Mein Michel, was gibst du noch her?

Ausgerechnet Anton Hofreiter! Der gelernte Biologe und Grüne Vorsitzende des Ausschusses für Angelegenheiten der Europäischen Union, der in Interviews so rüberkommt, als könne er noch nicht einmal ein Osterlamm opfern, fordert jetzt, dass die deutsche Bundesregierung schwere Waffen an die Ukraine liefert. Konkret schlägt er vor, 20 bis 30 funktionsfähige Marder-Schützenpanzer aus Bundeswehr-Beständen zu liefern und die bei Rheinmetall stehenden 70 ausgemusterten Panzer innerhalb weniger Wochen ertüchtigen, aufarbeiten und der Ukraine zur Verfügung stellen zu lassen. Ein für grüne Politiker unglaublicher Vorgang!

Ausgerechnet Frank-Walter Steinmeier! Der soeben wiedergewählte Bundespräsident, der in Interviews so wirkt, als verkünde er die frohe Botschaft zu Ostern von der Kanzel des Berliner Doms, bekommt gerade die gesamte Breitseite des ukrainischen Shitstorms wegen seiner Russlandpolitik ab, die sich zwar im Nachhinein als Fehler erwiesen haben mag, zu seiner Zeit aber durchaus die utiima ratio der deutschen Entspannungspolitik gewesen war. Das machte das deutsche Staatsoberhaupt  jetzt in der Ukraine zur unerwünschten Person. Ein im diplomatischen Gebrauch unerhörter Vorgang.

Ausgerechnet Andrij Melnyk! Der ukrainische Diplomat, der sich mehr und mehr vollkommen undiplomatisch als Waffen-Lobbyist geriert, wirkt in seinen Interviews und Tweets inzwischen so, als mache er die Deutschen und insonderheit die Sozialdemokratie für alles Unrecht, seit Jesus ans Kreuz geschlagen wurde, verantwortlich. An Sigmar Gabriel gewandt, der sich vor Steinmeier geworfen hatte, twitterte er jetzt:  „Bösartig ist vor allem Ihre und Ihrer SPD-Kumpane jahrelange Putin-freundliche Politik gewesen, die den barbarischen Vernichtungskrieg gegen den UAStaat, UANation, UAKultur, gegen UAFrauen & Kinder erst herbeigeführt hat.“ Ein unmöglicher Vorgang!

Und so drängt sich allmählich das Bild auf von einem, der in die Hand beißt, die ihn füttert. Immerhin ist die Liste deutscher Waffenlieferungen an die Ukraine schon 300 Millionen Euro schwer. Und es würde wohl nicht zur Beruhigung der Gemüter beitragen, wenn man Melnyk jetzt an seinen Besuch am Grab des NS-Kollaborateurs Stepan Bandera erinnerte, den er 2014 sehr zum Missfallen der damaligen Bundesregierung als „unseren Helden“ bezeichnet hatte.

Die Nerven liegen blank angesichts des verbrecherischen Überfalls Putins auf die Ukraine. Und diese Nervosität zieht sich inzwischen auch durch die deutsche Wirtschaft. Denn…

Ausgerechnet Rainer Dulger und Reiner Hoffmann! Der Vorsitzende des Arbeitgeberverbands BDA, Rainer Dulger, und der Vorsitzende des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB), Reiner Hoffmann, die ansonsten eher konträre Positionen vertreten, warnen in einer gemeinsamen Presseerklärung über dpa vor einem verfrühten und (für die deutsche Wirtschaft) riskanten Gasboykott. Anlass zu dieser konzertierten Aktion gab wohl die Tatsache, dass sich in der deutschen Bevölkerung allmählich eine Mehrheit für diese Maßnahme findet – obwohl niemand wirklich abschätzen könnte, wie groß der Schaden für Russland oder umgekehrt für Deutschland wäre.

Es wird höchste Zeit für Fakten:

Die Gasmillionen aus dem Westen finanzieren den russischen Krieg nicht! Putin bezahlt seine Soldaten in Rubel, die der Kreml jederzeit nachdrucken kann. Für Öl und Gas braucht Russland keine Devisen. Sicher ist aber, dass die deutsche Wirtschaft schon jetzt unter den hohen Energiekosten ächzt.

Die Sanktionen sollten eigentlich dem russischen Staat den Zugriff auf Hochtechnologie verwehren, mit der er seine Armee nachrüsten könnte. Doch einerseits findet die russische Wirtschaft nach und nach Alternativen im Land und andererseits gibt es mit China und anderen noch immer Länder, die diesen Boykott nicht nur nicht unterstützen, sondern auch für sich nützen.

Die deutschen Marder wären zwar in anderthalb Monaten lieferbar, doch ob sie auch von ukrainischen Soldaten genutzt werden können, ist eine Frage der Ausbildung, die noch einmal sechs Wochen dauern würde. Wäre eine solche Ausbildungstätigkeit – wenn nicht schon die Lieferung von schwerem Kriegsgerät – nicht als Eingreifen zu werten? Niemand könnte Putin daran hindern, dies so zu sehen und den Krieg in die Nato auszuweiten. „Deutsche Berater“ in der Ukraine – das wäre dann der ultimative „Marder-Schaden“.

Und schließlich – vom Ende her gedacht: Würden Waffenlieferungen und Gasboykott tatsächlich das Ende des Krieges beschleunigen? Wohl kaum. Es ist zu befürchten, dass ein in die Enge getriebener Putin zu immer katastrophaleren Mitteln greifen wird – aber keinesfalls zu einem Verhandlungsfrieden, bei dem er das Gesicht verliert. Auch die schlimmen Gräueltaten und Kriegsverbrechen, die die Russen an der ukrainischen Bevölkerung verüben, können so nicht verhindert werden. Der Ukraine-Krieg wird in einen Guerillakrieg übergehen. Das gilt es zu unterstützen, denn einen asynchronen Partisanenkrieg kann die stärkere Partei nicht gewinnen.

Meine Osterbotschaft lautet: Es wäre falsch, schweres Gerät zu versenden, ukrainische Soldaten an ihnen auszubilden und uns gleichzeitig selbst den Gashahn zuzudrehen. Wir müssen der Versuchung widerstehen, Kriegspartei zu werden. „Du hast Bataillone, Schwadronen, – Batterien, Maschinengewehr, – du hast auch die größten Kanonen… – Mein Michel, was willst du noch mehr?“ lautet ein deutsches Antikriegslied, das Kurt Tucholsky zugeschrieben wird. Diese Frage wird heute durch ein 100 Milliarden Euro großes Sondervermögen beantwortet. Die Stimmung kippt allmählich gefährlich zugunsten der Waffenexporteure und Säbelrassler, denen das Bisherige nicht genügt: „Mein Michel, was gibst du noch her?“

PS: Ich bin am 9. Mai 1945 geboren – in der ersten Stunde des Friedens.

PPS: Dies ist kein russlandfreundlicher Beitrag. Ich bitte also von Zuschriften aus den Reihen der Querdenker und Russlandversteher abzusehen.

Unzufrieden mit den „Bazooka Boys“

Gegen die Pandemie-Folgen hatte der damalige Bundesfinanzminister Olaf Scholz die – wie er es selbst nannte – „Bazooka“ herausgeholt. Wer im ersten Lockdown 2020 als kleines Unternehmen oder Selbstständiger Liquiditätsengpässe hatte, sollte mit bis zu 15.000 Euro vom Bund schnell Hilfe bekommen. Die Soforthilfe verzögerte sich allerdings im Dschungel der Bürokratie und hat jetzt – da viele Empfänger ihre Hilfe nun zurückzahlen sollen – einen üblen Nachgeschmack.

Seitdem hat es eine Reihe weiterer Bazookas gegeben: Allen voran die „Bundeswehr-Bazooka“, mit der das deutsche Militär eher ausgerüstet als aufgerüstet werden soll. Von warmer Unterwäsche bis zu waffenfähigen Drohnen ist die Bestellliste umfangreich. Gleichzeitig soll eine Reform des Bestellwesens sicherstellen, dass neues Gerät nicht nur zeitnah eingekauft werden kann, sondern Gelder nicht in den Mühlen der Bürokratie des Bundeswehrbeschaffungsamtes in Koblenz versickern. Und inwieweit die ausgelobten 100 Milliarden Euro der „Bundeswehr-Bazooka“ zusätzlich zu den Rüstungsaufwendungen von mindestens zwei Prozent des deutschen Bruttoinlandsprodukts gesehen werden oder doch in ihnen aufgehen, bleibt im nebulösen Politsprech verborgen.

Kurz darauf sollte mit dem Energiekosten-Entlastungspaket die nächste Bazooka gezündet werden, die vor allem privaten Verbrauchern finanziell unter die Arme greifen soll. Zu den Maßnahmen gehören neben der einmaligen Energiepauschale von 300 Euro ein verbilligtes ÖPNV-Ticket, weitere 2100 Euro pro Kind für Familien und weitere Einmalzahlungen für „Empfangende von Sozialleistungen“, wie es gendergerecht im Bundesfinanzministerium heißt. Der Nachteil: bisher sind diese Entlastungen noch nicht auf den Weg gebracht.

Auch die Bazooka namens Steuerentlastungsgesetz 2022 wirkt erst später – auch wenn das Gesetz rückwirkend ab dem 1. Januar gilt und den Arbeitnehmerpauschbetrag auf 20 Prozent auf 1200 Euro sowie den Grundfreibetrag auf 10347 Euro anhebt, während die Entfernungspauschale ab dem einundzwanzigsten Kilometer auf 37 festgesetzt wird, wovon also nur Fernpendler profitieren.

In beiden Fällen fühlt sich der Mittelstand durch die Bazookas schlecht unterstützt, weil der Geldregen nicht sofort, wenn überhaupt, fließt und bei den vorgesehenen Einmalzahlungen, die über die Lohntüte ausgezahlt werden sollen, die Arbeitgeber in Vorleistung treten müssten. Deshalb ist auch bei der zuletzt gezündeten Bazooka – dem Maßnahmenpaket zur Bewältigung der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine – die Skepsis im Mittelstand groß. Denn erstens werden die Maßnahmen wohl kaum vor dem 1. Juni die Gesetzgebungsverfahren passiert haben und zweitens befürchtet der BDI, dass die Hilfsmaßnahmen an restriktive Bedingungen wie zum Beispiel Effizienzvorgaben geknüpft sein könnten. Doch wenn der Mittelstand aus dem Würgegriff zu hohen Energiekosten befreit werden soll, muss „schnell und unbürokratisch“ wie es immer wieder gebetsmühlenartig heißt, geholfen werden.

Die „Bazooka Boys“ im Bundeswirtschafts- und -finanzministerium haben zwar das „große Besteck“ herausgeholt, doch ist es zu befürchten, dass der Mittelstand nicht mehr an die Fleischtöpfe gelangen kann, weil er vorher an den Folgen von Corona, Krieg und Kostenexplosion ersticken wird. Tatsächlich hat jeder dritte mittelständische Unternehmer nach einer – allerdings vor dem Ausbruch des Ukrainekriegs durchgeführten – Studie der Wochenzeitung „Die Zeit“ schon einmal darüber nachgedacht, die eigene Firma aufzugeben. Und aktuell unzufrieden mit den von der Bundesregierung gesetzten Rahmenbedingungen ist jeder Sechste.

Umgekehrt sieht sich der Mittelstand der Studie zufolge auch mit den eigenen Leistungen durchaus selbstkritisch. Zwar sind 95 Prozent der befragten Mittelständler überzeugt, dass ihr Unternehmen großen und positiven Einfluss auf die jeweilige Region hat und 90 Prozent sehen sich als wirtschaftliches Rückgrat der Gesellschaft. Aber fast die Hälfte (genau: 45 Prozent) gesteht ein, zu langsam auf neue Trends wie zum Beispiel die Digitalisierung zu reagieren. Und zugleich sieht sich der Mittelstand als zu introvertiert: Drei Viertel (genau: 77 Prozent) nehmen sich als in gesellschaftlichen Debatten zu leise wahr. Und 21 Prozent – also etwa jeder Fünfte – erkennt auch die unmittelbaren Folgen: Sie finden, dass dem Mittelstand die angemessene gesellschaftliche Anerkennung verweigert wird.

Letzteres sollte uns zu mehr Aktivitäten in der öffentlichen Debatte anregen. Man braucht keine „Bazooka“, um sich Gehör zu verschaffen. Und ein Beitrag in den sozialen Medien ist auch nicht so teuer, als dass hier ein „Sondervermögen“ bereitgestellt werden müsste. Es reicht, seine Meinung als Mittelständler regelmäßig zu äußern, um dem ganz persönlichen Lobbyismus zu genügen. Das Rückgrat der Gesellschaft sollte sich halt nicht nur melden, wenn es schmerzt – oder man unzufrieden ist mit den „Bazooka Boys“.

Eisenhower-Method revisited

Eine böse, böse Einmischung, zugegebenermaßen – aber die Verhältnisse, die sind halt so.

Wäre es nicht so zynisch, man müsste Wladimir Putin für den Friedensnobelpreis vorschlagen. Und für einige andere Nobelpreise – für Wirtschaft und Chemie beispielsweise – auch. Denn er macht sich gerade für einige bahnbrechende Entwicklungen stark: die Einigung und Wiedererstarkung des Verteidigungsbündnisses im Nordatlantikpakt, für den beschleunigten Ausstieg aus fossilen Energieträgern, für eine globale humanitäre Hilfe gegenüber Flüchtlingen, für eine Zeitenwende, wie Bundeskanzler Olaf Scholz es nannte, ja vielleicht sogar für das Ende der ungehemmten Globalisierung.

In der Tat: es wäre zynisch. Aber vor allem deshalb, weil es zurzeit keinen unbarmherzigeren Zyniker gibt auf dieser Welt als Wladimir Putin. Es gibt andere mit entsprechendem Potential – aber mit Ausnahme des chinesischen Präsidenten Xi keinen, der auch die Mittel für diesen angewandten Zynismus hätte, durch den dieser völkerrechtswidrige Überfall auf die Ukraine überhaupt erst möglich wurde. Dieser Zynismus gipfelt in Bombardierung auf Zivilziele, in Schandtaten gegenüber der Bevölkerung, in der Zerstörung von Krankenhäusern, Geburtshäusern und Altersheimen. Dieser Zynismus wird auf dem Rücken einer unschuldigen Bevölkerung ausgetragen. Deshalb wäre es auch zynisch, Wladimir Putin für irgendwelche Auszeichnungen vorzuschlagen.

Denn es gibt kein Richtiges im Falschen, wie Theodor W. Adorno in seiner „Minima Moralia“ ausgerechnet über Asyl für Obdachlose und der allgemeinen Schwierigkeit resümierte, sich in modernen Zeiten irgendwo häuslich einrichten zu können. Adorno spekulierte darüber, ob der Mensch überhaupt noch in der Lage wäre, in einer richtigen Welt zu bestehen: „Wahrscheinlich wäre für jeden Bürger der falschen Welt eine richtige unerträglich, er wäre zu beschädigt für sie“, fürchtete er 1947. Und in den 75 Jahren seither haben wir ihm genügend Anlass gegeben, dass diese Befürchtung substanziell ist.

Und dennoch: Putin hat schon jetzt die Welt gelehrt, das Wichtige vor dem Dringenden ins Auge zu fassen. Hunderttausenden von Managementberatern ist es bislang offensichtlich nicht gelungen, diesen Führungs- und Verhaltensgrundsatz – das „Eisenhower-Prinzip“ – in den Management-Köpfen zu implementieren: Eisenhower hat sozusagen das Vier-Quadranten-Prinzip, mit dem heute die Gartner Group Technologien einschätzt, vorweggenommen: Erledige sofort, was wichtig und dringend ist, dann das, was wichtig ist, dann erst das, was dringend, aber nicht wichtig, und vergiss, was weder wichtig, noch dringend ist.

Wichtig ist zum Beispiel Nachhaltigkeit und die Senkung des CO2-Ausstoßes. Aber bislang war uns das nicht dringend genug, obwohl der jüngste UN-Bericht uns warnt, dass sich das Window of Opportunity, in dem wir noch etwas an der globalen Erwärmung ändern können, allmählich schließt. Der Ausstieg aus den fossilen Energien ist zu teuer, hieß es stets. Jetzt zeigt sich, dass der Verbleib bei fossilen Brennstoffen wegen der Abhängigkeit von Russland uns noch teurer zu stehen kommt.

Auch die Ausrüstung und Aufrüstung der Bundeswehr war stets wichtig, aber irgendwie nie dringend. Jetzt ist sie beides und wird mit einem 100 Milliarden Euro großen Sonderprogramm und somit künftig mit mindestens zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts behoben. Und irgendwo sind diese Sonderausgaben auch ein Konjunkturprogramm, das die Wirtschaft in Krisenzeiten stärken kann. Schon jetzt positioniert sich der Mittelstand als Lieferant der ersten Wahl für Wehraufgaben: „Wir können liefern, wir wollen liefern. Der Mittelstand ist innovativ. Wir brauchen uns nicht zu verstecken, auch nicht in Bezug auf zukunftsfähige Systemlösungen, Künstliche Intelligenz oder Digitalisierungsanwendungen“, erklärt beispielsweise der Vorsitzende der BVMW-Kommission Bundeswehr und Mittelstand, Ferdinand Munk.

Folglich ist auch die Digitalisierung plötzlich und unerwartet eine mittelständische Kernkompetenz, von der sogar die Bundeswehr profitieren kann. Zwar war die digitale Transformation von Wirtschaft und Privatleben immer schon wichtig – nur, dringend war sie halt nie. Jetzt ist auch das anders. Nunmehr finden sich neue Wege der gemeinsamen Wertschöpfung auch über alternative Lieferketten hinweg. Da kommen hochindividualisierte Kabelbäume von jetzt auf gleich aus Nordafrika. Es geht doch, wenn man nur will.

Wieder mehr wollen wollen – dazu hat Wladimir Putin den Westen gezwungen. Wir sind endlich in der Eisenhower-Methode wach geworden. Dass dies mit dem unsagbaren Leid der Ukrainer bezahlt werden muss, ist an sich unfassbar und zynisch. Wir sollten diese Opfer ehren, indem wir unsere Lehren daraus ziehen. Und zwar dringend, denn das ist wichtig.

SAP: RISE durch Annäherung

Nach heftiger Kritik nicht nur vom ukrainischen Präsidenten Selenskyj stellt SAP nun doch seine Cloud-Services in Russland ein – nicht aber das deutlich größere Bestandsgeschäft mit Lizenzen: die vor Ort installierten Lösungen werden auch weiterhin gewartet. „Wir halten an unserer Verpflichtung fest, die Ukraine zu unterstützen, indem wir alle Verkäufe stoppen und den Cloud-Betrieb in Russland einstellen“, hieß es dazu aus Walldorf. Das Russland-Engagement, zu dem auch Kunden wie Aeroflot und die Sberbank gehören, umfasst nach Schätzungen des Handelsblatts rund eine halbe Milliarde Euro.

Erst die Sanktionen gegen Russland machen so richtig deutlich, über welche Macht Cloud Service Provider verfügen können, wenn sie für ihre Kunden unternehmenskritische Anwendungen wie Enterprise Resource Planning in Service-Rechenzentren betreiben. Nach dem Motto: „Drehst du mir den Gashahn zu, schneide ich dein Datenkabel durch“, können Organisationen nicht nur Lieferketten unterbrechen, sondern auch wichtigste Ressourcen kappen oder verknappen.

Um nicht missverstanden zu werden: Der Schritt bei SAP war längst überfällig. Die beschlossenen Sanktionen des Westens gegen Putin haben dies unausweichlich gemacht. Das gilt ebenso für Siemens, die Deutsche Telekom, für Microsoft ebenso wie für SalesForce oder Oracle. Aber die Cloud macht solche Durchgriffe überhaupt erst möglich, während bei vor Ort – womöglich noch mit hinterlegtem Quellcode – installierter Software ein solcher Eingriff nur schwer möglich ist. (Allerdings auch nicht unmöglich.)

Nun, die Cloud ist ein Kind des Friedens und der immer engeren Verzahnung von Unternehmen auch über Staatsgrenzen hinweg. Wo Wandel durch Handel und damit Annäherung geschehen sollte, ist offensichtlich auch das Gegenteil möglich – Entfremdung durch Entkopplung. Dass dies so ist, zeigen immer wieder die wechselnden Partnerschaften, die SAP mit anderen Marktteilnehmern in Sachen Cloud Computing schließt. Vor allem im bei SAP-Kunden durchaus umstrittenen Migrationsprogramm RISE with SAP, das Anwendern den Weg von OnPremises zu OnDemand ebnen sollte, bleibt SAP auf der Suche nach dem optimalen Partner – ganz nach dem Motto: Handel durch Wandel.

Denn vor einem Jahr war Microsoft mit der Cloud-Plattform Azure der präferierte RISE-Partner für die Walldorfer. Kurz darauf wurde die zunächst groß gefeierte Zusammenarbeit im Migrations-Vertrieb sang- und klanglos eingestellt, wohl auch, weil die SAP-Kunden lieber eine Multi-Cloud-Strategie verfolgen wollen und sich nicht von einem einzigen Cloud-Anbieter abhängig machen möchten. Schließlich kam vor wenigen Wochen IBM als RISE-Begleiter zum Zuge, obwohl Big Blue den Einstieg ins Cloud-Business kräftig verschlafen hatte – wie übrigens SAP auch.

Nun soll aber wieder Microsoft im RISE-Geschäft sein. Microsoft, selbst ein großer SAP-Anwender, stellt gerade seine Installationsbasis mit Hilfe von RISE auf Azure um. Joao Couto, Microsofts Vice President SAP Business Unit, betont, dass dies die erste „RISE with SAP“-Migration eines Cloud-Anbieters sei. SAP hingegen empfiehlt seinen Kunden nun wieder, das gleiche zu tun und mit RISE auf Azure zu migrieren. Die europäische Tierfutter-Handelsorganisation Fressnapf zum Beispiel hat dies schon erfolgreich vollzogen. Und auch im Partnerumfeld von Microsoft reüssiert die Kombi aus SAP, RISE und Azure: das IT-Beratungshaus Atos hat dieses Menü jetzt ebenfalls als präferierte Lösung im Angebot.

Die Geschichte der Annäherung durch Handel zwischen Microsoft und SAP ist seit Jahrzehnten ein ewiges Hin und Her. Schon vor der Jahrhundertwende kursierten Gerüchte, das größte deutsche Softwarehaus könnte von der Gates-Company geschluckt werden. Gemeinsame Arbeiten am Workplace der Zukunft folgten. Dann kam die Cloud und SAPs zögerlicher Weg dorthin, während Microsoft sich auf Aufholjagd zu Amazon Web Services begab und mit der Azure Cloud-Plattform neuen Wachstumsschub erzielte. Jetzt profitieren beide von einer neuerlichen Annäherung: denn eine eigene globale Cloud-Infrastruktur in der Größenordnung von AWS oder Azure wird SAP kaum stemmen können. Gleichzeitig bedeuten SAP-Anwendungen in der Azure-Cloud „Heavy Load“ für Microsofts Data Centers.

Und der nächste Schritt? SAP sucht gerade mehr oder weniger spontan einen neuen Finanzvorstand, nachdem Luka Mucic, das dienstälteste Vorstandsmitglied bei SAP, überraschend seinen Hut genommen hat. Schon zweimal hat SAPs Vorstandsvorsitzender Christian Klein sein Personal-Tableau bei Microsoft rekrutiert: Microsofts Marketing-Chefin Julia White und die ehemalige Deutschland-Chefin Sabine Bendiek haben den Sprung nach Walldorf schon gewagt. Geht jetzt wieder jemand auf die RISE?