Who, the fuck, is Ellis?

Man könnte angesichts der Innovationsflut, die gegenwärtig auf uns niederbricht, beinahe verzagen. Mobile Computing ist noch kaum bewältigt. Cloud Computing ebenso wenig. Und gleichzeitig kommen mit dem digitalen Wandel und der vierten industriellen Revolution zwei Technologiewellen auf uns zu, die mindestens eine Dekade lang Investitionen und Innovationen beherrschen werden. Doch die alles überragende Tsunami-Welle, die auf uns zu rollt, türmt sich mit den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz auf. Sie wird weit ins Land vordringen und unser Leben von Grund auf verändern.

1200 Milliarden Dollar werden nach Schätzungen der Gartner Group allein im laufenden Jahr in KI-Systeme und –Services investiert. Ein internationaler Wettlauf um die führende Position ist unter den Technologie-Giganten ausgebrochen. Und schon scheint es so zu sein, dass die Karten längst verteilt sind. Die größten KI-Anbieter kommen entweder aus den USA und heißen Google, Microsoft und IBM oder sie kommen aus China – wie zum Beispiel Alibaba oder Tencent. Große europäische Anbieter oder gar Deutsche kommen erst unter „ferner liefen“.

Das gilt inzwischen bereits für die gesamte Wertschöpfungskette rund um künstliche Intelligenz. Dort, wo KI-Systeme genutzt werden, entstehen Umsatz-Sprünge durch Predictive Analytics, Kommunikationsvorteile durch Sprachsteuerung, Effektivitätsgewinne durch Automatisierung, Erkenntnisgewinne durch Cognitive Computing und ein Mehr an Flexibilität durch Machine Learning oder Deep Learning. Google, Amazon und Facebook in den USA und wieder Alibaba und Tencent in China sind die größten Nutznießer aus der KI-Nutzung.

Das gleiche Bild ergibt sich bei der Grundlagenforschung rund um künstliche Intelligenz. Es sind nicht mehr nur Stanford und Harvard, die weltweit die schlauesten Forscher an sich ziehen. Im gesamten Silicon Valley tobt ein Krieg um die Köpfe, der längst dazu geführt hat, dass europäische Wissenschaftler den Weg über den Atlantik antreten, um auch auf diesem Gebiet auf optimale Arbeitsbedingungen für Grundlagenforschung und die Entwicklung neuer Algorithmen zu stoßen. In China gibt es längst eine staatliche verordnete Konzentration auf Forschungsgebiete für KI. Dabei ist keineswegs mehr sichergestellt, dass die Forschungsergebnisse – wie Jahrhunderte lang üblich – der Wissenschaftsgemeinde frei zugänglich gemacht werden. Gerade die staatlichen chinesischen Konzerne und die Internet-Giganten aus den USA haben die Wettbewerbsvorteile durch Geheimhaltung für sich erkannt.

Denn KI-Forschung ebenso wie die gewerbliche Nutzung von künstlicher Intelligenz benötigt einen der wertvollsten Rohstoffe, die die Menschheit überhaupt hervorbringen kann: die Daten über unser Handeln und Wandeln. Sie sind die Voraussetzung dafür, dass KI-Systeme zu Erkenntnissen und Entscheidungsvorlagen gelangen, die dem menschlichen Geist auch auf den zweiten Blick verborgen bleiben. Der nächste Handelskrieg zwischen den Kontinenten wird nicht um Stahl geführt, sondern wegen der Daten, die die internationalen Konzerne weltweit eintreiben und auswerten.

Sowohl bei der Finanzierung als auch bei der Erhebung von Daten als Grundlage für KI-Forschung sind die Europäer ins Hintertreffen geraten. Längst erheben sich deshalb Stimmen aus der Wissenschaftsgemeinde, die eine gemeinsame europäische Initiative fordern. Vorbild solle dabei das vor 65 Jahren gegründete Großforschungslabor für Kernphysik CERN werden. Nur im Zusammenschluss der 22 Mitgliedstaaten war eine Kraftanstrengung möglich, wie sie der Bau des Large Hadron Colliders darstellt, mit dem schließlich der Nachweis des Higgs-Teilchens und damit ein historischer Meilenstein in der Quantenphysik gelang. Einen Namen hat die Initiative schon: European Laboratory for Learning and Intelligent Systems – kurz: Ellis. Von der Gründungsidee des CERNs bis zur Grundsteinlegung des ersten Labors bei Genf vergingen drei Jahre. Kaum zu glauben, dass es der europäischen Union gelingen könnte, Ellis innerhalb von nur drei Jahren aus dem Boden zu stampfen. In der KI-Forschung bedeuten drei Jahre eine Ewigkeit. Wir werden uns wohl ewig fragen müssen: Who, the fuck, is Ellis, wenn wir die europäische Krankheit, die Bräsigkeit, nicht ablegen. Sonst werden wir dem abgefahrenen KI-Zug hinterherwinken…

 

Oder gibt es Hoffnung? Ich hatte die Ehre, auf dem 49. Monetären Workshop in Frankfurt, zu dem sich hochkarätige Banker und Finanzexperten trafen, meine Thesen zur KI-Entwicklung vorzutragen. Ich gewann dabei durchaus den Eindruck, dass die Finanzwelt den Ernst der Lage erkennt. Wer meine Thesen nachlesen möchte, braucht nur hier zu klicken.

Mehr Demokratie wagen

Als Arthur C. Clarke sich vor 50 Jahren auf die „Space Odyssey“ begab, konnte sich niemand eine Welt vorstellen, die nicht von IBM dominiert würde. Deshalb nannte er seinen übermächtigen Computer „HAL“. Die Buchstaben sind im Alphabet jeweils eins vor „IBM“. Heute ist IBM nach zig Quartalen mit Umsatzrückgang – Entschuldigung – bedeutungslos.

Und als Bill Gates sich vor einem knappen Vierteljahrhundert auf den Weg zur „Road Ahead“ machte, vergaß er – zumindest in der Erstausgabe – das Internet. Niemand konnte sich vorstellen, dass es einmal eine Welt geben könnte, in der es keine von Microsoft beherrschte PC-Welt geben würde. Doch das missachtete Internet hat die Regeln des Marktes radikal verändert.

Und als Steve Jobs vor elf Jahren das iPhone ankündigte, konnte sich niemand vorstellen, dass die heruntergekommene Apple Corporation einmal das reichste Unternehmen der Welt sein würde und diesen Status auf ein Telefon stützen würde.

Und heute lesen wir von den mutmaßlich niemals endenden Vormachtstellungen der Internet-Giganten Google, Facebook, Alibaba, Tencent, Microsoft und Apple. Doch nichts, das lehrt uns die Vergangenheit, ist in Stein gemeißelt. Schon gar nicht wirtschaftliche Macht. Vor 20 Jahren hießen die größten Unternehmen in der „Fortune 500“-Liste Exxon, General Motors, IBM, British Petrol und Shell – und Microsoft. Heute ist nur noch Microsoft in dieser Liste.

Und das ist einem sensationellen Comeback zu verdanken, das einen Namen trägt: Satya Nadella. Da kann es nicht überraschen, dass das Wirtschaftsblatt Forbes dem dritten Microsoft-CEO inzwischen den Titel „CEO of the Year in Cloud Wars“ verliehen hat. Denn niemand hat wie er die Möglichkeiten erkannt, die sich aus der Bereitstellung von Cloud Services ergeben. Und niemand – weder Bill McDermott (SAP), Larry Ellison (Oracle), Jeff Bezos (Amazon), noch Larry Page und Sergey Brin (Google) – hat dabei die gesamte Entwickler-Kompetenz auf Services für die Enterprise-Kunden angesetzt.

Das zahlt sich jetzt aus. Bei der Ankündigung seiner Ernennung zum CEO hatte Microsoft eine Marktkapitalisierung von gut 300 Milliarden Dollar. Letzte Woche lag der Marktwert des Unternehmens auf mehr als dem doppelten Wert: 681 Milliarden Dollar. Einer der Gründe liegt darin, dass Microsoft das erste Unternehmen werden könnte, das mehr als 20 Milliarden Dollar mit Cloud Services umsetzen wird. In einer Zwölf-Monats-Prognose ist dieser Wert bereits überschritten worden. Aber was zählt, sind echte Umsätze aufs Jahr gerechnet. Und bis zum 30. Juni 2018 könnte es in der Tat klappen.

Natürlich haben SAP, Oracle, Amazon und Google ebenfalls sensationelle Erfolge in der Cloud. Aber keiner – nicht einmal SAP oder Oracle – hat in der Vergangenheit so stark auf Unternehmenssoftware aus der Cloud gesetzt wie Microsoft. Das liegt nicht allein daran, dass die historischen Zukäufe, die die Basis für die ERP-Suite Dynamics bilden, inzwischen in der Cloud verfügbar sind. Es liegt eher daran, dass sowohl Dynamics als auch die traditionelle Office-Suite inzwischen massiv durch künstliche Intelligenz aufgepeppt wurden. Wer Office oder Dynamics mit dem Zusatz „365“ nutzt, kann inzwischen auf Services zurückgreifen, die neben dem Sprachassistenten Cortana, Bilderkennung und Übersetzungsfunktionen auch smarte Features umfassen, die das Arbeitsleben leichter machen.

Satya Nadellas Leistung besteht nicht allein darin, die Cloud zur zentralen Plattform zu erheben und damit gewissermaßen den PC vom Thron zu stoßen. Seine wirkliche Leistung besteht darin, dass er unterschiedlichste Entwicklerteams vor die Aufgabe gestellt hat, KI-Funktionen in die klassischen IT-Angebote einzubauen. „Demokratisierung von künstlicher Intelligenz“ hat Satya Nadella das genannt. Und in der Tat hat die Devise, mehr Demokratie zu wagen, jetzt Erfolg.

Der „Cloud War“ ist noch lange nicht entschieden. Aber mit Webservices für das Internet der Dinge und künstlicher Intelligenz hat Microsoft zwei Wachstumsmärkte erobert. Das kommt einer Vorentscheidung nahe. Anders als IBM, die mit Watson vor allem exquisite, aber eben auch exklusive Lösungsangebote unterbreitet, hat Microsoft das Internet der Dinge und Systeme der künstlichen Intelligenz demokratisiert. Teilhabe nennt man das im Soziologendeutsch.

Satya Nadellas Aufstieg – und der von Microsoft in der Cloud – sind ein Mutmacher. Es zeigt, dass man sich unter neuen Geschäftsmodellen neu erfinden, neu aufstellen kann. Denn eigentlich war die Cloud der Sargnagel für den PC-Spezialisten Microsoft. Dass sie im Gegenteil für eine Lebensverlängerung gesorgt hat, liegt einzig und allein an der visionären Kraft des dritten Microsoft-CEO.

Software-Szene als Ökosystem

Das jüngste DAX-Unternehmen wird dieses Jahr auch schon 45 Jahre alt: SAP. Die Walldorfer sind zugleich das einzige deutschstämmige Softwarehaus von Weltruhm – auf Augenhöhe mit den Riesen Microsoft, Apple, IBM oder Oracle. Hierzulande folgen die Software AG – mit einem Abstand so groß wie die Tabellenlücke zwischen 1899 Hoffenheim und Darmstadt 98 – und die Steuerberater-Genossenschaft DATEV. Selbst die für die Software-Entwicklung zuständigen Abteilungen der großen deutschen Automobilhersteller, Maschinenbauer, der Geldinstitute und Versicherungen sind in der Regel personell besser ausgestattet als der große Mittelstandsbauch der hiesigen Software-Szene.

Das sagt zweierlei über den Wirtschaftsstandort Deutschland: Zwar kommen die meisten Hidden Champions – also die viel zitierten heimlichen Marktführer – aus deutschen Landen, aber außer SAP ist im letzten halben Jahrhundert kein innovativer Weltkonzern entstanden. Und obwohl es in den siebziger und achtziger Jahren einen Boom der Software-Gründungen durch die mittlere Datentechnik und in den neunziger Jahren durch den Personal Computer und das Internet gab, hat es kaum einer der Software-Unternehmer zu mehr als regionaler Größe gebracht.

Warum eigentlich? Software braucht jeder Mensch und jede Organisation – vor allem in Deutschland, wo die Prozessoptimierung gerade durch den Einsatz von modernen Computeranwendungen zur Königsdisziplin aufgestiegen ist. Aber dieser Bedarf wird überwiegend von den Weltmarktführern mit ihren globalen Standardlösungen bedient – und von den laut Schätzungen rund 30.000 deutschen Softwareanbietern verfeinert, ergänzt oder überhaupt implementiert. 30.000 kleine und mittlere Unternehmen – das entspricht rund einem Prozent aller in Deutschland gemeldeten Unternehmen. Zum Vergleich: In den letzten Jahren entstanden rund 3000 digitale Startups – also ein Promille.

Das wird sich auch nicht ändern, wenn Software nun als Treiber des digitalen Wandels eine erneute und erneuerte Position als zentralen Wirkstoff für Fortschritt, Wachstum und Wertschöpfung erfährt. Denn der Umbau der Softwarelandschaft vollzieht sich im größten europäischen Software-Markt nur zögerlich:

  • Noch halten deutsche Software-Unternehmer krampfhaft an alten Geschäftsmodellen fest, die auf Lizenzvertrieb, Software-Installation vor Ort und aufwändigen Beratungsleistungen beruhen – und zögern stattdessen mit dem Schritt ins Cloud Computing.
  • Noch bevorzugen deutsche Software-Entwickler die traditionellen Entwicklungsmethoden, Test- und Implementierungsverfahren und wenden sich erst allmählich einer agilen Methodik zu, die der gestiegenen Geschwindigkeit von Innovation und Weiterentwicklung bei angemessener Qualität, Sicherheit und Wirtschaftlichkeit Rechnung tragen würde.
  • Noch verstehen vor allem mittelständische Software-Unternehmer ihr Ökosystem als verlängerte Werkbank der globalen Anbieter von Standard-Software, statt die Mechanismen einer teilenden Gesellschaft für den eigenen Software-Vertrieb zu nutzen, wie es die digitalen Startups tun.

Der Hightech-Verband Bitkom hat inzwischen die zentrale Rolle, die deutsche Software-Unternehmen bei der digitalen Erneuerung von Wirtschaft und Gesellschaft einnehmen könnten, zu einem Kernthema im Vorfeld der Bundestagswahl erhoben und den Urnengang im Herbst zu einer „Digitalwahl“ stilisiert. Dabei geht es dem Verband darum, für den soften Antriebsstrang der deutschen Wirtschaft neue Rahmenbedingungen zu schaffen. Die Förderung der Software-Kompetenz bei Schülern und Auszubildenden gehört ebenso zu den politischen Maßnahmen, die der Bitkom vorschlägt, wie die Stärkung des Öffentlichen Sektors als Vorreiter der Digitalisierung, der zugleich durch offen gestaltete Ausschreibungen auch kleinen und mittleren Unternehmen den Zugang zu staatlichen Aufträgen verschaffen soll. Und nicht zuletzt sollen offene Architekturen unter Nutzung offener Schnittstellen, Formate und Standards in gemeinsamen Projekten von Wissenschaft und Wirtschaft entstehen.

Das klingt nach Dirigismus und weniger nach dem freien Spiel der Kräfte, für das die digitale und soziale Marktwirtschaft stehen sollte. Und es klingt ein bisschen nach der Kampagne, die Ende der achtziger Jahre ein für alle zugängliches Betriebssystem als Basis für ein offenes Ökosystem hervorgebracht hat: Unix. Auch da waren es die Behörden und halbstaatlichen Organisationen, die sich vor den Karren einer vermeintlichen Offenheit spannen ließen. Herausgekommen ist dabei – nun immerhin das Internet als Basis für ein neues digitales Ökosystem. Es gibt bei aller Regulierung doch immer wieder Überraschungen!

Avatare für Deutschland

Um das gleich klarzustellen: dieser Text wurde von einem Menschen verfasst. Weder Siri, noch Cortana oder Alexa haben mir dabei geholfen. Auch Samantha oder Nessa waren nicht beteiligt. Nessa? So hieß das digitale Abbild von „Vanessa“ im Tatort von gestern, der gewissermaßen den szenischen Auftakt für die Diskussion über eine Arbeitswelt von morgen gab, in der Anne Will Sachverstand von Sascha Lobo bis Bernhard Rohleder vom bitkom über die Computer- und Roboterwelt der Zukunft einholte.

Es hat den Anschein, als sollten Chatbots – also kleine Programme, die menschliche anmutende Interaktion (oder zumindest Kommunikation) vortäuschen – eine imaginär gezogene rote Linie überschritten haben. Während die Übernahme physischer Tätigkeiten durch Roboter bereits für viele fragwürdig genug ist, scheint die Automatisierung von kreativen oder assoziativen, in jedem Fall aber scheinbar intellektuellen Aufgaben für die meisten nicht hinnehmbar zu sein. Eliza, das erste Sprachkommunikation simulierende Computerprogramm des KI-Pioniers Marvin Minsky, ist zwar genau 40 Jahre alt, hat aber offenbar noch nichts von seiner verstörenden Wirkung verloren.

Doch sind Entwicklungen in der Tat verstörend, wie sie sich in der jüngsten Vergangenheit in der Ukrainekrise, bei der Brexit-Debatte oder jetzt im US-amerikanischen Wahlkampf zeigen: Hier haben sogenannte Social Bots massenhaft Meinungsbeiträge, zustimmende oder ablehnende Stimmungsäußerungen auf Twitter und Co. verbreitet – und damit offenbar steuernd in die Meinungsbildung der Menschen eingegriffen. Forscher der Universität Oxford zählten nach der letzten „Presidential Debate“ in Las Vegas zwar 1,8 Millionen positive Tweets für Donald Trump – immerhin dreimal so viele wie für Hillary Clinton –, aber ein Drittel der Meinungsäußerungen gingen auf die Aktionen von Social Bots zurück, die auf den Hashtag „#TrumpWon“ reagiert hatten. Auch bei Clinton war nach Ansicht der britischen Forscher jeder fünfte Text ein Fake. Facebook nannte auf Anfrage die Zahl von 15 Millionen Accounts, die vermutlich für Bots in dem sozialen Netzwerk eingerichtet worden seien.

Da kann es nicht überraschen, dass Bundeskanzlerin Angela Merkel im Angesicht der kommenden Bundestagswahl vor diesen Auswüchsen warnt. „Wol­len wir mal zwi­schen den Par­tei­en dar­über sprechen, ob wir ge­mein­sam da­ge­gen kämp­fen?“, hatte sie auf dem Deutschlandtag der Jungen Union in die Kameras gefragt. Vertreter von CDU, SPD, Grünen und Linken reagiert prompt – über die etablierten Medien – und erklärten, keine Avatare für Deutschland einzusetzen. Die AfD hingegen gab zu verstehen, dass man hier keine Hemmungen habe.

Wie groß das Beeinflussungspotential sein könnte, hat Simon Hegelich von der Technischen Universität München im Auftrag der CDU-nahen Konrad-Adenauer-Stiftung ermittelt. Zwar gaben 95 Prozent der Befragten an, sich von Meinungsäußerungen in den sozialen Medien nicht beeinflussen zu lassen – also auch nicht von Beiträgen, die von Menschen aus Fleisch und Blut gepostet werden. Aber die Vorstellung, dass sich fünf Prozent der Wähler von einem Algorithmus beeinflussen lassen könnten, der auf Hashtags wie „#Merkelmussweg“ oder „#Schwarzrotgoldistbuntgenug“ reagiert, ist schon irritierend.

Dabei sind Bots oder Chatbots wahrscheinlich die nächste Generation von Apps, mit denen es möglich wird, Konversation als wichtigste Schnittstelle zwischen Menschen und Maschinen zu etablieren. Cortana oder Siri sind – so simpel sie heute noch funktionieren – die Prototypen von „Conversation as a Service“, die nicht dafür gedacht sind, Menschen über ihre gefühlte Einsamkeit hinwegzutäuschen, sondern Suchanfragen an die Cloud und daraus folgende Dienstleistungen zu eröffnen. Heutige Online-Systeme funktionieren einfach besser, wenn sie in der Lage sind, aus einer Spracheingabe angemessene Aktionen auszulösen wie die Bereitstellung von Informationen, die Reservierung von Restaurants und Hotels, Planung von Reisen oder Terminierung von Meetings. Längst hat der Wettlauf zwischen den IT-Konzernen darüber begonnen, Plattformen für die Erstellung von Bots als zukünftige Benutzeroberfläche bereitzustellen.

Bots als kleine Helferlein in einer digitalisierten und automatisierten Welt sind an sich kein Teufelswerk. Dazu werden sie – wie immer – erst durch den Einsatz der Menschen. Und genau hier müssen wir unterscheiden lernen – und Standards setzen, die einen Missbrauch verhindern. Dazu braucht es erst einmal eine öffentliche und offene Debatte über Risiken und Nebenwirkungen der digitalen Transformation. Man sei möglicherweise dabei, ein historisches Dokument zu produzieren, warnte Christian Lindner, derzeit als Fraktionsvorsitzender der FDP im nordrhein-westfälischen Landtag in Warteposition für höhere Aufgaben. In 30 Jahren würden sich die Menschen der nahen Zukunft die Debatte bei Anne Will reinziehen, um sich über die sonderbaren Ängste der Menschen des Jahres 2016 schlapp zu lachen, die vor den Auswirkungen der Digitalisierung und Automatisierung großer Teile unseres Lebens zurückschreckten.

Da mag es beruhigend wirken, dass die ARD als Begleitung ihrer Themenwelt über die Arbeit von morgen einen „Job-Futuromat“ ins Web gestellt hat, den man danach befragen kann, welche Auswirkungen die Digitalisierung auf das eigene Jobprofil haben könnte. Unternehmensberatern wird darin die Auskunft erteilt, dass der Job zu 13 Prozent durch digitale Systeme automatisiert werden kann. Publizisten sind demnach zu 100 Prozent unersetzbar. Was für ein Glück – den Bonnblog gibt es also weiter von mir ganz alleine. Der eine oder andere gute unternehmerische Rat könnte allerdings dann doch von einem Bonnbot kommen.