdienste also eigentlich unwirtschaftlich und uninteressant. Aber sie sind der eigentliche Wachstumsmarkt – sowohl aus der Sicht des Gesundheitswesens als auch in der Perspektive der Logistiker.

Deshalb wird sich der Trend laut Hightech-Verband Bitkom weiter beschleunigen: schon heute hat ein Drittel der Deutschen schon mal Gesundheitsdaten über das Internet weitergeleitet, noch mehr würden ihre Befunde gerne digital erhalten. Die Recherche und der Meinungsaustausch zu Gesundheitsthemen sind im Internet das große Ding, Fitness-Apps würde schon die Hälfte der Bevölkerung gerne nutzen, um eigene Daten beim Workout aufzuzeichnen und weiterzuleiten. Und natürlich sind die Kunden auch offen gegenüber neuen Liefermethoden für ihre Gesundheits- und Fitnessprodukte. Wer will schon für eine Packung Aspirin zu Hause warten müssen?

Das sehen die Logistiker kaum anders. Mehr als die Hälfte der Transportdienste kann sich vorstellen, dass sie künftig autonome Fahrzeuge für die letzte Meile einsetzen. Leicht weniger – nach einer Bitkom-Studie sind es vier von zehn Befragten – stellen sich vor, dass künftig Drohnen und Lieferroboter die Aufgabe übernehmen, kleine und kleinste Pakete an den Konsumenten zu liefern. Praktisch alle befragten Logistiker sehen in der Digitalisierung die große Umwälzung ihrer Geschäftsmodelle.

Dabei werden allerdings Drohnen nicht ausschließlich im Lieferservice zum Einsatz kommen, sondern bei der Optimierung der Intralogistik Hilfe leisten. Bereits in zehn Jahren sollen demnach kleine Copter dafür sorgen, dass die Inventur im Lager ständig auf dem neuesten Stand ist. Außerdem können Datenbrillen die Logistiker mit zusätzlichen Informationen versorgen: aus Pick by Voice wird dann Pick by Augmented Reality. Dann – so die Bitkom-Studie – sind es auch schon selbstlernende Systeme, die das Kommissionieren im Lager ebenso optimieren wie die Routenplanung oder das Auslösen von Bestellvorgängen.

Während aber im Gesundheitswesen die Akteure wie Ärzte, Krankenkassen, Krankenhäuser und Apotheken noch weit hinter den Möglichkeiten der Digitalisierung hinterherhinken, sind die Logistiker branchenübergreifend ganz vorne bei der Transformation dabei. 84 Prozent nutzen bereits heute spezielle Lösungen zur Optimierung ihrer logistischen Prozesse. Besonders häufig kommen fahrerlose Staplersysteme zum Einsatz (19 Prozent) oder sind in Planung (26 Prozent). Smarte Container,  Lagerroboter, Datenbrillen und intelligente Handschuhe sind demnach die Werkzeuge, mit denen der Logistiker in naher Zukunft tagtäglich zu tun haben wird.

Beide Bitkom-Studien bestätigen dabei, dass die Digitalisierung vor allem durch das Konsumverhalten immer weiter angefeuert wird. Es sind die Endverbraucher, die immer einfachere Geschäftsprozesse erwarten und mehr Convenience bezahlen wollen. Dass es gleichzeitig auch die privaten Internetnutzer sind, die mit der Herausgabe ihrer Daten die ganze Maschinerie am Laufen halten, ist dabei den wenigsten wirklich bewusst. Aber mit der Digitalisierung wird die Informationswirtschaft – also die Analyse großer Datenmengen und die Ableitung weiterer Geschäftsschritte daraus – über die letzte Meile hinaus bis in die Privatsphäre voranschreiten. Nicht nur in der Logistik, sondern auch im Gesundheitswesen, nicht nur im privaten Verbrauch, sondern auch im individuellen Fitness-Check. So gibt es nicht nur die Gesundheit frei Haus – sondern auch die Gesundheitsdaten.

Verkehrte Welt!

Vor einem Vierteljahrhundert war IBM eine ganz große Nummer bei den Fertigungsunternehmen rund um den Globus. Mit der Produktionsplanungssoftware COPICS und der Design-Anwendung CATIA steuerte Big Blue die Entwicklungs- und Produktionsabteilungen. Großrechner und Netzwerke des Computerriesen tickten bei Automobilzuliefern, Maschinenbauern und Elektronikunternehmen und bildeten das Rückgrat der Datenverarbeitung. Dann traf IBM eine folgenschwere Entscheidung: Raus aus dem Anwendungsgeschäft und Konzentration auf die Plattformen, hieß die neue Marschrichtung – und IBM verlor Jahr für Jahr an Boden auf dem Fertigungsboden. Dafür füllten Konkurrenten wie SAP mit Planungssoftware und Microsoft mit PC-basierten Plattformen das Lösungsvakuum. – Verkehrte Welt!

Jetzt ist IBM zurück auf der Produktionsebene. Strategische Partnerschaften mit Fertigungsunternehmen rund um den Globus werden im Monatsrhythmus abgeschlossen. Der Grund: Die Anbieter von Maschinen, Apparaten und Bauteilen haben erkannt, dass ihre Hardware ohne Software dumm bleibt und damit nicht in die digitalisierte Welt der Zukunft passt. Was sie jetzt brauchen, ist vor allem eines: eine Plattform, auf der sie die Datenströme aus dem Internet der Dinge kanalisieren und analysieren können. Die Stoßrichtung zielt sowohl auf eine smartere Produktion, als auch auf smartere Produkte. Denn die Daten sollen helfen, Produkte so herzustellen, wie sie gebraucht werden und wann sie gebraucht werden. Die Produkte sollen aber auch selbst Daten bereitstellen, damit sie besser das tun können, was gebraucht wird und wenn es gebraucht wird.

Das geht nicht ohne eine Plattform, die praktisch alle Facetten des Produktionsunternehmens zusammenfasst. Cloud-basierte Lösungswelten sind damit Teil der verkauften Hardware. Sie stellen Services bereit, die zu mehr Effizienz bei der Herstellung der Produkte führen und gleichzeitig die Produkte effizienter machen.

Doch IBM ist auch diesmal nicht allein. Microsoft hat sich unter Satya Nadella zu einem Plattform-Anbieter gewandelt, der auf die gleichen Kernkompetenzen zielt wie IBM. Und auch SAP hat erkannt, dass nicht nur die „White-Collar“-Bereiche des Unternehmens Daten sehen wollen, sondern auch die „Blue-Collar“-Kollegen im unmittelbaren Produktionsprozess aus Daten Taten machen. Nie war die klassische Hardware so umworben wie jetzt, wo die Software in die Cloud wandert. Verkehrte Welt!

Dabei ziehen sich die Plattform-Anbieter durchaus ihre eigenen Wettbewerber heran. Denn die großen Automobilzulieferer, Maschinenbauer und Elektrounternehmen nutzen die Cloud-Dienste ihrer Lösungslieferanten auch dafür, aus der eigenen, konzernweiten Digitalplattform ein Angebot für ihre Kunden zu schneidern. Die Cloud wird damit als Plattform zum Produkt, auf dem die Anwender selbst Dienste anbieten. Verkehrte Welt!

Und dieser Markt dürfte gigantisch werden. Denn nicht nur bleibt die bekannte Cisco-Prognose, nach der im Jahr 2020 rund 50 Milliarden Endgeräte im Internet der Dinge Daten über die Cloud austauschen, unwidersprochen. Auch nach einer aktuellen Studie des Beratungsunternehmens Frost & Sullivan werden sich die Investitionen in Plattformen für das Internet der Dinge Jahr für Jahr um 25 Prozent erhöhen, um die Kommunikation von Maschine zu Maschine zu erleichtern. Allein in der Logistik zwischen Unternehmen werden dabei nach der gleichen Studie schon 2018 drei Milliarden Megabyte an Daten ausgetauscht. Insgesamt, so glauben die Marktforscher bei General Electric, könnte sich die Wertschöpfung durch IoT-Plattformen in den kommenden Jahren um bis zu 15 Billionen Dollar steigern.

Kein Wunder also, dass General Electric selbst in Plattformen investiert – ebenso wie Siemens oder Bosch. Sie werden sich selbst zum Enabler wandeln, der durch Plattform-Angebote aus der Cloud smartere Kunden und smartere Produkte ermöglicht. Und nicht zuletzt smartere Geschäfte: Denn die Cloud-Plattformen selbst sind Bestandteil der neuen Geschäftsmodelle, in denen Hardware wie Software verkauft wird, die über das Internet gewartet und aktualisiert werden kann, durch Updates neue Produkteigenschaften und Features erfährt und die möglicherweise nur noch gemietet und nach Nutzung bezahlt wird.

Moment mal: Hatten wir das nicht schon? IBMs größte innere Revolution ereignete sich in den siebziger Jahren, als Big Blue vom Mietgeschäft zum Kaufmodell wechselte und damit einen ganzen Markt durcheinander brachte. Jetzt wird auf den Cloud-Plattformen dieses Paradigma wieder umgekehrt. Verkehrte Welt!