Helikopter-Digitalisierung

Digitalisierung ist wie Bildung: Beides ist im Prinzip zu begrüßen und die Vorteile sind auch hinlänglich bekannt: aber der Weg dorthin ist so beschwerlich! Und schlimmer noch: es gibt kein definiertes Ziel, weil es immer weiter geht. Ich digitalisiere, also bin ich.

Und es gibt noch eine Parallele zwischen Bildung und Digitalisierung: Wenn es bei den „lieben Kleinen“ in der Schule nicht so läuft, kommen die Helikopter-Eltern wie aus dem Nichts auf die Zuständigen herab, fordern mehr Engagement und ein besser koordiniertes Vorgehen. Und bei den „lieben kleinen Nullen und Einsen“ im Bundesministerium für Digitales und Verkehr scheint es tatsächlich nicht besonders gut zu laufen. Die analogen Themen wie Tankrabatt, Tempolimit, Neun-Euro-Ticket, Bahnchaos, Sylt-Urlaub, Flughafenchaos, Verbrennerverbot und marode Brücken fressen nun mal die ganze Aufmerksamkeit. Da bleibt nicht mehr viel für das hochbegabte Digitale.

Nachdem vom Behördenvorsteher Volker Wissing nach 250 Tagen im Amt noch nicht viel Substanzielles zum Thema gekommen ist, melden jetzt Kanzleramt und die Ministerien für Inneres, Wirtschaft und Finanzen in einem fünfseitigen Papier ihre Teilhabe an – und zwar nicht nur an der Entscheidungskompetenz (vulgo: Macht), sondern auch am für 2023 vorgesehenen Digitalbudget in Milliardenhöhe (vulgo: Machtmittel). Koordiniert wird das Ganze künftig aus dem Kanzleramt, wofür der Scholz-Vertraute Wolfgang Schmidt, der schon die Digitalisierung der Bundesbehörden koordinieren soll, federführend sein wird. Zunächst aber soll das Wissing-Ministerium bis Ende Juli eine Digitalstrategie vorlegen. Dann kommen die Helikopter-Ministerien dazu und beratschlagen erst einmal.

Das war´s dann wohl mit dem Quasi-Digitalministerium im „Wissing-Ressort für Datenautobahnen und Autobahnen“. Die Konstellation war der Forderung von Wirtschaft und Verbänden nach einem eigenständigen Digitalministerium recht nahe gekommen, nachdem in der Regierung Merkel IV zuletzt sechs Fachministerien Zugriff auf „das Digitale“ hatten und das Kanzleramt koordinieren sollte. Mit mäßigem Erfolg, wie sich allein am rohrkrepierenden Megaprojekt „Betriebskonsolidierung Bund“ (BKB) zeigte. Das 2015 beschlossene Digitalprojekt, das IT-Arbeitsplätze in rund 200 Bundesbehörden technologisch und logisch vereinheitlichen sollte, hat die neue Bundesregierung nahezu unerledigt geerbt. Das Projekt war seinerzeit mit – wie naiv kann man sein! – einer Milliarde Euro veranschlagt worden. Jetzt sind es schon 2,5 Milliarden Euro mehr.

Ob die fünf Ministerien nun besser performen als seinerzeit die sieben, kann man nur hoffen und dem Wirtschaftsstandort Deutschland wünschen. Das Problem liegt darin, dass praktisch in jeder Teilinitiative – angefangen von der Modernisierung der Bundeswehr und der Ertüchtigung der Polizei über die Energiewende und die CO2-Reduzierung bis zur Elektromobilität und die Verbesserung unserer Bildungseinrichtungen alles irgendwie digital ist. Wenn´s das Ressort „Digitales und Verkehr“ nicht hebt, wie sollten es dann ein IT-Rat und eine Konsolidierungskommission im Kanzleramt (vorgeschlagenes Kürzel: KoKa) schaffen?

Es muss allerdings verwundern, dass ausgerechnet das Gesundheitsministerium nicht am gemeinsamen Strang ziehen soll. Denn ausgerechnet die evidenzbasierte Pandemie-Politik wäre eine direkte Determinante des vorhandenen Datenmaterials und das wiederum – trivial genug – eine direkte Folge der Erfassung von Patientendaten und der Auswertung klinischer Studien, die ja der Bundesgesundheitsminister nicht allein in Nachtstunden mit seinen Harvard-Kollegen leisten kann. Und: eben erst haben Studien wieder einmal gezeigt, welches Milliardenpotenzial an Einsparungsmöglichkeiten in der Digitalisierung des Gesundheitswesens schlummert. Hoffentlich schlummert es dort nicht weiter. Sonst kommen die Helikopter-Eltern und verlangen bessere Gesundheitsvorsorge für ihre Kinder. Und die zahllosen Fitness-Apps melden sich bei den angeschlossenen Krankenkassen und fordern mehr Transparenz bei den Fitnessdaten der Helikopter-Kinder.

Ein digitaler Teufelskreis. Denn das schlimmste an dieser fatalen Hängepartie ist, dass Deutschland seine Zukunft verspielt. Es ist ja alles gut gemeint, wenn jetzt die Helikopter-Ministerien ihre Verantwortung reklamieren. Aber nun nicht wieder endlos diskutieren und Strategiepapiere schreiben. Die beste Digitalstrategie ist immer noch: Einfach mal machen!

Daten Speichern – Gewalt Verhindern! Oder?

Als vor vier Jahren die europäische Datenschutz-Grundverordnung (DS-GVO) in Kraft trat, war die Verunsicherung darüber groß, was nun noch erlaubt sei und was nicht. Der Immobilienriese Wiener Wohnen zum Beispiel kündigte an, an Wiener Sozialwohnungen – in Österreich nennt man das Gemeindebau – die vorhandenen rund 200.000 Klingelschilder zur Wahrung der Privatsphäre der Bewohner abzumontieren. Zwar wurde diese Ankündigung später wieder zurückgenommen und die Schilder hängen bis heute, aber die Über-Reaktion zeigt doch deutlich die Ungewissheit darüber, wie nun genau die Privatsphäre zu schützen ist und was dabei verboten ist und was nicht. Nun, Klingelschilder sind kein „System“.

Es ist aber auch schwer zu verstehen, dass zwar einerseits personenbezogene Daten wie Vor- und Nachname für jedermann einsehbar an der Haustür prangen, und dass sogar ein Eintrag ins persistente Melderegister von Amts wegen zwingend vorgeschrieben ist, das Recht auf Anonymität im Internet aber ein offensichtlich höheres Gut darstellt. Und das offenbar nur deshalb, weil das Meldegesetz aus einer anderen, stärker obrigkeitsorientierten Zeit stammt.

Das gilt übrigens auch für das Auto. Aber während das Kfz-Kennzeichen am Auto einem Fahrzeughalter fest zugeordnet ist, der von jedem Polizeibeamten auch ohne Angabe von Gründen jederzeit ermittelt werden kann, ist die Internet-Adresse flüchtig und wird bei jedem Login vom Internet-Provider neu vergeben. Da diese Informationen aber nur kurzfristig gespeichert werden,  gibt es hier keine Nutzerermittlung. Das Gesetz zur Vorratsdatenspeicherung, das eine spätere Identifikation des Nutzers erlauben würde, ist zwar verabschiedet, wird aber wegen Datenschutzbedenken aus dem Europäischen Gerichtshof nicht angewendet.

Jetzt hat Nordrhein-Westfalens Innenminister Herbert Reul dieses Dilemma angesichts der an Kindern vollbrachten Gräueltaten noch einmal aufs Tapet gebracht. Im WDR hörte sich das so an: „Wenn mir eine Ermittlerin sagt: Herr Reul, ich habe jetzt diesen Typ mehrfach gesehen, wie er bei unterschiedlichen Kindern unterwegs war und ich komme nicht an seine wahre Adresse, das müssen Sie jetzt machen. Und sie wissen, das bekommen sie nicht hin, weil es das Recht nicht hergibt, dann sind sie verdammt unzufrieden mit sich selber.“ Datenschutz ist eben auch Täterschutz.

Es ist aber an der Zeit, noch einmal genau darüber nachzudenken, warum Anonymität im Internet tatsächlich ein so hohes Gut ist, dass es sogar über andere Rechtsgüter gestellt werden kann. Denn nochmal: Trotz der im Grundgesetz verankerten „Unverletzlichkeit der Wohnung“ gibt es Klingelschilder, Melderegister und – im begründeten Verdacht – Hausdurchsuchungen. Kein Auto fährt ohne Kfz-Kennzeichen durch den Verkehr, wodurch zumindest – wenn nicht der Fahrer – der Fahrzeughalter ermittelt werden kann. Macht er (oder sie) wechselnde Fahrer im Auto geltend, kann ein Fahrtenbuch angeordnet werden. Wer im Tante-Emma-Laden mit Namen angesprochen wird, fühlt sich wertgeschätzt; wer bei Amazon Einkaufsvorschläge nach seinen Gewohnheiten erhält, empfindet das als Dienstleistung. Aber wenn die im Internet unweigerlich hinterlassenen Spuren nicht innerhalb kürzester Zeit von den Providern gelöscht werden, gilt das als bedenklicher Verstoß gegen die Privatsphäre. Und in deren Schutz können dann sexuelle Gewalt und Hate Speech geschehen. Nicht immer, aber offensichtlich immer öfter.

Dabei ist der technische Grund, warum nicht jedem Nutzer – egal ob Mensch oder Maschine, Handy oder Server – ein festes Klingelschild in Form einer statischen, also über einen längeren Zeitraum vergebenen Adresse im sogenannten Internet-Protokoll zugewiesen werden kann, längst nicht mehr gegeben. Das Internet-Protokoll oder IP – nicht zu verwechseln mit dem anderen diffusen Datenschutzthema „Intellectual Property“ – verfügte in seiner Version 4 über einen Adressraum von 2 hoch 32 möglichen Zahlenkombination der Form 123Punkt456Punkt7Punkt89.

Weil das mit 4,3 Milliarden Adressen noch nicht einmal für die Weltbevölkerung ausgereicht hätte, geschweige denn für Maschinen, Sensoren und sonstige Teilnehmer im Internet der Dinge, mussten die Internet-Provider haushalten und jedem Nutzer eine dynamische Adresse aus ihrem zugewiesenen Adress-Vorrat zuweisen, die sich bei jeder Neuanmeldung im Internet ändern kann. Um diesen Mangel zu überwinden, wurde die Version 5 gleich übersprungen und mit der Version 6 ein Adressraum von 2 hoch 128 möglich gemacht. Das sind 340 Sextillionen Internet-Adressen, die ausreichen würden, jedem Sandkorn an unseren Stränden weltweit eine IP-Adresse zuzuweisen, wobei noch Adressraum für den Sand auf dem Mars übrig bliebe.

Damit wäre technisch der Weg zu einem Klingelschild für jeden Internet-Benutzer frei. Doch Datenschutz-Bedenkenträger nicht nur hierzulande bestehen darauf, auch weiterhin dynamische Adressen zu vergeben, um die Anonymität der Web-Surfer nicht zu gefährden. Es klingt wie die Durchsetzung eines Heizers auf E-Loks der britischen Eisenbahnen: Obwohl aus der Not des zu kleinen Adressraums geboren, beharren die Anonymiker dieser Welt weiterhin darauf, das Internet als rechtsbefreiten Raum zu erhalten – mit immer schlimmeren Folgen für die Gesellschaft.

Dabei wäre ein IP-Kennzeichen an jedem Endgerät gar kein so schlechter Kompromiss. Denn gegen die Vorratsdatenspeicherung lässt sich mit Fug und Recht einwenden, dass damit auch der „anlasslosen Datenspeicherung“ Tür und Tor geöffnet würde. Dann würden auch Verlaufsdaten, Email-Verkehr (wenn auch nicht dessen Inhalte) und Nutzungszeiten von der unbescholtenen Mehrheit der Bevölkerung archiviert. Wobei: Ist es nicht genau das, was die NSA so in Verruf gebracht hat, dass die damalige Kanzlerin ausrief: „Ausspionieren unter Freunden, das geht gar nicht!“? Technisch ist also alles möglich. Und viele wollen auch, selbst wenn sie nicht dürfen.

Warum übrigens werden in NRW überhaupt so viele (und so umfangreiche) Fälle von Kindesmissbrauch an den Tag gebracht? Doch wohl nicht etwa, weil es an Rhein und Ruhr besonders viele Pädophile gibt. Sondern, weil hier intensiver gesucht wird und das technisch Mögliche ausgeschöpft wird. Kann jemand angesichts der Gräueltaten etwas dagegen haben? Ist der Popanz „Privatsphäre“ das wert?

Jeder kann das Klingelschild am Internet-Anschluss abmontieren, indem er oder sie ganz einfach alle Anfragen nach Cookies rigoros ablehnt, die es privaten Anbietern erlauben, genau jene Verlaufsspuren im Internet zu verfolgen, an deren Erfassung wir die Verfassungsorgane hindern. Aber so lange Web-Surfer ihre persönlichen Daten auch als Währung begreifen, mit denen zusätzliche Services und Convenience im Internet möglich werden, solange bleibt der Persönlichkeitsschutz im Internet eine janusköpfige Missgestalt: Wir schützen einerseits mit juristischen Mitteln die Privatsphäre des Einzelnen und erlauben ihm gleichzeitig, das Ganze durch die freiwillige Weitergabe seiner Daten wieder auszuhebeln.

Cookies nerven! Das sagt inzwischen die Hälfte der von YouGov im Auftrag der zu United Internet gehörenden Anbieter Web.de und GMX befragten Internet-Nutzer. Das wiederum ist das Ergebnis der europaweit vor vier Jahren in Kraft gesetzten Datenschutz-Grundverordnung. Und Umfragen des Hightech-Verbands Bitkom unter Unternehmen belegen, dass das Datenschutz-Monster DS-GVO zwar in der Umsetzung viel Kraft gekostet habe, allerdings keinen Wettbewerbsvorteil im internationalen Geschäft gebracht habe. Die „europäische digitale Souveränität“ erzeugt mit Sicherheit Kosten, ob sie aber auch einen Gewinn bietet, kann inzwischen bezweifelt werden.

Denn sie stellt ebenfalls den Schutz der Privatsphäre über das Gemeinwohl. Das werden wir spätestens im kommenden Herbst zu spüren bekommen, wenn wir wieder in einen Corona-Lockdown treiben, ohne auf aussagekräftiges Datenmaterial zurückgreifen zu können. Hier ist das deutsche Dilemma doppelt: Wir können die Daten nicht nur nicht erfassen, wir dürften sie auch nicht speichern.

Dafür leisten wir uns auch hier den Luxus, dass Straftaten unter dem Schutz der Anonymität weitgehend folgenlos verübt werden – angefangen bei Hate Speech und Fake News, über Clan-Kriminalität und Terrorismus bis zu Mordaufrufen und Kinderpornografie. Daten speichern – Gewalt verhindern! Ohne Wenn und Aber.

Nervös in Davos

„Alle sind nervös“ resümierte SAP-Vorstandsvorsitzender Christian Klein seine Eindrücke von den Gesprächen zwischen Wirtschaft und Politik beim Weltwirtschaftsforum in Davos, das nach der Zwangsverschiebung wegen Corona diesmal nicht im Schnee, sondern unter der Maisonne stattfand. Und besser hätte der Zeitpunkt kaum gewählt sein können. Die großen, globalen Krisen überlagern einander mit einer Heftigkeit und Dringlichkeit wie vielleicht noch nie in der Neuzeit:

  • ein völkerrechtswidriger Überfall auf die Ukraine, der sich zum Weltkrieg ausweiten könnte;
  • eine Corona-Krise, die mutmaßlich über den Sommer nur eine Atempause nimmt und in Fernost bereits jetzt zu neuen Shutdowns führt;
  • eine Klimakrise, die sich nicht nur langfristig anschickt, unseren Wohlstand zu beenden, sondern bereits kurzfristig mit extremen Wetterlagen eindringlich auf sich aufmerksam macht;
  • eine Krise der Demokratie und des Dialogs, die sich nicht nur in den ins Stocken geratenen Gesprächen zwischen der Ukraine und Putins Russland offenbart, sondern auf jeder Querdenker-Demo auf den Straßen, jedem Rassenkonflikt in der Gesellschaft, jedem Hass-Post im Internet und nicht zuletzt darin, dass autokratische, wenn nicht diktatorische Führer neue Attraktivität genießen;
  • eine Energiekrise, die die Versäumnisse und Fehleinschätzungen der Vergangenheit erbarmungslos offenlegt und uns jetzt dazu zwingt, ganze Industriezweige auf neue Herstellungsverfahren umzustellen;
  • eine Ernährungskrise, die die Ärmsten der Armen besonders hart trifft, weil globale Getreidelieferungen ausgesetzt sind und immer noch zu viel Agrarland für die falschen Zwecke verwendet wird;
  • eine Bildungs- und Qualifikationskrise, die uns daran hindert, die digitale und nachhaltige Transformation umzusetzen und zugleich die Modernisierung ganzer Industriezweige verzögert, wenn nicht gar verhindert;
  • eine Krise der Lieferketten, weil wegen Corona erst die Betriebe im näheren Umfeld und dann die Häfen in Fernost geschlossen wurden – und weil wegen der Sanktionen gegen Russland und von Russland lange bestehende Produktionspartnerschaften zerbrachen;
  • eine Infrastrukturkrise, die auf der Datenautobahn beginnt, bei Autobahnbrücken nicht Halt macht und im Schienennetz ihr marodes Ende findet.
  • eine Finanz- und Wirtschaftskrise, die sich nicht nur in einer fortschreitenden Inflation, sondern auch in immer größerer Schuldenmacherei in den Industriestaaten manifestiert;
  • eine Flüchtlingskrise, die nicht allein von den in den Westen eilenden Ukrainerinnen und Ukrainern verursacht wird, sondern durch die Millionen Menschen, die sich andernorts vor Vertreibung, Misshandlung, Krieg, Hunger oder Durst auf den großen Treck machen;
  • und schließlich eine Erkenntniskrise, die sich besonders deutlich in den hilflosen Gesichtern der in Davos teilnehmenden Politikern und Unternehmern zeigte – es gibt auf die vorgenannten Krisen keine schnelle, keine einfache und erst recht keine Antwort, die niemandem wehtut.

Wer sollte da nicht nervös werden. Wer wollte da freiwillig Regierungsverantwortung übernehmen. Und wer wollte da eine langfristige Perspektive für sein Unternehmen und seine Mitarbeiter entwickeln.

Aber all dies muss geschehen: Und auch wenn es wie eine Plattitüde klingen mag – auch späte oder gar zu späte Investitionen in die digitale Transformation praktisch aller Lebens- und Tätigkeitsbereiche könnten helfen. Und offensichtlich, so lässt uns Christian Klein wissen, sehen das die Kunden der großen Technologiekonzerne auch so. In Sonntagsreden hört man diese Erkenntnis auch aus der Politik. Doch hier offenbart sich die letzte und vielleicht schwerwiegendste Krise:

Die Umsetzungskrise. Dass wir – nicht nur in Deutschland – auf einen Herbst hinsteuern, in dem die Datenlage für eine evidenzgestützte Pandemiebekämpfung erneut beziehungsweise immer noch fehlen wird, lässt sich jetzt schon absehen. Dass wir 100 Milliarden Euro für die Aus- und Aufrüstung der Bundeswehr ausgeben wollen, ohne an dem tatsächlichen Problem – nämlich den verschwenderischen Beschaffungsmethoden – wirklich etwas zu ändern, ist auch weiterhin zu beklagen. Dass die mittelständische Wirtschaft die aktuelle Krisenlage zum Argument nehmen wird, auch weiterhin bei der Digitalisierung ihrer Geschäftsprozesse und Transformation ihrer Geschäftsmodelle zögerlich zu sein, ist ebenfalls zu befürchten. Und dass bei der Suche nach alternativen, regenerativen Energiequellen weiterhin das Sankt-Florians-Prinzip gelten dürfte, wonach Wind- und Solarkraftwerke nur dann erwünscht sind, wenn sie woanders gebaut werden, zeichnet sich ebenfalls längst ab. Wer sollte bei all dem nicht nervös werden…

Ach ja: Und dass wir Deutschen anders als in praktisch allen anderen industrialisierten Ländern weiterhin auf den Autobahnen rasen werden, obwohl wir auch ohne Gebot langsam fahren könnten, darf ebenfalls unterstellt werden – selbst wenn durch diese Selbstbeschränkung Verkehrstote, Benzinknappheit und Staus vermieden werden könnten. Im Auto kommen irgendwie alle Krisen – egal ob Klima, Energie, Qualifikation, Lieferkette, Infrastruktur und Inflation zusammen. Da kann man nun aber wirklich nervös werden.

Meine Cloud, deine Cloud, Private Cloud

Das Wettbewerbsrecht ist auch nicht immer leicht zu verstehen. Wenn ein Anbieter seine Produkte günstiger herstellt, auf Margen verzichtet oder den Preis ganz einfach als Markteintrittsargument nutzen will, dann ist das gut für den Verbraucher, weil das den Wettbewerb belebt. Wenn derselbe Anbieter aber nach einer erfolgreichen Kampagne eine gewisse marktbeherrschende Stellung eingenommen hat, dann ist das schlecht für den Verbraucher, weil es inzwischen schlecht für den Wettbewerb ist. Um es mit der WDR-Maus zu sagen: „Klingt komisch, ist aber so.“

Wenn man also – nur um ein Beispiel zu nennen – ein Quasi-Monopol auf Erdgas besäße und würde mit äußerst günstigen Preisen, garniert mit unschlagbaren Infrastrukturangeboten, allmählich ganz Europa dafür gewinnen, dann ist das gut für den Verbraucher. Geraten die europäischen Staaten dadurch aber nach und nach in die Abhängigkeit, dann ist das nicht nur schlecht für den Wettbewerb, sondern insbesondere für den Weltfrieden – erst recht, wenn man das Ganze dann noch als Druckmittel missbraucht.

Jetzt mal angenommen, Gas wäre nicht Gas, sondern Software. Und die Infrastruktur bestünde nicht aus Pipelines und Raffinerien, sondern aus schnellen Internet-Verbindungen und Service-Rechenzentren. Dann könnte das Gleiche gelten – nur ohne das Druckmittel und den Weltfrieden. Und in genau dieser Position ist nach den Klagen der Wettbewerber Microsoft in Europa. Die eigenen Apps aus dem Microsoft 365-Angebot sind auf der eigenen Azure-Plattform günstiger als aus einer Cloud eines Wettbewerbers. Die Lizenzbedingungen für die von Dritten gehosteten Office-Apps von Word bis PowerPoint, so signalisiert man aus Brüssel Richtung Redmond, könnten eine Wettbewerbsverzerrung darstellen, wenn nicht gar einen Wettbewerbsverstoß.

Die politischen Vertreter von 447 Millionen Verbrauchern sollte man besser nicht ungehört lassen. Flugs reiste deshalb Microsofts Präsident (und nebenbei oberster Justitiar) Brad Smith zur EU-Kommission, die sich die Positionen der Cloud-Wettbewerber zu Eigen gemacht hatte, um die Vorwürfe auszuräumen. Vor Journalisten fasste er seine Auffassung so zusammen: „Auch wenn nicht alle Vorwürfe berechtigt sind, so sind es doch einige. Deshalb leiten wir so schnell wie möglich Veränderungen ein, um ihnen zu begegnen.“

Gesagt, getan: In Brüssel legte er fünf Prinzipien vor, nach denen Microsoft künftig in Europa handeln wolle. Dazu gehört das Bekenntnis zu europäischen Werten, nicht zuletzt beim Datenschutz und eben auch beim Wettbewerbsrecht. Microsoft will mit seinen Cloud-Plattformen den Erfolg europäischer Software-Entwickler ebenso unterstützen wie die Zusammenarbeit mit Cloud-Mitbewerbern ausbauen. Allerdings: Die Hauptwettbewerber Google und Amazon Web Services sind von den überarbeiteten Lizenzbedingungen ausdrücklich ausgenommen.

Denn tatsächlich könnte man darüber streiten, ob Microsoft inzwischen eine marktbeherrschende Position im europäischen Markt für Private Clouds und damit für Software as a Service, Platform as a Service oder gar Infrastructure as a Service innehat. Nach den von der Financial Times jüngst veröffentlichten Zahlen belegt Microsoft mit seinen Cloud-Angeboten einen unangefochtenen zweiten Platz weltweit – allerdings mit deutlichen Zugewinnen im Jahresvergleich. Amazon Web Services stagniert dagegen mit rund einem Drittel Marktanteil seit Jahren, behauptet aber damit weiterhin souverän den ersten Platz. Zusammen mit dem Drittplatzierten Google beherrscht das Cloud-Dreigestirn zwei Drittel des Marktes. IBM, Alibaba oder SAP folgen unter „ferner liefen“.

Natürlich ist es nicht wünschenswert, wenn sich die Cloud-Landschaft zu einer geschlossenen Wolkendecke entwickelt. Anwender wünschen die Vielfalt und propagieren seit langem eine Multi- oder Hybrid-Cloud-Infrastruktur, in der für unterschiedlichste Anwendungen und Geschäftsmodelle unterschiedliche Services aus der Cloud in Anspruch genommen werden. Ob meine Cloud, deine Cloud und Private Cloud entscheidet immer noch der Kunde – und dabei ist der Preis nur einer und vielleicht noch nicht einmal der ausschlaggebende Faktor. Sicherheit, Verfügbarkeit, zusätzliche Services wie KI oder das Internet der Dinge sind ebenso entscheidend.

Auch Souveränität ist ein wichtiger – für viele sogar der wichtige – Aspekt bei der Cloud-Wahl. Deshalb wurde zum Beispiel Gaia-X ins Leben gerufen, die europäische souveräne Cloud, die als politische Kopfgeburt naturgemäß nur schwer in die Gänge kommt. Die Deutsche Telekom gehört unverändert zu den aktivsten Gaia-iXen. Aber am Ende entscheidet nicht der politische Wille, sondern der Markt. Oder der Wettbewerb. Auch – wenn man dann zum Erhalt der Marktkräfte und der Wettbewerbsfähigkeit von Zeit zu Zeit die Politik anrufen muss. Auch das klingt komisch, ist aber so.