Virus im Kopf

Können Sie sich vorstellen, jemals wieder in ein nahezu vollbesetztes Sammeltaxi zu steigen? Würden Sie noch entspannt in einem überfüllten Shuttle-Bus zum Flugzeug stehen bleiben, wenn neben Ihnen jemand in die Armbeuge hustet? Wollen Sie noch einen Coworking-Space aufsuchen, wenn Sie genauso gut, aber unbelästigt von Dritten, zu Hause arbeiten könnten. Wollen Sie überhaupt noch eine Dreiviertelstunde in der Rushhour morgens und abends hinterm Lenkrad vergeuden, wenn es vom Frühstückstisch zum Heimarbeitsplatz nur wenige Schritte sind? Oder können Sie sich noch vorstellen, im nächsten Urlaub die Wohnung eines Unbekannten zu beziehen, dessen Hygienegewohnheiten Sie nicht kennen?

Wahrscheinlich hat sich in den letzten Wochen weniger unsere Einstellung zur Digitalisierung geändert, sondern vielmehr unsere Einstellung zur Umwelt und den Gefahren von Krankheitsübertragungen. Die viel belächelten maskenbewehrten Japaner und Chinesen sind plötzlich globale Trendsetter geworden. Wir verbergen zwar unsere individuelle Mimik hinter selbstgebastelten Masken, bringen aber gleichzeitig unsere Individualität durch lustige Muster auf dem Mundschutz zum Ausdruck.

Die Angst vor dem Virus im Kopf scheint größer zu sein als die Angst vor dem Virus im Smartphone. Deshalb werden wir am Ende des Shutdowns und des social Distancing nicht einfach unser gewohntes Leben wieder anlaufen lassen. Warum sollten dezentral operierende Unternehmen darauf beharren, ihre regelmäßigen Abstimmungs-Meetings wieder physisch in der Zentrale abzuhalten, wenn sich – nach anfänglichen Technikproblemen – Videokonferenzen als praktische Alternative erwiesen haben. Warum sollten Unternehmen ihre Investitionen in Collaboration-Lösungen wieder zurückfahren, wenn sich durch Mitarbeiter im Home Office teure Büromieten einsparen lassen?

In einem jetzt erschienen Interview auf LinkedIn sagt Microsoft-Gründer Bill Gates voraus, dass sich Business Trips nach dem Ende der Corona-Krise nicht im gleichen Ausmaß wieder einstellen werden. Und Potential gäbe es genug. Allein die deutschen Bundesbehörden haben im Jahr 2018 rund 230.000 Inlandsflüge gebucht. Die Zahl der privatwirtschaftlichen Inlandsflüge dürfte um ein Vielfaches höher sein. Was der Klimaschutz nicht schaffte, macht jetzt möglicherweise der Infektionsschutz möglich.

In der Tat: die virtuelle Welt schützt vor der viralen Welt. Beispiele für Technologien, die unsere Welt nach dem Exit vom Shutdown bestimmen könnten, gibt es genug:

Wollen Sie noch Geldscheine austauschen, von denen Sie nicht wissen, durch wie viele Hände sie bereits gegangen sind? Bezahlen mit Kreditkarten war in Deutschland lange Zeit ein Stiefkind, doch in Corona-Zeiten hat der Einzelhandel auf berührungslose Bezahlmethoden gesetzt, wie sie die neuen Kreditkarten bieten.

Haben Sie noch Lust, auf einem schmierigen, versifften öffentlichen Touchscreen herumzudrücken? Spracheingabe dürfte sich zum Kontaktmedium der Zukunft entwickeln – vor allem, wenn KI-gestützte Bots nicht nur die Syntax, sondern auch die Semantik eines gesprochenen Satzes immer besser verstehen.

Gibt es künftig ein Grundrecht auf Netzverfügbarkeit? Seit Jahren klagt die Wirtschaft den flächendeckenden Breitbandausbau ein. Jetzt könnte er im Rahmen des Wiederanlaufs der Wirtschaft als vielversprechendes Konjunkturprogramm neu aufgelegt werden, um auch dem ländlichen Raum mehr informationelle Selbstbestimmung zu ermöglichen.

Wollen Sie weiter „auf Sicht“ handeln oder behandelt werden? KI-Systeme haben schon früh die Möglichkeit einer Pandemie vorhergesagt. Mit Big Data wird derzeit die Suche nach einem Impfstoff gegen Corona beschleunigt. Gleichzeitig fehlen den Meteorologen 50.000 Wetterdaten täglich, die sonst von Linienflügen ermittelt werden. Und schließlich entstehen derzeit breit akzeptierte Apps, die das Tracking von Infizierten erleichtern soll. Big Data und künstliche Intelligenz haben in den letzten Wochen ihren Wert eindrucksvoll unter Beweis gestellt.

Sind Sie „systemrelevant“ oder einfach nur „gefährdet“? Wer nicht gerade einen Bildschirmarbeitsplatz hat oder als „systemrelevant“ eingestuft wurde, ging in Deutschland in die Kurzarbeit, in den USA in die Arbeitslosigkeit. Systemrelevant sind beispielsweise Pflegekräfte oder Logistikdienstleister, die dafür der Ansteckungsgefahr in besonderem Maße ausgeliefert sind. Pflegeroboter, die bei körperlich anstrengenden Arbeiten helfen, oder Lieferroboter, die die letzten Meter zum Kunden übernehmen, könnten diese Gefahr lindern. Und die Vorstellung von menschenleeren Fabrikhallen, in denen Roboter trotz des Shutdowns die Produktion lebenswichtiger Waren fortführen können, hat ebenfalls ihren Schrecken verloren.

Die Frage, wie wir in Zukunft leben wollen, können wir uns tausendfach stellen. Wenn wir den Virologen folgen, werden wir noch länger als ein Jahr das Virus im Kopf haben und deshalb auf virtuelle Welten ausweichen – selbst wenn der Shutdown beendet werden könnte. Ob wir künftig lieber keinen Sport miterleben wollen oder in der Videoübertragung aus menschenleeren Stadien, muss jeder ebenso für sich beantworten wie die Frage, ob wir das Ausharren in einem Praxiswartezimmer voller Krankheitskeime bevorzugen oder doch zur Televisite greifen wollen. Es wird Zeit, dass wir uns mit der Digitalisierung im Kopf anfreunden.

 

Big Spender

Was ist schon eine Milliarde Dollar in einer Zeit, in der Billionen bereitgestellt werden, um die Welt zu retten? Und wenn diese eine Milliarde 28 Prozent des eigenen Vermögens repräsentiert? Jack Dorsey, Co-Founder des Micro-Blogging-Service Twitter hat vergangene Woche diese Summe für eine neue Stiftung – Start Small LLC – reserviert, um erstens einen Beitrag im Kampf gegen das Corona-Virus zu leisten, zweitens die Idee des bedingungslosen Grundeinkommens zu unterstützen und drittens die Ausbildung von Mädchen zu fördern. Um die Spendensumme zusammenzubekommen, will Jack Dorsey Anteile an dem von ihm geführten mobilen Bezahldienst Square verkaufen.

Bereits kurz zuvor hatte Dorsey 100.000 Dollar an „America´s Food Fund“ gespendet, der sich zum Ziel gesetzt hat, die ärmeren Teile der US-amerikanischen Bevölkerung mit Nahrungsmitteln zu versorgen. Der Fund geht auf eine Initiative von Leonardo DiCaprio und der Witwe von Steve Jobs, Laurene Powell Jobs, zurück. Apple und die Ford Foundation haben ebenso zur Finanzierung der „Tafel-Runde“ beigetragen wie die Talk-Diva Oprah Winfrey. Der Fonds nimmt sich allerdings im Vergleich zu Dorseys eigener Stiftung noch vergleichsweise zwergenhaft aus – mit einer Ausstattung von derzeit zwölf Millionen Dollar.

Doch Maßnahmen wie diese sind notwendig in einem Land, in dem die sozialen Sicherungsmaßnahmen weniger ausgeprägt sind als beispielsweise in Deutschland. Hier wurde schon früh ein Rettungsschirm für Unternehmen und Solo-Selbständige geschnürt und Kurzarbeitergeld in Milliardenhöhe bereitgestellt. In den USA sind zwar inzwischen durch die FED zusammengenommen mehr als vier Billionen Dollar für vergleichbare Rettungsmaßnahmen bereitgestellt worden. Doch zeitgleich sind innerhalb von drei Wochen 16 Millionen Menschen in die Arbeitslosigkeit entlassen worden. Das entspricht übrigens ungefähr der Zahl der Millionäre und Milliardäre in den Vereinigten Staaten.

Zwar erhalten im Rahmen des Hilfsprogramms CARES rund 80 Prozent der Amerikaner direkte Zahlungen von bis zu 1200 Dollar und 500 Dollar pro Kind – doch ist jetzt die Zeit der großen privaten Spender gekommen, die mit ihrem Vermögen auch dort einspringen, wo die Hilfen des Staates nicht ausreichen. Beispiele gibt es genug: Amazons Gründer Jeff Bezos beispielsweise hat 100 Millionen Dollar in Tafel-Organisationen gesteckt, um den Notleidenden in den USA zu helfen. Apples CEO Tim Cook veranlasste den Kauf von 20 Millionen Mundschutzmasken für das amerikanische Gesundheitssystem.

Der vielleicht bekannteste und markanteste „Big Spender“ ist der Microsoft-Gründer Bill Gates, dessen philanthropische Ambitionen in der Bill and Melissa Gates Foundation gebündelt werden. Aus diesem Engagement heraus sollen nun Produktionsstätten für die sieben aussichtsreichsten Impfstoff-Kandidaten finanziert werden – „auch wenn wir nachher nur zwei von ihnen auswählen werden“. Gates setzt darauf, dass zwei der sieben Kandidaten erfolgreich sein werden, auch wenn jetzt noch nicht abzusehen ist, welche der sieben es sein werden.

Bill Gates begründet sein Engagement auch damit, dass er und die Foundation schneller reagieren können als es die US-amerikanische Bundesregierung könne. Das war noch nicht einmal als Spitze gegen den lange Zeit untätigen Präsidenten Trump gedacht, sondern vielmehr als Analyse, dass Regierungsorganisationen grundsätzlich langsamer agieren und weniger zielgenau operieren. Doch in den USA wächst auch Kritik an den philanthropischen Engagements: Wer jetzt seine Macht unter Beweis stellt, könnte sie nach der Krise auch weiterhin einlösen.

Ganz anders die Diskussion in Deutschland, wo – wieder einmal – eine Reichensteuer oder zumindest eine einmalige Vermögensabgabe gefordert wird. Das „Lieblingsspielzeug der Linken“ (so titelte das Wirtschaftsmagazin Cicero) würde allerdings vor allem diejenigen treffen, die ohnehin hierzulande Steuern zahlen und 60 Prozent aller Arbeitsplätze schaffen – nämlich die Eigentümer von beinahe drei Millionen Familienunternehmen.

Die meisten sind kaum bekannt – anders als Ikonen wie etwa SAP-Gründer Dietmar Hopp, der dem Großteil der Bevölkerung ausschließlich durch die Finanzierung des Bundesligaclubs TSG 1899 Hoffenheim bekannt ist, statt mit seinem philanthropischen Engagement. Oder Ralph Dommermuth: der Gründer von 1&1 beziehungsweise United Internet hat mit seiner Ralph und Judith Dommermuth-Stiftung ganz wesentlichen Anteil an der Integrations-Initiative „Wir zusammen“. Doch anders als in den USA, wo die Devise „Tue Gutes und rede darüber“ fest in der gesellschaftlichen DNA verankert ist, operieren die deutschen Big Spender eher im Verborgenen. Aber es gibt sie.

Und doch sollten die großen Philanthropen stärker aus dem Schatten treten – gerade in Zeiten, in denen vielen das Wort Solidarität so leicht von den Lippen geht. Ihnen gilt meine Anerkennung und mein Dank, dies aber ebenso wie den zahllosen Helfern, die unser Gesundheitswesen und unsere Versorgung in schwierigen Zeiten aufrechterhalten. Gerade zu Ostern sollte uns bewusst sein: Solidarität ist die politische Form der Nächstenliebe.

Wenn´s hilft?

Bundesinnenminister Horst Seehofer hat diese Woche zum Arbeitsdienst aufgerufen. Es gehe in der aktuellen Notlage darum, dass alle an der Herstellung dringend benötigter Medizinprodukte mitwirkten. Gehört haben den Ruf vor allem Frauen, die in der auferlegten heimischen Isolation nach einer sinnvollen Tätigkeit suchen. Rund 1,5 Millionen Links liefert bereits eine Google-Suche nach „Masken nähen Anleitung“. Und auf Facebook, Instagram oder Pinterest kann man sie bestaunen, die selbstgefertigten Mundschutzmasken, die so nicht heißen dürfen, weil der Begriff „Schutz“ eine medizinische Leistung suggeriert. Dazu sind aber nur mit der entsprechenden Zertifizierung ausgewiesene Betriebe berechtigt.

Diese juristische Spitzfindigkeit, die bereits zu mehreren Aktionen der professionellen Abmahnwirtschaft geführt haben soll, ist freilich im Hausgebrauch irrelevant. In den vergangenen Tagen ist schätzungsweise eine satte sechsstellige Zahl an Mundschutzmasken – wir bleiben jetzt mal bei dem Begriff – im Heimarbeitsdienst entstanden. Auch wenn der medizinische Wert einer Maskenpflicht eingeschränkt ist, weil dadurch ein infizierter Träger höchstens andere vor der Ansteckung schützt, Gesunde aber nicht vor der Ansteckung bewahrt werden – die heimischen Maskenbildner leisten doch einen volkswirtschaftlichen Beitrag, wie die Vorsitzende des Marburger Bundes, Susanne Johna, anmerkt: Es wäre fatal, wenn nun auch vermehrt Privatpersonen Schutzmasken aufkauften, die eigentlich für den Gebrauch in Kliniken und Pflegeeinrichtungen gedacht sind und dort dringend benötigt werden.

Nun ist die strenge Kontrolle bei der Zulassung medizinischer Geräte, von Medikamenten und allen Produkten, die „Gefahr für Leib und Leben“ bedeuten könnten, eine Konsequenz, die das Gesundheitswesen weltweit aus dem Contergan-Skandal 1968 gezogen hat. Sie verhindert unter anderem auch, dass bislang nicht zugelassene Medikamente auf die Menschheit losgelassen werden, wenn sie nicht die drei Phasen klinischer Studien durchlaufen haben. Danach werden die Wirkstoffe zunächst an einer kleinen Anzahl gesunder Menschen auf freiwilliger Basis getestet, um Verträglichkeit und Nebenwirkungen zu identifizieren, ehe die eigentliche therapeutische Versuchsphase mit erkrankten Patienten beginnt. Darauf folgt eine Kontrollphase zur Bestätigung der Wirksamkeit und Sicherheit die im Erfolgsfall zur Zulassung des Medikaments führt. Die Phase IV begleitet dann das Medikament „im richtigen Leben“.

Das ist auch der Grund, warum wir uns bei der Bereitstellung einer Therapie und eines Impfstoffes gedulden müssen. Der „Erfolgsdruck“ – wie es ein Pharmakologe formulierte – ist aber dennoch ungemein hoch. Dennoch darf man an diesen Grundfesten der Medikamentensicherheit nicht rütteln. Das sollte im Prinzip auch für Corona-Schnelltests gelten, die jetzt im Internet zu Hauf angeboten werden. Zwar hält das Bundesgesundheitsministerium nichts davon, kann aber nicht einschreiten, weil Anbieter nach den derzeit geltenden EU-Regeln diese Verfahren „selbst zertifizieren und auf eine unabhängige Überprüfung verzichten“ können, ehe sie die Produkte in Verkehr bringen. Der Grund: Mit einem Schnelltest wähnt man den Käufer allenfalls in einer falschen Sicherheit, gefährdet aber sein Leben nicht unmittelbar.

Lockern kann man die Regelung bei weniger kritischen Produkten aber schon, meint Bundesinnenminister Horst Seehofer. Um fachfremde Firmen in die Produktion von Beatmungsgeräten, Schutzkitteln und Mundschutz einzubinden, brauche es kein neues Gesetz, denn „so viel moralische Verantwortung ist in unserem Land schon da.“ Da rächt sich allmählich, dass Deutschland, die ehemalige Apotheke der Welt, nahezu alle kritischen Produktionskapazitäten ins Ausland verlagert hat.

Jetzt rückt die Corona-Krise so manches zurecht. Das gilt auch für die Einstellung zur Digitalisierung. Die Vorstellung von menschenleeren Fabriken, in denen Roboter die Arbeit aufrechterhalten, verliert ihren Schrecken. Auch der Einsatz von Pflege-Robotern, die gegen das Virus immun wären und den Pflegekräften bei der Arbeit zur Seite stünden, ergibt jetzt einen Sinn. Wie sehr die Urteile relativiert sind, zeigt die Diskussion über die Tracking-App des Robert-Koch-Instituts. Plötzlich haben auch Datenschützer nichts mehr gegen eine auf freiwilliger Basis verbreitete Bluetooth-App, die vor der Begegnung mit Infizierten warnen kann. Warum nicht, wenn´s hilft?

Da wäre ich freiwillig auch dabei…

 

Cloud vs. Covid

Während sich die Menschheit Mobilitätsbeschränkungen auferlegt, können Daten uneingeschränkt rund um den Globus navigieren. Zumindest theoretisch. Praktisch aber gibt es auch dort Mobilitätsbeschränkungen, wie die Erfahrung der jüngsten Tage zeigt. Denn nahezu alle großen Cloud-Anbieter stoßen derzeit an die Grenzen ihrer Kapazitäten. Denn immer mehr Unternehmen suchen ihr Heil gegen Covid-19 in der Cloud. Plötzlich weist Corona den Weg in die Digitalisierung.

Zwar liegen aktuelle Zahlen über die Cloud-Nutzung im aktuellen Quartal naturgemäß noch nicht vor, aber die Umsätze aus dem letzten Quartal weisen erneut massiv nach oben. Weltweit wurden in den letzten drei Monaten des Jahres 2019 rund 30,2 Milliarden Dollar für Infrastructure as a Service ausgegeben, heißt es in der Canalys Cloud Channels Analyse, die unverändert Amazon Web Services mit 32,4 Prozent Anteil als klaren Marktführer identifiziert. Allerdings wachsen die Verfolger schneller.

Denn während die 9,8 Milliarden Dollar Umsatz für AWS einer Zunahme von 33,2 Prozent gegenüber dem vergleichbaren Vorjahreszeitraum entsprechen, hat Microsoft fast doppelt so schnell – nämlich um 62,3 Prozent – zugelegt und bei einem Umsatz von 5,3 Milliarden Dollar einen Marktanteil von 17,6 Prozent erlangt. Noch schneller wachsen Google Cloud (67,6 Prozent) und Alibaba Cloud (71,8 Prozent) bei allerdings deutlich geringeren Quartalsumsätzen unter zwei Milliarden Dollar.

Das dürfte sich im ersten Corona-Quartal weiter beschleunigen. Bei Collaboration-Angeboten wie Microsoft Teams oder Slack gehen derzeit Anfragen nach Millionen von Lizenzen ein. Cloud-Services wie Amazon Web Services und Microsoft Azure sind so stark ausgelastet, dass Kunden zwischenzeitlich keine zusätzlichen Virtual Machines starten konnten. Der Hunger nach Datenleitungen ist bereits so hoch, dass Anbieter von Video-Konferenzen angekündigt haben, die Auflösung der Videobilder zu senken, um mit dem Konferenz-Verkehr mithalten zu können. Auch Netflix will die Auflösung seiner Streams reduzieren, weil so viele Daheimgebliebene jetzt auf Entertainment setzen.

In der Tat: Cloud-Computing ist zum unbestrittenen Impfstoff gegen die Corona-Folgen in der Weltwirtschaft geworden. Wie sehr sich Services aus der Cloud jetzt als Retter in der Not erweisen, macht schon allein die Tatsache deutlich, dass der mehrere hundert Milliarden schwere Rettungsschirm der Bundesregierung an der Cloud-Infrastruktur der öffentlichen Hand hängt. Die Investitionsbank Berlin hat schon gewarnt, dass die eigenen Server angesichts der Nachfrage überlastet sind. Und auch das noch: Lieferdienste stellen die Zustellung von Toilettenpapier ein, weil sie im eigenen Logistikzentrum mit dem Datenvolumen der Bestellungen nicht mehr klar kommen.

Plötzlich taucht die alte Debatte über Netzneutralität wieder auf. Denn wenn Organisationen für den Ersthilfeeinsatz wie Feuerwehr und Rettungsdienste oder Regierungsorganisationen priorisierte Datenströme genießen, um die Sicherheit aufrechterhalten zu können, ist es nur noch ein Schritt bis zur bezahlten Besserstellung im Netz. Auf der Strecke dürften dabei diejenigen bleiben, die in der Umsetzung der digitalen Transformation ihrer Geschäftsprozesse schon jetzt abgeschlagen zurückliegen. Hier rächen sich die Versäumnisse der Vergangenheit.

Aber tatsächlich suchen kleine und mittlere Unternehmen jetzt händeringend nach Unterstützung, um ihre Bürokräfte ins Home Office zu schicken. Nach einer aktuellen Befragung erkennen jetzt 80 Prozent der Kleinunternehmen einen eklatanten Mangel an Digital-Knowhow in den eigenen Reihen. Sie sehen sich einer doppelten Bedrohung gegenüber: Sie müssen sich gegen die Auswirkungen von Covid-19 wappnen und finden keinen Zugang in die Cloud. Es hat den Anschein, dass wir nicht nur Krankenhäuser mit Notfallbetten und Beatmungssystemen brauchen, sondern auch Service-Rechenzentren mit schier unbegrenzten Kapazitäten.

Die Nachfrage nach Cloud-Services wird auch dann nicht nachlassen, wenn sich die Menschheit wieder frei bewegen darf. Nichts wird nach der Corona-Krise mehr so sein wie es war – nicht einmal in Digitalien.