Privacy by Design

Was hat die Frauenquote mit dem Ozon-Loch zu tun? Nun, in beiden Fällen hat sich die Wirtschaft zu einer Selbstverpflichtung durchgerungen – im ersten Beispiel, um sie (die Quote) durchzusetzen, im zweiten, um es (das Loch) zumindest nicht zu vergrößern. Weltweit verpflichtete man sich zur Abschaffung der Fluorchlorkohlenwasserstoffe (FCKW). Gerade im Umweltschutz zeigt sich, dass freiwillige Selbstverpflichtungen besser sind als ihr Ruf, weil sie tatsächlich eine Verhaltensänderung herbeiführen können. Und: immerhin 61 Prozent der jetzt von der Illustrierten stern befragten Deutschen finden die Absichtserklärung der DAX-Konzerne, künftig mehr Frauen in die Vorstandsetage zu holen, gut und richtig. Etwa 30 Prozent meinen allerdings, ein Gesetz wäre doch irgendwie besser.

Aber es geht doch ohne! (Gesetz, wohlgemerkt.) Man muss keinesfalls immer auf ein Gesetz warten, um eine Regelung zu treffen: Selbstverpflichtungen sind en vogue. Industrie, Wissenschaft, Datenschützer und EU-Kommission haben sich in der vergangenen Woche auf eine Selbstverpflichtung zur Wahrung der informationellen Selbstbestimmung bei RFID- und anderen AutoID-Anwendungen geeinigt. Damit soll sichergestellt werden, dass aus Daten, die im Warenfluss entstehen, keine personenbezogenen Informationen werden.

Die Diskussion um die Sorge der Verbraucher, mit Hilfe von RFID-Chips könnten Kundenprofile angelegt, Verhaltens- und Bewegungsmuster aufgespürt werden, nahm in den letzten Jahren mitunter durchaus bizarre Formen an. Während einerseits RFID-Tags in Verruf geraten, obwohl sie vor allem dafür eingesetzt werden, den Warenfluss zu optimieren, bevor der Kaufartikel überhaupt mit dem Verbraucher in Berührung kommt, wurden andererseits neue Anwendungsformen im mobilen Marketing wie zum Beispiel Bluetooth-HotSpots auf Werbeträgern vor allem von jugendlichen und jungen Verbrauchern begeistert angenommen. Während einerseits der Anspruch an die Anonymisierung von RFID-Daten hoch ist, ist das Bedürfnis nach Wahrung der Privatsphäre im Umgang mit sozialen Netzwerken gering.

Jetzt aber herrscht Sicherheit, denn es besteht kein Zweifel, dass sich die Wirtschaft an den Methoden orientieren wird, zu denen sie sich jetzt im Beisein von EU-Kommissarin Neelie Kroes feierlich erklärt hat: Vor jeder neuen RFID-Anwendung wird eine Datenschutz-Folgenabschätzung durchgeführt und gegenüber den Datenschutzbehörden auch dokumentiert. Das Ergebnis dieses „Privacy Impact Assessments“ (PIA) ist damit überprüfbar. Die Selbstverpflichtung ist ein großer Schritt auf eine Datenschutz-Compliance, die die Privatsphäre schützt und dem Verbraucher nützt – Privacy by Design also.

Mindestens ebenso wertvoll ist die Tatsache, dass diese Selbstverpflichtung in enger Abstimmung von Industrievertretern beiderseits des Atlantiks getroffen wurde. Damit ist ein weiterer Schritt zur Harmonisierung des Datenschutzverständnisses zwischen Europa und Amerika getan. Mit Blick auf globale Cloud-Anwendungen und die Herausforderungen, die sich beim interkontinentalen Speichern personenbezogener Daten ergeben, ist hier noch längst nicht alles „im sicheren Hafen“. Nach Umweltschutz bietet auch der Datenschutz ein weites Feld für künftige Selbstverpflichtungen.

Vielleicht verhindert dann die Praxis, personenbezogene Daten wie zum Beispiel Vorname oder Geschlecht zu anonymisieren, eine Überprüfung, ob die Selbstverpflichtung zur Frauenquote in Dax-Konzernen auch tatsächlich eingehalten wird.

Der Koi im Karpfenteich

Die größten europäischen Softwarehäuser, SAP und SAG, entstammen dem Deutschland der  siebziger und sechziger Jahre. Sie sind leicht älter als Oracle (1977) und Microsoft (1975), die größten US-amerikanischen Softwarehäuser. Es ist bemerkenswert, dass jüngere Anbieter bis heute nicht zu dieser Weltmarktgeltung gefunden haben. Erst die erfolgreichen Internet-Startups wie eBay, Google und Facebook schafften wieder den Sprung an die Weltspitze – mit Börsenwerten, die alles bislang Dagewesene in den Schatten stellen.

Nur: die Schwäche der hiesigen Software-Kinderstube setzt sich offensichtlich auch in der Web-Ära fort. Ist es wirklich die strenge Zuchtwahl, die im Haifischbecken des kalifornischen Silicon Valley jenes Dominanz-Gen produziert, das sich im Großraum München, im Rhein-Main-Gebiet oder in der Hamburger Speicherstadt (der Ortsname wäre schon Programm!) oder aber in den Großräumen Paris und London nicht entwickeln kann?

Aus den Erfahrungen einer soeben beendeten US-Reise wird mir deutlich: Es ist die europäische Förderpolitik selbst, die den weltweiten Durchbruch hiesiger Programmierkunst behindert. Wer sich im Dschungel der Förderprogramme zurechtfinden will, muss lernen, mit Ministerialbeamten zu diskutieren. Was er nicht unbedingt lernen muss, ist der Umgang mit dem Kunden, mit Investoren und mit erfolgshungrigen Mitarbeitern. Der Karpfenteich europäischer Softwareförderung ist bestens gehegt. Karpfen können bei guter Pflege bis zu 200 Jahre alt werden – die Abwesenheit eines Hechts im Karpfenteich vorausgesetzt. Aber genau das kann in einer globalisierten Welt ohne regionale Nischen nicht mehr garantiert werden – sollte es auch nicht.

Dass sich unter europäischen Software-Karpfen so manches buntes Zuchtexemplar befindet, beweist die Übernahmeliste der vergangenen zehn Jahre. Allein Infor hat sich als Hecht in der letzten Dekade nicht weniger als ein halbes Dutzend farbenprächtiger Kois aus der Europaklasse einverleibt: darunter Brain, Baan, IncoDev, Infor (das dem Aufkäufer seinen Namen gab) oder Varial. Es bedarf keiner großen prophetischen Gabe, um künftig neben amerikanischen auch indische und chinesische Angler am europäischen Karpfenteich sitzen zu sehen, die die kapitalsten Exemplare aus der Betreuung fürsorglicher Business Angels übernehmen.

Europäische IT-Förderung muss privatisiert und entbürokratisiert werden. Und sie muss vor allem neue Kernkompetenzen außerhalb des Karpfenteichs forcieren. Im Silicon Valley beispielsweise hat der erhebliche Konkurrenzkampf um Kois und Köpfe zu kreativen Fördermaßnahmen geführt: Kurzseminare zu Unternehmensgründungen kommen inzwischen von den Arbeitgebern selbst. Sie sehen einen Vorteil darin, nicht nur Mitarbeiter, sondern Entrepreneurs auf der Payroll zu haben. Die Gefahr, einen Mitarbeiter zu verlieren, wird kompensiert durch die Chance, einen Unternehmer zu gewinnen. Das geht so weit, dass Arbeitgeber selbst ihren auf- und fortstrebenden Mitarbeitern den Zugang zu Venture Capital eröffnen. Schließlich ist man ja in einem Netzwerk nie aus der Welt.

Dagegen ist hierzulande das betriebswirtschaftliche Handwerkszeug vergleichsweise schwach ausgeprägt. Die Defizite beginnen bereits in der Schule, wo Wirtschaftsthemen eine Untereinheit des Sozialkundeunterrichts sind. Und nach dem Studium wird Start-uppern der Zugang zu Venture Capitalists eher durch lustige Dating-Events von Wirtschaftsförderern organisiert als durch gezielte Partnerschaftsbetreuung. Stattdessen sollten Kurse über die Kommunikation mit der Finanzwelt ins Curriculum übernommen werden, die sich weniger damit befassen, wie man VCs trifft, als vielmehr, wie man sie bei Laune hält. Und auch bei der Suche nach internationalen Fachkräften können wir nicht länger Bedingungen stellen (als hätten diese keine Alternativen), sondern müssen auf Angebote umstellen, die von Kindergartenplätzen bis fernöstlichen Essgewohnheiten reichen. Sonst bleibt der europäische Softwaremarkt – von prominenten Ausnahmen abgesehen – weiterhin nichts anderes als Fischfutter.

Das Orakel hat gesprochen

Der Frühling wird ja meist romantisch verklärt. Dabei tost, wenn die Säfte quellen, bereits ein gnadenloser Konkurrenzkampf ums Überleben der eigenen Art. Was jetzt knospt und blüht, setzt auf die uneingeschränkte Aufmerksamkeit der Insektenpopulation – sozusagen ein Frühbucherrabatt auf Pollenflug und Bienenschwärme.

Ein frühes Zeitfenster als ökologische Nische – pardon: als ökonomische Nische – beschert das abweichende Geschäftsjahr alle drei Monate den Quartalsberichten, die Oracle-Gründer Larry Ellison Analysten und Aktionären vorzulegen hat. Rund einen Monat, ehe die sonstigen Größen der Informationstechnik ihre Bilanzen vortragen, gehört die Aufmerksamkeit ganz allein dem charismatischen Ellison, der gerade das erste Quartal eines neuen Kalenderjahres stets zu einem Orakel zur Weltwirtschaft stilisiert. Und gemessen am soeben berichteten Oracle-Ergebnis könnte die Lage der Informationswirtschaft kaum besser sein.

Das sehen auch die Börsianer so, die nach dem berichteten Anstieg des Quartalsumsatzes um fast 50 Prozent gegenüber dem Vorjahreszeitraum nicht nur der Ellison-Company ein Thumbs-Up zeigten, sondern der ganzen Branche – einschließlich der Oracle-Konkurrenten IBM, HP und SAP – einen Vertrauensvorschuss auf deren nächste Geschäftszahlen ausstellten. Der Grund: Oracles Zahlen belegen die weltweite Investitionsbereitschaft der Unternehmen, die in der aufstrebenden Konjunktur nun auch wieder Budgets für die Informationsinfrastruktur aufstocken. Und vor allem die Companies werden davon profitieren, die sich früh ein Cloud-Portfolio zugelegt haben.

Allen voran Oracle. Während die Übernahme von Sun Microsystems vor einem Jahr nicht unbedingt als rationales Vorpreschen des Oracle-Gründers eingestuft wurde, der aus einer Hardwaresparte nur wenig Synergien  ziehen würde. Dass das Gegenteil der Fall ist, unterstreichen die Zahlen, die Oracle jetzt vorgelegt hat. Der Nettoverdienst im abgeschlossenen Quartal betrug beeindruckende 2,8 Milliarden Dollar. Da kann die nächste Akquise ja kommen.

Wenn es überhaupt noch etwas zu arrondieren gibt im Cloud-Geschäft der Ellison-Hausmarke. Die Kombination aus Hardware, Systemsoftware, Anwendungen und Services ist bereits nahezu perfekt. Auf Cloud-Anforderungen ausgerichtete Server-Farmen, Datenbankmaschinen und eine Middleware zur Integration von Altanwendungen zeigen schon jetzt, dass Oracle die Klaviatur des Cloud-Computings beherrscht.

Und nicht nur das: Mit einem um 29 Prozent angestiegenen Softwarelizenzgeschäft hat Oracle auch gezeigt, dass im klassischen Softwarekauf noch immer eine Menge Musik steckt. Das gute alte OnPremise-Geschäft hat nämlich auch seine schönen Seiten: lukrative Wartungsverträge zum Beispiel. Die lassen vermuten, dass die Oracle-Prognose auf ein Wachstum zwischen vier und 14 Prozent in den kommenden Quartalen auch nicht gerade aus der Luft gegriffen ist.

Die Berichtssaison wird zeigen, ob Oracle seine Hausaufgaben besser gemacht hat als die Konkurrenz oder ob tatsächlich der Branchenboom durchbricht. Larry Ellison hat jedenfalls schon mal sein Zeichen in die Wolken geschrieben. Das Orakel hat gesprochen.

Léo 2.0: Link Everything Online

Okay, Hewlett-Packard ist ganz schön spät dran mit seiner Cloud-Strategie. Aber dafür muss man sagen, dass Léo Apotheker dem größten IT-Anbieter der Welt nicht nur eine neue Seele einhaucht, sondern vor allem aus den Fehlern der Konkurrenten die richtigen Konsequenzen zieht. Das Rezept, das der neue CEO Léo Apotheker seiner Company jetzt verschrieben hat, könnte auch den stärksten Konkurrenten umhauen.

Man nehme – ein wettbewerbsfähiges, skalierbares Betriebssystem, das den Kampf um die Herrschaft in der Cloud mit Android, Windows 7 und iOS aufnehmen kann. Seit der Übernahme von Palm verfügt HP über WebOS, hat das Betriebssystem aber bislang nicht unbedingt strategisch positioniert.

Rolle die Basis aus – auf PCs, Servern und Druckern, demnächst auch auf Tablet-PCs, Smartphones und Kameras. Mit einer Stückzahl von 60 Millionen PCs im zurückliegenden Jahr hat HP eine Distributionsmaschinerie. Wenn künftig auch Drucker, Smartphones und Tablet-PCs mit WebOS ausgerüstet werden, sind die von Léo Apotheker jetzt anvisierten 100 Millionen Kopien pro Jahr nicht aus der Luft gegriffen. Und mehr noch: HP adressiert sowohl Unternehmenskunden als auch Consumer.

Garniere das Ganze – mit Apps und Applications. HP selbst will Cloud Services fürs Data Management, Business Intelligence und Echtzeitanalyse beistellen und sucht hier künftig verstärkt nach Entwicklungspartnern für WebOS-basierte Lösungen – für den Consumermarkt ebenso wie für den Business-Sektor.

Und serviere – im CloudMarketplace, den HP kurzfristig eröffnen und gegen die AppsMalls von Apple und Google stellen will. Dieser „Markt für offene Anwendungen“ soll vor allem Drittanbietern offenstehen, die einen attraktiven Absatzmarkt vorfinden: 100 Millionen Web-OS-Lizenzen jährlich.

Léo Apotheker zieht mit seiner Cloud-Strategie 2.0 – Link Everything Online – ganz offensichtlich die Lehren aus der Zeit bei SAP, als Business byDesign als Cloud-Angebot so verschlossen war, wie Fort Knox und weder offen war für Drittanbieter, noch portabel für unterschiedliche Plattformen. Er hat aber auch die Schwächen von Apple studiert, die mit iPhones und iPads zwar den Consumermarkt ideal bedienen, im Business-Sektor aber kaum durchschlagen. Und er ist dabei, sich aus der Umklammerung durch Microsoft und Intel zu befreien, die bislang die Hardware-Angebote von HP prägten.

Wenn dieses Rezept nicht wirkt, liegt es an der mangelnden Fähigkeit des Unternehmens, sich neu zu erfinden. Aber das muss man nicht befürchten, schließlich heißt es doch: HP invents. Und künftig wird daraus: HP invents itself.

PS: An dieser Stelle auch mal eine Grußadresse an die Macher der Webseite LEO.org (Link Everything Online 1.0). Auch wenn hier längst nicht everything online gelinkt wird – das Dictionary ist große Klasse und hätte längst eine internationale Cloud-Plattform verdient.