Viva Future – Es lebe die Zukunft!

Immer wenn die Gegenwart nicht besonders hell leuchtet, wärmt uns der Blick auf die Zukunft. Nach der Befragung von rund einhundert Zukunftsforschern, deren Ergebnis jetzt vom niederländischen Softwarehaus Beech IT vorgelegt wurde, können wir uns noch vor dem Jahr 2030 auf eine IT-Zukunft freuen, in der es praktisch keine Ressourcenprobleme mehr gibt. Supercomputer werden aus Mikrochips gesteuert, die diesen Namen kaum noch verdienen, weil sie im atomaren Bereich schalten. Statt derzeit fünf Nanometer sind die Gatter dann in einem Abstand kleiner als ein Nanometer geritzt. Und dabei ist das Phänomen der Quantencomputer noch nicht einmal eingepreist.

Parallel dazu gibt es „5G Plus“ mit zehn Gigabit pro Sekunde, so dass wir die Begriffe „Ladezeiten“ oder „Download“ aus unserem Sprachschatz verlieren, weil alles und jedes quasi per Knopfdruck verfügbar sein wird. Probleme bereiten freilich die Datenmengen, die wir zu bewältigen haben. 80 Prozent der Daten werden von Sensoren und Aktoren im Internet der Dinge produziert werden. Zur Orientierung: Wir verfügen bereits heute über einen Internet-Adressraum, der jedes Sandkörnchen am Strand mit einer IP-Adresse versehen könnte. Jedes Sandkorn könnte also ein Datenlieferant sein.

Ich will ja keine Spaßbremse sein – aber die durchaus realistische Vorstellung, dass die Bundesregierung im Jahr 2030 die flächendeckende Versorgung Deutschlands mit dem Übertragungsstandard 5G als „nahezu erreicht“ verkündet, verschafft mir ein kaltes Grausen angesichts der Tatsache, dass dann die Digital Nations wie Shanghai oder Finnland, Litauen oder Israel und China oder die USA die Vision von zehn Gigabit längst in Angriff genommen haben könnten. Zukunftsvisionen sind ja sehr motivierend, aber sie demotivieren, wenn sich jetzt schon abzeichnet, dass Deutschland in dieser Technologieliga aller Voraussicht nach nicht mitspielen wird.

Da macht es Sinn, auf die Wirtschaft zu hören. Es ist durchaus erfreulich, dass Vodafone mit seiner Tochter Vantage Towers an die Börse gehen will. Das Unternehmen treibt den Bau von 5G-Funktürmen voran und könnte in den kommenden Monaten eine Marktkapitalisierung im zweistelligen Milliardenbereich erreichen. Und ebenso spannend ist es, dass Microsoft, das deutschlandweit immerhin 3,5 Millionen Kunden mit einem Partnerökosystem aus 30.000 Firmen betreut, nun das Internet revolutionieren will. Denn, wenn es die althergebrachten Paradigmen wie „Download“ und „Ladezeiten“ im Internet nicht mehr gibt und wahrhaft alle Informationen „at your fingertips“ zur Verfügung stehen, wie Microsoft schon vor 20 Jahren versprochen hat, dann brauchen wir auch neue Paradigmen für unser Handeln, unsere Methoden, unseren Sprachgebrauch – kurz: für die User-Experience – im dann eher World Wide Wealth genannten Internet.

Mit Viva hat Microsoft jetzt bewährte, neue und zukünftige Technologien zusammengefasst, um Mitarbeitern eine völlig neue Wahrnehmung des Internets, ihrer Firmen-IT und ihres Workplaces zu vermitteln – egal, ob dieser Arbeitsplatz gerade im Büro am Monitor, im Homeoffice am Notebook, in einem Fahrzeug am Tablett, in der Hand am Smartphone, direkt vor den Augen als Augmented Reality oder in einem künstlich geschaffenen Raum als Virtual Reality abgebildet wird. Die Tech-Analystin Mary Jo Foley sieht in Viva eine erste Inkarnation des „MetaOS“, dem Betriebssystem und der Benutzeroberfläche der Zukunft, an dem Microsoft angeblich arbeitet.

Viva besteht – derzeit – aus vier Komponenten.

  • Viva Connections bietet Beschäftigten über Teams einen persönlichen Einstiegspunkt in den digitalen Arbeitsplatz. Es wird möglich, Communitys beizutreten und mit ihnen zu interagieren. Die Connections-App für Teams wird im ersten Halbjahr 2021 für den Desktop verfügbar sein, eine mobile App folgt später in diesem Jahr.
  • Viva Insights: Mit dem Wandel zu hybriden Arbeitsmodellen verschwimmen die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben. Persönliche Einblicke sollen Mitarbeitenden helfen, regelmäßige Pausenzeiten wahrzunehmen, sich Fokuszeiten für konzentriertes Arbeiten einzurichten und die Beziehung zu anderen zu pflegen. Die dafür genutzten Daten sind genauso umfassend geschützt wie Informationen in E-Mails, im Kalender oder Teams Führungskräfte können Entwicklungen auf der Team- und Organisationsebene erkennen und bessere Arbeitsbedingungen schaffen.
  • Viva Learning schafft einen zentralen Hub für das Lernen mit künstlicher Intelligenz. So soll eine Lernkultur entstehen, die Weiterbildung zu einem selbstverständlichen Teil des täglichen Arbeitens werden lässt. Die Viva Learning-App ist ab sofort in der privaten Vorschau verfügbar und wird im Laufe des Jahres eingeführt. Zudem wird eine Integration mit führenden Lernmanagementsystemen wie Cornerstone OnDemand, Saba und SAP SuccessFactors angeboten.
  • Viva Topics macht Wissen nutzbar, ohne aktiv danach suchen zu müssen. Es vereint künstliche Intelligenz mit menschlicher Expertise und organisiert unternehmensweite Inhalte und Fachwissen automatisch zu laufenden Projekten, Produkten, Prozessen oder Kunden. Viva Topics ist ab sofort als Add-on in Microsoft 365-Plänen für die kommerzielle Nutzung vorerst für englischsprachige Inhalte verfügbar.

Es passt zur Stoßrichtung von Viva, dass Microsoft nach der Übernahme von Skype und LinkedIn weiterhin Interesse an der Übernahme von sozialen Medien zeigt. Nachdem das Angebot, die US-Aktivitäten der chinesischen App Tiktok zu übernehmen, an den Verschwörungstheorien der damaligen Trump-Regierung scheiterten, ist jetzt Pinterest der Gegenstand des Begehrens. Allerdings wird die Bilder-App derzeit mit 50 Milliarden Dollar bewertet. Das ist mehr als so mancher DAX-Konzern auf die Waage bringt. Und es wäre auch die größte Übernahme in der Microsoft-Geschichte.

Allerdings: Was gibt es größeres als die Zukunft? Wenn Microsoft 50 Milliarden in die Hand nimmt, um eine Social-Media-Platform zu übernehmen, warum sollte dann die Bundesregierung nicht 50 Milliarden in die Hand nehmen, um endlich wieder in die erste Liga der Digitalisierung aufzusteigen. Sonst lebt die Zukunft woanders.

Von Solarwinds verweht

Die Parallelen sind kaum zu übersehen: Im Dezember 2019 breitete sich ein bis dahin unbekannter Virus in Windeseile über den Globus aus und infizierte Hunderttausende von Menschen. Unter den Folgen leiden wir noch heute – und ein Ende ist nicht in Sicht. Ein Jahr später – also im Dezember 2020 breitete sich ein bis dahin unbekannter Trojaner in Gigabit-Geschwindigkeit über die globalen Computernetze aus und befiel Zigtausende von Unternehmen und Organisationen. Unter den Folgen werden wir noch lange leiden – und diesmal ist es nicht einmal abzusehen, ob wir tatsächlich einen geeigneten Impfstoff gegen die Seuche der Cyber-Hacks haben. Im Gegenteil: Wir müssen davon ausgehen, dass der nächste Großangriff auf unser Daten-Tafelsilber schon längst (an)läuft.

Annähernd 20.000 Unternehmen und Organisationen allein in den Vereinigten Staaten sind von dem Schlupfloch betroffen, das durch ein kompromittiertes Update des Netzwerkmanagement-Anbieters Solarwinds aus Texas automatisch auf die Firmenserver eingespielt wurde. Zu den prominentesten Opfern zählen die US-amerikanische Atomwaffenbehörde, das Justizministerium, denen wohl kaum fahrlässiger Umgang mit IT-Sicherheit vorgeworfen werden kann. Ebenso wurden ausgerechnet der auf Cybersicherheit spezialisierte kalifornische Anbieter Fireeye und Microsoft attackiert, dessen Cloud-Plattform Azure inzwischen als wichtigstes Wachstumsprodukt etabliert ist und nur weiter boomen kann, wenn das Vertrauen in die Unverletzlichkeit der dort hinterlegten Daten und Anwendungen fortbesteht. Aber genau dieses Vertrauen ist nun gebrochen.

Denn auch wenn russische Geheimdienste – und nicht „nur“ kriminelle Coups zur Geldbeschaffung – hinter dem Angriff vermutet werden, ist das Vertrauen darauf, dass die weltweiten IT-Systeme überhaupt irgendwie geschützt werden können, nun vom Solarwind verweht. Das Unternehmen Solarwinds ist ja nun wirklich keine kleine Software-Klitsche mit fragwürdigem Management, sondern ein hochangesehener Systemsoftware-Lieferant, dem zahllose IT-Leiter vertrauen. Und Microsoft wird sicher nichts unversucht gelassen haben, den unerlaubten Zugriff auf die eigenen Kronjuwelen, nämlich den Sourcecode, zu verhindern. Müssen wir uns jetzt in die Augen schauen und uns eingestehen, dass Angriffe auf IT-Systeme nicht zu verteidigen sind – schon gar nicht, wenn sie als Gegenstand staatlicher Kriegsführung eingesetzt werden. Es sei denn, wir nehmen unsere IT-Systeme wieder komplett vom Netz, wo sie in einer global verzahnten Welt nutzlos bis wirkungslos wären.

Aber können wir Software-Lieferanten überhaupt noch trauen? Es gibt praktisch keine objektiven Qualitätsstandards, mit deren Hilfe wir absolut sicher sein können, dass keine ungewollten oder gewollten Hintertürchen in die Software eingebaut sind. Die Diskussion um die Beteiligung des chinesischen Lieferanten Huawei am deutschen 5G-Netz lebt jetzt wieder auf. Eine Selbstverpflichtung der Software-Lieferanten wäre ebenso wirkungslos wie die Lebensmittelampel von Julia Klöckner. Genau so ein nutzloses IT-Sicherheitskennzeichen sieht aber das im vergangenen November vom Bundesinnenminister Horst Seehofer vorgelegte IT-Sicherheitsgesetz vor.

Dabei bietet die Pharma-Industrie möglicherweise einen Ausweg – und auch das wäre eine Parallele: Wir haben uns im Corona-Jahr 2020 in Geduld fassen müssen, um den quälend langsamen Freigabeprozess für Impfstoffe über drei Ebenen klinischer Studien, dem Nachweis auf Wirksamkeit und der Sicherheit des Produktionsprozesses in aller Sorgfalt ablaufen zu lassen. Die weltweit einheitlichen Studien, Tests und Audits sind das Ergebnis eines pharmazeutischen Super-GAUs, des Contergan-Skandals im Jahr 1961. Seitdem ist das sogenannte „In-Verkehr-Bringen“ von Medikamenten streng reguliert. Wir werden nicht umhin kommen, eine solche „Soft- und Hardware-Behörde“ analog zur US-amerikanischen FDA, der mächtigen Food and Drug Administration zu etablieren. Sonst droht der globalen Informationswirtschaft eine schleichende Abschaltautomatik.

Schon warnen Industrieverbände, dass ein solches IT-Sicherheitsgesetz unnötige Bürokratiehürden aufbauen könnte und darüber hinaus die Kosten für Softwareentwicklung deutlich verteuern würde, während gleichzeitig das Entwicklungstempo gedrosselt werde. Das mag sein, aber höhere Sicherheitshürden sind unverzichtbar in einer Welt, die immer mehr auf Algorithmen aufbaut und vom Datenaustausch lebt. Solarwinds ist nicht Grünenthal – vor allem dann nicht, wenn wir nicht aus der Gefährdung lernen. Sonst wird unsere global vernetzte Welt vom Winde verweht.

SAP und die „Cloudophobie“

Wenn SAP hustet, hat der Deutsche Aktienindex Schnupfen: Neben Linde, Siemens und der Allianz hat Europas größter Softwarekonzern das größte Indexgewicht im DAX. Doch während sich die Börse nach dem Pandemie-Schock wieder aufgerappelt hat, bleibt die SAP-Aktie nach dem massiven Einbruch im vergangenen Oktober am Boden. Gekappte Gewinnerwartungen, stockende Umstrukturierung, verbummelte Cloud-Strategie – für den seit letztem April allein herrschenden Vorstandschef Christian Klein war 2020 ein miserables Jahr.

Dabei sind die Zahlen aus dem soeben abgeschlossenen Geschäftsjahr gar nicht so desaströs, wie Analysten, Anleger und Anwender befürchtet hatten: ein Umsatzrückgang um ein Prozent auf 27,34 Milliarden Euro; das um Sondereffekte bereinigte Betriebsergebnis vor Zinsen und Steuern stieg um ein Prozent auf 8,28 Milliarden Euro. Nachdem SAP im zurückliegenden Jahr die Geschäftsprognosen zweimal nach unten korrigiert hatte, sind die jetzigen Zahlen praktisch so etwas wie eine Punktlandung.

Begründet wird das schwache Abschneiden mit der Zurückhaltung der Kunden, die im Corona-Lockdown ihre IT-Budgets eingefroren haben. Tatsächlich aber haben viele ihre IT-Ausgaben ganz einfach umgewidmet und in Remote Work und Homeoffice-Ausstattung investiert, anstatt weiter millionenteure SAP-Großprojekte zu finanzieren. Deshalb gehören IT-Giganten wie Amazon oder Microsoft auch zu den Gewinnern des Jahres 2020 – und SAP eben nicht.

Denn während Amazon und Microsoft mit ihren Cloud-Strategien von Markterfolg zu Markterfolg eilen, kam Kleins Cloud-Coup im vergangenen Oktober überhaupt nicht an und bescherte den Walldorfern einen Kurseinbruch um 20 Prozent. Die US-Amerikaner haben mit Cloud und Remote Work vor allem Neukunden hinzugewinnen können, während der Umstieg von IT in Eigenregie auf IT-Services in der Cloud langsamer vonstattengeht. Ein vergleichbarer Neukunden-Effekt blieb bei den Walldorfern aber offenbar aus. Und von den 16.000 Anwenderunternehmen, die SAP-Software einsetzen, hat nicht einmal ein Fünftel den Migrationspfad in die Wolke angetreten. Und von diesen 3300 Cloud-Projekten sind erst 2000 live, wie die Anwenderorganisation DSAG ermittelt hat.

An der berühmt-berüchtigten „Cloudophobie“ – der Angst der Deutschen vor der Cloud – allein kann das nicht liegen, denn wie bei Amazon und Microsoft sind die USA auch bei SAP der wichtigste Einzelmarkt. Es liegt wohl eher daran, dass in Walldorf seit gut einem Jahrzehnt an der richtigen Cloud-Strategie herumgebosselt wird – angefangen bei der ebenso lautstarken wie missglückten Markteinführung der Cloud-Suite Business by Design, über völlig überteuerte Migrationsangebote bis zum kostenintensiven Betrieb eigener Cloud-Rechenzentren.

Jetzt soll mit dem „RISE“-Programm der Wiederaufstieg gelingen. Aufsteigen sollen vor allem die Kunden – und zwar endlich in die Wolke. Dazu will SAP Fachwissen und Werkzeuge bereitstellen – und dadurch ein bisschen mehr wie Microsoft werden. Denn Microsofts Plattform Azure ist jetzt die bevorzugte Cloud für SAP – und es ist wohl nur eine Frage der Zeit, bis Azure die ausschließliche Plattform wird. Außerdem soll Microsofts im Corona-Jahr 2020 durchgestartete Collaboration Software Teams fest mit den Unternehmenslösungen von SAP verdrahtet werden, um – wie es im SAP-Sprech heißt – völlig neue Formen der Arbeit, Zusammenarbeit und des Austauschs zu ermöglichen, die grundlegend unsere betrieblichen Abläufe verändern. Geschäftsprozessoptimierung? – das war doch mal die unangefochtene Domäne der SAP. Jetzt kaufen sich die Walldorfer für eine knappe Milliarde Euro das Berliner Startup Signavio. Deren Software ist bereits 1300mal im Einsatz, um bei Kunden wie zum Beispiel Bosch Geschäftsabläufe zu erkennen und Verbesserungsvorschläge zu unterbreiten. Treppenwitz am Rande: Ein Signavio-Gründer saß noch vor zehn Jahren bei SAP-Gründer Professor Hasso Plattner im Hörsaal.

Die Kooperation mit Microsoft ist nicht neu, doch sie geht nun tiefer und wird von SAP mit neuer Ernsthaftigkeit betrieben. Seit 2019 ist Azure die bevorzugte Cloud-Plattform. Weiter zurück geht die Zusammenarbeit rund um das Office-Paket, das ebenfalls als Cloud-Variante mit den SAP-Lösungen verbandelt ist. Dass hier Potenzial verdaddelt wurde, beweist die jetzt aufgelegte Zusammenarbeit rund um Teams – diese Collaboration Software ist eigentlich ohnehin Bestandteil von Microsoft 365. SAP hat offenbar im vergangenen Jahr den breiten Schwenk der Kunden ins Homeoffice verschlafen.

Damit das nicht wieder vorkommt, will SAP jetzt offenbar ein wenig mehr wie Microsoft sein. Das könnte durchaus ein Kulturschock werden. Aber da hat Christian Klein wohl schon vorgesorgt. Zum Jahreswechsel kam Microsofts Deutschland-Statthalterin Sabine Bendiek als oberste Personalchefin in den SAP-Vorstand. Jetzt wechselte mit Julia White die für Microsoft Azure zuständige Marketingchefin als Chief Marketing Officer in den nunmehr siebenköpfigen SAP-Vorstand. Weitere hochrangige Microsoft-Manager in den USA haben jüngst den gleichen Weg angetreten.

Man soll nichts Schlechtes dabei denken, aber der Gedanke drängt sich auf, dass Microsofts CEO Satya Nadella seine Truppen ausschickt, um SAP von innen zu erobern. Übernahmegerüchte zwischen beiden Companies hat es immer schon gegeben – in den Neunzigern sogar ernsthafte Vorgespräche. Eins lässt sich aber jetzt mit Sicherheit sagen: Der Weg der SAP-Kunden in die Cloud führt so oder so über Microsoft. Das ist vielleicht die beste Impfdosis gegen Cloudophobie.

Lockdown im Kopf

So sieht Deutschlands Gegenwart aus: Tagtäglich warten die Mitarbeiter des Robert-Koch-Instituts in Berlin darauf, dass das Faxgerät anspringt. Dann kommen die Infektionszahlen der rund 400 Gesundheitsämter herein, die die Basis des Corona-Geschehens liefern und damit indirekt auch die Grundlage für Pandemie-Maßnahmen, die durchaus ernstzunehmende Eingriffe in die Persönlichkeitsrechte der Deutschen bedeuten: Mobilitätsbeschränkungen, Gewerbeverbote, Hygienevorschriften. Zugegeben: längst nicht alle Gesundheitsämter kommunizieren noch per Fax, aber doch so viele, dass der Informationsfluss vom Testgeschehen vor Ort bis zur Pandemiebewertung in Berlin schleppend ist. Kommunikation per Fax – noch in den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts das Nonplusultra – kann nicht Deutschlands Zukunft sein.

Es ist genug darüber geschrieben worden, wie die Digitalisierung Deutschlands Wirtschaft im Lockdown am Leben erhält. Es geht nicht nur um Homeoffice und Lieferdienste – es geht auch um wiederbelebte Lieferketten, Online-Services als Ersatz für Behördengänge und Lernplattformen statt Schulbesuch. Aber nicht alles, um nicht zu sagen: kaum etwas, klappt davon wirklich reibungslos. Statt eines digitalen Rucks, der durch Deutschland gehen sollte, erleben wir allenfalls ein digitales Ruckeln.

Umgekehrt ist noch kaum etwas darüber geschrieben worden, wie die digitale Transformation – würde sie ernst genommen und vernünftig angepackt – nicht nur den Lockdown verkürzen würde, sondern auch die Zahl der Corona-Toten gesenkt haben könnte. Hätten wir unsere Gesundheitsämter personell und digital besser ausgestattet, würde der Schwellenwert der Inzidenzen nicht bei 50 liegen müssen, sondern vielleicht bei 100 liegen. Denn zur Begründung wird ja stets die Fähigkeit der Gesundheitsämter aufgeführt, allen Infektionen minutiös nachspüren zu können. Und wenn wir bei der digitalen Gesundheitsakte nicht so saumselig gewesen wären, müssten wir nicht knappes Krankenhauspersonal für die Wiederholung von Tests und Diagnosen einsetzen, zu denen die Informationen zwar vorliegen, aber eben leider analog und in einer Hausarztpraxis, die digital nicht vernetzt ist.

Der Inzidenzwert, ab dem ein Lockdown notwendig und wirksam wird, könnte auch höher als 50 sein, wenn die Corona-Warn-App nicht mit einem digitalen Mundschutz ausgestattet wäre. Ist es denn ein größerer Eingriff in die Persönlichkeitsrechte, wenn diese App persönliche Informationen und Bewegungsdaten ermitteln und zentral an eine Treuhandstelle wie zum Beispiel das Robert-Koch-Institut weiterleiten würde, als es der Lockdown mit seinen Mobilitätseinschränkungen darstellt? Aber Personenmobilität ist analog und lässt sich vermitteln, Datenmobilität hingegen ist digitales Teufelswerk. So steht es um die mentale Verfassung der Deutschen.

Hinzu kommt – und das ist womöglich der am schwersten wiegende Vorwurf an die Digital Idiots – das massive Erkenntnisdefizit, das wir nach einem kompletten Corona-Jahr immer noch zu beklagen haben. Wir wissen gar nicht genau, ob Schüler nach Schulbesuch tatsächlich die Super-Spreader sind, für die wir sie halten und womit wir Schulschließungen begründen. Aber sicher ist, dass die digitale Ausstattung praktisch aller Bildungseinrichtungen für ein Homeschooling im Lockdown ungeeignet ist.

Das Erkenntnisdefizit ist die unmittelbare Folge unseres Digitaldefizits. Wir haben einen Lockdown im Kopf. Für mehr Informationen – auch personenbezogene Informationen – müssten wir nicht unbedingt unser Gesellschaftsmodell ändern, um wie in China oder Korea mehr über unsere Wege, Kontakte und Verhaltensweisen zu erfahren. Denn während die digitale Blindheit der Corona-Warn-App immer noch damit begründet wird, eine möglichst breite Akzeptanz in der Bevölkerung zu erreichen, gehen immer mehr Nutzer hin und vertrauen intimste Biodaten über Apps ihren Versicherungen und Fitness-Partnern an – ja, sie teilen sie sogar auf Facebook. Dümmer geht’s immer.

Wir stolpern und stottern bei der digitalen Transformation, weil wir kein digitales Gesellschaftsbewusstsein, keinen digital Mindset entwickeln wollen. Besonders gut – also wegen der Umstände leider schlecht – ließ sich das in der Adventszeit beobachten, als Hunderttausende von Einzelhandelskaufleuten um ihr Weihnachtsgeschäft bangen mussten, das in vielen Fällen über die Frage von Gewinn und Verlust im Gesamtjahr entscheidet. Da wurde ein bisschen Online-Shop hier und ein bisschen Lieferservice dort als digitaler Durchbruch gefeiert. Doch damit kann man den eCommerce-Giganten von Amazon bis Zalando nicht Paroli bieten. Worauf es ankommt, ist eine digital unterstützte Customer Experience, die das digitale Einkaufserlebnis zu etwas besonderem macht. Das gelingt nicht dadurch, dass Analoges digital nachgeahmt wird, sondern dadurch, dass neue Geschäftsmodelle erkundet werden.

Nicht anders ist es bei den Soloselbständigen und Künstlern, deren Schicksal ohne Zweifel besonders hart ist. Aber das Internet mit seinen Kommunikationsplattformen bietet ihnen grundsätzlich auch eine Performance-Plattform mit Bezahlfunktionen. Vor nicht einmal 20 Jahren haben wir das World Wide Web als eine globale Plattform gefeiert, auf der jeder die Selbstvermarktung vorantreiben kann, ohne sich an Agenten, Labels, Verlage, Sender oder Mediengiganten binden zu müssen. Jetzt scheint der Lockdown im Kopf diese Freiheiten komplett zu verschütten.

Die Liste der Branchen, in denen neue digitale Geschäftsprozesse unsere Zeit im Lockdown wirtschaftlich und gesünder gestalten könnten, ist endlos. Und die Gefahr ist groß, dass der Corona-Lockdown, wenn nicht endlos, so doch zumindest noch lange andauern wird. Es lohnt sich deshalb, digital zu denken. Wir müssen diesen Lockdown im Kopf überwinden. Das gilt für Jedermann, aber ganz besonders für die Politik, die hier die Chance, unsere Zukunft zu gestalten, völlig zu übersehen scheint. Ich werde, damit diese Mahnung Gehör findet, diesen Blogbeitrag ins Kanzleramt und in die Staatskanzleien senden – sicherheitshalber per Fax.