CES – The Road Ahead

Mal abgesehen davon, dass Bill Gates in seinem vor 20 Jahren erschienenen und durchaus erfolgreichen Buch „The Road Ahead“ die Bedeutung des Internets völlig unterschätzt hat (aber das müssen wir ihm ja heute nicht mehr vorwerfen), bekamen wir alle lange Zähne vor Neid bei der Beschreibung seiner Haustechnik, die nicht nur Beleuchtung, Heizung und Sicherheitsfeatures steuerte, sondern auch jedermann in jedem Raum individuelle Musik und Kunst präsentieren konnte. So was hätten wir auch gerne gehabt – waren aber nicht bereit, die paar Zehntausend Ocken zu berappen, um unser trautes Heim nachzurüsten…

Gut, dass wir gewartet haben. Denn dann hätten wir wie Bill Gates in eine Server-basierte Technologie investiert, die eine Komplettverkabelung aller Hauswände verlangt hätte. Diese Woche, auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, können wir hingegen sehen, wie das Internet der Dinge auch die komfortablen und luxuriösen Eigenheiten eines Smart Homes frei Hause liefert. Das wichtigste dabei ist: Alles wirkt irgendwie ganz einfach.

Entscheidend ist, dass sich das Smartphone, das Tablet oder ein ähnliches mobiles Gerät als zentrales Steuergerät entpuppt. Gesteuert wird allerdings aus der App heraus, die jeweils mit der LED-Beleuchtung, der Kaffeemaschine, der Heizung mitgeliefert wird. In Wahrheit steuern wir die Systeme also über die Cloud – und das ist irgendwie doch Server-basiert. Nur ganz anders, als sich das Bill Gates vor 20 Jahren vorgestellt hat.

Oder ein anderes mobiles Gerät? Das können ja nur Wearables sein – also Uhren, Brillen, Armbänder, mit denen wir Apps steuern und zusätzliche Funktionen (Wow, die Uhr kann sogar die Zeit anzeigen!) nutzen. Gemeinsam ist allen mobilen Systemen, dass sie auf das Haus nicht beschränkt sein müssen. Wir können unsere heimische Umgebung auch von außen steuern – oder über eines der mobilsten Systeme überhaupt: das Automobil.

Faszinierend – und auch das zeigen die Vorankündigungen zur CES – ist dabei, dass sich die Infrastrukturen für den privaten Gebrauch und den industriellen Einsatz im Prinzip nicht mehr unterscheiden. Beide nutzen Services aus der Cloud, agieren als dezentrale Systeme und nutzen dabei einfachste Apps mit anschaulicher Workflow-orientierter Benutzeroberfläche. Was sich ein System merken kann an typischen Verhaltensweisen im Privatleben und im gewerblichen Geschehen, wird in die Cloud verlagert.

Also alles wie gehabt? 3D-Drucker, Wareables, Smart Homes etc. – das haben wir schon auf der CES 2014 gesehen. Der Unterschied besteht darin, dass sich die Systeme immer einfacher installieren lassen und praktisch intuitiv genutzt werden können. Wir werden zu IT-Dummies, die nicht mehr tiefer schauen müssen als bis auf die Oberfläche. Keine Ahnung von IT-Protokollen, Sicherheits-Levels, Kompatibilitätsproblemen.

Ist es das wirklich, was wir wollen? Wir wollen uns nicht plagen mit den neuen Helferlein aus dem Internet der Dinge. Aber wir wollen uns auch nicht in die Abhängigkeit von ihnen begeben.

Mit diesem Paradoxon im Herz kann man durch die Gänge im Convention Center in Las Vegas streifen und sich mit einem leichten Schrecken in der Brust über die vielen Gadgets freuen, die uns das Leben einfacher machen. Unsere Überwachung oder zumindest Bevormundung aber eben auch.

„Computer sind großartig, weil sie ein unmittelbares Ergebnis liefern, das einem zeigt, ob ein Programm funktioniert oder nicht“, schwärmte Bill Gates vor 20 Jahren. „Dabei handelt es sich um Feedback, wie man es kaum von anderen Dingen erfährt.“ Inzwischen können wir Feedback bekommen von allem, was uns umgibt. Insofern markiert die CES eine „CESur“: Die „Straße vor uns“ ist künftig gepflastert von schnatternden kleinen Besserwissern, die uns das Leben einfacher machen wollen – egal, ob wir wollen oder nicht.

 

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