2006028 Patent

Vereinigte Staaten von Eureka

Die Forschung von heute bringt die Innovationen von morgen und die Produkte von übermorgen und sichert so Wohlstand. So klang bislang das volkswirtschaftliche Grundverständnis. Es ist auch keineswegs aus den Angeln gehoben. Doch spätestens seit Forschungsergebnisse durch Digitalisierung, Big Data Analytics und künstliche Intelligenz nun deutlich schneller erzielt werden, muss der Glaubenssatz eher lauten: Der Forschung von heute früh entspringen mittags Innovationen und abends die ersten Produkte.

Wie sehr die Forschungseffizienz zugenommen hat, zeigt sich an der rapide steigenden Zahl der Patentanmeldungen. Dabei wirkt sich vor allem die Tatsache aus, dass in China inzwischen auf Weltniveau geforscht wird. Auch wenn die USA noch immer bei den meisten Patenten Pate stehen, sinkt ihr Anteil an der Gesamtzahl angesichts der massiven Dynamik in Fernost. Allerdings handelt es sich bei den inzwischen weltweit über drei Millionen Patentanmeldungen pro Jahr zum überwiegenden Teil um Trivialpatente mit geringer bis keiner Tragweite. Die Bertelsmann Stiftung hat jetzt in einer globalen Studie sogenannte Weltklassepatente mit hoher Relevanz und Innovationswirkung in 58 Technologiebereichen untersucht. Dabei zeigt sich, dass vor allem bei Zukunftstechnologien wie Digitalisierung die USA weiterhin unangefochten führen.

Deutschland hält sich in einigen Technologiebereichen wie zum Beispiel bei Industrie, Robotik, 3D-Druck erstaunlich gut und ist auch im europäischen Vergleich unverändert die führende Forschungsnation. Doch der alte Nimbus ist hierzulande verblasst. Gehörte Deutschland 2010 in 47 der 58 Technologien noch zu den drei Nationen mit den meisten Weltklassepatenten, hat sich dieser Anteil 2019 bei 22 Technologien nun mehr als halbiert. Noch bedenklicher ist allerdings die Tatsache, dass Deutschland bei der Umsetzung von Innovationen in Produkte – zusammen mit allen anderen führenden europäischen Ländern – weiter zurückfällt. Eklatantes Beispiel ist hier der Bereich künstliche Intelligenz, wo Deutschland das weltweit führende Forschungszentrum unterhält, die Mehrzahl der Produktinnovationen aber aus den USA oder China kommt.

Doch es gibt auch positive Aspekte. So zählt Deutschland zu den effektivsten Forschungsnationen, wenn es nach dem Patentindex geht, der die Anzahl von Patenten pro einer Million Einwohner misst. Hier fällt China mit seiner größtenteils ländlichen Bevölkerung weit zurück. Auch der Anteil der Weltklassepatente an der Gesamtzahl der angemeldeten Patente ist weltweit Spitze – bei durchschnittlich 15 Prozent, in ausgewählten Technologien wie beispielsweise der Windkraft sogar bei 25 Prozent. Aber auch hier zeigt sich wieder das deutsche Dilemma: der tatsächliche Ausbau der Windkraft stockt hierzulande, weil behördliche Hürden höher sind als technologische.

Ähnliches gilt für die industrienahen Technologien, worunter Prozessautomatisierung, Smart Factories, Robotik oder 3D-Druck zu sehen sind. Zwar bleiben hier die Zahlen für Weltklassepatente auf gutem Niveau, doch zögern vor allem mittelständische Unternehmen bei der tatsächlichen Umsetzung in Richtung Industrie 4.0. Der Begriff wurde zwar von der Forschungsunion der Bundesregierung geprägt – aber auch hier hinkt Deutschland bei der Umsetzung hinterher. Erst die Zwangspause durch den Corona-Lockdown scheint jetzt zu einem Neustart zu führen.

Im Wettlauf mit den Forschungsgiganten USA und China kann Deutschland auf lange Sicht aber nur im europäischen Kontext mithalten – das gilt auch für Post-Brexit-Partnerschaften mit Großbritannien, wo das Innovationstempo gerade in Sachen Digitalisierung hoch ist. Die Autoren der Bertelsmann-Studie raten deshalb vor allem zu intensiver Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union und empfehlen gleichzeitig, die internationale Zusammenarbeit zum Beispiel mit europäischen Nicht-EU-Ländern auszubauen. Doch entscheidend ist auch hier, dass Europa in der Produktentwicklung und Vermarktung von Innovationen das von den USA und China vorgelegte Tempo annimmt und mithält. Was wir brauchen, sind die Vereinigten Staaten von Eureka, die gemeinsam forschen und zur technologischen Produktführerschaft zurückfinden. Dann klappts auch mit dem Wohlstand.

 

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