Was dürfen wir künftig noch glauben?

Vor 40 Jahren – im Dezember 1982 – kürte das US-amerikanische Time Magazine den Computer in Gestalt des IBM PCs zum „Man of the Year“. Zum ersten Mal wurde damit nicht einem Menschen (gleich: Man) der größte Einfluss auf das Weltgeschehen in den zurückliegenden zwölf Monaten zugesprochen, sondern einer Sache. – Treppenwitz am Rande: Wäre es bei der Zuwendung an natürliche Menschen geblieben, wäre es Apple-Gründer Steve Jobs geworden, der somit auf Platz Zwei landete und sich von der Kreation hat schlagen lassen müssen, zu deren Welterfolg er mit dem Mac selbst beigetragen hat.

Nur einmal noch wurde eine Sache „Man of the Year“ – 1988 war es die ausgebeutete und bedrohte Erde, die stellvertretend für das Problem der Umweltverschmutzung stand, dass sich nun – ein Vierteljahrhundert später – zu einer veritablen Klimakrise ausgeweitet hat. Wäre sie damals schon im allgemeinen Sprachgebrauch gelandet, hätte 1988 mit dem Begriff der Nachhaltigkeit eine Idee gekürt werden können. Aber in diesem Jahr ist es äußerst wahrscheinlich, dass tatsächlich einmal eine Idee zur – wie es seit 1999 gendergerecht heißt – „Person of the Year“ werden könnte: ein Algorithmus, die künstliche Intelligenz oder ganz konkret: das Sprachverarbeitungssystem ChatGPT.

Noch nie hat ein Algorithmus in so kurzer Zeit gleichzeitig für eine derartige Begeisterung und ein ebenso großes Unbehagen gesorgt wie das von dem kalifornischen Startup OpenAI entwickelte Sprachverarbeitungssystem ChatGPT. Es ist erst seit Ende November verfügbar und wird inzwischen millionenfach kostenlos von Menschen, Unternehmen und Organisationen getestet. Dabei liefert es auf nahezu jede erdenkliche Frage erstaunlich überzeugende Antworten, die das System mithilfe der Prinzipien des Machine Learnings und des Sprachenmodells GPT3 aus Myriaden von Datensätzen und Texten zieht. Es kann nicht nur kurze Antworten wie in einem Chat geben, sondern ganze Romane schreiben und versagt auch nicht vor dem Programmieren sinnvoller Algorithmen.

Da kann es nicht überraschen, dass ChatGPT auch ein zentrales Thema auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos darstellte – und damit wohl auch eine durchaus willkommene Ablenkung von den Weltfragen wie Krieg, Klima und Gerechtigkeit bot. Dabei münden KI-Algorithmen wie ChatGPT selbst in eine unlösbare Weltfrage: nämlich die, was wir noch glauben können, wenn uns Kommunikationssysteme Fiktion mit Fakten vermischen, ohne dass wir noch auf Anhieb entscheiden können, was falsch ist, was fake und was Fakt. Die Veranstalter in Davos nannten das Tool einen „Umbruch, auf den die Gesellschaft und die Industrie vorbereitet sein müssen.“ Wie man sich darauf vorbereiten kann, sagten sie aber nicht.

Parallel zu den Tagen in Davos machte denn auch gleich eine weitere KI von sich reden, die die Grenzen dessen, was zu unseren zukünftigen Gefährten oder Gefahren gehören wird, immer weiter ins Undenkbare hinausschiebt. Die Rede ist  von der im Apple Store verfügbaren KI-App „Historical Figures“, die glaubhafte, wenn auch nicht authentische Dialoge mit 20.000 historischen Personen simuliert – darunter Jesus, Adolf Hitler oder Henry Ford. Und die Süddeutsche Zeitung berichtet über einen Selbstversuch mit der App Charakter.ai, in der Jesus über einen schlechten Tag voller Selbstzweifel und Wut über den Lauf der Welt lamentiert. Dabei können die Chatbots der neuesten Generation aus wenigen Audioschnipseln Stimmen originalgetreu nachahmen und mit neuen Inhalten versehen. Die Täuschung ist damit perfekt.

Geradezu paradiesisch muten die Tage an, in denen wir uns angesichts von künstlicher Intelligenz über Ethikfragen Gedanken machten, ob ein autonomes Fahrzeug nun rechts oder links ausweichen solle – je nachdem, ob es dann einen Greis oder ein Kind gefährdet. Da schienen wir noch Herr der Lage und des Geschehens zu sein. Jetzt aber droht, nicht einmal mehr Herr der Ideen zu sein. Denn nun wird ein Grad an „Faction“ – also dem Gesinnungsmüll aus Fakten und Fiktion – erreicht, der uns eine der letzten Bastionen der informationellen Selbstbestimmung aus der Hand reißt – das nämlich, was wir glauben können.

Die Frage, was wir künftig von unseren datengestützten Systemen noch glauben dürfen und was besser nicht, reihte sich in Davos ein in die vielen anderen unlösbaren Krisenfragen. Und das ist vielleicht das, was einen Beobachter der Diskussionen in Davos am stärksten verzagen lässt: Wir häufen Unlösbares um uns auf, ohne dass wir einfache Antworten auf komplexe Fragen finden. Aber wenn wir nicht an unsere Zukunft glauben, werden wir dran glauben müssen…

PS: Übrigens dieser Blog wurde noch von einer menschlichen Person mit zehn Fingern an einer Laptop-Tastatur geschrieben wurde und von mir selbst mit meiner eigener Stimme als Sprachaufnahme gelesen wurde. Daran dürfen Sie auch weiterhin glauben.

Milliarden für ein nie dagewesenes Innovationstempo

Na bitte! Zwei der 19 Unternehmen, die auf der Elektronikmesse CES in Las Vegas letzte Woche ausgezeichnet wurden, stammen aus Deutschland. Zum einen ist dies ein deutsches Startup namens Bionic, das den „Best of Innovation“-Award für sein Exoskelett Cray X erhielt. Das System soll Menschen, die es an ihrem Körper anlegen, beim Heben schwerer Lasten unterstützen und so vor Überlastung und Verletzungen schützen. Eingesetzt werden könnte dies zum Beispiel in der Pflege, aber auch beim Einbau schwerer Bauteile im Maschinen- und Automobilbau.

Der zweite Preisträger ist bereits seit Jahren auf Innovationspreise abonniert: der  Technikkonzern Bosch. Er wurde für sein System „RideCare Companion“ ausgezeichnet, das die Sicherheit von Fahrern und Fahrgästen bei Mitfahrservices und Taxis erhöhen soll. Die Lösung besteht zum einen aus einer Außen- und einer Innenkamera. Außerdem gehört ein SOS-Knopf dazu, über den der Fahrer einen Anruf an ein Call-Center auslösen kann. Die Bosch-Notrufzentrale erhält daraufhin Zugriff auf den Live-Videostream und kann auch den Standort des Fahrzeugs ermitteln, um in Notfällen Hilfe schicken zu können.

Doch bevor das Jubeln über „Innovation made in Germany“ zu überschwänglich wird, sei darauf hingewiesen, dass allein die beiden südkoreanischen Technologiekonzerne LG und Samsung jeweils drei Innovationspreise einheimsten und damit knapp ein Drittel aller vergebenen Auszeichnungen. Und das kalifornische Unternehmen, das auf mobile Outdoor-Energielösungen spezialisiert ist, schaffte es gar allein auf vier Auszeichnungen für tragbare Solar- und Windenergiesysteme. Das ist dann gut ein Fünftel aller vergebenen Innovationspreise. Und hier, bei Klima- und Energie-Innovationen, spielt im Jahr 2023 und wohl auch weit darüber hinaus die Musik.

Denn allein wenn Deutschland seine Klimaziele einhalten will, ist ein „nie dagewesenes Innovationstempo … ohne historisches Vorbild“ notwendig, wie Klimafolgenforscher Gunnar Luderer vorrechnet. Die jetzt angeschalteten LNG-Terminals für flüssiges Gas aus Übersee stellen lediglich eine Brückentechnologie dar, während die Infrastruktur für „blauen“, mit Energie aus Gas erzeugten Wasserstoff oder „grünen“ Wasserstoff, der mit Hilfe von erneuerbaren Energiequellen erzeugt wird, überhaupt erst geschaffen werden muss. Denn die zuverlässigen Wind- und Solarquellen liegen in den großen Wüstengebieten dieser Erde – und die dortige Industrie und Transportinfrastruktur existiert noch nicht einmal ansatzweise. Der Investitions- und Innovationsbedarf liegt allerdings im zweistelligen Milliardenbereich.

Doch die großen Energieverbraucher wie Thyssen-Krupp beim Stahl und BASF bei der Chemie setzen schon heute auf diese Infrastrukturen und investieren selbst mehrere Milliarden Euro in das sogenannte Direktreduktionsverfahren, durch das die bisherigen Hochöfen und Chemieprozessoren abgeschaltet werden können. Und schon wissen auch die Automobilbauer nicht mehr ganz gewiss, ob sie tatsächlich auf das Elektroauto setzen sollen, in dem derzeit jeder die Zukunft der Energiewende sehen will, oder doch lieber auf den Wasserstoffmotor warten sollen. Der wäre dann nämlich auch das Ende für den Stromer. Wenn Wasserstoff der Energieträger der Zukunft ist, müssen Deutschlands Politik und Wirtschaft noch mehrere Jahre lang tief in die Tasche greifen.

Andere tun das längst. Die Biden-Regierung in den USA hat ein Billionen-schweres Innovationspaket auf den Weg gebracht, mit dem die Produktion von kritischen Wirtschaftsgütern wieder zurück ins Land geholt werden soll. Und das funktioniert offensichtlich bereits: Apple versucht mit Investitionen von mehreren Milliarden Dollar die eigene Fertigungstiefe wiederherzustellen und Zulieferer wie Foxconn durch eigene Produktionsstätten und eigene Patente abzulösen. Im Gegenzug investieren die Zulieferer in Standorte in den USA, um dem möglichen Exodus zuvorzukommen. Und der taiwanesische Chiplieferant TSMC, der praktisch die gesamte globale Elektro- und Automobilindustrie mit Prozessoren versorgt, plant für dieses Jahr Investitionen in Forschung und Entwicklung zwischen 32 und 36 Milliarden Dollar – mehr als der Jahresumsatz des größten europäischen Halbleiterherstellers Infineon. Dabei hat TSMC wegen des drohenden Verlusts von Apple als Kunden sogar einen Sparkurs angekündigt!

Die Dimensionen geraten aus den Fugen – und deutsche oder europäische Innovationsanstrengungen wirken dabei wie Zwergenwerk. Nirgends wird dies deutlicher als bei den Investitionen in Lösungen mit künstlicher Intelligenz, die ebenfalls 2023 ihren großen Durchbrucherfahren werden. Während sich deutsche Mittelständler hier allenfalls im Experimentierstadium befinden, greifen die großen Technologiekonzerne hier mit aller Macht zu. Allein zehn Milliarden Dollar ist Microsoft der Zugriff auf das Sprachenmodell ChatGPT, das die Basis für KI-gestützte Spracherkennung und Sprachausgabe ist, wert. Die Finanzierungsrunde des kalifornischen Startups OpenAI, das den Chatbot entwickelt hat, erreichte damit eine Größenordnung von 29 Milliarden Dollar.

An allen Fronten wird investiert und innoviert. Nichts wäre jetzt schlimmer als ein auch nur Tausend Tage währender Dornröschenschlaf. In der Tat: Deutschland braucht auch in Sachen Technologie und Innovation einen Doppel-Wumms: Milliarden für ein nie dagewesenes Innovationstempo.

Es kann nur besser werden!

Nach einer Umfrage der Unternehmensberatung Mission Mittelstand schauen zwei Drittel der mehr als 250 befragten Unternehmer kleiner und mittelgroßer Firmen positiv auf das neue Jahr. Ist das Zweckoptimismus nach dem Motto: Es kann nur besser werden?

Immerhin sieht sich jeder zehnte Top-Entscheider nicht gut aufgestellt für die Herausforderungen im soeben begonnenen Jahr. Aber, so möchte man nachfragen: NUR jeder zehnte? Mehr als die Hälfte der Befragten sieht dagegen sein oder ihr Unternehmen für die kommenden Aufgaben gut eingestellt. Das große Jammern, das noch im Herbst ertönte, scheint vorbei zu sein. Die Krise ist nicht vorüber, aber man weiß jetzt genauer wie groß die Herausforderungen tatsächlich sind. Und aus der Erkenntnis zieht der Mittelstand die Zuversicht: „Wir schaffen das“.

Dabei wurde der jahrelange Evergreen auf der Sorgenliste erstmals abgelöst. Nicht mehr der Fachkräftemangel bereitet den Entscheidern die meisten Kopfschmerzen, sondern die hohe Inflationsrate. Nun, wenn vorerst neue Einstellungen zurückgestellt werden, kann man den Mangel an qualifiziertem Personal auf dem Arbeitsmarkt schon mal übersehen. Der Inflation aber entkommt niemand – weder bei der Beschaffung der Rohstoffe, noch bei den Produktionskosten, den Löhnen und Gehältern, noch im Konsum und im Export.

Deshalb ist auch wieder Effizienz wichtiger als Wachstum. Etwa 70 Prozent der Befragten geben an, dass Handlungsbedarf bei der Verbesserung der Strukturen und Prozesse besteht. Dabei geht es vor allem um Resilienz –also der Fähigkeit, sich von Rückschlägen zu erholen und sich veränderten Rahmenbedingungen anzupassen. Wer jetzt in neue Strukturen investiert, kann sich später – bei der Erholung der gesamtwirtschaftlichen Rahmenbedingungen – schneller auf neue Wachstumschancen stürzen.

Wie intensiv der Mittelstand hier nach vorne blickt, zeigt der Stellenwert, den inzwischen Investitionen in eine nachhaltige Transformation eingenommen haben. Konkret wird da das „Forum Ökologisch-soziale Marktwirtschaft“, das zusammen mit der Bertelsmann-Stiftung eine detaillierte Untersuchung der Innovations- und Investitionsanreize im Mittelstand vorgelegt hat: Der Staat muss einen widerspruchsfreien Rahmen und effektive Anreize für die Transformation in Richtung Nachhaltigkeit setzen, wenn Energieeinsparungen und der fürsorgliche Umgang mit Rohstoffen im Mittelstand zu neuen Wachstumseffekten sorgen soll. Stattdessen setzen die heute existierenden steuerlichen Instrumente vielfach Fehlanreize und hemmen Innovationen im Bereich nachhaltiger Technologien.

Dabei gilt ein wichtiger Grundsatz mehr denn je: Wer kritische Prozesse erst hinterfragt und erneuert und dann digitalisiert, handelt stärker fokussiert als der, der veraltete Prozesse ohne Änderung digitalisiert und damit nur den Status quo für den nächsten Abschreibungszyklus manifestiert. Nach der aktuellen Umfrage des Bundesverbands der mittelständischen Wirtschaft will jeder vierte Unternehmer sogar die Investitionen gegenüber den Vorjahresausgaben erhöhen. Weitere 40 Prozent wollen die Investitionen immerhin in der gleichen Größe beibehalten.

Auch nach der BVMW-Umfrage gehören Inflation und Rezession zu den schwerwiegendsten Ursachen für Sorgenfalten. Und während die Mittelständler sich selbst gute Noten geben beim Umgang mit den Herausforderungen der multiplen Krisen, wird die Bundesregierung mit schlechten Noten abgestraft: Beinahe die Hälfte der 1400 Befragten vergibt ein „mangelhaft“ oder „ungenügend“. „Jetzt muss auch die Politik mitziehen. Das bedeutet eine konsequente Entlastung des Mittelstands bei Steuern und Abgaben und keine neuen bürokratischen Lasten. Die Bundesregierung muss 2023 zu einem Jahr des Mittelstands machen“, fordert BVMW-Chef Markus Jerger.

Es kann also nur besser werden! Oder anders ausgedrückt: es geht uns besser, aber noch lange nicht gut!

 

Mein Wort des Jahres: Resilienz

Gestern wussten wir noch nicht, was das Wort „resilient“ bedeutet, heute müssen wir es sein! Dabei geistert es schon seit einem guten halben Jahrhundert durch psychologische und soziologische Studien – meist über die erstaunliche Anpassungsfähigkeit von Kleinkindern, die sich trotz widrigster Umgebungseinflüsse zu positiv denkenden und handelnden Erwachsenen entwickeln.

Mit Blick auf die Herausforderungen während der Corona-Pandemie und erst recht im eben zu Ende gegangenen Kriegsjahr 2022 haben wir den Begriff auf Unternehmen angewandt, die sich den Krisen gegenüber anpassungsfähig und zukunftsgewandt erweisen müssen. Dabei haben viele Kommentatoren – auch in diesen Bonnblogs – wirtschaftliche Resilienz mit digitaler Transformation gleichgesetzt. Nach Studien beispielsweise des Hightech-Verbands Bitkom wird immer wieder festgestellt, dass digitale Vorreiterfirmen schneller Krisenfolgen abschütteln können als jene Betriebe, die im Analogen zurückbleiben.

Das ist nicht falsch, aber auch nicht ganz richtig. Denn tatsächlich sind es die Unternehmer und Top-Entscheider, die sich jetzt als anpassungsfähig und zukunftsgewandt erweisen müssen. Dabei gibt es viele, die schon unter den Zumutungen der Pandemie litten und jetzt angesichts von Sanktionen, Energiekrise und Inflation einfach zugeben: „ich schaffe es nicht mehr!“

Denn tatsächlich haben viele vor allem mittelständische Unternehmer im vergangenen Jahr ihre finanziellen Ressourcen aufgebraucht und stehen jetzt vor der Triage: Mitarbeiter entlassen, Produktion runterfahren oder Geschäft aufgeben. Oder sie erweisen sich als resilient und passen ihr Geschäftsmodell den neuen Herausforderungen an, eröffnen sich neue Absatzmärkte und finden alternative Energie- und Rohstoffquellen.

„Es wäre eine Illusion zu glauben, dass wir zum vorherigen Zustand zurückkehren“, mahnt stellvertretend für viele der Chefökonom der Landesbank Baden-Württemberg, Moritz Kraemer. Für ihn ist es nach Jahrzehnten des Optimierungswahns vorbei mit dem Effizienzstreben als allein maßgebliche Motivation. Viele Unternehmen haben damit begonnen, die Lagerbestände zu erhöhen, um keinen Stillstand mehr zu erleben, weil Lieferketten immer mal wieder reißen können.

Das gilt für China als Produktionsstandort ebenso wie als Wachstumsmarkt. Zwar wird das Reich der Mitte auch weiterhin wichtiger Nachfrager für Produkte aus Deutschland bleiben. Aber zum Beispiel der Verband der deutschen Maschinen- und Anlagenbauer rät seinen Mitgliedsunternehmen bereits, sich tunlichst nach anderen Regionen umzusehen – vorzugsweise in Lateinamerika, Indonesien und Ozeanien. Und nach einer Befragung der DZ-Bank unter 1000 Entscheidern in deutschen mittelständischen Unternehmen ist die Suche nach alternativen Zulieferern aus Europa, die ausfallende Produktionen in China ersetzen können, bereits im vollen Gange.

Und auch die Vereinigten Staaten haben nach den jüngsten Entscheidungen der Biden-Regierung an Attraktivität gewonnen – und das nicht nur als Absatzmarkt, sondern vor allem als Produktionsstandort. „Relevant bei der Standortentscheidung sind nicht nur der Zugang zu Lieferanten oder Fachkräften, sondern auch die Arbeitskosten oder Energiekosten“, erklärt DIHK-Präsident Peter Adrian. In den USA seien die Preise deutlich niedriger als in Deutschland, aber auch niedriger als in Südostasien. „Zudem spricht auch die Größe des Marktes für ein Engagement in den USA. Die angekündigten Steueranreize im Rahmen des „Inflation Reduction Acts“ schaffen hier nochmals zusätzliche Anreize.“

Das alles sind Beispiele für Resilienz. – Und völlig überraschend kommt darin das Wort „Digitalisierung“ nicht vor. Denn nicht jedes Problem lässt sich allein technisch lösen. Aber sie hilft. Die Suche nach Alternativen für Beschaffung, Fertigung und Verkauf lässt sich leichter vorantreiben, wenn dabei moderne Kommunikationsmöglichkeiten und eine flexible IT-Infrastruktur helfen. Dazu braucht es aber die Visionskraft resilienter Unternehmer.

Und die Politik – als wie resilient wird sie sich 2023 erweisen. Der US-amerikanische Inflation Reduction Act muss auch in der Europäischen Union seinen Widerhall finden. Und die Bundesregierung muss ebenfalls alles tun, um Unternehmen weiter zu entlasten. Zwar hat der Doppelwumms nach Einschätzung der Chefökonomen in den Spitzenverbänden dazu geführt, dass Inflation und Firmensterben schwächer ausfielen als befürchtet. Aber auch 2023 braucht einen Doppelwumms an steuerlichen Erleichterungen. Da ist Kreativität gefordert – und Resilienz.

Am Ende meines ersten Blogs im neuen Jahr richte ich meine besten Wünsche für ein gutes Neues Jahr 2023 an Sie alle und ergänze diese mit einem Ratschlag von Peggy Toney Horton: „Jedes neue Jahr haben wir ein brandneues Buch mit 365 leeren Seiten vor uns. Lassen wir sie mit all den vergessenen Dingen aus diesem zu Ende gegangenen Jahr füllen, den Worten, die wir vergessen haben zu sagen, der Liebe, die wir vergessen haben zu zeigen, und der Nächstenliebe, die wir vergessen haben anzubieten .“