191202 Plattform

Lernen für die Plattform-Ökonomie

Die Cloud-Projekte, mit denen sich Microsoft und Amazon in ihrem Wettrennen um die Lufthoheit im Cloud-Business gegenseitig überbieten, werden immer gigantischer. Kaum verkündet Microsoft, dass Volkswagen die Fahrzeuge seiner elektrifizierten ID-Serie mit Hilfe von Microsoft Azure vernetzen will, zieht Amazon nach, indem in einem zweiten Großprojekt die weltweit 122 Produktionsstätten von VW über AWS vernetzt werden sollen. Kaum meldet Amazon Erfolge im eCommerce, reagiert Microsoft mit Plattform-Projekten, die die größten US-Handelskonzerne ins 21. Jahrhundert katapultieren sollen.

Jüngstes und vorläufig gigantischstes Beispiel für die Entwicklung des Cloud-Computings zur Plattform-Ökonomie ist die Vergabe des auf zehn Milliarden Dollar ausgelegten Militärprojekts des Pentagon an Microsoft. Und konsequent reagiert Amazon mit einer Klage gegen die nach Ansicht der Kläger unfaire Auftragsvergabe. Das ist nur allzu verständlich, denn das Projekt hat eine solche Tragweite, dass dem Sieger – zur Zeit also Microsoft – ein kaum einzuholender Wettbewerbsvorteil winkt.

Der Grund für die Gigantomanie im Cloud-Business liegt in einem fundamental veränderten Verständnis der Infrastruktur. Cloud-Computing ist nämlich nicht mehr nur eine andere Form der IT-Nutzung – wie es zum Beispiel bei der Ablösung von Mainframes durch Personal Computer der Fall war. Die Cloud ist keine bloße IT-Infrastruktur, sondern mehr und mehr die Basis fürs Business schlechthin: vernetzte Fahrzeuge bilden ein Ökosystem, in dem neue Services und Produkte florieren. Nur unter der Cloud kann der Wandel vom Kreditinstitut zur „Every-Day / Every-Pay“ Bank gelingen. Nur durch die Plattform-Ökonomie vollziehen sich die disruptiven Veränderungen in den Geschäftsmodellen – egal, ob im weltweiten Handelsgeschäft, in der unternehmensübergreifenden Wertschöpfungskette, im Smart Home oder in der Smart City. Selbst das Gesundheitswesen und die öffentliche Hand sind im Begriff, sich zu cloud-basierten Plattform-Modellen zu wandeln, in denen der Patient und der Bürger im Mittelpunkt stehen.

Das jüngste Beispiel für diese fundamentale digitale Transformation kommt aus der Versicherungswirtschaft. Die Allianz, immerhin Europas größter Versicherer, hat beschlossen, die eigene Software zur Risikoanalyse auch Wettbewerbern zur Verfügung zu stellen. Dazu soll die Software, die nach Schätzungen über die Jahre hinweg ein dreistelliges Millioneninvestment darstellt, als Open Source auf der Azure-Plattform bereitstehen, wie Microsofts Direktor für das Cloud-Business, Oliver Gürtler, berichtet. Die Allianz hat erkannt, dass nur so die Software mit dem Tempo der technologischen Entwicklung Schritt halten kann. Die Allianz – ohnehin einer der größten Arbeitgeber für Software-Entwickler – entpuppt sich damit ganz offiziell als Softwarehaus.

In der Tat wird die Plattform-Ökonomie durch Software angetrieben. Egal, ob Handelsunternehmen, Autobauer, Logistikdienstleister oder Banken – das Differenzierungspotential der Zukunft liegt in der Software, in die die cloud-basierten Geschäftsprozesse gegossen werden. So gesehen, ist jedes Unternehmen der Plattform-Ökonomie ein Softwarehaus.

Aber was machen dann die Softwarehäuser? Sie müssen sich auf die Mechanismen der neuen Ökosysteme einstellen. Mit Migration oder Systemmanagement allein kann man vielleicht noch ein Jahrzehnt lang einen Blumentopf gewinnen. Danach geht es weniger um Technik als vielmehr um Inhalte. Wo in den Achtziger Jahren des letzten Jahrhunderts aus Unternehmensberatern Softwarehäuser wurden, werden in den Zwanziger Jahren dieses Jahrhunderts aus Softwarehäusern wieder Berater im Cloud-Business, die dabei helfen, neue Geschäftsprozesse und Geschäftsmodelle umzusetzen.

Da ist ein gigantischer Prozess im Gang, der jedes Unternehmen, jede Branche, jede Regierung und jeden Kontinent erfasst. Gartner sieht für 2026 ein weltweites Cloud-Business von mehr als 600 Milliarden Dollar – und diese Zahl dürfte sogar noch eher konservativ geschätzt sein. Zählt man die Inhalte und Werte mit, die über die Cloud-Plattformen transportiert werden, dann dürfte die Zahl um ein Vielfaches höher liegen. Das Cloud-Business ist das Business schlechthin.

Das müssen Software-Unternehmer verstehen, wenn sie ihr Unternehmen in die nächste Generation übergeben wollen. Sie brauchen völlig andere Mitarbeiter, die in Ökosystemen denken, statt sich auf die Optimierung einzelner Prozessschritte zu konzentrieren. Sie müssen Visionen über die Veränderungen der branchenweiten Marktmechanismen entwickeln und umsetzen können. Sie müssen ebenso Marketing-Experten wie Produktionsspezialisten sein. Und nicht zuletzt: sie müssen in der Lage sein, aus großen Datenmengen neue Werte der Erkenntnis schöpfen zu können. Ohne KI-Expertise ist das nicht denkbar.

Und auch die Cloud-Anbieter wie Microsoft, Amazon, Google oder die Deutsche Telekom müssen sich neu ausrichten. In dem Maße, in dem ihre Cloud-Plattformen zu Trägerinnen der Weltwirtschaft werden, übernehmen sie Verantwortung für die Sicherstellung der ökonomischen Handlungsfähigkeit. Sicherheit und Zuverlässigkeit sind die harte Währung in diesem Geschäft. Die Diskussion um die europäische Daten-Cloud Gaia-X weist bereits in diese Richtung – auch wenn weiterhin unklar ist, wie diese Vision technisch umgesetzt werden kann. Aber auch die europäische Datenschutz-Grundverordnung ist ein Meilenstein auf diesem Weg. Da ist es interessant, dass Microsoft jetzt den gerade im Werden befindlichen California Consumer Privacy Act für die gesamten Vereinigten Staaten anerkennen will. Das ist freilich außerhalb Kaliforniens kein einklagbares Versprechen – aber es weitet die Prinzipien des europäischen Datenschutzrechts auf die USA aus.

Wir werden weder Cloud-Kunden, noch Softwarehäuser, noch Cloud-Provider in zehn Jahren wiedererkennen. Sie entwickeln sich sämtlich zu Betreibern von digitalen, cloud-basierten Ökosystemen. Das einzige, was uns auf diesem Weg aufhalten kann, sind die Menschen. Denn die neue Ökonomie braucht Fachkräfte, für die es noch kaum richtige Ausbildungskonzepte gibt. Wir müssen lernen und umlernen für die Plattform-Ökonomie.

 

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *