Wettrüsten um die Sicherheit

Seit der Erfindung der Steinschleuder wissen wir: mit jeder neuen Waffe entsteht auch eine neue Verteidigungsanlage. Leider gilt das auch umgekehrt. Dass sich die Geschichte wiederholt, lässt sich aktuell komprimiert auf einen Zeitraum von wenigen Jahren beobachten: Denn nirgendwo verläuft der Wettlauf zwischen Angreifern und Verteidigern so brisant und wohl auch so folgenschwer wie im Cyberspace. Betroffen sind privat betriebene IT-Systeme ebenso wie globale Cloud-Infrastrukturen. Doch nicht jeder wird die immensen finanziellen und intellektuellen Anstrengungen leisten können, um in diesem nimmer endenden Wettrüsten gegen den Cybercrime mitzuhalten.

Dabei kommen die Einschläge immer näher, werden immer häufiger und heftiger: An diesem Wochenende hat es den IT-Dienstleister Kommunalservice Mecklenburg, der neben der IT der Stadt Schwerin und des Landkreises Ludwigslust-Parchim auch weitere Kommunen betreut, erwischt. Mehrere Bürgerservices mussten vom Netz genommen werden; Bürgerbüros werden wohl für Wochen geschlossen bleiben. Am Tag zuvor musste der Hardware-Hersteller Acer zugeben, dass Hacker rund 60 Gigabyte an personenbezogenen Kundendaten gestohlen hatten. Das war bereits der zweite Angriff binnen weniger Tage.

Und vor einer Woche teilte Microsoft mit, dass die eigene Cloud-Infrastruktur Azure in Europa unter heftigem Beschuss eines sogenannten Distributed Denial of Service-Angriffs gestanden hat. Dem Störfeuer aus einem Bot-Netzwerk von rund 70.000 Servern rund um den Globus haben die Microsoft-Datencenter zwar unbeschadet widerstanden und dies, ohne den Dienst für Microsofts europäische Cloud-Kunden einzuschränken, doch einem Datenstrom von 2,4 Terabytes pro Sekunde an Internet-Schrott, der zehn Minuten auf die Cloud-Plattform einprasselte, können wohl keine mittelständischen und nur wenige globale IT-Infrastrukturen standhalten.

Angesichts eines solchen massierten Angriffs klingen die 6,2 Milliarden Euro, die deutsche Unternehmen dieses Jahr nach Berechnungen des Hightech-Verbands Bitkom für Sicherheit ausgegeben haben werden, gar nicht mehr so beeindruckend. Runtergerechnet auf die Gesamtzahl der Unternehmen sind das gerade noch gut 2000 Euro pro Betrieb. Auch wenn kaum damit zu rechnen ist, dass ein solcher DDoS-Angriff, wie ihn Microsoft Azure zu überstehen hatte, jedem droht – die potenzielle Gefährdung ist in jedem Fall vorhanden. Und selbst den mit deutlich geringerem Aufwand betriebenen Ransomware-Attacken stehen die meisten Unternehmen hierzulande völlig wehrlos gegenüber. Die Hacker von heute kampieren nicht erst zehn Jahre vor den Toren, ehe sie einen Trojaner hinterlassen…

Es gibt kaum ein stärkeres Argument für die Migration in die Cloud und die Entscheidung, die Sicherheit der eigenen Geschäftsprozesse in die Hände eines Cloud Service Providers zu legen. Denn es handelt sich um eine gefährliche Augenwischerei anzunehmen, dass Hackerangriffe nur die Großen treffen könnten, dass es keine Firmengeheimnisse auszuspionieren gibt und der Betrieb ohnehin zu wenig systemrelevant sei, um auch nur das Interesse der Cyberkriminellen zu erregen. Denn das Gegenteil ist der Fall: gerade die kleinen und kaum gesicherten IT-Abteilungen sind attraktiv für Hacker, die mit Ransomware Lösegeldforderungen stellen. Ihnen geht es nicht darum, Daten auszuspionieren, sondern einfach nur den laufenden Betrieb zu sabotieren und Geld für die Freigabe der IT herauszuschlagen.

Es wäre nicht unwahrscheinlich, dass diese Aktivitäten, hinter denen meist regierungsnahe Organisationen in Schurkenstaaten vermutet werden, künftig in mafiösen Strukturen und Clan-Dynastien übernommen werden. Denn die Aussicht auf Geldeinnahmen, die noch nicht einmal gewaschen werden müssten, ist einfach zu verlockend. Und die international vernetzte Wirtschaft ist auch zu leicht zu gefährden – dazu braucht es lediglich eines im Suezkanal gestrandeten Frachtschiffes. Analog, wenn auch digital, dazu zeigt sich ein Trend, vor dem vor allem Versicherungsunternehmen warnen: Hackerangriffe könnten sich gezielt auf Zulieferbetriebe konzentrieren und dadurch erst ganze Lieferketten und danach ganze Branchen lahmlegen. Die weltweite Chipkrise, die Fertigungsausfälle in nahezu allen Produktionsbranchen nach sich zieht, ist ein warnendes Beispiel. Wenn auch hier die Corona-Misere die eigentliche Ursache ist – ein solcher Sabotageangriff ließe sich aus dem Cyberspace heraus jederzeit wiederholen.

Es wird Zeit, dass wir den Innovationen der Angreifer ebensolche Innovationen auf der Verteidigungslinie entgegensetzen. Nach Ansicht von Microsoft dürfte die Fähigkeit, solche großangelegten Angriffe auf ganze Wirtschaftsketten abwehren zu können, eines der wesentlichen Differenzierungsmerkmale der Zukunft sein. Die Investitionen der großen Cloud Provider wie Microsoft, Amazon Web Services oder Google – und zwar jede für sich genommen – übersteigen denn auch die Sicherheitsinvestitionen der Betriebe um ein Vielfaches. Sie sind die Supermächte im Wettrüsten um die Sicherheit.

Prohibitive Schnittstellenstrategie

Für die Mehrzahl der Anwenderunternehmen ist die Cloud inzwischen zum Maß aller Dinge geworden. Ihre CIOs fragen nicht mehr, „ob“ sie die eigene Informationstechnik in die Cloud verlagern sollen, sondern „wie“ sie die neue IT-Infrastruktur gestalten wollen. Eines zeichnet sich dabei ab: sie wollen mehrheitlich nicht einem Cloud Service Provider vertrauen, sondern die Vorzüge mehrerer Angebote in einer hybriden Cloud-Struktur aus mehreren Services nutzen. Und sie wollen nicht von einem einzigen Anbieter abhängig sein müssen.

Damit wiederholt sich nicht nur bei den globalen Konzernen, sondern auch im Mittelstand eine Grundeinstellung zur Diversität, die das Risiko der Abhängigkeiten auf mehrere Schultern verteilen will und gleichzeitig die Rosinen aus den verschiedenen Cloud-Kuchen picken möchte: hier besonders schnelle Datenbanken, da hohe Sicherheitsvorkehrungen und dort zusätzliche Services für künstliche Intelligenz oder das Internet der Dinge. Und nicht zuletzt wollen sie auch heterogene Anwendungswelten in der hybriden Cloud-Infrastruktur so miteinander verknüpfen, dass ihnen ein Wettbewerbsvorteil durch durchgängige Prozesse und Datentransparenz entsteht.

Doch genau das vermissen die Anwender inzwischen bei der SAP. Schon die Integration der eigenen Lösungen gelingt SAP nur unzureichend, lautete die Kritik zur Eröffnung der virtuellen Jahreskonferenz der Deutschen SAP Anwender-Gemeinschaft. DSAG-Vorsitzender Jens Hungershausen, selbst im Hauptberuf als CIO bei der Handwerker-Genossenschaft MEGA tätig, sieht denn auch deutlichen Handlungsbedarf. Nur wenig mehr als ein Viertel der von der DSAG befragten Anwenderunternehmen beurteilte die Integrationsmöglichkeiten der SAP-Lösungen mit gut. Aber 44 Prozent sahen die verfügbaren Schnittstellen als befriedigend. Und jeweils 14 Prozent – zusammen also ebenfalls mehr als ein Viertel, bewerteten die Integration als ausreichend oder gar mangelhaft. „Das Ergebnis sollte von SAP als weiterer, deutlicher Weckruf verstanden werden“, warnte Hungershausen.

Dabei erschallte der Weckruf schon vor Jahren – und die schwache Integrationsleistung hat bei SAP durchaus Tradition. Als SAP vor der Jahrtausendwende Wettbewerber zu Vertriebspartnern machte und vor allem mittelständischen deutschen Anbietern von Unternehmenslösungen das Angebot machte, neben der eigenen Lösung auch eine Vertriebsschiene für das damalige R/3 aufzubauen, da hofften Anwender wie Software-Unternehmer, durch eine bevorzugte Integration mit der SAP-Lösung werde das eigene, meist streng branchenorientiert ausgerichtete Software-Angebot aufgewertet. Doch daraus wurde nichts: zwar bot SAP an, gemeinsam mit den neuen Partnern Schnittstellen zwischen den Systemen zu entwickeln. Doch Aufwände in der Größenordnung von mehreren Tausend Personenjahren wirkten geradezu prohibitiv. Wer auf das Angebot einging, beschleunigte nur die eigene Selbstentleibung.

Das Vorgehen wiederholt sich zwei Jahrzehnte später in der Cloud. Denn zwar betonte SAP-Vorstandsvorsitzender Christian Klein jetzt auf dem DSAG-Event, dass „SAP liefert – bei Innovation und Integration“. Im Jahr 2021 seien 450 Schnittstellen bereits geschaffen worden oder stünden vor der Vollendung. Doch dabei handelt es sich einerseits vielfach um Trivial-Schnittstellen, die andererseits auch auf die Weiterentwicklung der aktuellen Komplettlösung S/4Hana [Sprich: Ess for Hana] fokussiert. Davon haben allerdings drei von vier SAP-Kunden nichts. Sie haben S/4Hana noch gar nicht im Einsatz. Und nur ein Fünftel der SAP-Anwender befindet sich gerade mitten im Einführungsprojekt. Der Rest plant einen Umstieg in der Zukunft oder weiß noch nicht so recht.

Vor allem aber hilft es jenen Anwendern nichts, die eine heterogene Anwendungswelt in einer ebenso heterogenen Cloud-Infrastruktur bevorzugen. Sie wollen beispielsweise Salesforce für das Kundenbeziehungsmanagement neben Microsoft 365 als Produktivlösung und zwei, drei Startup-Plattformen für die Neuausrichtung ihres eigenen Produkt-Ökosystems einsetzen. Sie tun sich schwer mit den hohen Integrationskosten, die SAP ihnen aufbürdet.

Das ist eine gefährliche Situation – für die Anwender ebenso wie für SAP selbst. Denn die Zeiten sind nun mal vorbei, in denen Unternehmen für ihre Geschäftsprozesse alles aus einer Hand wünschen. Die Software-Welt selbst ist wieder so heterogen geworden, wie sie vor der fürsorglichen Umarmung der mittelständischen Softwarehäuser durch SAP schon einmal war. Jetzt sind es nicht die branchenorientierten Unternehmenslösungen, sondern ganze Plattformen, die rund um Anwendungsbereiche wie das Automobil, den Online-Handel oder die Finanzdienstleistung entstehen. SAPs Schnittstellenstrategie wirkt wieder prohibitiv – könnte sich aber diesmal gegen Walldorf selbst richten.

Cloud Wars – die nächste Episode

Der Ton und die Taten in den „Cloud Wars“ werden rauer zwischen Microsoft und Amazon. Zunächst sahen wir die Episode „Die Rücknahme des JEDI-Projekts“, als Amazon-Gründer Jeff Bezos erfolgreich gegen die Vergabe der Joint Enterprise Defense Infrastructure durch das US-Verteidigungsministerium an Microsoft klagte. Dann folgte „Das Imperium schlägt zurück“, als Microsoft im Gegenzug die Vergabe des vergleichbaren NSA-Projekts an Amazon Web Service verhinderte. Jetzt sehen wir so etwas wie „Der Ausstieg Cloudwalkers“, nachdem Microsoft mit Charlie Bell einen der ranghöchsten Manager aus Bezos´ Galaktischem Imperium losgeeist hat: Dass Bell, der künftig als Microsoft Executive Vice President für Cyber-Security zuständig ist und direkt an Satya Nadella berichten wird, auch AWS-Interna ausplaudern könnte, zieht bereits den roten Faden für die nächste Klagewelle zwischen beiden Unternehmen. Und in der Episode „Der Angriff der Cloudkrieger“ sehen wir bereits, wie beide ihre Truppen aus Partnern und Kunden rund um die eigenen Cloud-Angebote scharen. Denn es geht um nicht weniger als um „Das Erwachen der Macht“ in den kommenden Jahrzehnten.

Es geht um Geld – viel Geld! Allein die beiden – letztlich gescheiterten – Infrastrukturprojekte der US-Regierung waren jeweils zehn Milliarden Dollar wert. Und auf ein Vielfaches davon summieren sich die Cloud-Projekte der großen Marken-Anbieter, die rund um ihre Produkte inzwischen eine umfassende Plattform-Ökonomie aus Cloud-Services, Produktneuheiten, Kundenkommunikation und Lieferketten-Integration schmieden. Zuletzt haben sich viele der großen Telekommunikationsanbieter für Megaprojekte in der Cloud entschieden, wobei mehrheitlich Microsoft Azure zum Zuge kam. Dafür sammelt AWS unablässig Neukunden unter den erfolgreichen globalen Startups.  Und beide werden argwöhnisch beäugt von den Cloud-Nachfolgern wie Google oder IBM sowie – mit erheblichem Abstand – SAP.

Amazon Web Services ist seit Jahren Marktführer, hat die Cloud-Idee von Anfang an am konsequentesten umgesetzt und hat in den vergangenen Jahren als de facto Cloud-Standard einen beträchtlichen Vorsprung vor der gesamten Konkurrenz aufgebaut. Dabei kam AWS aus dem Nichts, als 2008 die ersten ernsthaften Cloud Providing-Angebote entstanden und man 3eigentlich IBM als traditioneller Rechenzentrums-Bestücker auf dem Schirm hatte. Doch während das IBM-Klientel mit dem Umstieg zögerte, eroberte AWS einen der dynamischsten Märkte quasi im Alleingang: die Welt der Unicorns, in der Startups binnen Kurzem zu milliardenschweren Konzernen heranwuchsen – wie übrigens auch Amazon selbst. Doch seit einem halben Jahrzehnt erzielt Microsoft mit Azure, Microsoft 365, Dynamics 365 und Office 365 beeindruckende Gewinne und verzeichnet ein exponentielles Wachstum.

Dabei sind konkrete Marktzahlen kaum zu bekommen, weil weder Amazon, noch Microsoft ihre Cloud-Umsätze in den Geschäftszahlen präzise ausweisen. Unsicherheit kommt auch dadurch hinzu, dass nie ganz klar ist, was eigentlich gezählt wird: Denn während Azure die Grundlage für wahlweise Software-, Infrastructure- oder Platform as a Service ist, kommen auch die ERP-Lösung Dynamics und die Produktivitäts-Suite Office mehr und mehr aus der Cloud. Und seit diesem Sommer ist auch Windows aus der Cloud heraus im Angebot. Rechnet man dies alles raus, dann führt AWS unverändert mit 32 Prozent Marktanteil gegenüber 19 Prozent für Azure. Angeschlagener Dritter wäre dann Google mit sieben Prozent, wobei auch hier die Cloud-Dienste wie Gmail rausgerechnet werden.

Der Grund für Microsofts bahnbrechende Aufholjagd dürfte wohl in einem klassischen Hase-und-Igel-Szenario liegen: „Ick bün all hier!“ Windows, Office, Microsoft Server, SharePoint etc. sind in vielen Unternehmen gesetzte Lösungen und leben auch unter Azure fort – nur statt On-Premises nun in der Cloud. Und auch die Active-Directory-Dienste von Microsoft sind grundlegend für etablierte IT-Strukturen. Sie sind nur schwer durch AWS abzulösen, aber ohne weiteres nach Azure zu verlagern.

Und das dürfte – neben attraktiven Lizenzangeboten für Organisationen – der Hauptgrund dafür sein, dass Microsoft Azure nun seit Jahren auf der Überholspur fährt: es ist vergleichsweise einfach, die bestehende Microsoft-Infrastruktur von der IT vor Ort in die Azure Cloud zu verlagern oder – ebenfalls ein bevorzugtes Geschäftsmodell von Microsoft – in einer hybriden Infrastruktur aus (mehreren) Cloud-Instanzen und IT-Lösungen vor Ort umzuwandeln.

Dabei scheint eines heute schon gesichert: Egal ob AWS oder Azure oder eines der anderen Cloud-Angebote – die Idee, die eigene Informationstechnik in die Cloud zu verlagern, ist ein weltweiter Trend, bis auch hier in zehn, zwanzig Jahren der nächste Gegentrend auf dem ewig oszillierenden Spielfeld der Infrastrukturdebatte zwischen Dezentralisierung und Rezentralisierung eintritt. Bis dahin können wir uns auf weitere Episoden zu Cloud Wars einstellen: Zum Beispiel „Die dunkle Bedrohung“ angesichts der zunehmenden Cybercrime-Angriffe. Aber dagegen hat Microsoft unter Charlie Bell jetzt eine eigene Großorganisation gegründet – wahrscheinlich unter dem Codenamen: „Die letzten Jedi“. – Das wärs.

Auf den Kanzler kommt es (nicht mehr) an

Jetzt aber nicht wieder die GroKo! Rein rechnerisch wäre eine Fortsetzung des Bündnisses, das zuletzt Angela Merkel getragen hat, möglich. Aber sollte man glauben, dass die industrielle Transformation in Deutschland, die mit Blick auf das Klima, Innovation, Finanzen und sozialer Gerechtigkeit erfolgen muss, nachhaltig ist? – Wer weiß? Niemand will die altbekannte Bräsigkeit zurück.

Also tatsächlich eine 3P-Koalition, die von Grünen und Liberalen geprägt sein wird? „Auf den Kanzler kommt es an“ – diese Wählerweisheit stimmt so nicht mehr. Denn ob „Jamaika“ oder „Ampel“ – die 3P-Koalition wird liberal und grün.

Daraus lässt sich ein Wählerwillen ableiten, der den Kampf gegen den Klimawandel mit Innovation gewinnen will. Die digitale Transformation ist somit nicht gegen Klimaneutralität und Nachhaltigkeit gerichtet, sondern zielt parallel auf das gleiche Ziel: die Stärkung der weltweiten Wettbewerbsfähigkeit für diesen Wirtschaftsstandort. Die Teilnehmer der Berliner Runde wiesen mit vorsichtigen Freundlichkeiten bereits in diese Richtung. Und in den Tagesthemen und später bei Anne Will schmusten FDP und Grüne bereits unverhohlen miteinander.

Da klingt das Angebot der Liberalen, mit einem Superabschreibungsprogramm Investitionen in die Erneuerung der Industrie attraktiver zu gestalten, schon ungefähr so wie die Vorstellung der Grünen, stärkere Anreize für den Erwerb klimafreundlicher Technologien auszuloben. Und die Idee der Grünen, künftig klimafreundliche Startups und digitale Technologien sowohl durch Investments in Neugründungen als auch durch steuerliche Anreize besser zu fördern, klingt wie die Vorstellung der FDP, Klimaneutralität durch Innovation zu erreichen. Und da zeigt sich zwischen FDP und Grünen schon die Erkenntnis, es sei besser, zunächst untereinander Einigkeit zu erzielen, ehe man entscheidet, unter welchem Kanzler diese neu gefundenen Gemeinsamkeiten dann umgesetzt werden.

Und plötzlich wird es zur Nebensache, ob Laschet oder Scholz ins Kanzleramt einziehen. Die neue Bundesregierung wird von der Frage geprägt werden, ob darin ein Digitalministerium oder ein Klimaministerium etabliert werden. Es wäre durchaus ein attraktiver Köder, ein entweder digital oder grün ausgeleuchtetes Superministerium zu schaffen. Denn Dekarbonisierung und Digitalisierung sind die zwei wichtigsten Dimensionen in einer multidimensionalen Herausforderung zur Modernisierung des Landes. Nach den bisherigen Annäherungsversuchen der Liberalen und Grünen zeigt sich bereits die Übereinstimmung: ohne digitalen Wandel kein erfolgreicher Kampf gegen den Klimawandel.

Ins Kanzleramt wird wieder ein Mann einziehen. Beide, weder Laschet noch Scholz, stehen dabei als Ikone für die Themen „Liberal“, „Digital“ oder „Grün“. Sie werden getrieben werden durch ihre Koalitionspartner. Das muss nicht zum Chaos führen, sondern zu einer neuen Agilität. Auf den Kanzler kommt es (nicht mehr) an.

Doch Halt: Nach Nachwahlumfragen wünscht die Mehrheit der Wähler eigentlich die Große Koalition. Auch gäbe es dann zwar ein Superministerium – aus Wirtschaft und Finanzen. Verlierer wären dann aber die Dekarbonisierung und die Digitalisierung gleichermaßen.