Ist die Welt doch ein Ponyhof?

Wie fühlt man sich, wenn 75 Prozent der weltweiten Geschäftstransaktionen über die eigene Produktplattform abgewickelt werden? – Verdammt verantwortlich! Und zwar für alles!

Aber bislang vielleicht nicht verantwortlich genug, meinte jetzt SAP-Vorstandsvorsitzender Bill McDermott auf der SAPPHIRE Now in Orlando. Denn, so seine Selbstkritik, den Mitarbeitern des größten deutschstämmigen Softwarehauses habe es bislang an wichtigen Tugenden im Verantwortungsbewusstsein für deren Kunden vermissen lassen. Die wichtigste Tugend dabei sei die Empathie, das Mitfühlen mit den Geschäftsproblemen und Herausforderungen der Kunden.

Das klingt schon ein bisschen nach Ponyhof. Nur dass der weltweite SAPonyhof eine Multibillionen-Community der größten, erfolgreichsten und demnach auch anspruchsvollsten Unternehmen der Welt ist. Da darf man die Zügel nicht schleifen lassen. Das aber, auch diese Selbstkritik ließ der CEO in seiner im Gestus einer amerikanischen Vorwahlkampf-Rede vorgetragenen Keynote durchblicken, habe SAP getan, als man sich auf die Runderneuerung der eigenen Software-Suite konzentriert habe. Zwar hat SAP mit HANA eine zukunftsweisende Plattform in die Welt gestellt und mit S4Hana auch die Anwendungs-Suite dazu erneuert. Aber man habe dabei vergessen, dass dieser Wandlungsprozess nur mit und bei den Kunden erfolgreich sein kann.

Das aber haben im vergangenen halben Jahr zahlreiche CIOs zum Ausdruck gebracht. Der Message haben sie mit dem Hinweis auf die vielen Milliarden Dollars und Euros Nachdruck verliehen, die die SAP-Customer-Community bislang in ihre IT-Umgebung gesteckt hat. Und jetzt steht eine der größten Transformationen an, die die Menschheit je erlebt hat: die Digitalisierung der gesamten Geschäftsprozesse und des gesellschaftlichen Zusammenlebens. Und dabei, bitte schön, möge die SAP nun ihren Kunden genauer zuhören, besser folgen und mehr Verständnis, mehr Empathie aufbringen.

Keine schlechte Forderung in einer Welt, in der Technik nur erfolgreich sein kann, wenn sie erfolgreich angewendet wird. Das gilt für Autobauer und Maschinenbauer ebenso wie für Dienstleister oder Produzenten, für Startups ebenso wie für mittelständische Familienunternehmen und Großkonzerne. Nur, von Zeit zu Zeit muss man dieses Business-Mantra ins Gedächtnis rufen. Denn Organisationen haben die Tendenz, auf sich selbst zu schauen, sich selbst zu optimieren und dabei den eigentlichen Daseinszweck zugunsten der Selbstbezüglichkeit zu verlieren.

Bill McDermott fügte dem Ponyhof-Mantra von der Kundenzuwendung zwei weitere SAP-Klassiker hinzu: Umfassende Vision gepaart mit dem Streben nach größtmöglicher Einfachheit. Aber über allem steht von nun an die Ausrichtung der SAP-Ziele auf die Ziele ihrer Kunden. Das ist doch schön.

Dass dem auch Taten folgen, hat SAP in den Tagen der SAPPHIRE Now zu beweisen versucht. Zum Beispiel mit der Ankündigung, noch enger mit Microsoft zusammenzuarbeiten. S4HANA gibt es nun vollständig integriert und verwaltet auf Microsofts Azure-Plattform, wobei Office-Funktionen und die Oberfläche Fiori noch enger zusammenwachsen. Auch mit Lenovo hat SAP seine Daten- und System-Management-Lösungen erweitert. Und nicht zuletzt haben sieben weltweit führende Unternehmen ihr Testimonial abgegeben, wie gut es jetzt mit der empathischen SAP in einem sich revolutionär verändernden Geschäftsleben klappt.

Die „beste SAPPHIRE Now aller Zeiten“, wie Bill McDermott sich selbst lobte, hatte doch etwas von einem Ponyhof. Nur, die Hürden sind deutlich höher. Und die Steaks sind heißer.

 

SAPple

In einer Welt, in der jeder jeden kaufen könnte, sind schon Kooperationen Anlass zur Spekulation. Es sollte eigentlich nichts Besonderes sein, wenn SAP mit Microsoft über eine engere Zusammenarbeit diskutiert. Immerhin sind gut und gerne 90 Prozent der Endgeräte, von denen aus auf SAP-Software zugegriffen wird, von Microsoft dominiert. Aber, dass dabei schon zweimal über eine Fusion der beiden Software-Riesen diskutiert worden sein soll, entfacht doch die Phantasie. Da muss man noch nicht einmal Verschwörungs-Fanatiker sein.

Jetzt verspricht Apple, die SAP-Software auf seine mobilen Geräte iPhone und iPad zu bringen. Eigentlich nur logisch. Denn die Welt der Gegenwart ist schon mobil – die Zukunft hingegen wird wearable und virtuell real. Da lohnt es sich, mit jedem der potentiellen Device-Designer zusammenzuarbeiten. Also eigentlich keine Nachricht, oder?

Oder doch? Anders als Microsoft hat sich Apple seit Jahrzehnten dem Markt für Geschäftskunden verweigert. Zwar gibt es eine hochloyale Geschäftskundschaft in der Kreativindustrie, aber der Markt für ERP-Systeme, über die Unternehmen ihre Geschicke und Geschäfte steuern, verzichtet weitgehend auf die Unterstützung aus Cupertino. Dabei sind doch gerade hier die langfristigen Bindungen möglich, die einen soliden Umsatzsockel sichern. Stattdessen ist Apple mit der Fokussierung auf das hoch volatile Privatkundengeschäft zur weltweit wertvollsten Firma emporgestiegen. Aber derzeit ist die Aktie im Sinkflug, Apple droht – wie schon einmal – die Spitzenpositionen an Alphabet (also Google) zu verlieren. Denn die nächsten Highflyer-Produkte, mit denen die nächste Umsatz- und Gewinnrakete gezündet werden kann, sind nicht in Sicht.

Jetzt soll also der direkte Zugriff auf die Hana-basierenden SAP-Anwendungen vom iPad und iPhone aus zusätzliches Geld in die Kassen spülen. Aber warum sollte das funktionieren? Die schon 2014 mit IBM eingegangene Partnerschaft hatte anscheinend nicht die erhofften Auswirkungen. Das freilich könnte an den seither kontinuierlich enttäuschenden Quartalsergebnissen von Big Blue liegen.

Da könnte die Partnerschaft mit den Walldorfern tatsächlich aussichtsreicher sein. SAP will seine Benutzeroberfläche Fiori auf die mobilen Apple-Geräte bringen und diese zugleich mit Afaria, den seinerzeit über Sybase erworbenen Tools fürs Gerätemanagement, weltweit ansteuern. Das könnte zumindest dem Arbeitsplatztrend entgegenkommen, wonach jeder Mitarbeiter sein eigenes Device auswählen und anwenden darf. Zudem wandelt sich der Arbeitsplatz derzeit ohnehin rapide. Ein fester Desktop klingt irgendwie nach 20. Jahrhundert. Im 21. Jahrhundert erfolgt das Unternehmensmanagement von unterwegs aus – und sei es aus Panama…

Die neue SAPple-Umgebung wird freilich gleich auch den Herausforderungen der digitalisierten Arbeits- und Fertigungswelt begegnen müssen. Ob dazu Gestensteuerung oder doch lieber gleich virtuelle Realität das Werkzeug der Zukunft ist, bleibt abzuwarten. Aber für beide Seiten dürfte es besser sein, diese Entwicklungsaufgaben gemeinsam anzugehen. Die Arbeiten an der Benutzeroberfläche Fiori hatten seinerzeit SAP-Entwickler ohnehin schon an den Rand des Wahnsinns getrieben. Das muss man nun nicht wiederholen, sondern kann es getrost den Experten überlassen. Die Expertise der SAP liegt nun mal eindeutig im Prozessumfeld und das liegt tief unter der Oberfläche.

 

 

SAP will wachsen wie ein Startup

Der Kurswechsel könnte fundamentaler kaum sein. Bis gestern galt bei Europas größtem Softwarehaus noch das Paradigma des traditionellen Dienstleistungskonzerns: je mehr Marge, desto glücklicher die Börse; je höher der Kurs, desto unwahrscheinlicher die feindliche Übernahme.

Jetzt will SAP lieber wachsen und Marktanteile gewinnen und dafür den Gewinn (ein wenig) aus den Augen verlieren. Es geht darum, in der Cloud so schnell wie möglich zum einzig bestimmenden Anbieter von Unternehmenslösungen zu werden, hieß es jetzt bei der Bekanntgabe der Jahreszahlen.

Dabei gilt, dass nach wie vor alles, was Unternehmer zum Optimieren ihrer eigenen Geschäftsprozesse benötigen, aus einer Hand – sprich: SAP – kommen soll. Aber die Walldorfer wollen nicht mehr notwendigerweise in die Hand des Kunden liefern. Denn statt des eigenen Rechenzentrums sollen Anwender künftig lieber auf die Cloud-Datacenter der SAP zurückgreifen. Ob das nun gehostete Anwendungsumgebungen sind oder tatsächliche Cloud-Dienste im Mietabonnement, ist SAP für die eigene Bilanz erstmal egal.

Stolz notiert man in Walldorf, dass mit Cloud-Geschäften – worin die auch immer bestehen mögen – ein Wachstum von 110 Prozent erreicht worden ist. Andere traditionelle IT-Anbieter wie IBM, Microsoft oder Oracle reklamieren für sich lediglich Wachstumsraten um 75 Prozent – wobei auch hier nicht ganz sauber definiert ist, was Cloud-Geschäfte eigentlich sind (und was nicht). Bei SAP beispielsweise werden Hosting-Leistungen ebenso eingerechnet wie die InMemory-Datenbank Hana, die nach SAP-Definition als hybrid gilt, also sowohl als auch eingesetzt werden kann.

Egal ist neuerdings auch die Größe des Kunden. In dieser Frage tobten bislang Glaubenskriege zwischen der Cloud-Fraktion und den Standard-Softwerkern bei der SAP: Konzerne nein, Konzerntöchter ja, Mittelständler sowieso, junge Unternehmen vielleicht – das war die Strategie, mit der SAP es sich ganz gemütlich in der Cloud bequem machen wollte, ohne den eigenen Markt zu kannibalisieren. Die Rechnung erfolgte freilich ohne den Wettbewerb, der wie zum Beispiel Microsoft zu einer Cloud-First-Strategie aufgerufen hat und massiv in die Wolke investiert. Die Rechnung ging aber auch nicht auf, weil Großkunden plötzlich angesichts überbordender Cyberattacken keine Lust mehr darauf haben, selbst für die Datensicherheit verantwortlich zu sein.

Mal abgesehen davon, dass sie jetzt das Versprechen der SAP einlösen wollen, in der Cloud wäre alles billiger. Teuer, das war gestern. Morgen, nämlich in zwei Jahren, soll SAP nun mehr Umsatz mit der Cloud machen als mit dem bestehenden Software-Lizenzgeschäft und Dienstleistungen. Dabei ist die Marge plötzlich nicht mehr so wichtig: Im Geschäftsjahr 2015 schaffte SAP zwar ein Umsatzplus von 18 Prozent auf nun stolze 20,8 Milliarden Euro. Der Gewinn aber sackte um sieben Prozent nach unten – auf immer noch ansehnliche 3,06 (Vorjahr: 3,28) Milliarden Euro.

Für mehr Wachstum sollen jetzt neue beziehungsweise ausgeweitete Kooperationen sorgen, um branchenspezifische Ergänzungen auf Hana-Basis zu erzielen. Neben der Produktion von Daten durch die ERP-Suite soll also immer stärker die Analyse der Daten durch Hana treten. Während die eigenen Rechenzentren eine SAP-only Location bleiben sollen, suchen die Walldorfer für hybride Anwendungen mit Lösungen von Dritten die Dienste anderer Cloud-Spezialisten – Microsoft oder T-Systems zum Beispiel. Da sollen dann auch Angebote, die Office 365 beinhalten, angesiedelt werden.

Marktanteile vor Gewinnanteile – das wird nun also der von Startups abgeguckte Strategiekern für die nächsten Jahre. Der Konzernumbau ist dafür schon im vollen Gange: Zwar sind im vergangenen Jahr netto rund 2500 Mitarbeiter mehr für SAP tätig. Rund 2000 Mitarbeiter haben aber das Frühverrentungsprogramm angenommen, weitere Tausend sind auf einen anderen Posten versetzt worden. Und bei drei Milliarden Euro Gewinn, die der Kriegskasse zugeschoben werden, braucht SAP – anders als Startups – derzeit keine zusätzliche Finanzierungsrunde…

 

 

Wer bringt das nächste große Ding?

Eigentlich müsste sich Tim Cook genüsslich zurücklehnen. Mit insgesamt knapp zehn Millionen Dollar wurde Apples Vorstandsvorsitzender soeben fürstlich dafür belohnt, dass die iCompany sämtliche der gesteckten Ziele erreicht und ein Rekordjahr hingelegt hatte: 53,4 Milliarden Dollar Reingewinn bei 234 Milliarden Dollar Umsatz! Das ist ein Jahrhundertrekord!

Doch die Börse reagierte unwillig – der Apple-Kurs sank innerhalb von fünf Wochen um 18 Prozent und dümpelt nun um die 100 Dollar-Marke. Der Grund: die neuesten Freischaltzahlen rund ums Weihnachtsgeschäft lassen erkennen, dass sich das Interesse an iPhones verringert, nachdem auch die Verkaufszahlen für die Tablets schon zurückgegangen waren. Womit, so fragt man sich, will Apple im neuen Jahr so viel Geld verdienen, dass es zum Rekordjahr aufschließen kann?

Eine Frage, die Microsofts CEO Satya Nadella für seine Company vielleicht schon im zurückliegenden Jahr beantworten konnte. So gelang der Turnaround bei Windows, das mit der „10“ endlich wieder Kunden und Partner gleichermaßen zufriedenzustellen scheint. Selbst das totgeglaubte PC-Geschäft erlebt gegenwärtig ein zartes Revival. Hersteller wie Lenovo investieren nach eigenem Bekunden heftig in Windows 10-basierte Systeme, weil die Kundennachfrage endlich wieder steigt. Lenovo orientiert sich dabei an Produkten, die das Zeug zum nächsten Industriestandard haben: Microsofts Surface Pro 4 und Surface Book als Mittelding zwischen Tablet und Netbook. Sie bilden auch die Plattform für künftige dreidimensionale Anwendungen, die über den Virtual Reality Spezialisten Havok ins Microsoft-Portfolio kommen sollen. Da mag es verschmerzbar sein, das Microsoft im Smartphone-Segment auch mit Windows 10 keine großen Umsatzsprünge macht.

Die gemeinsame Plattform für all das ist hingegen Microsofts Cloud-Strategie, für die nicht nur direkt um große Kunden geworben wird, sondern indirekt um Partner, die mit Infrastrukturangeboten, neuen Dienstleistungen und zukünftigen Anwendungen nicht nur die Cloud beleben sollen, sondern auch das Windows-basierte Geschäft überall: zuhause, im Büro und auf dem Weg zwischen beiden. Die Börse jedenfalls dankt es – mit einem Kursplus von 18,5 Prozent im vergangenen Jahr. Und seit Nadella am Ruder Kurs hält, stieg die Microsoft-Aktie sogar um 45 Prozent!

Und IBM? Big Blue hält seinen Aktienkurs relativ stabil, weil in Armonk konsequent eigene Aktien zurückgekauft werden. Das senkt die Gefahr – so unglaublich es auch klingen mag –, dass IBM zu einem Übernahmekandidat für Apple, Google oder Amazon werden könnte. Aber warum sollte man sich eine Firma mit zu viel altgedientem Personal und Portfolio ans Bein binden? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Watson!

Als Jeopardy-Sieger war der Künstliche Intelligenzbolzen noch eine clevere Spielerei, doch schon mit dem Einsatz als Diagnosehelfer im Medizinumfeld bewies der Watson-Computer seine Ernsthaftigkeit. Jetzt, auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, kündigte IBMs Vorstandsvorsitzende Ginny Rometty nicht weniger als den Beginn eines neuen Computerzeitalters an und untermauerte diesen kühnen Anspruch mit einigen schillernden Partnerschaften. So macht Watson künftig im denkenden Teil des Haushaltsroboters Pepper von Softbank Furore. Die sprachanalytische Komponente soll den kleinen Hausknecht noch besser befähigen, auf Sprachbefehle seiner Familienmitglieder zu hören. Der Sportausrüster Under Armour will mit Watson seine Fitness-Tracker aufpeppen.

Und der Retailer Whirlpool analysiert mit Watson Milliarden von Kundendaten. Für Unternehmen wie Whirlpool soll ein einfach zu bedienendes Software Development Kit zur Verfügung gestellt werden, mit denen Watson in Eigenregie auf die individuellen Anforderungen im Big Data-Segment getrimmt werden kann. Große Datenmengen, wie sie bei der Digitalisierung der Produktionswelten anfallen, sollen Watsons Spezialgebiet werden. Sechs Labors hat IBM dazu weltweit ins Leben gerufen. Dann wären auch Partnerschaften mit den großen Anbietern von Unternehmenslösungen wie SAP oder Oracle nur noch eine Frage der Zeit.

In der Ära des kognitiven Computings wird Watson auf eine Infrastruktur zurückgreifen können, die IBM in 44 Ländern der Erde etabliert hat: hochverfügbare Cloudservices aus Datencentern, die das Number Crunching von der Pike auf gelernt haben. Watson ist bestimmt eines der nächsten ganz großen Dinger. Wem auch immer IBM dann gehören mag…