190408 HMI

Industriemesse auf der Kante

Die vielleicht unwichtigste aller Fragen wurde auf der Hannover Messe Industrie in der vergangenen Woche Tag für Tag von Messestand zu Messestand getragen: Wieviel CeBIT ist in der HMI? Denn nicht nur zeigte ein Messerundgang, dass die Industriemesse sich vor allem an der Industrie misst (und deshalb auch so heißt). Auch die Präsentationen der großen Softwarehäuser hatten vor allem einen industriellen Touch. Informationstechnik ohne direkten Bezug zum industriellen Umfeld war praktisch nicht vertreten – mit der negativen Folge, dass man den ganzheitlichen Anspruch der Allrounder wie SAP, Microsoft, Oracle oder IBM nicht mehr wahrnehmen kann. Dazu muss man wohl künftig auf die Hausmessen wie Saphire oder Inspire gehen…
Die vielleicht wichtigste aller Fragen wurde vor allem unter Politikern und Verbandsvertretern diskutiert – und ihre Antwort trug nicht gerade zur Besserung der Stimmung in Hannover bei. Ist die deutsche Industrie angesichts des rasanten Tempos, das die Digitalisierung und in ihrem Fahrwasser die Ausstattung mit künstlicher Intelligenz vorlegt, noch konkurrenzfähig? Nach einer Messeumfrage schätzen nur zehn Prozent der Unternehmenslenker, dass sie bei KI-Systemen mit dem Tempo, das in den USA oder in China vorgelegt wird, mithalten können.
Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel machte aus ihren Zweifeln zur Wettbewerbsfähigkeit keinen Hehl. Sie sei sich nicht sicher, dass Deutschland hier die Voraussetzungen habe, um weltweit mitspielen zu können. „Eine KI-Strategie von gestern kann morgen schon nicht mehr ausreichend sein“, warnte die Kanzlerin vor allzu entspannter Innovationshaltung. Allerdings brachte es Sabine Bendiek, Vorsitzende der Geschäftsführung bei Microsoft Deutschland, ebenfalls auf den Punkt, als sie die Halbherzigkeit beklagte, mit der derzeit in Deutschland Industrie- und Innovationspolitik betrieben werde.
Am besten konnte sich diese Halbherzigkeit rund um den Telekommunikationsstandard 5G beobachten lassen. Denn zwar wurden praktisch in allen Hallen Szenarien für den neuen Breitbandstandard vorgeführt, doch funktionieren diese Hochgeschwindigkeitsnetze derzeit nur, wenn sich Unternehmen ihr eigenes Netzwerk aufs Betriebsgelände legen. Bis zum Jahresende wird die Ausbreitung des 5G-Netzes in den fortschrittlicheren Bundesländern gerade mal sechs Prozent der Fläche erreicht haben. Das reicht für den einen oder anderen Innovationscampus, ist aber nichts für die drei Millionen mittelständischer Unternehmen, die ihren regionalen Standorten treu bleiben.
Dass sich Digitalisierung und künstliche Intelligenz mit steigender Geschwindigkeit auf dem Shop Floor ausbreiten – das war die eigentliche Kernbotschaft der Industriemesse. Zehn Prozent ihrer IT-Ausgaben wollen Unternehmen im Schnitt in das Industrial Internet of Things stecken. Dabei zeigt sich, dass angesichts unzureichender Bandbreiten die Cloud für viele Anwendungen zu weit entfernt ist. Um aber unnötige oder sogar gefährliche Latenzzeiten zu vermeiden, wandern die Cloud-Services wieder zurück an den Ort des Geschehens – an die Kante beziehungsweise Edge.
Edge Computing ist sozusagen die Re-De-Rezentralisierung der Rechenleistung, die aus dem betriebseigenen Data Center erst in die Cloud und jetzt wieder „close to the edge“ wandert. Spannend ist dabei, dass auch die KI-Services, die bislang nahezu ausschließlich über die Cloud bereitgestellt werden, näher ans Geschehen rücken. Das funktioniert sogar mit selbstoptimierenden Machine Learning Systemen, die jetzt unmittelbar auf das Fertigungsgeschehen reagieren. Edge Computing ist auch mehr und mehr die Voraussetzung für Cobotics, also die Kooperation zwischen Mensch und Maschine am Arbeitsplatz.
Vielleicht ist das sogar die deutlichste Veränderung, die die Industriemesse präsentierte: Wo früher Roboter in abgeschirmten Käfigen ihre Arbeit taten, stehen sie jetzt Seite an Seite mit ihren menschlichen Kollegen. Das verlangt massive Rechenleistung und KI-Fähigkeiten – denn der Roboter soll dem Menschen ausweichen, nicht umgekehrt. Und auch diese Rechenleistung kommt von der Kante.

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