Abbröckelnde Fassade

Droht eine Dekade des Zerfalls?

Nadine Kammerlander, Inhaberin des Lehrstuhls Familienunternehmen an der WHU Otto Beisheim School of Management, steht durchaus im Ruf, dem Mittelstand wohlwollend gegenüberzustehen. Deshalb müssen ihre jüngsten Kommentare zur Digitalisierung im Mittelstand besonders aufschrecken: „Chinesische Besuchergruppen wundern sich oftmals, wie rückständig viele Firmen hierzulande noch sind.“

Die Mitautorin einer Studie zur Digitalisierung in Familienunternehmen sieht erhebliche Mängel bei der Umsetzung von Digitalstrategien. Dabei kommt die Studie auch zu dem Ergebnis, dass die Hälfte der 1500 befragten Firmenlenker über die Anwendungsmöglichkeiten und das Leistungspotenzial moderner Informationstechnologie zwar Bescheid weiß. Aber dennoch liegt laut Studie die Einsatzquote von wegweisenden Zukunftstechnologien wie Blockchain und künstliche Intelligenz oder für Big Data und Industrie 4.0 im einstelligen Prozentbereich. Selbst eigentlich heute schon selbstverständliche IT-Lösungen wie Cloud Computing oder Web Analytics lassen eine breite Umsetzung in den untersuchten mittelständischen Unternehmen vermissen.

Doch Nadine Kammerlander warnt vor einer Dekade des Zerfalls, wenn nicht gegengesteuert wird: „Das geht je nach Branche noch fünf oder vielleicht auch zehn Jahre gut. Dann aber ist die Wettbewerbsfähigkeit so stark gesunken, dass es sogar existenzielle Schwierigkeiten geben kann.“ Sie bestätigt damit das, was in diesen Blogbeiträgen schon seit mehr als einem Jahrzehnt beklagt wird: Der Mittelstand setzt neue Technologien immer erst ein, wenn der Schmerz einsetzt. Erst muss der Wettbewerbsdruck so stark zunehmen, dass herkömmliche Methoden nicht mehr helfen. Dann erst wird gehandelt – oftmals aber dann umso konsequenter. Allerdings: Dieses Konzept könnte im Zeitalter der Digitalisierung zum ersten Mal nicht aufgehen.

Insofern liegt die Dekade des Zerfalls nicht nur vor uns, sondern auch bereits hinter uns als Jahrzehnt der ungenutzten Chancen. Die Rückständigkeit wurde allerdings bislang übertüncht durch die lang anhaltende gute Konjunktur mit übervollen Auftragsbüchern. Bis hinein ins vergangene Jahr hieß es zumeist: Für digitale Innovationen fehlt die Zeit. Jetzt fehlt das Knowhow. Und morgen möglicherweise das Geld.

Das bestätigt eine weitere Studie, die von der staatlichen Förderbank KfW in Auftrag gegeben wurde. Danach haben vier von fünf kleinen und mittleren Unternehmen großen Bedarf an digitalen Grundkompetenzen. Und mehr als ein Drittel der Befragten kann den Bedarf an weitergehendem digitalen Knowhow nicht decken. Lediglich 30 Prozent der mittelständischen Unternehmen haben zwischen 2015 und 2017 tatsächlich ein Digitalisierungsvorhaben realisiert.

Zwar klingen die Digitalinvestitionen des Mittelstands in Höhe von 15 Milliarden Euro im Jahr 2017 auf den ersten Blick beeindruckend. Aber hochgerechnet auf drei Millionen Unternehmen wären das lediglich statistische 5000 Euro pro Firma. Selbst wenn man das Drittel der Unternehmen zugrunde legt, die ein Digitalprojekt realisiert haben wollen, liegt der Durchschnittswert der Investitionen bei wenig beeindruckenden 15.000 Euro. Es seien vor allem fehlende Digitalkompetenzen der Beschäftigten die eine schnellere digitale Transformation behindern. „Weiterbildung ist die wichtigste Lösungsstrategie, wird aber zu oft aus Kosten- und Zeitgründen unterlassen“, resümiert die KfW-Chefvolkswirtin Fritzi Köhler-Geib.

Also auch hier: erst keine Zeit, dann kein Geld. Egal, aus welcher Perspektive der Mittelstand betrachtet wird, es droht eine Dekade des Zerfalls. Einen ähnlichen Ton hatte vor zwei Wochen schon Bitkom-Präsident Achim Berg angestimmt, als er die „Digitalstrategie 2025“ einen „Last Call Germany“ nannte. Wer jetzt nicht handelt, verliert in der Tat den Anschluss. Denn nie hatte der Satz mehr Gültigkeit: Es fressen nicht die Großen die Kleinen, sondern die Schnellen die Langsamen. Die Schnellen – das wären dann diejenigen, die derzeit chinesische Besuchergruppen aussenden, um die Rückständigkeit der hiesigen Firmen zu besichtigen. Das wäre dann die bittere Logik in der Dekade des Zerfalls.

 

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