Mythos Jobmotor

Der technologische Wandel ist der entscheidende Einflussfaktor im Arbeitsmarkt. Dieses Mantra geht seit Jahrzehnten um in den Studien zu Themen der Automatisierung und Digitalisierung. Je nach Ausrichtung der Studie geht die Tendenz dabei entweder in Richtung potenziellen Arbeitsplatzabbaus oder in die Erwartung auf eine zunehmende Zahl von Arbeitsplätzen.

Nichts scheint ferner von der Wirklichkeit zu sein, folgt man der aufwändigen Studie des Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung (ZEW), der eine intensive Betriebsbefragung zugrunde liegt. Danach hat die Phase der Computerisierung in deutschen Betrieben zwischen 1995 und 2011 zu einem Gesamtbeschäftigtenzuwachs von gerade einmal 0,18 Prozent pro Jahr geführt. Gemessen am tatsächlichen Zuwachs der Beschäftigtenzahl in diesem Zeitraum von 8,5 Prozent sind die Auswirkungen also gesamtwirtschaftlich betrachtet geradezu bedeutungslos.

Auch der aktuelle technologiebedingte Zuwachs an Beschäftigten, der durch Investitionen in Digitalisierung und Industrie 4.0-Technologien beeinflusst wird, ist mit etwa einem Prozent Zunahme pro Jahr eher gering. Dabei geht die Studie davon aus, dass sich die Unternehmen und Organisationen derzeit gerade in einer Investitionsphase befinden, in der zusätzliche Fachkräfte zur Einführung neuer Technologien benötigt werden, ehe sich Rationalisierungseffekte bemerkbar machen können.

Die Studie steht also in einem krassen Gegensatz zu den Marktanalysen, die die Digitalisierung als Ursache für einen massiven Arbeitsplatzverlust ansehen. Tatsächlich halten sich der Abbau von und die Schaffung neuer Stellen ungefähr die Waage. Einen der Gründe sehen die Studien-Autoren in den Analysen der vorangegangenen Technologiesprünge, bei denen sich zwar die Tätigkeitsbereiche der Mitarbeiter gewandelt haben, die Arbeitsplätze an sich aber erhalten blieben. So hat die erste Technologiewelle aus nicht IT-gestützten Maschinen, die den Menschen lediglich bei der Arbeit unterstützen, zwar viele manuelle Routinearbeiten verändert, nicht aber den Arbeitsplatz selbst. Eine weitere Veränderung entstand durch IT-gestützte, indirekt gesteuerte Maschinen, die einen Großteil der Arbeit übernehmen, während der Mensch nur noch indirekt tätig ist. Erst die sogenannten 4.0-Technologien führen zu selbststeuernden Maschinen und Analyseverfahren, bei denen die Arbeitsprozesse weitgehend selbständig und automatisch erfolgen.

Während aber nach ZEW-Einschätzung die Auswirkungen auf die Gesamtbeschäftigung nahezu folgenlos bleiben, ist die individuelle Strukturveränderung im einzelnen Betrieb substanziell. Wer sich also einem Technologiewandel verweigert, verliert an Marktbedeutung. Gleichzeitig entwickeln sich die Tätigkeiten im Unternehmen zu qualitativ immer höherwertigen Aufgaben. Das führt laut ZEW auch dazu, dass die Besoldungs-Schere in den Unternehmen immer weiter aufgeht: von manuellen Routinearbeiten über analytische Routinearbeiten in den untersten Besoldungsstufen bis hin zu analytischen adhoc-Aufgaben mit hohem Individualisierungsgrad. Schöner kann man den Fachkräftemangel in Deutschland nicht beschreiben.

Bei diesem Strukturwandel geht auch die Schere zwischen Nachzüglern und Vorreitern der Digitalisierung immer weiter auseinander. Das ZEW beobachtet hier eine Zwei-Klassen-Wirtschaft, in der die digitalen Vorreiter in der Summe fast doppelt so viele Beschäftigte haben und ein Vielfaches an Umsatz generieren. Sie sehen und nutzen die Chancen der Digitalisierung, während die Nachzügler vor allem Herausforderungen sehen. Vor ihnen zurückzuschrecken, wäre jedoch die falsche Entscheidung.

Leider bietet die Studie bei ihren Politikempfehlungen wenig Neues: Technologieeinsatz vorantreiben, Fachkräftemangel ausgleichen und Mobilität fördern sind die drei Schutzheiligen eines digitalen Wirtschaftsstandorts Deutschland. Diese Aufgaben liegen seit Jahr und Tag auf den Schreibtischen der Bundesregierung. Sie sollten jetzt mit der im Kanzleramt geschaffenen zentralen Verantwortung fürs Digitale auch konsequent umgesetzt werden.

Die Studien-Autoren sind selbst verhalten optimistisch, was die Perspektiven für Deutschland angeht. Ihr Fazit lautet (Zitat): „Wenn es gelingt, neue Technologien in der Breite der deutschen Betriebslandschaft zu fördern, auch indem gefragte Fachkräfte verstärkt ausgebildet und Arbeitskräfte gezielt weitergebildet werden, sprechen die Ergebnisse dieser Studie dafür, dass die neuen technologischen Entwicklungen zu einem Zuwachs an Beschäftigung und Wohlstand für einen großen Teil der Gesellschaft führen können.“

Der Mythos Jobmotor hat aber auch seine dunkle Seite, wie die Autoren ein wenig achselzuckend hinzufügen (Zitat): „Für diejenigen, die auch trotz entsprechender Angebote nicht in die Lage versetzt werden können, in einem sich wandelnden Arbeitsmarkt eine Beschäftigung zu finden, sind darüber hinaus sozialpolitische Maßnahmen notwendig und sinnvoll.“

 

Cloud ist nicht Cloud

In der galaktischen Enzyklopädie „The Hitchhiker´s Guide to the Galaxy“ steht der lebenskluge Rat: „Traue keinem Wesen, von dem du nicht weißt, womit es denkt…“

Gut, also gilt es auf der Erde – immerhin ein Teil dieser Galaxie – zu fragen: Womit denken Alexa, Cortana oder Siri? Wo denkt sich Amazon unsere Kaufempfehlungen aus? Was denkt das Google-Auto, wenn es abbiegt? Wer trifft wo die Entscheidungen im Internet der Dinge?

Zugegeben, Dinge sind keine Wesen. Sie werden durch künstliche Intelligenz zwar vielleicht wesenhaft – aber das ist auch alles. Wo und womit sie kalkulieren und wer die Algorithmen dafür bereitstellt – diese Fragen gewinnen von Tag zu Tag an Bedeutung. Um das zu verstehen, bedarf es offensichtlich erst eines Großskandals wie den um die massenhafte Ausspähung von Facebook-Accounts durch Cambridge Analytica und der mutmaßlichen Weiterverwertung der Beute für die Präsidentenwahl in den USA und das Brexit-Referendum in Großbritannien.

Denn künstliche Intelligenz ist als „Gott der kleinen Dinge“ offensichtlich so unterschwellig, dass sie von ihren Nutzern gar nicht als solche wahrgenommen wird. Nicht einmal jeder sechste Deutsche will laut einer jetzt veröffentlichten Studie bemerkt haben, im letzten Jahr mit künstlicher Intelligenz in Berührung gekommen zu sein. Allein die Verkaufszahlen der Smartphones mit ihren KI-Funktionen in der Spracherkennung und den Einkaufs-Apps bei Amazon bis Zalando weisen darauf hin, dass mehr als die Hälfte der Bevölkerung mehrfach wöchentlich KI-Erfahrungen gemacht haben müsste.

Das ist das Phänomen der zweiten Welle des Cloud Computings: Wir greifen über benutzerfreundliche Schnittstellen auf Funktionen zurück, deren Funktionsweise, ja sogar deren Existenz uns nicht bewusst ist. Denn die Cloud ist schon lange nicht mehr nur das externe Rechenzentrum, in das Unternehmen ihre IT auslagern, um mehr Flexibilität und weniger Kosten zu erzielen. Die zweite Welle der Cloud liefert eine Plattform für Funktionen, die wir mobil und „on the fly“ nutzen, ohne dafür die Rechenleistung mit uns herumschleppen zu müssen. Online-Shopping, Spracherkennung, (teil-)autonomes oder vernetztes Fahren, Security Features, smart Data, predictive Analytics – all das nutzen wir, ohne es uns recht bewusst zu machen. Das freundliche Application Programming Interface liefert uns den Service frei Haus.

Das ist so gut und so schlecht wie die Absichten, die damit verfolgt werden. Deshalb baut die zweite Welle des Cloud Computings immer stärker auf die wichtigste Währung im Internet, mit der sich nicht über Blockchain spekulieren lässt: Vertrauen. Es geht nicht mehr um die Frage, wem man Anwendungen und Daten anvertraut. Es geht inzwischen um die Frage, wem man (Vor-) Entscheidungen anvertrauen möchte.

Für Unternehmen und Organisationen wird es somit immer wichtiger, diese zweite Welle des Cloud Computings für sich zu nutzen. Denn Cloud-Services mit künstlicher Intelligenz bieten nicht nur mehr Kundenkomfort, sie binden durch eine positive Customer Experience ihre Kunden immer stärker an die Plattform, der sie sich anvertraut haben. Für Markenanbieter wird das zu einem wettbewerbsentscheidenden Imagefaktor. Die „Freude am Fahren“ oder der „Vorsprung durch Technik“ wird nicht mehr durch die Motorleistung des Fahrzeugs erfahrbar, sondern durch die Serviceleistungen des vernetzten Automobils. Die Eigenschaften eines Haushaltsgeräts definieren sich nicht mehr aus seiner Hardware, sondern aus der Plattform heraus, vom dem es seine Software-Updates bezieht. Und der Online-Einkauf bei der Modemarke des Vertrauens definiert sich nicht mehr ausschließlich über Produkt und Preis, sondern über die Customer Experience.

Doch schon erscheint die dritte Cloud-Welle am KI-Horizont. Durch sie werden die Services nicht mehr nur den Kunden zur Verfügung gestellt, sondern den Dingen selbst, die untereinander vernetzt sind, Daten austauschen und koordiniert agieren. Fahrzeuge teilen sich Störungen im Verkehrsablauf mit, Lieferdienste optimieren die letzte Meile, Maschinen verzahnen die Wertschöpfungskette.

Unternehmen und Organisationen sollten ihre Digitalstrategie möglichst schnell auf diese zweite und dritte Welle des Cloud Computings ausrichten und dabei sich selbst und den Kunden in den Mittelpunkt stellen. Sonst weiß man bald wirklich nicht mehr, womit das Ding da draußen denkt…

 

 

Digitale Dummies

Jetzt werden wir sie also bekommen, die Wiederauflage einer Großen Koalition, die wir aus Respekt und als Vorleistung des Vertrauens nun auch wieder Große Koalition nennen wollen – und nicht abschätzig GroKo. GroKo eignet sich fürs Kabarett. Wir aber erwarten vom Kabinett Großes.
Wiederauflage? Das wäre das Schlimmste, was Deutschland passieren könnte. Nach fast sechs Monaten Geburtswehen, erwarten wir keine Regierungsmaus, sondern einen ausgewachsenen Elefanten. Denn „elefantös“ sind die Herausforderungen, vor denen wir stehen.
Dazu gehören gesellschaftspolitische Fragen wie Flüchtlingsintegration und Zuwanderung, die Kultur der Auseinandersetzung mit Andersdenkenden, der Umgang mit Armut und mangelnder Teilhabe. Dazu gehören aber auch Fragen wie die, wie wir die Arbeit der Zukunft gestalten wollen, wie wir unsere Infrastruktur im Verkehrswesen, Bildungswesen oder Gesundheitswesen erneuern wollen. Dazu gehört die Frage, wie wir Regionen stärken und Deutschland im internationalen Konzert besser dastehen lassen wollen. Und über all dem steht die Frage, wie wir unsere digitale Welt gestalten wollen. Sie steht deshalb über allem, weil sie in allen anderen Fragen mit anklingt.
Wir haben in den vergangenen Wochen eigentlich nur über zwei Themen diskutiert: Gibt es eine Große Koalition? Und wie hält sie es mit der Digitalisierung? Die eine Frage ist beantwortet, die andere leider nicht. Vielleicht werden wir einmal bedauern, dass wir in der einen Frage die Basis befragt haben, in der anderen aber nicht…
Wenn wir den deutschen Mittelstand als Basis betrachten, dann ist die Antwort auf die Frage, wie wir unsere digitale Zukunft gestalten wollen, von Studie zu Studie unübersichtlicher. Der Hightech-Verband Bitkom attestiert dem industriellen Mittelstand nach wie vor zu viel Zurückhaltung auf dem Weg in die Digitalisierung, sieht aber umgekehrt in der mittelständischen Digitalwirtschaft den größten digitalen Treiber. Das muss kein Widerspruch sein, zeigt aber, wie facettenreich das digitale Deutschland derzeit ist: digitale Dummies hier und digitale Dynamiker dort.
Dabei ist es durchaus denkbar, dass der Mittelstand als Anwender digitaler Technologien in dem bisher Angebotenen nicht den Durchbruch wahrnimmt, für den es sich zu investieren lohnt. Denn auch ein digitalisierter Maschinenpark besteht zunächst einmal nur aus digitalen Dummies. Zwar können wir mit der Datenflut durchaus etwas anfangen, benötigen dafür aber smarte Analysefunktionen und lernende Maschinen. Insofern ist die Digitalisierung höchstens so etwas wie die notwendige Voraussetzung. Für den größtmöglichen Nutzeneffekt aber sorgen erst Systeme der künstlichen Intelligenz. Darin steckt die wahre digitale Revolution, in deren Verlauf aus digitalen Dummies clevere Kollegen entstehen.
Zwar ist der Koalitionsvertrag voll von Begriffen rund um das Wortfeld „Digitalisierung“. Bei künstlicher Intelligenz aber betritt auch diese Große Koalition erst einmal Neuland, tastet sich suchend voran. Dabei fordert die Wirtschaft gerade in diesen Themen politische „Guidance“. Wir brauchen Regeln, Richtlinien und – nicht zuletzt – Visionen.
Die Visionen aber überlassen wir – wieder einmal – den Internetkonzernen und wiederholen damit den Fehler, der uns schon bei der Diskussion um die Digitalisierung unterlaufen ist. 2018 wird das Jahr sein, in dem die großen Internet-Anbieter ihre Cloud-Plattformen durch KI-Services aufpeppen. Schon heute bezahlt man bei Google und Amazon KI-Funktionen mit nichts anderem als den Daten über das eigene Verhalten. Ende 2018 werden im Internet der Dinge für wenige Cent pro Transaktion KI-Funktionen für lernende Maschinen, Smart Data, Security-Monitoring, PredictiveAnalytics und Co-Bots zur Verfügung stehen, die aus digitalen Dummies dynamische Dienste machen. Sie werden für jedermann und für wenig Geld zur Verfügung stehen. Ob wir daraus etwas machen, oder was wir daraus machen, ist die entscheidende Frage.
Darauf hat die Große Koalition keine Antworten parat. Vielleicht hat sie dafür noch nicht einmal die nötige Sensorik, geschweige denn das Problembewusstsein. Deren nächstliegende digitale Herausforderungen buchstabieren sich nach dem ABC aus Arbeitsrecht, Breitbandausbau, Cyber-Kriminalität, Datenschutz und Elektromobilität. Alles richtig und alles wichtig: Aber wenn wir uns darauf beschränken, wird Deutschland die Heimat der digitalen Dummies bleiben. Das wäre dann die Große Koalition der kleinen Geister, also die Wiederauflage der GroKo.

Groko-Deal

Dass die Bildung einer Bundesregierung einhellig begrüßt wurde, ist in der Bundesrepublik Deutschland eher die Ausnahme. Der sozialliberalen Koalition unter Willy Brandt beispielsweise wurde offenes Misstrauen entgegen gebracht. Dem als „Birne“ verunglimpften Helmut Kohl wurde zu Beginn seiner Amtszeit nachgesagt, auch die kleinsten Probleme seien für ihn „eine Nummer zu groß“. Der rot-grünen Koalition wurde zunächst allenfalls Experimentalstatus zugebilligt.

Was sich allerdings in den vergangenen Wochen in den öffentlichen Kommentierungen abspielt, ist schlicht beispiellos und gipfelte in den Würdigungen zum Koalitionsvertrag, der „kein Dokument des Aufbruchs, sondern eine Dokumentation des Scheiterns“ sei. Ein „roter Faden der Wirtschaftsfeindlichkeit“ durchziehe das Papier, dessen Vereinbarungen „noch scheußlicher als erwartet“ ausgefallen seien. Die Liste der Sottisen ließe sich beliebig fortsetzen.

Diese Bundesregierung hat bereits verloren, ehe sie überhaupt begonnen hat. Dazu hat sie zugegebenermaßen auch selbst nach Kräften beigetragen. Nach einer Wahl, die uns den größten Bundestag aller Zeiten mit so vielen Parteien wie nie und völlig unklaren Machtverhältnissen bescherten, folgten Sondierungen, Verhandlungen, Ultimaten, Rücktritte, Rücktritte von Rücktritten und Wiederaufnahmen der Sondierungen und Verhandlungen. Außer einer Diätenerhöhung sind ein knappes halbes Jahr lang kaum substantielle Entscheidungen gefallen. Eine der reichsten Industrienationen der Welt gönnte sich eine politische Auszeit.

Dieses politisch-mentale Sabbatjahr kann sich die Wirtschaftsmacht Deutschland nur leisten, weil der Standort seit Jahren ungebrochen boomt. Allein der Export wuchs im zurückliegenden Jahr noch einmal um 6,3 Prozent auf 1,3 Billionen Euro. Und mit seiner Prognose von 2,7 Prozent Wirtschaftswachstum im laufenden Jahr geht beispielsweise Mar­tin Wans­le­ben, Haupt­ge­schäfts­füh­rer des Deut­schen Indus­trie- und Han­dels­kam­mer­tags (DIHK), sogar noch über die Erwartungen der Bundesregierung hinaus, warnt aber zugleich, dass man nicht davon ausgehen dürfe, dass das immer so weiter gehe.

Denn in der Tat ist der deutsche Boom gefährdet. Die Digitalisierungswelle ist im Begriff, wie ein Tsunami über „blühende Landschaften“ hinwegzufegen und völlig neue Verhältnisse zu hinterlassen. Deshalb ist es kritikwürdig, dass dieser Bundesregierung ausweislich ihrer Koalitionsvereinbarung jegliche digitale Vision abzugehen scheint. Ein „Recht auf schnelles Internet“ klingt vordergründig gut, ist aber so unzureichend wie alle Digitalisierungsstrategien der letzten drei, vier Bundesregierungen. Wir leisten es uns nicht nur, mit dem Breitbandausbau im europäischen Vergleich weiter zurückzufallen und nur noch mühsam überdurchschnittlich zu sein. Wir leisten es uns auch, im Gesundheitswesen, in der Entbürokratisierung, im Verkehrswesen und in der Wirtschaftspolitik ohne eine globalstrategische Vision für ein Leben in Digitalien auszukommen. Das ist grob fahrlässig.

Allerdings weist das Groko-Bashing der letzten Tage von den eigenen Versäumnissen der Wirtschaft weg. Nach einer jüngsten Umfrage des Bitkom-Verbands hinken deutsche Unternehmen beim Entwurf einer Digitalstrategie und erst recht bei ihrer Umsetzung hinterher. Die Nutzung neuester Technologien geschieht hierzulande eher widerwillig oder zögerlich. Bewährtes wird lieber bewahrt, Umwälzendes eher abgewälzt.

Es könnte also durchaus sein, dass das Ende des Booms nicht durch eine verfehlte Politik der Bundesregierung eingeleitet wird, sondern durch verpasste Innovationspotentiale in der Wirtschaft. Es reicht nicht, Bandbreiten zu fordern und gleichzeitig die Antwort auf die Frage, wofür man sie denn nutzen möchte, zu verweigern. Ein Digitalministerium würde den Standort Deutschland auf dem Weg in den digitalen Wandel nicht weiterbringen, wenn es nicht gleichzeitig zu einer „konzertierten Digitalaktion“ aus Wirtschaft und Politik kommt.

Was wir wirklich brauchen, ist ein gesellschaftlicher Konsens darüber, wie wir in einer digitalen Welt leben und arbeiten wollen. Wir müssen nicht nur neue Lebensentwürfe, sondern auch neue Geschäftsmodelle entwickeln, die uns in das digitale Jahrtausend begleiten. Eine solche „konzertierte Aktion“ zur Digitalisierung wäre wahrhaftig ein Groko-Deal, über den man keine Tränen vergießen müsste.