Die neue „Doppelspitze“

Es sieht so aus, als sei es der NASA gelungen, den knapp eine Tonne wiegenden Kleinwagen „Curiosity“ sicher und funktionsfähig auf dem Mars zu landen. Überraschen kann der Erfolg nicht. Denn immerhin rund 8000mal ist die Landung vorher bereits durchgespielt worden. Nicht im Weltall, sondern im virtuellen Raum der Software NX, die Siemens an die Nasa (und viele andere Industriefirmen) verkauft hat. Darin werden nicht nur materialbezogene Informationen, sondern auch Konstruktions- und Simulationsdaten zu einem umfassenden Produktdatenpaket zusammengefasst – Product Lifecycle Management heißt das, kurz PLM. Und das ist, sagen die Marktauguren, der nächste ganz große Markt.

Die Revolution in der Entwicklung und Fertigung hat auch schon einen Namen: Industry 4.0. Und sie hat zahlreiche Protagonisten. Der Mars-Rover „Curiosity“ oder der Boeing Dreamliner beispielsweise. Auch Daimler und VW bauen und simulieren bereits virtuell – und investieren dafür hunderte von Millionen Euro, um weltumspannende Produkt- und Entwicklungsplattformen für globale Konzerne zu etablieren.

PLM ist ein Beispiel dafür, wie sich die Hardware-Schmiede Siemens in die nächste industrielle Revolution aufmacht – von der Maschine über die Elektronik in die Virtualität. Oder, wie die taz titelte, vom Dampf in die Cloud.

Dass die Cloud zur Marktkapitalisierung beitragen kann, hat SAP letzte Woche bewiesen. Der Konzern, der seit 40 Jahren mit Konzernsoftware Gewinn macht, hatte im DAX erstmals den bisherigen Deutschland-Primus Siemens überflügelt. Das ist ein Meilenstein auf dem Weg in die Virtualisierung – mit Software ist mehr Börsenphantasie verknüpft als mit Hardware.

Der lange Zeit (auch von diesem Blog) gescholtene Softwarekonzern hat mit seiner Doppelspitze aus Bill McDermott und Jim Hagemann-Snabe offenbar vier glückliche Händchen: Der angesagte Weg, das Umsatzpotenzial durch weitere starke Produktbereiche zu verdoppeln, scheint begehbar zu sein: selbst entwickeltes Hana hier, zugekauftes BI-Angebot dort, selbstentwickeltes ByDesign hier, zugekaufte Cloud-Services dort. Es wäre nicht überraschend, wenn auch ein PLM-Paket in absehbarer Zeit ins SAP-Portfolio käme.

Auch politisch scheint SAP sich freizuschwimmen. Eine erste Einigung mit Oracle im milliardenschweren Datendiebstahl-Prozess wurde jetzt erreicht – auch wenn damit die nächstinstanzliche Verfolgung des Rechtsstreits noch nicht abgewendet ist. Auch das Geschäft in den USA und in China scheint SAP Freude zu bereiten. Und: SAP ist und bleibt auf Akquisetour.

Das sind Hausaufgaben, die bei Siemens noch anhängig sind. Zwar sitzt die große alte Dame auf rund neun Milliarden Euro liquiden Mitteln, aber so recht ist nicht zu erkennen, wofür diese Operationsmasse tatsächlich eingesetzt werden soll. Der Trend wird in Richtung Elektronik und Virtualisierung gehen müssen. Mit Hardware allein ist in Europa keine DAX-Spitze zu verteidigen.

Aber mit Finanzgeschäften. Wegen der guten Lage auf dem Kreditmarkt hat Siemens jetzt einen gigantischen Aktienrückkauf gestartet, der bis zum Jahresende 33 Millionen Aktien zurück in die Konzernzentrale spülen soll. Das hebt den Börsenwert, so dass sich Siemens im Dax neben SAP als Doppelspitze behaupten kann. Nachhaltig ist das aber nicht. Dazu wäre die Erneuerung des Produktportfolios notwendig. In der DAX-Doppelspitze hat SAP, was Siemens fehlt. Aber nicht umgekehrt.

Hilf dir selbst, dann hilft dir Gott

Es ist nicht verbürgt, dass Herkules zu den Vorbildern von Steve Ballmer gehört – obwohl seine physische Präsenz den Microsoft-CEO durchaus in die Nähe des mythologischen Heroen ziehen sollte. Bei dem Versuch jedenfalls, den Microsoft-Karren aus dem Dreck zu ziehen, scheint sich Ballmer an den Rat des antiken Supermanns zu halten: Greife erst selbst in die Speichen und treibe den Ochsen an, ehe du die Götter um Hilfe anflehst. Denn dem Mutigen helfen die Götter!

Ballmers Griff in die Speichen soll den Windows-Karren an die Oberfläche – sprich: Surface – zurückholen und die nächste gewonnene Dekade der „Windows-8-auf-jeder-Plattform-Ära“ einläuten. Dazu griff Ballmer in und um Toronto zu einem ganz besonderen Hebel, mit dem er die bisherige Welt aus den Angeln zu heben versucht: Microsoft steigt mit Surface selbst ins Hardware-Geschäft ein – und verprellt seine OEM-Partner.

Ob Acer, Hewlett-Packard oder Dell – die Hardware-Partner, die für immerhin 20 Prozent des Microsoft-Umsatzes im vergangenen Quartal stehen, haben schnell mit einem Kreidestrich markiert, wo für sie die Grenze des Akzeptablen im Zusammenspiel mit Microsoft liegt. „Microsoft sollte sich vom Hardware-Geschäft fern halten“, warnt beispielsweise Acer-Mitbegründer Stan Shih. HP hat sich dem Vernehmen nach aus Protest aus der gemeinsamen Windows-RT-Entwicklungsgruppe zurückgezogen und will sich künftig nur noch auf Intel-Basis engagieren. Ob hier eine Grundsatzentscheidung zur Kostensenkung gleichzeitig auch zum politischen Fanal stilisiert werden soll, sei mal dahingestellt.

Doch die Tiefschläge aus dem OEM-Bereich zeigen bei Ballmer Wirkung. Schon in einem Brief an die US-Regierung machte er deutlich, dass Surface nur ein Entwurf sei und dazu diene, für Windows 8 auch und vor allem auf Tablett-PCs zu werben. Ansonsten unterstütze man die Hardware-Hersteller wo immer möglich bei der Entwicklung von mobilen Endgeräten mit dem Windows-8-Betriebssystem.

In der Tat: Bislang hatten HP, Dell und Acer nicht unbedingt größte Eile an den Tag gelegt, um das Windows-8-Announcement mit eigenen Begleit-Produkten zu unterstützen. Zwar drängt Dell jetzt darauf, den durch HP freigegebenen Platz im WART-Markt (Windows auf ARM RT) einzunehmen. Gleichzeitig aber munkeln Marktbeobachter, die PC-Hersteller könnten in einer Art Trotzreaktion nun Mobilgeräte mit Android ausliefern. Dann wäre das exakte Gegenteil von dem erreicht, was Ballmers Hardware-Experiment erreichen sollte. Nämlich der Gewinn an Marktanteilen für Windows 8 im mobilen Sektor.

Oder hat Surface seine wichtigste Werbebotschaft bereits übermittelt? Surface bringt es doch an den Tag: Wenn Microsoft sich nicht um das Ecosystem rund um Windows 8 bemüht, wer sollte es dann sonst tun? Praktisch alle Hardware-Hersteller überdenken derzeit ihr Portfolio – wenn nicht sogar die gesamte Geschäftsstrategie. HP beispielsweise spekuliert weiterhin über den kompletten Ausstieg aus dem PC-Geschäft. Da käme der Streit mit Microsoft gerade Recht.

IBM hatte in den neunziger Jahren einen Grundsatz etabliert, der das Geschäft mit Partnern stressfrei gestalten sollte: Keine eigenen Engagements im Anwendungsbereich. Statt die Software vom System zur Application auszuweiten, setzte IBM eher auf Service – und ist heute so profitabel wie nie. Aber der Preis war die Aufgabe einer gemeinsamen Marktpräsenz von ISVs und IBM, die für den Mittelstand weltweit Tausend und eine Anwendung anbot und damit marktdominierend wurde.

Nicht weniger will Microsoft – am liebsten mit OEMs und ihrem klaren Bekenntnis zu Windows 8. Sicher eine Herkules-Aufgabe. Aber sonst bliebe ja nur: die Aufgabe.

Zwischen Quartal und Schuldenberg

Plötzlich geht wieder ein Schreckgespenst um: Gewinnwarnungen. Die anhaltende Euro-Krise und die schwächelnde Wirtschaft in China zeigen, wie wenig immun das exportorientierte Deutschland ist. Während in früheren Jahrzehnten vor allem die traditionellen Grundstoff-Branchen wie Stahl und Chemie mit Schwächeanfällen auf internationalen Krisen reagierten, ist es jetzt auch die IT-Branche, die als globaler Lieferant von Querschnittstechnologien in den Sog gerät.

Zwar wächst die chinesische Volkswirtschaft auch in diesem Jahr um gut sieben Prozent – aber die nunmehr nur noch einstelligen Wachstumsraten führen zu einer erheblichen Abkühlung. Erste Erkältungserscheinungen finden sich in den Vierteljahresberichten: Bei Halbleiterhersteller wie Infineon oder bei Softwareanbietern wie die Software AG erwarten Insider offensichtlich Quartalsberichte, die hinter den Zielen zurückbleiben. Dies würde zeigen, wie abhängig sie als Zulieferer ganzer Industriezweige vom allgemeinen Trend sind.

Denn der Aufschwung des Jahres 2011 klingt ab – auch wenn für Deutschland für das laufende Jahr ein im Vergleich zu Rest-Europa mildes gesamtwirtschaftliches Plus von einem Prozent erwartet wird. Zwar melden Techconsult und Sage, dass die deutschen Mittelständler im vergangenen Jahr mit 1936 Euro pro PC-Arbeitsplatz investierten und damit so tief in die Tasche griffen, wie seit langem nicht. Aber gleichzeitig ist zu erkennen, dass sich diese Investitionsbereitschaft 2012 nicht wiederholen wird. Und was für die Betreibe in Deutschland gilt, trifft auch auf Companies in Nordamerika zu: Jetzt wird erst einmal abgewartet – und von Quartal zu Quartal entschieden.

Schon hält der SAP-Vorstand seine Mitarbeiter an, die Kosten im Auge zu behalten. Der interne Aufruf zum Sparen kommt allerdings zu einem Zeitpunkt, wo gleichzeitig die Ernte einer weltweit geglückten Produkt-Aussaat seit dem vergangenen Herbst eingefahren wird: „Unser Rekordergebnis spricht für sich. Wir haben zweistelliges Wachstum in allen Regionen erreicht mit großer Wachstumsdynamik bei unseren Kernanwendungen sowie bei SAP HANA, Mobile und in der Cloud. Trotz eines unsicheren gesamtwirtschaftlichen Umfelds haben wir das obere Ende unseres geplanten Umsatzwachstums für das zweite Quartal erreicht“, sagten die Vorstandssprecher Bill McDermott und Jim Hagemann Snabe gegenüber dem Branchendienst isreport.

Mit Rekorderlösen von 1,06 €uro im zweiten Quartal stemmten sich die Walldorfer erfolgreich gegen den Trend und legten damit um 26 Prozent zu. Microsoft hingegen musste zum ersten Mal seit dem Börsengang einen Quartalsverlust ausweisen. Zwar hat die Company aus Redmond mit einer Abschreibung auf ihr Online-Geschäft selbst zum schlechten Quartalsergebnis beigetragen. Aber der 13prozentige Rückgang bei Windows-Verkäufen zeigt, dass das Geld am PC-Arbeitsplatz weniger locker liegt.

Doch – ähnlich wie bei SAP – hat Microsoft die Aussaat neuer Produkte rund um Windows 8 und Office 2013 längst vollzogen. Nur die Weltkonjunktur könnte jetzt noch die Ernte verhageln.

PCs brauchen den gewissen Touch

Jetzt ist es amtlich – oder doch halbamtlich: Gartner´s aktuelle Verkaufszahlen für Personal Computer weisen auf das sich abzeichnende Ende eines Marktes hin, der seit drei Jahrzehnten eine ganze Industrie in Reichtum gebracht hat. 87,5 Millionen PCs wurden weltweit in den Monaten April bis Juni verkauft. Das sind etwa 850.000 Stück weniger als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Damit oszillieren die Absatzzahlen seit drei Jahren rund um die 90-Millionen-Marke. Die Wachstumsraten aus Brasilien, Indien und China können offensichtlich die Rückgänge in den Industrieländern gerade noch ausgleichen. Die Musik spielt indes woanders.

Denn nach der strengen Gartner-Nomenklatur gelten Tablet-PCs und damit das erfolgreichste Einzelprodukt, der Apple iPad, nicht als PCs im engeren Sinne, sondern als mobiles Endgerät. Dennoch hat der iPad einen unmittelbaren Einfluss auf den PC-Markt. Denn kaum war er im Frühjahr 2010 auf dem Markt, rasten die Verkäufe mit sogenannten Netbooks in den Keller. Die kleinen Internet-PCs für unterwegs sollten eigentlich den nächsten Wachstumsschub für den PC-Markt bringen. Tatsächlich werden sie nun zum Symbol für ein veraltetes Paradigma.

Damit haben zunächst einmal die vier großen Hardware-Anbieter, HP, Lenovo, Acer und Dell, zu kämpfen. Der Verkauf der PC-Sparte an Lenovo war der letzte Akt der Restrukturierung von IBM. Hewlett-Packard steckt mitten in dieser Phase fest – der seinerzeit von Léo Apotheker in Angriff genommene Verkauf der Sparte ist vorerst zurückgenommen worden. Dafür gibt’s Entlassungen. Auch Acer und Dell haben die Neuausrichtung noch vor sich.

So sehr die gegenwärtige Stagnation die PC-Hersteller in die Klemme bringt, noch stärker in der Tinte sitzt Microsoft, dessen Hauptprodukte – Windows und Office – von diesem erstarrten Markt abhängen. Kein Wunder, dass Microsoft-Chef Steve Ballmer von der World Partner Conference in Toronto gleich zur großen Office-Produkt-Ankündigung nach San Francisco jettet. Office 2013 – in den bisherigen Spekulationen auch Office 15 genannt – soll ganz auf die Metro-Oberfläche von Windows 8 ausgelegt werden. Das dürfte ganz neue Ergonomie-Ergebnisse für die weltweit erfolgreichste Personal-Productivity-Software bringen – denn die klassische Maus wird durch Gestensteuerung ersetzt.

Microsofts Plan für die eigene Zukunft (und die Rettung des klassischen PC-Markts) basiert auf Touchscreens. Steve Ballmer schwebt vor, dass wir künftig alle wie Theo Koll in der Wahlnacht vor übergroßen Flatscreens turnen, drücken und deuten, wählen und wischen. Die PCs der Zukunft haben jenen gewissen Touch, dem die mobilen Tablets heute schon ihren Markterfolg verdanken. Neun von zehn PCs haben heute Office geladen – das soll auch in der Touch-Ära so bleiben, meint Microsoft.

Deshalb überlässt Steve Ballmer hier nichts dem Zufall. Zusammen mit der Ankündigung von „Office Touch“ wird Microsoft auch die Übernahme von Perceptive Pixel thematisieren. Das New Yorker Unternehmen ist führender Anbieter großformatiger Touchscreens, wie sie in Fernsehsendungen mit interaktiven Präsentationen bereits gang und gäbe sind. Doch weniger die heutige Hardware-Produktion als vielmehr die knapp ein Dutzend Patente des Unternehmens sind für Microsoft zukunftsentscheidend. Angesichts des Patentstreits zwischen Apple und Samsung über Gestentechnologie setzt Ballmer wohl auf die Vorwärtsverteidigung. Erst die Patente, dann die Produkte – und dann keinen Prozess.

Bleibt noch eine Herausforderung: die neuen Touchscreen-PCs müssen massenmarktfähig werden. Die derzeitigen hochpreisigen Flatscreens werden schrumpfen – im Preis und in der Größe.