Wer bringt das nächste große Ding?

Eigentlich müsste sich Tim Cook genüsslich zurücklehnen. Mit insgesamt knapp zehn Millionen Dollar wurde Apples Vorstandsvorsitzender soeben fürstlich dafür belohnt, dass die iCompany sämtliche der gesteckten Ziele erreicht und ein Rekordjahr hingelegt hatte: 53,4 Milliarden Dollar Reingewinn bei 234 Milliarden Dollar Umsatz! Das ist ein Jahrhundertrekord!

Doch die Börse reagierte unwillig – der Apple-Kurs sank innerhalb von fünf Wochen um 18 Prozent und dümpelt nun um die 100 Dollar-Marke. Der Grund: die neuesten Freischaltzahlen rund ums Weihnachtsgeschäft lassen erkennen, dass sich das Interesse an iPhones verringert, nachdem auch die Verkaufszahlen für die Tablets schon zurückgegangen waren. Womit, so fragt man sich, will Apple im neuen Jahr so viel Geld verdienen, dass es zum Rekordjahr aufschließen kann?

Eine Frage, die Microsofts CEO Satya Nadella für seine Company vielleicht schon im zurückliegenden Jahr beantworten konnte. So gelang der Turnaround bei Windows, das mit der „10“ endlich wieder Kunden und Partner gleichermaßen zufriedenzustellen scheint. Selbst das totgeglaubte PC-Geschäft erlebt gegenwärtig ein zartes Revival. Hersteller wie Lenovo investieren nach eigenem Bekunden heftig in Windows 10-basierte Systeme, weil die Kundennachfrage endlich wieder steigt. Lenovo orientiert sich dabei an Produkten, die das Zeug zum nächsten Industriestandard haben: Microsofts Surface Pro 4 und Surface Book als Mittelding zwischen Tablet und Netbook. Sie bilden auch die Plattform für künftige dreidimensionale Anwendungen, die über den Virtual Reality Spezialisten Havok ins Microsoft-Portfolio kommen sollen. Da mag es verschmerzbar sein, das Microsoft im Smartphone-Segment auch mit Windows 10 keine großen Umsatzsprünge macht.

Die gemeinsame Plattform für all das ist hingegen Microsofts Cloud-Strategie, für die nicht nur direkt um große Kunden geworben wird, sondern indirekt um Partner, die mit Infrastrukturangeboten, neuen Dienstleistungen und zukünftigen Anwendungen nicht nur die Cloud beleben sollen, sondern auch das Windows-basierte Geschäft überall: zuhause, im Büro und auf dem Weg zwischen beiden. Die Börse jedenfalls dankt es – mit einem Kursplus von 18,5 Prozent im vergangenen Jahr. Und seit Nadella am Ruder Kurs hält, stieg die Microsoft-Aktie sogar um 45 Prozent!

Und IBM? Big Blue hält seinen Aktienkurs relativ stabil, weil in Armonk konsequent eigene Aktien zurückgekauft werden. Das senkt die Gefahr – so unglaublich es auch klingen mag –, dass IBM zu einem Übernahmekandidat für Apple, Google oder Amazon werden könnte. Aber warum sollte man sich eine Firma mit zu viel altgedientem Personal und Portfolio ans Bein binden? Darauf gibt es eine einfache Antwort: Watson!

Als Jeopardy-Sieger war der Künstliche Intelligenzbolzen noch eine clevere Spielerei, doch schon mit dem Einsatz als Diagnosehelfer im Medizinumfeld bewies der Watson-Computer seine Ernsthaftigkeit. Jetzt, auf der Consumer Electronics Show in Las Vegas, kündigte IBMs Vorstandsvorsitzende Ginny Rometty nicht weniger als den Beginn eines neuen Computerzeitalters an und untermauerte diesen kühnen Anspruch mit einigen schillernden Partnerschaften. So macht Watson künftig im denkenden Teil des Haushaltsroboters Pepper von Softbank Furore. Die sprachanalytische Komponente soll den kleinen Hausknecht noch besser befähigen, auf Sprachbefehle seiner Familienmitglieder zu hören. Der Sportausrüster Under Armour will mit Watson seine Fitness-Tracker aufpeppen.

Und der Retailer Whirlpool analysiert mit Watson Milliarden von Kundendaten. Für Unternehmen wie Whirlpool soll ein einfach zu bedienendes Software Development Kit zur Verfügung gestellt werden, mit denen Watson in Eigenregie auf die individuellen Anforderungen im Big Data-Segment getrimmt werden kann. Große Datenmengen, wie sie bei der Digitalisierung der Produktionswelten anfallen, sollen Watsons Spezialgebiet werden. Sechs Labors hat IBM dazu weltweit ins Leben gerufen. Dann wären auch Partnerschaften mit den großen Anbietern von Unternehmenslösungen wie SAP oder Oracle nur noch eine Frage der Zeit.

In der Ära des kognitiven Computings wird Watson auf eine Infrastruktur zurückgreifen können, die IBM in 44 Ländern der Erde etabliert hat: hochverfügbare Cloudservices aus Datencentern, die das Number Crunching von der Pike auf gelernt haben. Watson ist bestimmt eines der nächsten ganz großen Dinger. Wem auch immer IBM dann gehören mag…

 

 

Nicht anfassen!

Eine der meistbeachteten Globalweisheiten der Informationswirtschaft beruht auf einem fundamentalen Missverständnis – oder zumindest auf einem Übersetzungsfehler: Denn wann immer eine IT-Fachkraft zu einer Computerinstallation gerufen wird, schreckt er (oder sie) schulterzuckend und mit der Bemerkung zurück: „Never change a running system.“ Dann noch einmal Schulterzucken und weg aus der Gefahrenzone.

Dabei bedeutet der Satz nicht wie allgemein in der landläufigen Übersetzung kolportiert, dass man nichts ändern sollte, solange das System noch läuft. Gemeint ist wohl eher, dass man nichts ändern sollte, während das System läuft. Man wechselt ja schließlich auch nicht in voller Fahrt auf der Autobahn die Reifen. Aber man wechselt sie – zum Beispiel gerade jetzt vorm Winter – obwohl der Wagen ansonsten noch tadellos funktioniert.

Am Pariser Flughafen Orly haben jetzt die IT-Experten durch jahrelange Untätigkeit für einen allgemeinen Stillstand im Flugbetrieb und bei der Passagier-Abfertigung gesorgt. Für das ausgefallene Computersystem war so schnell keine Fachkraft aufzutreiben. Kein Wunder – die fehlerhafte Software basierte auf Windows 3.1, das vor immerhin 23 Jahren vorgestellt wurde und schon lange aus jeder Wartungs-Warteschleife verschwunden sein sollte.

Dabei sind es keineswegs immer nur die „Dümmsten Anzunehmenden User“, die DAUs, die unsere digitalisierte Welt zum Einstürzen, pardon: Abstürzen bringen. Mehr als 100 kritische Schwachstellen hat das Bundesamt für Sicherheit in der Informationstechnik (BSI) in vier der populärsten Standardpakete von Adobe, Apple und Microsoft gefunden: Adobe Flash Player, Microsofts Internet Explorer und in den Betriebssystemen Apple Mac OS X und Microsoft Windows. Die jetzt vorgelegte Schwachstellenanalyse notiert: „Die Anzahl kritischer Schwachstellen in Standard-IT-Produkten hat sich gegenüber den bereits hohen Werten in den Vorjahren im Jahr 2015 noch einmal massiv erhöht.“ Der Skandal, so finden die deutschen Sicherheitswächter, bestehe in der inzwischen äußerst schleppenden Korrekturpraxis der Softwarehäuser. Zwar werden Anwender mit Update-Paketen überhäuft – beim Schließen von Sicherheitslücken ließen sich die Anbieter jedoch zum Teil besonders viel Zeit. Oder sie handelten auch gar nicht.

Ein Umstand, der nach Ansicht von Bundesinnenminister Thomas de Maizière auch einmal zivilrechtliche Folgen haben sollte. Denn die Cyberangriffe auf Produktionssysteme und Datenbanken nehmen in Deutschland wie überall in der Welt zu. Die jahrelang unverschlossenen (aber für Anwender nicht unbedingt zu bemerkenden) Hintereingänge in den Betriebs- und Anwendungssystemen stünden inzwischen für zweistellige Millionenschäden in der Wirtschaft – Jahr für Jahr.

Nach den Vorstellungen des Bundesinnenministers könnten (oder sollten) die Anbieter mit Schadensersatzforderungen zur Verantwortung gezogen werden. Allein die Gesetzgebung um die Produkthaftung gebe genügend Hebel an die Hand, um hier erfolgreich gegen Fahrlässigkeit im Umgang mit bekannten Sicherheitslücken vorzugehen.

Eine zusätzliche Dimension bekommen Sicherheitslöcher in weit verbreiteten Standardsystemen auch mit Blick auf die Vernetzung der Produktion und der Digitalisierung der Geschäftsprozesse. Denn gerade die Angriffe, bei denen Cyber-Krieger Zugriff auf Steuerungssysteme in der Industrie zu bekommen versuchen, haben zugenommen. Je mehr aber Maschinen mit Maschinen kommunizieren, desto größer wird die Angriffsfläche.

Eigentlich, so meinen Bundesminister und BSI, müsste man ein komplett fehlerfreies, solides, auf die modernen Anforderungen einer vernetzten Maschinenwelt ausgerichtetes Basissystem entwickeln. Doch vorerst behilft man sich in der Bundesregierung mit einem neuen IT-Sicherheitsgesetz, das zumindest das Niveau für die Rahmenbedingungen für sichere Systeme anheben soll. Ansonsten gilt wohl auch hier: Never touch a running system.

 

 

Beim Download, Schulterblick!

Microsoft wird in diesen Tagen nicht müde, die millionenfachen Downloads für Windows 10 zu feiern. Wie bei einem sich selbst verstärkenden Resonanzsystem befeuern die Nachrichten über das Interesse an Windows 10 das Interesse an Windows 10. Und das ebenfalls millionenfache Feedback, das die Computergemeinde aus dem Internet zum jüngsten Microsoft-Betriebssystem erfährt, trägt ebenfalls zum Hype bei. So geht virales Marketing.

Aber genau so soll Windows 10 auch künftig – nach dem Download-Hype, nach dem Auskurieren der schier unvermeidlichen Kinderkrankheiten – auch funktionieren: ein bisschen viral. Denn man darf nicht vergessen, dass Windows 10 beides ist: ein PC-Betriebssystem und ein Cloud-orientiertes Operating System. Es nutzt Funktionen und Services aus der Cloud und merkt sich deshalb bestimmte Aktivitäten der Anwender, um besser oder zumindest zielgerichteter agieren zu können.

Nur, auf wessen Ziele ist Windows 10 eigentlich ausgerichtet? Dass Microsoft Windows 10 zum freien Download ins Web stellt, ist alles andere als Altruismus. Ein neues Produkt einfach aus Gutmenschentum ohne eine Chance auf Umsatzwachstum in den Markt zu pressen, würde jeder rationalen unternehmerischen Denkweise widersprechen. Auch ist der Download for Free keineswegs eine Verzweiflungstat, mit der Microsoft etwa versuchen könnte, verlorengegangenes Terrain wiedergutzumachen. Windows 10 ist im Download kostenfrei, weil Microsoft in der Lage ist, über die Cloud-Funktionen anderswo Geld zu verdienen. Zum Beispiel bei Online-Anzeigen, die – weil nun stärker personalisiert – künftig für Microsoft ein Umsatzwachstum von mehr als zehn Prozent in dieser Sparte bringen sollen.

Kurz gesagt: Windows 10 ist ein bisschen vergoogled. Wer etwa durch sein Surfverhalten deutlich macht, dass er glühender Anhänger des 1. FC Köln ist, wird über die integrierten Search Engines wie Bing oder die Sprachauskunft Cortana mit Fanware-Angeboten rund um die Geißbockelf versorgt und umgekehrt vom Merchandising rund um Bayern München verschont. Wer sich über Staus auf dem Weg ins Rheinenergiestadion informieren will, muss damit leben, dass Windows 10 wissen will, wo man sich gerade befindet. Was zunächst trivial klingt, könnte durchaus weiter reichende Folgen im beruflichen Umfeld haben.

Es geht wie so oft in der Cloud wieder mal um Vertrauen. Microsoft versichert in seinen Geschäftsbedingungen zur Private Policy, dass Content gesammelt, aber anonymisiert gespeichert werde. Auch die Windows-ID, über die diese Content-Ergebnisse über PC und Smartphone synchron gehalten werden, sollen unabhängig von den persönlichen Daten gespeichert werden. Aber dies kann man glauben oder auch nicht. Wenn nicht, sollte man sich die Mühe machen, die insgesamt 13 Privacy-Einstellungen Menü für Menü zu deaktivieren – und damit leben, dass Windows 10 weniger Komfort bietet. Tatsächlich aber schaut Windows 10 kaum intensiver über die Schulter als beispielsweise Android. Neu ist allenfalls, dass dieses Geschäftsgebaren nun auch für den mit dem Web verbundenen PC gilt. Aber war das nicht auch schon immer so?

Schon mehren sich die Zweifel, ob sich Windows 10 mit diesen Features überhaupt in jedem beruflichen Umfeld einsetzen lässt. Im Gesundheitswesen beispielsweise reicht es nicht, nur darauf zu vertrauen, dass die personenbezogenen Daten geschützt bleiben. In einem stark wettbewerbsorientierten Umfeld ist es eben nicht egal, dass Windows 10 den Content mitschreibt – und das auch schon, während die Worte eingetastet oder gesprochen werden. Wer Windows 10 Enterprise im Unternehmen einführen will, sollte zunächst eine Risikoanalyse machen. Aber das sollte inzwischen sowieso bei jeder cloud-basierten Einführung der Fall sein.

Microsoft späht uns nicht aus – da bin ich mir persönlich sicher. Zumindest nicht mehr, als das Google und Facebook auch tun. Wir müssen uns nur darüber im Klaren sein: Ein bisschen Schulterblick ist immer.

 

AMD–Another Microsoft Device

History, they say, never repeats itself – except, perhaps, as a farce. That really does seem to be the case. A few hundred Bonnblogs ago we wondered what IBM was going to do with its war chest of around $100 bn and whether Big Blue would be able to catapult itself back into the centre of the IT action by means of acquisitions.

Now that Microsoft has a war chest of around $100 bn the question that constantly arises is which takeovers Redmond has in mind and why they might serve to bring Microsoft back to the centre of the cloud-based IT scene. The day before yesterday Salesforce was seen as a likely candidate for a Microsoft takeover; yesterday it was the microchip manufacturer AMD.

The two companies could hardly be more different.

Salesforce with its cloud-based CRM software is undermining established providers of sales support solutions and securing important sources of revenue. Oracle, SAP and indeed Microsoft are not achieving anywhere near the same growth rates in this market segment. It is a highflyer and there is talk of astronomically high takeover prices. The latest figure to be bandied about was a fabulous $60 billion price tag.

Advanced Micro Devices in contrast supplies the Who’s Who of the IT scene with chips and thereby secures important sources of revenue for them. AMD graphics or computing chips power Apple MacBooks, Sony’s PlayStation and Microsoft’s Xbox too. Yet the industry oldtimer is nonetheless valued most cautiously. The current price tag is a mere $1.26 bn.

That is little more than one per cent of Microsoft’s war chest and, conversely, the sum that Microsoft has to pay AMD annually for its Xbox microprocessors. So Microsoft CEO Satya Nadella could hardly go wrong by acquiring AMD, especially as competitors such as Sony or Apple would then face the alternative of either allowing Microsoft to participate in their business success via AMD or building up totally new supply chains.

But did Satya Nadella not just state in his mail to Microsoft employees that it isn’t a hardware company? Did he not repeat that it is a cloud first, mobile first organisation that has enough on its plate to see its own PC business safely into the cloud? Nadella owes his well-filled war chest to the PC product business, which accounts for 40 per cent of Microsoft sales and three quarters of Microsoft profits. The challenge must then surely be to keep Microsoft’s profitability high despite lower future profit margins from the cloud. What that requires cost reductions and not cost drivers like in-house chip production.

The problem for all established companies that are preparing for the cloud is that they have grown large and fat on an inflow of dollars from the licence business, whereas companies like Salesforce, Amazon or Facebook, which have lived under the cloud from the outset, are lean and streamlined in their positioning. Their partner structure is totally different too and does not rely on the traditional cascade model in which the manufacturer, the consultant and the implementer share the licence cake.

They, in contrast, live on complex and multi-faceted relationships between platform and service, between offerings that strengthen each other and on a market presence that builds up reciprocally. They use the dynamics of the cloud rather than the statics of co-marketing. How difficult this has become for Microsoft is indicated by the latest poll of partners, 25 per cent of whom said that Microsoft was their most important supplier, but 70 per cent see Microsoft merely as an important partner among many. The old binding mechanisms no longer work.

IBM also underwent – and suffered from – this trend. After all of its acquisitions in recent years Armonk has been forced to realise that the company is still the same: IBM. Microsoft too will face the same experience, with or without Salesforce, with or without AMD. Change does not come from without and not by means of acquisitions. The transition to a flawless cloud company can only succeed from within and with products that pass on the company’s own heartbeat and that of its employees.

AMD would otherwise just be Another Microsoft Device. And that would really be money poured down the drain.