Lampen schenken, Daten sammeln

Viele Ausschussmitglieder im US-amerikanischen Kongress haben wahrscheinlich letzte Woche das Corona-Virus verwünscht, weil die Maßnahmen gegen dessen Ausbreitung ihnen eine der schönsten Szenarien eines Tribunals vermasselt haben: vier Top-Executives von milliardenschweren Unternehmen der Digitalwirtschaft auf der Sünderbank vor der großen Kommission zum Schutz des freien Marktes. Doch stattdessen beantworteten Jeff Bezos von Amazon, Tim Cook von Apple, Mark Zuckerburg von Facebook und Sundar Pichai von Google  gemütlich von ihren Home Offices auf die Fragen der Kartellwächter mit relativer Gelassenheit. Jeff Bezos, der vergessen hatte den Mute-Knopf zu drücken, konnte man sogar dabei zuhören, wie er einen Snack verdaute.

Im Grunde ist das rund sechsstündige Hearing ohnehin nur der audiovisuelle Höhepunkt einer langfristigen Befassung der US-amerikanischen Kartellbehörden und des Kongress-Unterausschusses mit der Frage, ob die vier Digital-Giganten ihre erworbene Monopolstellung zum Nachteil der Verbraucher nutzen oder doch eher nicht. Der Nachweis – so offenkundig er auf den ersten Blick erscheint – ist gar nicht so einfach zu erbringen. Denn zunächst einmal muss festgestellt werden, ob Verbraucher und Wettbewerber tatsächlich geschädigt oder benachteiligt werden. Dazu sind inzwischen meterweise Akten in Form von eMails, internen Memos, Gutachten und Marktanalysen gesammelt worden. Und das sechsstündige Hearing war wohl noch nicht einmal der Showdown. Der wird sich hinter den Kulissen in den Anwaltskanzleien und Regierungsbüros abspielen.

Eine marktbeherrschende Position ist aus Sicht der Kartellwächter grundsätzlich noch nichts schlimmes. Der Schmerzpunkt ist dann erreicht, wenn das Monopol zum Nachteil des Verbrauchers ausgenutzt wird, was zum Beispiel bei einem Preisdiktat oder durch Ausschalten des Wettbewerbs entstehen kann. Und weil dem möglichen Missbrauch von Marktmacht kaum Grenzen der Phantasie gesetzt sind, müssen sich die glorreichen Vier auch ganz unterschiedlichen Vorwürfen erwehren.

Amazon wird vorgeworfen, die Angebote Dritter auf seiner Verkaufsplattform schlechter zu stellen als vergleichbare eigene Angebote. Tatsächlich ist es sogar so, dass Amazon die Geschäftsideen der Kunden kopiert und mit der Kraft der eigenen Skalierungsfähigkeit günstiger und leistungsfähiger anbietet.

Apple wiederum muss sich mit dem Vorwurf auseinandersetzen, im eigenen Apple Store über Gebühr von den Aktivitäten Dritter zu profitieren. So zwackt Apple vom Umsatz, der mit jeder App aus dem Store erzielt wird, ein Drittel für sich ab. In diesem Store -Spiel können alle verlieren, außer Apple: denn während Apps durchaus Konjunkturzyklen von Marktaufbau über Hype bis Exodus unterliegen, partizipiert Apple an jedem Hype.

Facebook wird beschuldigt, mehr oder weniger jeden Wettbewerber im Feld der sozialen Netzwerke wegzukaufen oder wegzuloben. Dabei entgehen dem Markt Innovationen immer dann, wenn Neuerungen der Wettbewerber kaputt-integriert werden – ein Vorwurf, der allerdings nur sehr schwer zu erhärten sein dürfte.

Und schließlich muss sich Google mit dem klassischsten aller Kartellvorwürfe auseinandersetzen: dem der vertikalen Integration. Danach beherrscht Google die gesamte Wertschöpfungskette im Werbemarkt – angefangen bei den Plattformen für Werbebanner über das Rating der einträglichsten Web- beziehungsweise Werbeseiten bis zur Auswahl der Zielgruppen und der Analyse ihrer Profile.

Als Erfinder der vertikalen Integration gilt Nelson D. Rockefeller, der zur Ankurbelung des Ölverkaufs Öllampen an den privaten Verbraucher verschenkt haben soll. Das Rockefeller-Prinzip ist heute Kernelement der Plattform-Ökonomie: Tabs für Kaffeeautomaten, Boni für Fitness-Tracker und eben persönliche Daten im Austausch für vermeintlich kostenlose Services von Amazon, Apple, Facebook und Google. 

In der Folge konnte Rockefeller das Ölgeschäft von der Exploration über die Förderung und Raffinierung bis zur Herstellung der Endprodukte und den Tankstellen als globale Verkaufsstellen in der Standard Oil zusammenfassen. Seine Zerschlagung in Esso, Exxon, Agip, Chevron und andere ist der Urtyp des Antitrust-Verfahrens. Die Zerschlagung von AT&T in die sogenannten Baby Bells folgte, während der Versuch der Europäer, auch IBM oder Microsoft in Einzelteile zu zerlegen, scheiterte. Auch die IT-Anbieter mussten sich des Vorwurfs erwehren, einerseits die Dominanz bei Mainframes, andererseits bei Betriebssystemen zum Nachteil der Kunden und des freien Marktzugangs ausgenutzt zu haben. Heute ist die Marktmacht von IBM allein durch die Kraft der Märkte gebrochen, während Android zumindest in einzelnen Segmenten mehr Anteile hält als Windows.

Nichts gilt also ewig. Insofern ist es durchaus fraglich, ob sich die Kartellwächter tatsächlich in die Machtspiele der dominanten Digitalgiganten einmischen werden. Ihre Möglichkeiten sind zwar breit diversifiziert, ihre Chancen zur Veränderung der Marktmechanismen aber gering. Was könnten sie tun? 

Die Zerschlagung gilt als wenig zielführend. Facebook müsste sich von Instagram und WhatsApp trennen, Amazon die Logistiksparte von den Webservices lösen, Apple App-Store und Smartphone-Verkauf teilen – und Google müsste das Werbegeschäft auf mehrere Serviceorganisationen aufteilen. Aber was würde das ändern?

Im Raum steht darüber hinaus die Idee, die gesamte Branche auf offene Schnittstellen und Standards zu verdonnern, damit Dritte einen freien Marktzugang zu den Plattformen der Digitalgiganten haben. Dieser Prozess würde Jahre dauern und wahrscheinlich den Digitalgiganten genügend Raum und Zeit geben, auch auf der Basis offener Schnittstellen eine marktbeherrschende Position zu erreichen.

Interessant wäre auch der Zwang, den Kunden die Portabilität der eigenen Daten zu ermöglichen. Dann könnten Facebook-Kunden ihre gesamten persönlichen Daten, Kontakte, Vorlieben, Chats und so weiter mitnehmen, wenn sie zu einem anderen Anbieter wechseln wollen. Aber wäre das nicht ein Wechsel vom Regen in die Traufe?

Es hat durchaus den Anschein, dass Strafzölle wegen der Verstöße gegen das Kartellrecht bei den Digitalgiganten schon zum Geschäftsmodell gehören. Google musste alles in allem in Europa schon 8 Milliarden Euro blechen, ohne dass dies Einfluss auf die Marktmechanismen gehabt hätte. Bei den jetzt anstehenden Untersuchungen, denen sich Apple in Europa gegenübersieht, stehen bis zu 26 Milliarden Euro an Strafe (das wären 10 Prozent des zu bewertenden Umsatzes) zur Debatte. Der beste Ansatz, etwas mehr Marktgerechtigkeit zu schaffen, dürfte darin bestehen, die Datenkraken die Steuern zahlen zu lassen, die sie den Staaten, in denen sie operieren, auch tatsächlich schulden. Bisher konnten alle durch kreative Buchhaltung und unter tätiger Mithilfe staatlicher Finanzbehörden zum Beispiel in Irland die Steuerzahlungen massiv einschränken. 

Wenn aber soziale Netzwerke wirklich sozial sein wollen, dann sollten sie auch überall vor Ort Steuern zahlen, mit denen die Sozialstaaten ihre Wohltaten finanzieren. Dazu müssen sich nicht nur die Wettbewerbsbestimmungen ändern, sondern auch die Steuergesetze überhaupt. Denn über kurz oder lang werden wir nicht mehr Dollars oder Euros besteuern müssen, sondern Daten. Wenn die Datengiganten weiter – im übertragenen Sinne – Lampen verschenken und dafür Daten sammeln wollen, müssen sie für diese Währung auch bewertet werden können. Das wäre dann übrigens auch eine Gleichstellung gegenüber jenen „Offline-Unternehmen“, die noch physische Produkte herstellen und dafür echtes Geld einnehmen, das sie versteuern müssen. Aber bis dahin werden noch viele Lampen verschenkt und viele Daten gesammelt werden.

 

Pandemie-Panik

 

Während die Pandemie-Experten in Deutschland vor einer zweiten Infektionswelle warnen und vor allem diejenigen zurückzuhalten versuchen, die in der Urlaubszeit mit den Hufen scharren und als einstudiert geglaubte Hygienemaßnahmen vergessen, hat die zweite Welle im globalen Maßstab längst eingesetzt. Vor allem die Länder, in denen Populisten und Pandemie-Leugner am Ruder sitzen, sind mit Neuinfektionen von mehr als 100.000 Erkrankten pro Tag geschlagen: allen voran die Vereinigten Staaten von Amerika, deren Regierung erratisch zwischen Maßnahmen zur Wiederbelebung der Wirtschaft und Maßnahmen zur Eindämmung der Epidemie wechselt. Wer mag da schon Prognosen für das nächste Quartal, das nächste Halbjahr oder gar das kommende Jahr abgeben.

Deutlich wurde diese Verunsicherung jetzt bei der Verkündung der Zahlen für das vierte Geschäftsquartal von Microsoft und die Reaktion der Börsen darauf. Wie anders als mit Verunsicherung kann man erklären, dass Microsoft bei Umsatz und Gewinn zwar die Erwartungen der Analysten pulverisierte, dafür aber gleichzeitig mit einem Kurseinbruch von drei Prozent abgestraft wurde? Gewinnmitnahmen der Aktienverkäufer sind ein klares Indiz für die Erwartung, dass es nun besser nicht mehr werden kann. Möglicherweise sind das erste Anzeichen einer Pandemie-Panik der zweiten Welle.

Dabei hat Microsoft selbst kräftig dazu beigetragen, die Hoffnungen auf weitere gute Quartale zu trüben. Die Schließung der Microsoft Stores, die Diskussion über die Entlassung von rund 1000 Mitarbeitern, die Schwächeanfälle einiger mittelständischer Certified Partner, auf deren Erfolg der Erfolg von Microsoft zu 90 Prozent – gemessen am Umsatz – beruht, haben dazu beigetragen. Auch der jetzt vom EuGH gekippte Privacy Shield-Vertrag zwischen der Europäischen Union und den Vereinigten Staaten zum Thema transatlantischen Datentransfers hat dafür gesorgt, die Zuversicht in die US-amerikanischen Cloud-Giganten – neben Microsoft vor allem Amazon Web Service – zu schmälern. Allein die Schließung der physischen Läden kostete Microsoft nach Berechnungen von Analysten fünf Cent möglichen Gewinns pro Aktie – bei einem ausgewiesenem Gewinn von 1,46 Dollar pro Aktie. Die Analysten hatten mit 1,36 Dollar gerechnet.

Solche Einschnitte unternimmt man am besten, wenn man es sich leisten kann. Und Microsoft kann es sich leisten. Der operative Gewinn in den Monaten April bis Juni war mit 13,4 Milliarden Dollar um acht Prozent höher ausgefallen als im vergleichbaren Vorjahreszeitraum. Das ist eine ansehnliche Rendite von 35 Prozent bei einem Umsatz von 38 Milliarden Dollar. Dazu trug die Intelligent Cloud-Sparte mit 13,4 Milliarden Dollar, der Bereich More Personal Computing mit 12,9 Milliarden Dollar bei. Die Transformation ins Cloud-Business ist nun also auch in den Zahlen deutlich zu erkennen, wobei allerdings immer noch nicht aufgedröselt wird, welchen Anteil dabei die Cloud-Plattform Azure hat und was auf das Konto der Cloud-Lösungen Office 365 und Dynamics 365 geht. Aber dass Microsoft vor Kraft kaum laufen können würde, nachdem die Unternehmen im Corona-Lockdown die globale Flucht in die Wolke angetreten hatten, kommt nicht überraschend.

Davon ist Microsoft selbst betroffen: die jährliche Auftaktveranstaltung fürs neue Geschäftsjahr – die Inspire 2020 – fand virtuell statt, was allerdings dem Charme, der Aufbruchsstimmung und der Fülle an neuen Produktankündigungen – vor allem in den Cloud-orientierten Angeboten – keinen Abbruch tat. Und dennoch warnt Microsoft in der Prognose, dass der Wettbewerb in allen Produktbereichen härter werde und der Erfolg von der Schnelligkeit und Qualifikation aller Akteure abhängen wird. „Microsoft geht es gut, wenn es unseren Partnern gut geht“, hatte Microsofts CEO Satya Nadella zur Begrüßung dem virtuellen Publikum zugerufen. „Wir sind im wahrsten Sinne des Wortes eine durch Partner getriebene Organisation.“

Aber diese Erfolgspartnerschaft könnte durchaus auf tönernen Füßen stehen, wenn die Software- und Systemhäuser – allein in Deutschland sind dies rund 30.000 größtenteils mittelständische Certified Partner – nicht die Pandemie-Panik abschütteln und mit Investitionen und Innovationen auf die Zukunft zusteuern. Hier muss Microsoft kräftig motivieren, um seinen Partnern Anreize für diese notwendigen Zukunftsinvestitionen zu geben. Und das, obwohl die Aussicht auf wachsende Märkte eigentlich Anreiz genug für die Software- und Systemhäuser sein müsste. Aber in der Pandemie-Panik tut man lieber nichts.

Das gleiche gilt für die mittelständischen Unternehmen, die als Kunden jetzt ihre Digitalstrategie umsetzen sollten, um geläutert und digital neu ausgesteuert aus der Corona-Starre herauszukommen. Hier rächt sich möglicherweise, dass die ausgewiesenen Staatshilfen und Rettungsschirme weitgehend ungerichtet ausgelobt werden. Statt nur darauf zu setzen, die Betriebsfähigkeit fortzusetzen, hätten EU-Kommission, Bund- und Landesregierungen die Auszahlung von Geldern an die Innovationsbereitschaft der Firmen knüpfen sollen.

Zwar sieht Microsoft-Gründer Bill Gates Deutschland durchaus als einen Pandemie-Gewinner, der wegen hervorragender Infrastruktur, einem vergleichsweise guten wirtschaftlichen Klima und dem guten Krisenmanagement unter Bundeskanzlerin Angela Merkel beste Neustart-Bedingungen genießt. Aber die exportorientierte deutsche Wirtschaft kann nur reüssieren, wenn auch die Nachfrage in den USA wieder steigt. Doch Protektionismus und Pandemie machen dort eine wiedererstarkte Konjunktur zum Konjunktiv. Möglich ist alles, gewiss ist nichts.

Und vor dieser Pandemie-Panik sind eben auch die Generalausstatter für digitale Infrastrukturen vom Schlage Microsoft nicht gefeit. Deshalb fallen Prognosen nach dem erfolgreichen Quartal so mau aus, deshalb werden Partner und Kunden auf Investitionen in Innovationen eingeschworen. Und deshalb mehren sich auch Gerüchte, Microsoft könnte sich in den kommenden Monaten einfach einen der großen Wettbewerber einverleiben. Das Geld dafür wäre da. Kandidaten für derlei Gerüchte gibt es von Salesforce über Slack oder gar SAP ebenfalls genug. Das wäre dann vielleicht auch ein Auswuchs der Pandemie-Panik.

 

Airbus für die Cloud

So ist das jetzt also: Nachdem der Europäische Gerichtshof das Datenschutzabkommen “Privacy Shield“ – übrigens schon zum zweiten Mal – gekippt hat, müssen die europäischen Aufsichtsbehörden einschreiten, wenn Unternehmen personenbezogene Daten in die USA verlagern. Der Grund: die dortigen Überwachungsgesetze sind mit dem europäischen Verständnis von informationeller Selbstbestimmung als Grundrecht nicht zu vereinbaren. Doch grau ist alle Theorie. Ob die Behörden tatsächlich einschreiten werden oder ob sie auch nur die Mittel zum Einschreiten haben werden, ist fraglich. Von Irland, wo Facebook und andere ihre Daten zwischenlagern, erwarten die Experten kein allzu großes Engagement. Der Grund: Laschheit im Umgang mit Daten kann auch ein Standortvorteil sein.

Das europäische Datenschutzrecht bleibt eine im internationalen Rahmen schwer durchsetzbare Idealvorstellung. Das gilt mit Sicherheit auch für den nun zu erwartenden dritten Versuch, ein belastbares “Privacy Shield“ Datentransfer-Abkommen mit den USA auszuhandeln. Solange US-Behörden im Verdachtsfall gegenüber US-Unternehmen die Herausgabe von Daten verlangen können, egal wo diese Daten gerade gespeichert sind, solange kann kein belastbares Abkommen nach strengen europäischen Rechtsvorstellungen entstehen. Und Ähnliches lässt sich auch für die geplante europäische Daten-Cloud vorhersagen: Gerade  weil es aus US-amerikanischer Sicht egal ist, wo und wie die Daten gespeichert sind, müssen die Unternehmen, die amerikanischem Recht unterliegen, folgen.

Für europäische Unternehmen gibt es eigentlich nur eine Alternative, wenn sie sicher sein wollen, dass Daten nicht in US-Behördenhände geraten sollen: sie dürften ihre Cloud-Aktivitäten nur europäischen Unternehmen anvertrauen. Auch das gilt im Prinzip für GAIA-X: Wenn Europa US-Unternehmen an der eigenen Daten-Cloud beteiligt, ist auch dort prinzipiell eine Hintertür für die angeordnete Herausgabe von Daten geöffnet.

Das ist durchaus ein transatlantisches Grunddilemma, das schon alleine deshalb unlösbar erscheint, weil die Cloud-Angebote aus den USA so marktdominant sind, dass kaum ein Unternehmen, das im internationalen Wettbewerb bestehen will, auf sie verzichten kann. An diesem Dilemma kommt auch die Initiative von Wissenschaftlern, IT-Experten und Medienmanagern nicht vorbei, die jetzt – zu Recht – eine eigenständige europäische Dateninfrastruktur fordert und damit auch der europäischen Daten-Cloud  GAIA-X zu mehr Durchschlagskraft verhelfen will.

„Wir wollen digitale Souveränität stärken – also die Selbstbestimmung Europas als Rechts- und Wertegemeinschaft und jedes einzelnen Nutzers“, fasst der ehemalige SAP-Chef Henning Kagermann die Ziele der Initiative zusammen.

Es klingt alles ganz schön, was da der Initiative mit auf den Weg gegeben wird: „Wenn Europa jetzt kraftvoll handelt und eine ambitionierte Initiative startet, kann ein öffentlicher digitaler Raum entstehen, der faire Zugangs- und Nutzungsbedingungen bietet, den öffentlichen Diskurs stärkt und die identitätsstiftende Pluralität Europas sicherstellt“, formuliert es Mitinitiator und Intendant des Bayerischen Rundfunks, Ulrich Wilhelm.

Aber wie soll das geschehen? Zwar schätzen die Initiatoren, dass zur Umsetzung einer eigenständigen internationalen Dateninfrastruktur nicht mehr als ein einstelliger Milliardenbetrag notwendig ist, doch wie und wofür diese Milliarden eingesetzt werden, darüber schweigen die Initiatoren bislang ebenso, wie die EU-Kommission in Brüssel darüber, wie sie ein EuGH-gerechtes “Privacy Shield“ Datentransfer-Ankommen mit den USA schmieden will.

An Konzepten und Standards für GAIA-X mangelt es nicht. Rund 300 Unternehmen arbeiten zusammen mit Forschungseinrichtungen an der Definition von Nutzungsszenarien, wie eine vertrauenswürdige Daten- und Softwarewelt für unterschiedliche Branchen aussehen könnte. Neben Industrie 4.0 sind dies vor allem die Bereiche Gesundheitswesen, Energieversorgung oder die öffentliche Hand. Aber auch die Frage, wie vernetzte und autonome Fahrzeuge künftig in sicheren Datenräumen navigieren sollen, soll mit Hilfe von GAIA-X definiert werden.

Doch am Ende sind alle Konzepte und Initiativen nur so viel wert, wie die Hardware, auf der sie in einer cloudifizierten Welt schlussendlich Wirklichkeit werden sollen. Laut IDC kommen die Top-Five der Hardware-Ausrüster für die Cloud entweder aus den Vereinigten Staaten oder der Volksrepublik China. Marktführer sind Dell und Hewlett-Packard Enterprise, gefolgt von den chinesischen Anbietern Inspur und Lenovo. Inspur hat 2005 eine Geldspritze von 20 Millionen Dollar von Microsoft erhalten, Lenovo entstand durch den Verkauf der PC-Sparte von IBM. IBM selbst ist dann übrigens die Nummer Fünf im internationalen Cloud-Geschäft. Und die Deutsche Telekom, die wiederum Prämium-Ausrüster von GAIA-X sein dürfte, arbeitet eng mit Huawei zusammen…

Solange GAIA-X ein Software-Tiger bleibt, entscheidet die Hardware über den Grad der Vertrauenswürdigkeit des Projekts. Am Ende müsste ein europäisches „Airbus-Industries der Informationstechnik“ entstehen, das die europäische Datensouveränität auch auf dem Niveau von Kabeln und Chips gewährleisten könnte. Aber selbst wenn sich dazu der politische Wille entwickeln würde, wäre das noch kein Garant für die Durchsetzung von europäischem Datenschutzrecht. Man kann keinem Unternehmen vorschreiben, bei welchem Hersteller eingekauft werden soll. Das wäre ein wirtschaftspolitischer Sündenfall, der die unternehmerische Souveränität zugunsten einer hehren Daten-Souveränität opfert. Aber ein schöner Gedanke wäre es schon, endlich einen europäischen Big Player im globalen Cloud-Business entstehen zu sehen, der Daten-Souveränität als Qualitäts-Produkt verkauft. Man wird ja noch träumen dürfen.

 

Die neue digitale Marktwirtschaft

„Genie“, so befand Thomas Alvar Edison, der Urvater der Elektrifizierung, wenn nicht gar der Digitalisierung, “ist zu einem Prozent Inspiration und zu 99 Prozent Transpiration.“ Will sagen: Innovation oder Erfolg kann man nicht befehlen, Fleiß aber schon – und letzteres trägt zum überwiegenden Teil zum Erfolg bei. Edison selbst war das perfekte Beispiel für eine fleißgetriebene Innovationskultur. “Seine Verdienste gründen in erster Linie auf der Marktfähigkeit seiner Erfindungen, die er mit Geschick zu einem ganzen System von StromerzeugungStromverteilung und innovativen elektrischen Konsumprodukten verbinden konnte“, notiert die deutsche Wikipedia-Ausgabe zu Recht in ihrem Lexikoneintrag.

So wie Edison für die Elektrifizierung der Vereinigten Staaten steht, insbesondere der Stadt New York, so standen in Deutschland AEG und Siemens für die Verkabelung weiter Strecken zur Verbreitung von Licht und Nachrichten. Auch dabei stand zu Beginn ein Prozent Genialität, die aber erst durch 99 Prozent Fleiß zum Erfolg führen konnte. Der Verkabelung von vorgestern entspricht die Breitbandausstattung von heute, dem Unternehmergeist von damals sollte der Mut zur digitalen Transformation (nicht Transpiration) folgen. Und mit den Milliarden, ja sogar Billionen Euro aus europäischen und deutschen Steuersäckeln, die zum Wiederanlauf der Wirtschaft jetzt  nahezu bedingungslos zur Verfügung stehen, sollte das auch gelingen. Doch während Geld im Fußball doch Tore schießt, schafft Kapital allein noch kein Heureka!

Was wir jetzt brauchen, ist eine neue digitale Marktwirtschaft, die sich nicht mit Detailverbesserungen in Prozessen und Verfahren begnügt, und sich nicht mit Stellenabbau durch Konzernzerschlagung oder Einsparungen durch Gesundschrumpfen auf Kosten der Steuerzahler begnügt. Wir brauchen einen echten Innovationsruck, der Ernst macht mit der digitalen Transformation durch eine gesunde  Mischung aus Inspiration und Transpiration. Die Mittel dazu sind vorhanden, allein es fehlen Mut und Wille, die Welt neu zu gestalten. Vor 70 Jahren waren Mut und Wille, Inspiration und Transpiration gegeben – und das Ergebnis war ein Wirtschaftswunder. Jetzt beschränkt sich das viel beschworene “neue Normal“ oftmals auf ein bisschen Homeoffice und Managed Services in der Cloud.

80 Prozent der Unternehmen in Deutschland haben IDG Research gegenüber bekundet, sie investierten in die Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse. Doch viele Digitalstrategien halten einer echten Überprüfung gar nicht stand. Da wird bisher Analoges digital wiederholt – doch sonst ändert sich nichts. Auch die öffentliche Hand geht so vor. Aus einem analogen Behördengang wird ein digitaler. Was fehlt, ist der Schuss Genialität.

Für Microsoft-Chef Satya Nadella gibt es einen direkten Zusammenhang zwischen dem digitalen Integrationsgrad im Unternehmen und dessen Fähigkeit zur Innovation und damit zugleich zu Wettbewerbsvorteilen gegenüber anderen mit kleinerem digitalen Fußabdruck. “Tech Intensity“ nennt er das und meint damit, dass Cloud Computing und Digitalisierung nur die Voraussetzungen für eine grundlegende Erneuerung sind. In vielen deutschen Unternehmen, so hat man den Eindruck, ist es aber mit dem Wechsel von OnPremises zu OnDemand schon getan mit der Digitalisierung. Doch der eigentliche Wandel beginnt dort erst.

Zugegeben, das Herumbosseln an Details im Produkt und im Prozess hat Deutschland je nach Zählweise 1200 bis 1800 Hidden Champions beschert. Aber sie sind Weltmeister in Nischen althergebrachter Branchen. Um neue Märkte, neue Branchen zu schaffen, dazu braucht es Mut zur Veränderung und die geistige Freiheit, Neues zu denken. Für diesen Mut zum Risiko sollten die Staatsfonds aufgelegt werden. Stattdessen zeichnet sich ab, dass die Fördergelder in die Wiederherstellung des Status ex ante Corona genutzt werden. Das ist bei der Lufthansa so und bei Siemens nicht anders.

Der Lockdown zur Corona-Pandemie ist auch eine Chance – und hoffentlich eine einmalige Chance, deren Ursache sich nicht wiederholt. Aber gerade deshalb sollten wir sie ergreifen. So wie die Elektrifizierung die Gründerzeit hervorrief und die soziale Marktwirtschaft das Wirtschaftswunder, so sollten wir jetzt an einer neuen digitalen Marktwirtschaft arbeiten. Die 99 Prozent Fleiß kann man den Deutschen nicht absprechen – es fehlt nur noch das eine Prozent Inspiration.