Die Rückkehr der Turnschuh-Ritter

Es ist noch keine zwei Jahrzehnte her, da belächelten die gestandenen Messe-Füchse auf der CeBIT in ihren dunklen Anzügen jene Besucher, die in Turnschuhen, abgewetzten Jeans und schrägen Frisuren bevorzugt am Wochenende die Messestände bevölkerten. Doch statt sich von den Rampensäuen an der Schwelle zum Messestand eine Abfuhr zu holen, hat sich die eine Hälfte der jungen IT-Freaks bei den Firmen beworben und in Chinos und Polo-Shirt längst für eine Änderung der Kleiderordnung gesorgt.

Die andere Hälfte der Turnschuh-Fraktion füllt inzwischen die Halle 11 der CeBIT. Dort tummeln sich mit „Scale 11“ diejenigen, die sich zu intelligent, zu individuell, zu unternehmerisch fühlen als sich auf die Ochsentour durch eine verkrustete IT-Landschaft zu begeben. Das kann man auch auf immerhin 5000 Quadratmetern in der Halle 16 besichtigen, wo 50 ins Finale des CODE_n CONTEST „Into the Internet of Things“ vorgestoßene Gründerunternehmen ihre Produktideen zu Themen wie Digital Life, Future Mobility, Smart City und Industry 4.0 präsentieren.

Gründer sind Unternehmer reinsten Wassers und nicht nur im Begriff, sich selbst eine Zukunft zu bauen. Sie sind vor allem dabei, die Zukunft der IT umzuschreiben. Denn kaum etwas ist augenfälliger als die händeringende Suche der Global Player im IT-Business nach jungen Partner-Unternehmen, die den Weg in die Cloud und in das mobile und soziale Web mit innovativen App-Entwicklungen und neuen Geschäftsmodellen weisen. Es sind die Startups, von denen jene disruptiven Innovationen erwartet werden, die die klassischen IT-Boliden wieder mit neuer APPS-Stärke versorgen sollen.

Schon vor der CeBIT wurde den Gründern mit dem Start Camp in Berlin eine Bühne eröffnet – in diesem Jahr bereits zum fünften Mal. An zwei Tagen wurden hier Ideen und Kapital miteinander verkuppelt. Nach Ansicht des Bundesverbands Deutsche Startups entsteht hier heute das, was morgen den deutschen Mittelstand beflügeln wird – auch wenn jedes zweite Unternehmen scheitert oder nicht auf Dauer besteht.

In der Tat: Die Geschäftsidee eines Startups ist nicht per se gut, die Weiterentwicklung einer Kernkompetenz nicht per se schlecht. Den Mittelstand zeichnet beides aus: Mut zur Gründung und Mut zur konsequenten Weiterentwicklung. Dabei ist es nicht die soundsovielte Pizza-App, nicht der nächste Reisevermittler und schon gar nicht der nächste Chat, für die Startups Investorengeld in die Hand nehmen (sollten). Am Ende entscheidet immer noch der Markt darüber, was erfolgreich ist und was nicht. Was Startups aber so interessant und für eine Wirtschaft so vielversprechend macht, ist die Risikobereitschaft, mit der in eine identifizierte Marktlücke vorgedrungen wird. Etablierte Unternehmen haben da insofern einen Nachteil, als sie mit 100 Mitarbeitern und mehr nicht mehr so leichtfüßig „bet-the-company“ spielen können, wie das drei Studienabsolventen tun können. Firmengründen ist wie forschen, sagt Florian Nöll vom Bundesverband Deutsche Startups. Und recht hat er – was geht und was nicht, das herauszufinden ist die Mission von Startup-Unternehmen. Wenn sie scheitern, sollen sie nicht an eigenen Unzulänglichkeiten scheitern, sondern an den Marktgegebenheiten. Deshalb ist Mentoring für den Erfolg einer Startup-Szene so wichtig. Nichts wäre trauriger, als wenn eine gute Marktidee durch mangelndes Managementwissen behindert würde. Deshalb engagiere ich mich selbst bei der Rekrutierung von erfahrenen Mentoren, die den jungen Gründern über die schwierigen Monate der Kinderkrankheiten eines Unternehmens hinweghelfen.

Es ist gut, wenn sich in Deutschland eine Gründer-Szene rührt. Es ist gut, wenn Investoren die Attraktivität neuer Ideen kaufmännisch bewerten und dann entweder unterstützen oder verwerfen. Und es ist gut, wenn sich Mentor-Ringe bilden, in denen Jungunternehmer die praktische Hilfestellung erfahren, die in der Anfangsphase über Wohl und Wehe einer Neugründung entscheiden kann. Es ist aber nicht gut, wenn Fördergelder dazu benutzt werden, jede beliebige Geschäftsidee zu pampern. Jede Geschäftsidee muss sich gegenüber der Brutalität des Marktes bewähren.

Dazu sind Veranstaltungen wie in Berlin und Hannover bestens geeignet. Mit Elevator-Pitches und Jury-gestützten Auswahlverfahren werden dort Geschäftsideen auf den Prüfstand gestellt. Der Marktplatz der Ideen im Startup Camp, in Scale 11 oder in CODE_n stellt einen ersten Stresstest dar. Wer ihn besteht, kann nicht sicher sein, dass der Markt ihn belohnt. Aber er hat einen ersten Survival-Test bestanden. Ob in Turnschuhen oder im Zweireiher ist dann nebensächlich.

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