Außer man tut es

Es wirft schon ein Schlaglicht auf den Wirtschaftsstandort Deutschland, dass mit Wirecard ein Unternehmen in den DAX aufgenommen wurde, das „erst“ vor einem Jahrzehnt gegründet wurde. Bis dato war es die beinahe ein halbes Jahrhundert alte SAP, die lange Zeit als jüngstes DAX-Unternehmen herumgereicht wurde, wenn es darum ging, eine innovative, „junge“ Company herzuzeigen. Zwischen SAP und Wirecard liegen beinahe 40 Jahre Pause, in denen nicht Nichts, aber so gut wie Nichts liegt – das zumindest ist der spontane Eindruck von der „Deutschland AG“.

Wirklich nichts? Drei der SAP Gründer – Plattner, Hopp und Tschira – haben es mit Technologieaktien nicht nur zu persönlichem Reichtum gebracht, sondern auch mit Stiftungen, Fördergeldern und Investments in Jungunternehmen gezeigt, was man mit Unternehmergeld tun sollte: nämlich es arbeiten lassen. Nur so blüht der Innovationsstandort Deutschland, nur so kann die Wirtschaft hierzulande weiter wachsen. Noch nie galt der Satz so uneingeschränkt: „Es gibt nichts Gutes, außer man tut es!“

Nur so können die Herausforderungen, die sich mit dem digitalen Wandel verbinden, gemeistert werden. Aber es legt sich, so ist zumindest der vordergründige Eindruck, eine Bräsigkeit wie Mehltau über das Land. Irgendwie verpuffen alle diese inspirierenden Zukunftsprojekte wie Industrie 4.0, digitale Transformation, Elektromobilität, künstliche Intelligenz oder 5G in Detaildebatten statt großen Visionen, in Händeln statt Handeln, in „Schmutzeleien“ statt richtiger Politik. Statt die Diesel-Problematik zum Anlass für einen technologischen Sprung nach vorn für den Automobil-Standort Deutschland zu nutzen, wird daraus nur ein Stellungskrieg aus Schuldzuweisungen und Schulterzucken.

Man könnte darüber lachen, wenn man nicht darunter leiden würde. Einer der dies ebenso sieht, ist der Internet-Unternehmer und Westerwälder Selfmademan Ralph Dommermuth, dem die CDU-nahe Konrad-Adenauer-Stiftung jetzt den Preis „Soziale Marktwirtschaft“ zugesprochen hat. Sein Unternehmen, die United Internet AG mit den Marken GMX, web.de, Strato und 1&1, ist nun auch nicht mehr das jüngste – vom Gründungsdatum (1988) her näher an der SAP als an Wildcard. Mit mehr als vier Millionen Kunden hat United Internet einen wesentlichen Anteil an der Vernetzung der Deutschen durch Internet-Anschlüsse, Smartphone-Accounts und Webhosting.

Seine Dankesrede nutzte der Internet-Unternehmer jetzt, um mehr Engagement beim Netzausbau, insbesondere in der mobilen Infrastruktur anzumahnen. Davon profitieren nicht nur Millionen Smartphone-Benutzer auf dem Land, sondern vor allem Milliarden Sensoren, Maschinen und Steuerungen im Internet der Dinge. Damit, so Dommermuth, werde der „industrielle Kern“ Deutschlands gestärkt. Denn eigentlich bringe die deutsche Wirtschaft die besten Voraussetzungen mit: internationale Wettbewerbsstärke bei Mechanik, Sensorik, im Maschinenbau, in der Prozessoptimierung, in der Logistik. Deshalb sind mehr Investitionen und zügigere Freigabeverfahren für den Ausbau des sogenannten 5G-Netzes so dringend wie – es ist fast trivial, dieses unfreiwillige Bonmot des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl zu wiederholen – der Ausbau der Autobahnen. „Wir sind spät dran“, warnte Dommermuth, aber „noch können wir Fehler korrigieren.“

„Schon morgen wird jedes Hundehalsband einen Internet-Anschluss haben“, machte Ralph Dommermuth in Gegenwart des nordrhein-westfälischen Ministerpräsidenten Norbert Lammert die Entwicklung plakativ deutlich. Wichtiger noch aber ist die Tatsache, dass schon morgen jedes Fahrzeug, jedes Verkehrszeichen, jede Drohne, jeder Kühlschrank, jede Heizungsanlage, jeder Fertigungsautomat, jedes Werkstück und sogar jede Palette nicht nur über einen Internet-Anschluss verfügt, sondern auch untereinander Daten austauschen. Die Digitalökonomie wartet nicht, bis Deutschland aus seiner Lethargie erwacht.

Deshalb brauchen wir „vorbildliche Unternehmer“ wie Ralph Dommermuth, die Visionen entwickeln und umsetzen. Deshalb dürfen aber auch „vorbildliche Unternehmer“ nicht die Ausnahme sein, sondern die Regel. Dass das für alle durchaus einträglich sein kann, beweist die Tatsache, dass der Montabaurer Internet-Unternehmer inzwischen auf Platz 34 unter den reichsten Deutschen rangiert, 9000 Arbeitsplätze geschaffen hat und – nicht zuletzt – durch sein gemeinnütziges Engagement Millionen für die Unicef eingeworben hat. Es wird Zeit, dass dieses „Vorbild“ mehr Nachahmer findet. Hauptsache, man tut es!

 

 

 

Azure ist das neue Windows

Die Cloud-Plattform Azure ist der am schnellsten wachsende Produktbereich bei Microsoft. Das gilt nicht nur für den Umsatz und – erfreulicherweise für die Redmonder – auch für den Gewinn. Es gilt vor allem für die Innovationskraft. In keinem Segment kommen so schnell und so kontinuierlich neue Features auf den Markt – nicht zuletzt in den systemrelevanten Bereichen Sicherheit und künstliche Intelligenz.

Allein auf der Großkonferenz für das Microsoft Ökosystem vergangenen Monat – auf der Ignite 2018 in Orlando – wurden 70 Produkte und Features für die Azure Plattform angekündigt oder erweitert. Und mit der verbesserten Version von Azure Machine Learning will Microsoft vor allem im Bereich künstliche Intelligenz den Vorsprung gegenüber anderen Anbietern ausbauen – oder ihnen zumindest einen harten Wettbewerb liefern. Dabei nutzt es freilich, dass mit „Ideas“ KI-Features gleich für die gesamte Office 365 Gemeinde verfügbar sind. So schnell kann kaum ein anderer Software-Hersteller seine Innovationen im gesamten Ökosystem ausrollen.

Allein Windows macht im mobilen Geschäft nur wenig Freude. Grund genug für Satya Nadella einen völlig anderen und vor allem pragmatischeren Weg zu wählen. Wenn es nicht gelingt, mit Windows mobile gegenüber den marktdominierenden Betriebssystemen Android und iOS aufzuholen, warum dann nicht aus einem der beiden das Betriebssystem der Wahl für Microsoft machen? Die Musik spielt eh längst auf der Azure-Plattform, während die Bedeutung von Windows – zumindest im mobilen Bereich – zurückgeht. Wenn sie dort überhaupt jemals bestand.

Denn wenn Azure das neue Windows ist, dann kann Android auch ruhig das neue Windows mobile sein. Und genau das deutet sich jetzt an: Denn kommende Features in Windows 10 lassen ahnen, wohin die Reise geht. „App Mirroring“ – also die Möglichkeit, Apps unter Windows zu starten, die nicht über Windows verfügbar sind – soll künftig eine Verzahnung zwischen beiden Betriebssystemen bringen, indem auch der Android-Home-Screen gespiegelt wird. Mit einem eigenen Launcher, so sagen die Gerüchte, sollen die Apps dann von Windows aus gestartet werden können.

Das Feature ist zwar nicht unbedingt neu – auch andere Anbieter haben solche Launcher schon für Apps auf Fremdbetriebssystemen. Aber bemerkenswert ist es dennoch, dass Microsoft schon seit langem die Aktivitäten in Richtung Android immer weiter forciert. So ist auch umgekehrt Office längst auf Android verfügbar, während es deutlich komplizierter ist, das gleiche auch auf der Apple-Seite unter iOS zu verwirklichen.

Aber die Mühe lohnt sich. Android ist das mit großem Abstand am weitesten verbreitete Mobil-Betriebssystem, das zugleich auch noch die attraktivsten Wachstumsraten genießt. Nichts liegt also für Microsoft, das auf der Cloud-Seite vor allem gegen die derzeitige Marktführerschaft von Amazon Web Services ankämpft, näher, als sich auf dem ohnehin verlorenen Terrain im Mobil-Bereich eine Atempause zu verschaffen. Denn die Weltherrschaft wird schon lange nicht mehr auf dem Desktop und wohl auch nicht mehr auf dem Smartphone entschieden, sondern in der Cloud.

Deswegen soll Azure wiederholen, was vor Jahrzehnten mit Windows gelungen ist: globale Dominanz für Microsoft erreichen und absichern. Deshalb ist Azure das neue Windows und fließen nicht nur die Entwicklungsanstrengungen in diese Cloud-Plattform. Auch gut situierte Produkte wie Windows Server migrieren allmählich von On-Premises in die Cloud. Dort sind alle Optionen auf grün: Skalierbarkeit, globale Erreichbarkeit, Security- und Performance-Management und nicht zuletzt das Tempo, mit dem neue Produkte deployed werden.

In der Tat: Azure ist das neue Windows.

 

 

 

Irgendwas mit Cloud

 

Kann man sich noch vorstellen, dass die Studienberatungsstellen Ende des vergangenen Jahrtausends einmal davon abgeraten haben, Informatik zu studieren, weil das Angebot an Studienabgängern in absehbarer Zeit die Nachfrage übersteigen werde. Gut, dass viele Studierende damals auf die anderen MINT-Fächer – also Mathematik, Naturwissenschaften und Technik – ausgewichen sind oder wenigstens Wirtschaftsinformatik belegt haben. Wer das nicht tat, machte „Irgendwas mit Marketing“ oder „Irgendwas mit Medien“.

Anfang des neuen Jahrtausends sah die Welt dann ganz anders aus als in den Prognosen vorhergesagt. Das Y2K-Problem fegte den IT-Arbeitsmarkt leer. Der Hightech-Verband Bitkom identifizierte 30.000 offene Stellen im IT-Sektor, plädierte für die Green Card für gut ausgebildete Ausländer – und SAP sowie andere IT-Konzerne rekrutierten massenhaft Physiker, Chemiker und andere Absolventen analytisch geprägter Studiengänge, um sie als Programmierer, Systemanalytiker oder Berater umzuschulen. Andere – wie etwa Microsoft – setzten globale Schulungsmaßnahmen auf, um ihr Ökosystem fit für die Dezentralisierung der IT zu machen: Netzwerk-Administratoren, Helpdesk-Mitarbeiter und System-Engineers halten seitdem die IT am Laufen.

Inzwischen identifiziert der Bitkom allein in Deutschland ein Defizit von 55.000 IT-Fachkräften. Es würde freilich ohne die Schulungsmaßnahmen der IT-Anbieter noch schlimmer aussehen. Und immer noch bosseln wir an einem Einwanderungsgesetz herum, das uns den nötigen Skill ins Land bringt. Immer noch hängt unser Bildungssystem technologisch hinterher. Und bei einem Rekordtief der Arbeitslosenzahl mit 2,25 Millionen haben wir branchenübergreifend aktuell 834.000 offene Stellen.

Da ist es kein Wunder, dass IBM, SAP oder Microsoft das Bildungsdefizit selbst in die Hand nehmen. Der jüngste Vorstoß kommt mit der Microsoft Learn Platform jetzt aus Redmond. Der Clou dabei ist, dass damit nicht einfach nur eine weitere Zertifizierungsoffensive gestartet wird, sondern neue Cloud-orientierte Wissensgebiete mit bislang noch wenig verbreiteten Lernmethoden eröffnet werden. Microlearning und Gamification heißen dabei die Zauberworte, mit denen lebenslanges Lernen attraktiver und vor allem effektiver gestaltet werden soll.

Microsoft kommt damit auch einer veränderten Technologiewelt nach. Während früher mitunter Jahre zwischen der Ankündigung eines Produkts wie beispielsweise Windows Server und seiner tatsächlichen Markteinführung vergingen, liefern Cloud-Infrastrukturen heute Neuerungen im Wochentakt. Damit muss auch der Skill-Aufbau schneller erfolgen als in den guten alten PC-Zeiten. Doch wie damals, als der Personal Computer zugleich Gegenstand und Werkzeug des Lernens war, ist es heute die Cloud, die sich selbst ihre Kompetenzen schafft.

Die Microsoft Learn Platform wurde jetzt auf der Ignite in Orlando vorgestellt und dürfte erst der Anfang sein im Wettbewerb der Ökosysteme. Denn nach internen Analysen beklagen vor allem die großen IT-Anbieter, dass die technische Entwicklung inzwischen schneller voranschreitet als der Skill-Aufbau. Doch ohne ausgebildetes Personal können die Marktchancen, die sich gegenwärtig im Cloud Computing, im Internet of Things oder rund um die künstliche Intelligenz bieten, gar nicht genutzt werden. Microsoft Learn soll dieses Tempodefizit ausgleichen und neue Jobprofile ausprägen, die „irgendwas mit Cloud“ zu tun haben. Cloud Administrator, Cloud Developer, Cloud Solutions Architect heißen die neuen Fertigkeiten, mit denen die Herausforderungen des Cloud Computings gemeistert werden sollen wie Virtualisierung, Sicherheit, Datenmanagement oder Ressourcenmanagement. Hinzu kommen all die bislang unbekannten Jobs, derer es für die Gestaltung von KI-Systemen bedarf, um Machine Learning und Big Data Analytics voranzutreiben.

Es ist der alte, sich immer wieder bestätigende Wettlauf zwischen Mensch und Maschine. Je mehr die Maschinen können, umso mehr müssen auch die Menschen können. Technologie ist kein Jobvernichter, sondern ein Jobcreator. – Nur, dass die neuen Jobs kaum noch Ähnlichkeit mit den alten haben. Es wird lange dauern, ehe die Studienberater davon abraten werden, „Irgendwas mit Cloud“ zu studieren.

Kassenlose Gesellschaft

Seit neun Monaten läuft jetzt der experimentelle Vorzeige-Laden von Amazon Go in Seattle und immer noch bilden sich Schlangen – nicht an der Kasse, sondern am Eingang. Weil die Kassen abgeschafft wurden, kommen immer mehr Menschen in den Laden, um das kassenlose Einkaufserlebnis auszuprobieren. Inzwischen sind die Ergebnisse und Erträge wohl so ermutigend, dass Amazon nicht nur im laufenden Jahr sechs weitere Shops ohne Kassen eröffnen will, sondern bis 2021 eine ganze Ladenkette aus 3000 Filialen plant.

Und das allein in den Vereinigten Staaten, die das Potential für Amazon Go hergeben. Denn die vergleichsweise kleinen Läden stehen nicht in Konkurrenz zu den großen Supermärkten und Malls, sondern zu den kleiner ausgelegten Convenience Stores, in denen Waren für den täglichen Bedarf in kleineren Verpackungsgrößen und frisch zubereitete Fertiggerichte vom Sandwich bis zum Salat angeboten werden. Einfach reingehen, registrieren lassen, Regale ansteuern, rausgehen. Den Rest erledigt die künstliche Intelligenz hinter den Amazon Go Stores.

Schon wird die Vision vom servicefreien Leben in Selbstbedienung ohne zweckgebundene Kommunikation heraufbeschworen, in der die Automatisierung nicht nur Kontaktarmut verursacht, sondern auch noch Arbeitsplätze vernichtet. Doch offensichtlich ist das Gegenteil der Fall, wie einige Stippvisiten bei Amazon Go zeigen. Während im klassischen Supermarkt drei bis vier Mitarbeiter pro Schicht Dienst tun, sind es in Seattle eher sieben bis acht, die damit beschäftigt sind, Convenience Food frisch anzurichten, Eingangskontrollen vorzunehmen, Regale einzuräumen und bei den Spirituosen das Alter der Kunden zu checken. Hinzu kommen die Mitarbeiter in der IT, im Backoffice und in der Logistik.

Automatisierung schafft Arbeitsplätze überall dort, wo sich für den Menschen ein Mehrwert ergibt, und vernichtet sie dort, wo dieser Added Value nicht entsteht. An der Kasse entsteht kein Mehrwert, beim frisch zubereiteten Convenience Food aber schon. Das ist der Vorteil einer kassenlosen Gesellschaft, in der das Bezahlen zu einem schlichten Buchungsvorgang vereinfacht wird. Kameras übernehmen dabei die Ausgangskontrolle auf dem Kassenband. Wer was aus dem Regal genommen hat, wird in den videoüberwachten Stores genau aufgezeichnet und im virtuellen Warenkorb vermerkt.

Amazon Go soll neben den USA auch in Großbritannien und Frankreich, wo Intermarché an einer Zusammenarbeit interessiert sein soll, forciert werden. In Deutschland ist dem Vernehmen nach eine Ausweitung der Kaufzone für die kassenlose Gesellschaft noch unklar. Hierzulande sind die Käufer ohnehin erst noch auf dem Liefertripp. Das Berliner Grownup Delivery Hero beispielsweise erfreut sich – auch nach Gerüchten über eine Übernahme durch den Fahrdienstleister Uber – einer Marktkapitalisierung von 7,87 Milliarden Euro. Ungefähr die Größenordnung des MDAX-Neulings Commerzbank.

Und auch bei Lieferservices gilt: was automatisiert werden kann, wird automatisiert; wo ein Mehrwert erzeugt werden kann, wird auch in Personal investiert. Das ist das Grundgesetz der KI-Revolution, deren Tragweite viel weiter reicht als die der digitalen Transformation. Digitalisierung ist die Voraussetzung für Analyse und Automatisierung durch KI. Das lässt sich tagtäglich im Handel beobachten, wo Skaleneffekte sofort zutage treten. Die Investitionen in einen Amazon Go Store, die bei rund einer Million Dollar zusätzlich für die Technologieausstattung liegen, rechnen sich, wenn zugleich die Kosten in der gesamten Logistikkette gesenkt werden können. Die kassenlose Gesellschaft ist dabei ein bemerkenswertes Experiment. In Deutschland müssen wir darauf – wieder einmal – warten.