210111 Kempf

Hört auf den Klassensprecher

Er sei nicht der „Boss der Bosse“, sondern eher der Klassensprecher der deutschen Industrie, sagt Siegfried Russwurm ganz bescheiden an seinem ersten Arbeitstag als neuer Präsident des Bundesverbands der Deutschen Industrie im Gespräch mit dem Publizisten Gabor Steingart. Schließlich könne er ja nun in dieser Position, in der er zum Jahreswechsel Dieter Kempf abgelöst hat, nicht hunderttausenden Unternehmen sagen, „so, jetzt gehen wir alle links ´rum – oder rechts ´rum.“

Dass er das nicht kann, gehört zum freiheitlichen Selbstverständnis unserer Gesellschaft. Dass es aber – manchmal – durchaus wünschenswert wäre, wenn es doch so wäre, kann man nicht verhehlen. Denn, so bedauert der nunmehrige BDI-Vizepräsident Kempf, in Sachen Digitalisierung hätten wir einiges verschlafen. Das gilt freilich nicht nur für die deutsche Industrie im Allgemeinen und den deutschen Mittelstand im Besonderen. Es gilt leider Gottes auch – oder sogar erst recht – für die öffentliche Verwaltung. Dabei verspricht die nun schon seit Jahrzehnten mehr Entbürokratisierung, mehr eGovernment und eine Verschlankung der Behördenprozesse. Doch das Gegenteil ist der Fall.

Kempf kann es nicht fassen, dass die Gesundheitsämter ihre Corona-Daten immer noch per Fax ans Robert-Koch-Institut weiterleiten. Dabei predigen wir doch seit mindestens drei Jahrzehnten, dass ein Medienbruch – Datenverarbeitung zu Papier, Papier zu Datenverarbeitung – erstens zu Zeitverzug, zweitens zu Fehlern und drittens zu einem Erkenntnisdefizit führt. Mit Verlaub: verschlafen ist da noch gestrunzt.

Kempf kann es auch nicht fassen, dass die Corona-Warn-App nicht mehr ist als genau das: eine Warn-App. Statt die Daten zu nutzen, um eine Rückverfolgung von Infektionswegen zu ermöglichen, kann sie lediglich vage über mögliche Kontakte mit unbekannten oder anonymisierten Personen informieren. Es wäre –da kämpfen Kempf und ich und viele andere im BDI seit langem erfolglos gegen Verwaltungs-Windmühlen – eine enorme Effizienzsteigerung, wenn zumindest die Gesundheitsämter durch die Warn-App mehr Klarheit über das Infektionsgeschehen erlangen könnten.

Aber, so bedauert Kempf – und so bedauere auch ich mit vielen anderen im BDI – der deutsche Datenschutz ist ein Verhinderer, die europäische Datenschutz-Grundverordnung vielleicht sogar eine Sackgasse. Es muss doch möglich sein, internationale Standards über das Format, die Nutzung und die Verbreitung von personenbezogenen Daten zu erlangen, die eine vernünftige und die persönliche Würde eines Menschen respektierende Nutzung von Daten zu ermöglichen, ohne gleich als totalitärer Staat abgestempelt zu werden. „Datensouveränität“ nennt Kempf das – und es besteht die leise Hoffnung, dass mit dem europäischen Cloud-Projekt Gaia-X tatsächlich so etwas erreicht werden könnte.

„Digitalisierung ist nichts, was man aussitzen kann“, warnt deshalb der Neue, Siegfried Russwurm, der verspricht, weiter dafür zu „trommeln“. Es sei „keine Mode, die vorbeigeht, sondern eine fundamentale Änderung“. Dass das immer noch gesagt werden muss, wirft einen dunklen Schatten auf die Innovationsbereitschaft der deutschen Wirtschaft. Das zu ändern war und ist eine schwierige Aufgabe, die der neue BDI-Präsident vom alten übernimmt. Beide sind nun ein Gespann, das die dem BDI angehörenden Branchenverbände und deren Unternehmen in eine neue Welt ziehen muss. Siegfried Russwurm fasst das nonchalant zusammen: „In Sachen der Digitalisierung waren die deutschen Unternehmen nicht unbedingt die Gewinner.“

Das muss sich ändern. Dieter Kempf ist seit dem 1. Januar satzungsgemäß Russwurms Vize. Beiden ist zu danken für ihr Engagement in Sachen Digitalisierung. Russwurms Appell an „seine Kollegen“ in den Unternehmen ist vielversprechend: Alles fängt mit dem Kundennutzen an, sagt er. Das gilt für Autos ebenso wie für Küchengeräte. Hört auf euren Klassensprecher!

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