New Deal im Web

An den wirtschaftlichen Effekt des Autobahnbaus zu erinnern, ist ein riskanter Einstieg in einen Blog. Schnell ist man in der Es-war-nicht-alles-schlecht-damals-Ecke, aus der in der Regel nur der Rücktritt heraushilft. Deshalb schalten wir jetzt ganz schnell rüber zu unseren Freunden jenseits des Atlantiks und schauen noch einmal, wie das damals war, als dort die Route 66 und ihre Interstate-Töchter ausgebaut wurden…
Die legendäre Verbindung zwischen Chicago und Los Angeles entstand, als Franklin D. Roosevelt 1932 den New Deal ausrief und der großen Depression durch staatliche Infrastrukturmaßnahmen im strengen kaynesianischen Sinne entgegentrat: eine Million Straßenkilometer (und 77000 Brückenbauwerke) entstanden bis 1943 und bildeten sozusagen das Work Wide Web des nordamerikanischen Kontinents. In den Fünfziger Jahren folgte schließlich das „Web 2.0“ durch die Interstates, deren Vorbild General Eisenhower in Deutschland kennengelernt hatte.
Für Interstate und Internet gilt: Ihr wahrer wirtschaftlicher Wert bemisst sich wohl kaum daran, wie viele Menschen bei ihrer Errichtung Arbeit gefunden haben oder durch ihren Betrieb zu Reichtümern kommen. Es sind deshalb auch nicht die Umsätze der Telecom-Carrier und Internet-Firmen, die zusammengerechnet den Wert des Webs ausmachen. Der angesehene Internetanalyst Tyler Cowen kommt hier für Industrienationen wie den USA oder Deutschland auf Werte um drei Prozent des jeweiligen Bruttoinlandprodukts. Das sei viel, aber eben noch nicht gerade überwältigend. Also, sagen wir: ausbaufähig.
Aber hat er tatsächlich den wirtschaftlichen Wert ermittelt, wenn er die Umsätze der großen Web-Companies ermittelt, Gebühren und Flatrates addiert und die Volumina des Internethandels schätzt? Seine Analyse wirkt damit eher so, als habe er die Umsätze der beteiligten Bauunternehmen, der Rast- und Tankstellenbetreiber und vielleicht noch der Spediteure zusammengestellt, um daraus den wirtschaftlichen Nutzen der Autobahnen abzuleiten.
Nicht berücksichtigt beim Web-Wert sind beispielsweise so ideelle Qualitäten wie die Bedeutung, die der Teilhabe an sozialen Netzen für Privatpersonen beigemessen wird, oder die sehr realen Rationalisierungseffekte, wie sie der Informationsaustausch zwischen Unternehmen entlang der arbeitsteiligen Wertschöpfungskette eröffnen. Schlaue Leute haben den Social-Media-Asset jetzt auf 13 bis 19 Euro pro Person und Jahr geschätzt, während der Scheck für Einsparungen in der Supply Chain sicher auf 13000 bis 19000 Euro pro Jahr und Unternehmen ausgestellt werden kann. Geld, das nicht ausgegeben wird, gelangt auch nicht ins BIP – ein Grund, warum das Bruttosozialprodukt nach und nach als ungeeignet angesehen wird, die Wirtschaftskraft einer Gemeinschaft zu bewerten. Insbesondere Innovationen, die zu massiven Einsparungen führen, erfahren lediglich durch Investitionen, die zu ihrer Errichtung getãtigt werden, eine Würdigung. Deshalb hat Autobahnbau stets den Ruch der kaynesianischen Konjunkturförderung. Und deshalb wird das Internet künstlich klein gerechnet, wenn seine infrastrukturellen Konjunktureffekte rausgerechnet werden.
Das Web ist längst so alternativlos wie die Fördergelder an notleidende Banken und Länder. Ohne das Web würde die bestehende Ordnung zusammenbrechen.
Doch anders als Euros für Griechen schaffen Euros für Web-Unternehmen Neues. Die Einstufung von Kreditrisiken für Nationen durch fadenscheinige Rating-Agenturen ist deshalb fragwürdiger als die durch Börsenfantasien beflügelten Aktienwerte der großen Internet-Unternehmen. Die einen stehen für No Deal, die anderen für New Deal.

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