Das I Ging des CIO

In Zeiten der cloudianischen Wende ist es für den Chief Information Officer immer mal wieder sinnvoll, das Buch der Wandlungen, das I Ging, zu Rate zu ziehen. Die 64 Hexagramme, die zum Teil eine frappierende Ähnlichkeit mit dem IBM-Logo aufweisen, geben dem IT-Manager wertvolle Empfehlungen für die nächsten Schritte ins Cloud Computing. Schauen wir doch mal rein…

Schon das erste Hexagramm – eine Kombinationen aus drei Symbolen für Luft – weist den Weg in die Cloud: „Das Schöpferische“ erkennen mehr und mehr CIOs in der Beschäftigung mit der wolkenbasierten IT-Infrastruktur. Vor allem sehen sie, wie Befragungen von Capgemini und IDC im ersten Quartal dieses Jahres zeigen, eine Herausforderung im schöpferischen Umgang der Fachabteilungen mit den Nutzungsmöglichkeiten der Cloud auf sich zukommen. Gerade die Chance, individuelle Anforderungen der Anwender durch Service-Angebote Dritter ad-hoc bedienen zu können, stellt den CIO – in diesem Fall als Chief Integration Officer – vor große Aufgaben. Kein Wunder, dass sie Themen Virtualisierung und Application Integration ganz oben auf ihre To-Do-Liste gesetzt haben.

Kein Wunder aber auch, dass viele mittelständischen IT-Manager Cloud Computing nicht nur mit dem Zeichen für Luft, sondern auch mit dem für Feuer („heiße Luft“?) verbinden und deshalb Handlungsempfehlungen aus dem fünften Hexagramm des I Ging ziehen: „Warten“.

Denn angesichts der ernsten Sicherheitsbedenken, die gerade in Deutschland gegenüber der Public Cloud bestehen, schrecken doch viele IT-Verantwortliche vor der totalen Öffnung gegenüber Drittanbietern zurück. Hier bietet das 13. Hexagramm (zwei Teile Luft, ein Teil Feuer) wichtige Warnhinweise unter dem Titel „Gemeinschaft mit Anderen“. Löscht man jedoch die brandgefährlichen Datenschutzprobleme durch den Aufbau einer firmeneigenen Private Cloud, so ermuntert bereits das nächste Hexagramm den CIO – in diesem Fall als Chief Integrity Officer – mit dem „Besitz von Großem“ (ein Teil Wasser, zwei Teile Luft) zur Investition in die Cloud; allerdings nicht ohne gleich im folgenden Hexagramm auf das richtige Sizing aufmerksam zu machen: „die Bescheidenheit“.

Die ist auch durchaus angebracht, da der CIO – als Chief Investment Officer – langfristig mit eher sinkenden Budgets rechnen muss, auch wenn für das laufende Jahr immerhin zwei von fünf IT-Managern mit wieder wachsenden Etats arbeiten können. Auf lange Sicht aber heißt es, die Kostenvorteile der Private Cloud so zu nutzen, dass bei geringerem Investment mehr Innovation zustande kommt. In der Tat bietet die Cloud wahrscheinlich die einzige wirtschaftliche Systemumgebung für den  langfristig planenden Chief Infrastructure Officer, der nicht den schnellen Erfolg sucht (Achtung: heiße Luft!), sondern warten kann, bis viel Wasser (zwei Teile) durchs Rheintal (ein Teil Erde) geflossen ist. Dann nämlich winkt das 35ste Hexagramm: „der Fortschritt“.

Das kann durchaus als Befreiung (40stes Hexagramm – ebenfalls zwei Teile Wasser, ein Teil Erde) für das Zukunftsbild des CIO aufgefasst werden. Denn weniger geht es dem CIO künftig um die rein technische Umsetzung der Anforderungen aus den Fachabteilungen, sondern – sozusagen als Chief Intellectual Officer – um die Definition der strategischen Ziele des Unternehmens und der Identifikation der IT-Mittel zu ihrer Erreichung. Mehr Substanz in der inhaltlichen und intellektuellen    Auswahl von möglichst standardnahen Anwendungen soll deshalb die Private Cloud für den Chief Integration Officer bringen. Eine solche „Sammlung“ aus einem Teil Wasser (Applications), einem Teil Feuer (Big Data) und einem Teil Erde (Infrastruktur) empfiehlt das 45ste Hexagramm. Die Mehrheit der in jüngsten Umfragen zitierten CIOs sehen darin eine durchaus errgende Perspektive (51 stes Hexagramm, ebenfalls Feuer, Wasser, Erde).

So führt Cloud Computing – versehen mit der Weisheit des I Ging – zur modernen, „liquid organisation“ mit dem CIO als wahrem CEO, als Chief Enabling Officer. Aber nur, wenn er auch den letzten beiden Hexagrammen Folge leistet: er muss alles im Fluss halten (drei Teile Wasser – „Vor der Vollendung“) und für die Idee brennen (drei Teile Feuer – „Nach der Vollendung“).

Microsofts Public Private Partnership

„Have I told you lately that I love you?“, fragt Rod Stewart und erinnert uns seit dem daran, dass wir von Zeit zu Zeit eine Liebeserklärung an unseren Lebenspartner formulieren sollten. Nicht wahr, jetzt wäre es auch schon wieder mal an der Zeit – also gut, wir warten so lange mit dem Blog…

Kevin Turner, als Microsofts Chief Operating Officer sozusagen der Mann fürs Grobe, wartete jetzt auf der Worldwide Partner Conference in Los Angeles mit einer ungewöhnlichen Liebeserklärung auf – an die Wettbewerber nämlich, ohne die sich Microsoft nicht herausgefordert sähe und damit nicht immer wieder auf den Tugendpfad der Innovation geführt werde. Davon profitiert die ganze Welt in einer weltumspannenden Partnerschaft aus privaten und öffentlichen Cloud-Angeboten. Denn Microsoft ist längst nicht mehr die Firma mit den fetten Client-Angeboten, die bei Resellern in den Regalen stehen und bei Softwarepartnern das Brot-und-Butter-Geschäft der Royalties bilden: Office365 statt Office 2003, Windows 8 statt XP, Azure, Hyper-V und andere Public/Private Infrastrukturangebote für die Cloud statt Internet Explorer 6.0.

Das Liebesspiel mit dem Competitor macht den Redmondern so richtig Freude: SQL Server versus Oracle, Cloud-basiertes CRM gegen Salesforce.com, Virtualisierung mit Hyper-V statt mit VMware, lieber mit Office365 arbeiten als mit GoogleDocs. Zahlen gefällig? Fast fünf Millionen Migrationen von IBMs Lotus Notes nach Microsofts BPOS! Oder Windows Phone? Ach, warum denn immer von Zahlen reden? Man werde schon noch in die dreistelligen Millionenstückzahlen kommen. Dazu gibt es ja schließlich innovative Partner wie zum Beispiel – ähh – Nokia.

Innovative Partner? Die Liebeserklärung an die 14000 anwesenden Partner auf der WPC und an die Zigtausende Partner, die es nur durch die Cloud in den Smog von Los Angeles geschafft hatten, fiel dagegen weniger enthusiastisch aus. Microsoft will die Partnerschaft kräftig aufhübschen und mit 5,8 Milliarden Dollar im laufenden Geschäftsjahr erst einmal ordentlich ins Facelifting investieren. Fett absaugen ist gefordert: die Partner sollen ihren althergebrachten, auf fetten Client-Lizenzen beruhenden Geschäftsmodellen abschwören und endlich, endlich in der Cloud ankommen. Statt Lebensabschnittslizenzen ist künftig Life-Cycle-Management gefordert. Die Cloud sei 100-Prozent-Partner-Umsatz, rief Microsofts Big Boss Ballmer in die Runde. 

Diese Liebeserklärung kommt eher einem Ultimatum gleich. Wer seine Zukunft mit fetten Client-Lizenzen plant, ist bald genauso tot wie Office 2003. Lass uns die alten Klamotten wegschmeißen, Schatz, ab morgen gilt die public private Partnership in der Cloud. 

Aber dann wäre der Sales-Channel kein Kanal mehr, also eine Eins-zu-Eins-Verbindung zwischen Microsoft und dem Kunden, dessen Leistungsfähigkeit durch die Performance des Partners bestimmt wird, sondern ein Netzwerk, dessen Leitungs- und Leistungsfähigkeit durch die Qualität des Gemeinschaftsauftritts definiert würde. Kein Wunder, dass die Partner diese Liebesbeziehung mit Zurückhaltung aufnehmen und um ihre Claims fürchten. Das Partner-Netz als Swingerclub, in dem die Kunden in der Wolke den Partner nach Tagesform austauschen können? Da muss man als Partner schon verdammt gut sein und exklusive Dienste anbieten können! Aber sollte man das nicht sowieso?

Die nächsten Worldwide Partner Conferences werden es zeigen, ob Microsoft bei der Partnerprofilierung weiter gekommen ist. dann sollte es am Ende zu einer neuen Liebeserklärung kommen. Wir lieben die Partner, weil sie uns dazu zwingen, im Wettbewerb unter Peers immer besser zu werden.

Zwischen Wolken-Kuckucksheim und Wolken-Kukluxklan

Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich soll schreckensbleich gewesen sein – schreibt der Spiegel. Kurz vor Amtsantritt habe der Christsoziale sich bei seinen obersten Cyberfahndern über Machenschaften und Machbarkeiten beim Cybercrime informiert –  und es habe sich sozusagen ein Abgrund von WLAN-Verrat aufgetan. Die Beispiele, die Internet-Interpol auftischte, waren dem Spiegel jetzt eine Titelstory wert. Die Erkenntnis: Die Camorra wie die Cloud sind immer und überall.

Am gleichen 4. Juli war die Cloud auch der Süddeutschen Zeitung ein „Thema des Tages“ wert. Auch hier sind es die Bedrängten und Bedrohten, die das Wolken-Feature beherrschen. Der Angriff auf Sony, die Mutmaßungen über Google, die Misere der Musikindustrie – alles dient zur Illustration der Gefahren, die aus der Wolke kommen. Jeder ist irgendwie drin und deshalb ist jeder auch irgendwie dran.

Der Kukluxklan des Cloud Computings hat viele Gesichter. Unternehmer wie Mark Zuckerberg gehören nach der Vorstellung der klassischen Medien ebenso dazu wie Untergrund-Akteure wie „Karwan M.“ Beide verstoßen mit ihren Schnüffel-Algorithmen gegen legitime oder legale Grundlagen. Der eine schafft damit ein weithin anerkanntes Milliardenunternehmen, der andere ein weithin gesuchtes Netzwerk des Cybercrimes.

Die Cloud ist im Blätterwald der Nachrichtenmagazine, Tageszeitungen und Illustrierten angekommen. Eine größere gesellschaftliche Anerkennung kann ihr kaum zuteilwerden. Freilich, in den Wirtschaftsbeilagen der Blätter war die Cloud schon seit Jahren Thema – jetzt aber, im „Jahr Drei“ der Cloud-Ära hat sie es in die Publikums-Publikationen geschafft. Zwar werden die Mechanismen der Wolke mit Musik, Bildern und anderen Up-and-Down-Loadables  erklärt, aber das Prinzip des weltweiten Server-Service spricht sich allmählich bis in das letzte Wolkenkuckucksheim herum. Es fehlt nicht mehr viel, und die Wolke wird vom Magazin Time zum „Man of the Year“ gekürt – eine Auszeichnung, die vor einem Vierteljahrhundert bereits der Personal Computer erreichte. Doch der wird jetzt entmachtet: PC – das steht künftig für Personal Cloud.

Aber bleiben wir noch ein wenig bei der Rezeptionsgeschichte der Cloud. Zu den frühesten Förderern des Cloud-Computings gehören in Deutschland die Online-Ausgaben von Spiegel, FAZ, Süddeutsche oder Stern. Sie haben schon 2009 das Thema im doppelten Sinn für sich entdeckt: Als Special-Interest-Topic einerseits; als Infrastruktur für die eigene Leser-Plattform-Bindung andererseits. Heute werben die großen Nachrichten-Portale mit den Vorteilen der Cloud: Aktuelle Nachrichten, soziale Netzwerke, persönliche Seiten – alles aus der Wolke für das Endgerät der Wahl.

Die Sendung mit der Cloud hat den Nachrichten-Portalen in den letzten Jahren gute Quote gebracht. Jetzt wird mit den Warnungen vor virtuellen Wolkenbrüchen ebenfalls Quote geholt. Doch der Eindruck, in der Cloud werde nur geklaut, in den Wolken gemolken, ist ungefähr so richtig wie die Warnung, dass beim Überqueren der Straße überall der Tod lauert. Vor dem Wolken-Kukluxklan kann man sich schützen, wenn man einfachste Sicherheitsvorkehrungen beachtet und den gesunden Menschenverstand nicht ausschaltet. Wer bei zweifelhaften Sonderangeboten kein Unrat wittert, ist ein Opfer – aber ebenso sehr das Opfer der eigenen Gier und Dummheit.

Die Erkenntnis, dass auch in der Wolke das Verbrechen lauert, kann einen Bundesminister erblassen lassen. Aber eigentlich gelten in der Cloud die gleichen Verstandesregeln wie in der Fußgängerzone. Man lässt seine Geldbörse nicht offen rumliegen – und sein Netbook nicht ungesichert online.

Money-Making Motivation

In den neunziger Jahren war es wichtig, jeden Firmennamen mit einer angehängten Domain als Internet-affin zu kennzeichnen – also zum Beispiel: Salesforce.com oder Buch.de. Da wusste der potentielle „Kun.de“ dann sofort, ah, Web-Angebote!

Zur Jahrtausendwende hängten wir dann ein kleines „e“ vor jeden Geschäftsvorfall, um zu zeigen, wie Web-affin wir aufgestellt sind. IBM prägte das eBusiness, dann kamen aber gleich der eCommerce, die eLogistics und natürlich das eLearning. Auf den Durchbruch von letzterem warten wir allerdings noch heute und vielleicht bis in alle eWigkeit.

Jetzt ist es nicht falsch, alles und jedes mit aaS zu versehen, um neues Leben in altes Fleisch zu hauchen. Also Software aaS, Infrastructure aaS und nicht zuletzt Platform aaS. „As a Service“ markiert die Angebote als „onDemand“, als virtualisiert, als dynamisch konfigurierbar, kurz: als Cloud 2.0.

Jede dieser Namensgebungs-Wellen war nicht einfach nur ein Relaunch der gleichen Idee, sondern stellt einen Quantensprung in der Entwicklung einer Infrastruktur dar, über die Unternehmen, Organisationen, Konsumenten und mehr und mehr soziale Gruppierungen miteinander kommunizieren. Jede Welle brachte es aber auch mit sich, dass sich die Anbieter für diese Infrastrukturen neu aufstellten, Wettbewerbspositionen verschoben wurden und nicht zuletzt neue Konstellationen und Kooperationen eingingen.

Aber wohl noch nie türmten sich am Horizont derartige Gewitterwolken auf wie jetzt, wo wir uns mit Hybrid-Clouds beschäftigen, mit Misch-Konzepten aus OnDemand und OnPremise, aus Service und Solution, aus Kaufen und Mieten: Selbst die als unsinkbar geltenden Dickschiffe des World Wide Wave Surfings kommen ins Trudeln. Google erkennt, dass sie Facebook unterschätzt haben. Microsoft sieht ein, dass ihre Fat Clients eine Schlankheitskur starten. SAP kämpft um die Marktanerkennung für ihre Mietsoftware. Und HP und Oracle geraten über die Plattformfrage so hart aneinander, dass die Frage, ob Oracle-Datenbanken weiterhin auf Itanium-Prozessoren laufen, vor dem Kadi enden wird.

Es klingt wie eine Diskussion aus dem Jurassic Park der Computer-Ära, als proprietäre Rechner-Dinos noch die Welt beherrschten und untereinander so kompatibel waren wie europäische Hochgeschwindigkeitszüge. Nichts passte zusammen – und die Plattformen waren so abgeschottet wie Fort Knox.

Abgeschottete Plattformen – darum geht’s in der frühen Phase des Platform as a Service. Und nichts ist bei der Suche nach einem möglichst großen OnDemand-Biotop derzeit gefährlicher als eine Symbiose auf einer gemeinsamen Kundenbasis. Mehr als 100.000 Kunden haben HP (Server) und Oracle (Datenbanken) gemeinsam – und beide wollen die Kunden in ihre eigenen Cloud-Lager ziehen. SAP hat die Gefahr, in der HP jetzt steckt, wohl schon früher erkannt, und sich aus dem Klammergriff der Oracle-Datenbanken zu befreien versucht. Doch soll mit Microsofts SQL-Server und IBMs DB2 nicht der Regenguss durch die Traufe ersetzt werden, vielmehr soll die eigene In-Memory-Technologie die Kunden auf die SAP-Plattform fesseln.

Apple, Amazon, Google, IBM und Microsoft verfolgen derzeit ebenfalls klare Sammlungsbewegungen in Richtung eigener Plattformangebote. Das Motiv: Money-Making durch proprietäre Plattformen. Der Kunde hat die Freiheit der Wahl – aber möglichst nur ein Mal.