Vereinigte Staaten von Eureka

Die Forschung von heute bringt die Innovationen von morgen und die Produkte von übermorgen und sichert so Wohlstand. So klang bislang das volkswirtschaftliche Grundverständnis. Es ist auch keineswegs aus den Angeln gehoben. Doch spätestens seit Forschungsergebnisse durch Digitalisierung, Big Data Analytics und künstliche Intelligenz nun deutlich schneller erzielt werden, muss der Glaubenssatz eher lauten: Der Forschung von heute früh entspringen mittags Innovationen und abends die ersten Produkte.

Wie sehr die Forschungseffizienz zugenommen hat, zeigt sich an der rapide steigenden Zahl der Patentanmeldungen. Dabei wirkt sich vor allem die Tatsache aus, dass in China inzwischen auf Weltniveau geforscht wird. Auch wenn die USA noch immer bei den meisten Patenten Pate stehen, sinkt ihr Anteil an der Gesamtzahl angesichts der massiven Dynamik in Fernost. Allerdings handelt es sich bei den inzwischen weltweit über drei Millionen Patentanmeldungen pro Jahr zum überwiegenden Teil um Trivialpatente mit geringer bis keiner Tragweite. Die Bertelsmann Stiftung hat jetzt in einer globalen Studie sogenannte Weltklassepatente mit hoher Relevanz und Innovationswirkung in 58 Technologiebereichen untersucht. Dabei zeigt sich, dass vor allem bei Zukunftstechnologien wie Digitalisierung die USA weiterhin unangefochten führen.

Deutschland hält sich in einigen Technologiebereichen wie zum Beispiel bei Industrie, Robotik, 3D-Druck erstaunlich gut und ist auch im europäischen Vergleich unverändert die führende Forschungsnation. Doch der alte Nimbus ist hierzulande verblasst. Gehörte Deutschland 2010 in 47 der 58 Technologien noch zu den drei Nationen mit den meisten Weltklassepatenten, hat sich dieser Anteil 2019 bei 22 Technologien nun mehr als halbiert. Noch bedenklicher ist allerdings die Tatsache, dass Deutschland bei der Umsetzung von Innovationen in Produkte – zusammen mit allen anderen führenden europäischen Ländern – weiter zurückfällt. Eklatantes Beispiel ist hier der Bereich künstliche Intelligenz, wo Deutschland das weltweit führende Forschungszentrum unterhält, die Mehrzahl der Produktinnovationen aber aus den USA oder China kommt.

Doch es gibt auch positive Aspekte. So zählt Deutschland zu den effektivsten Forschungsnationen, wenn es nach dem Patentindex geht, der die Anzahl von Patenten pro einer Million Einwohner misst. Hier fällt China mit seiner größtenteils ländlichen Bevölkerung weit zurück. Auch der Anteil der Weltklassepatente an der Gesamtzahl der angemeldeten Patente ist weltweit Spitze – bei durchschnittlich 15 Prozent, in ausgewählten Technologien wie beispielsweise der Windkraft sogar bei 25 Prozent. Aber auch hier zeigt sich wieder das deutsche Dilemma: der tatsächliche Ausbau der Windkraft stockt hierzulande, weil behördliche Hürden höher sind als technologische.

Ähnliches gilt für die industrienahen Technologien, worunter Prozessautomatisierung, Smart Factories, Robotik oder 3D-Druck zu sehen sind. Zwar bleiben hier die Zahlen für Weltklassepatente auf gutem Niveau, doch zögern vor allem mittelständische Unternehmen bei der tatsächlichen Umsetzung in Richtung Industrie 4.0. Der Begriff wurde zwar von der Forschungsunion der Bundesregierung geprägt – aber auch hier hinkt Deutschland bei der Umsetzung hinterher. Erst die Zwangspause durch den Corona-Lockdown scheint jetzt zu einem Neustart zu führen.

Im Wettlauf mit den Forschungsgiganten USA und China kann Deutschland auf lange Sicht aber nur im europäischen Kontext mithalten – das gilt auch für Post-Brexit-Partnerschaften mit Großbritannien, wo das Innovationstempo gerade in Sachen Digitalisierung hoch ist. Die Autoren der Bertelsmann-Studie raten deshalb vor allem zu intensiver Zusammenarbeit innerhalb der Europäischen Union und empfehlen gleichzeitig, die internationale Zusammenarbeit zum Beispiel mit europäischen Nicht-EU-Ländern auszubauen. Doch entscheidend ist auch hier, dass Europa in der Produktentwicklung und Vermarktung von Innovationen das von den USA und China vorgelegte Tempo annimmt und mithält. Was wir brauchen, sind die Vereinigten Staaten von Eureka, die gemeinsam forschen und zur technologischen Produktführerschaft zurückfinden. Dann klappts auch mit dem Wohlstand.

 

Krise? Welche Krise?

Das Bild zeigt das chinesische Schriftzeichen für Krise, das zugleich auch Chance bedeuten soll.

Es herrscht eine merkwürdige Stimmung im Land. Zwar brach der ifo-Geschäftsklimaindex, der viel über die Gemütslage von Unternehmern und Managern aussagt, im April auf ein historisches Tief ein – und erholte sich postwendend im Mai angesichts von ersten Lockerungen bei den Maßnahmen gegen die Ausbreitung des Corona-Virus. Es war also nicht die „Bazooka“, die Vizekanzler Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier Ende März aus dem Futteral gezogen hatten, die die Stimmung aufhellte, sondern die Aussicht auf ein Stück mehr Normalität. Denn die aktuelle Situation ihrer Unternehmen bewerten die rund 9000 befragten Manager leicht schlechter als im April. Doch „in the long run“ fassen die Unternehmer, wenn nicht Optimismus, dann wenigstens Mut.

Es ist geradezu gespenstisch: für das laufende Jahr wird ein Konjunktureinbruch vorhergesagt, wie er sich seit der Aufzeichnung der Wirtschaftsdaten noch nicht ereignet hat und damit sogar den aus der Banken- und Finanzkrise ab 2008 in den Schatten stellt. Doch damals herrsche blanke Panik, während heute berechtigte Sorgen, aber eben auch Hoffnung auf baldige Besserung vorherrschen. Niemand scheint daran zu zweifeln, dass die Wirtschaft hierzulande wieder anspringt und sich eine Erholung auf das gewohnte Niveau in ein, zwei Jahren wieder einstellt.

Warum? Nur weil alle wiederholen, was der damalige EZB-Chef Mario Draghi schon 2008 sagte: „Whatever it takes“? Nach der dreistelligen Milliardensumme für einen ersten Rettungsschirm kommen nun praktisch im Wochentakt neue Förderpläne auf den Tisch. Der letzte kam soeben aus dem Bundeswirtschaftsministerium und verspricht Mittelständlern und Freiberuflern bis zu 50.000 Euro monatlich, wenn die Umsätze unter 60 Prozent des vergleichbaren Vorjahreszeitraums rutschen. Spezielle Förderprogramme für Startups, für das Handwerk, für Handel, Gastronomie und Hotellerie, für freischaffende Künstler, für Familien und private Haushalte sind in der Debatte. Und auch aus der Europäischen Union kommen Sicherungs- und Stützungsmaßnahmen, die vor allem den finanzschwächeren Ländern zugutekommen. Auch wenn man es nicht sagen will: auf lange Sicht stützen die wohlhabenden EU-Mitglieder diejenigen Länder, die entweder unter einer schwachen Wirtschaft leiden oder unter einer schlechten Haushaltsführung. Der Rettungsschirm gewährt ihnen quasi einen „voraussetzungslosen Grundkredit“. Doch entscheidend ist, was sie daraus machen – weiter wie bisher oder „back to the future“?

Das ist das Mantra für alle Krisengeschüttelten. Zwar gehört Jammern angesichts der zahllosen Fördertöpfe inzwischen zum guten Ton, in den Verbände, Unternehmen, private Haushalte, Selbständige und freischaffende Künstler unisono einstimmen. Denn wer jetzt nicht auf seine Misere aufmerksam macht, müsste morgen aus eigener Kraft gesunden. Doch anders als bei der Bewältigung der Krise vor zwölf Jahren gibt es diesmal in Deutschland keine bedingungslose Stützung. Vielmehr müssen sich Unternehmen die Fördermaßnahmen durch Investitionen in grüne und digitale Transformation erst verdienen. Die Rückkehr zur Normalität ist keine Rückkehr zum „status ex ante“, sondern zu einer „neuen Normalität“. Deshalb haben Kaufanreize für Verbrennungsmotoren schlechte Karten, während Subventionen für Stromer nur dann Sinn ergeben, wenn gleichzeitig auch die Infrastruktur aus Ladestationen, Stromtrassen und alternativen Energien vorangetrieben wird. Das wäre eine echte Win-Win-Situation, von der private Haushalte, Kernindustrien und staatliche Lenkung gleichermaßen profitieren.

Auch im Mittelstand gibt es wohl kein „Weiter so!“ Nach einer Umfrage der Analysten von PAC, die in der Wirtschaftswoche vorab veröffentlicht wird, plant immerhin ein Drittel der mittelständischen Unternehmen, ihr gesamtes Geschäftsmodell zu überdenken. Es hat den Anschein, dass die Kernbotschaft der digitalen Transformation damit im agileren Teil der rund drei Millionen Unternehmen in Deutschland angekommen ist. Sie nehmen die Krise als Chance, alles auf den Tisch zu legen und zu hinterfragen.

Und knapp die Hälfte will dabei in Technologien wie Internet der Dinge, Big Data Analytics oder Automation investieren – Innovationen, die hierzulande unter dem Begriff Industrie 4.0 zusammengefasst werden. Damit ist nicht grundsätzlich eine völlige Neuausrichtung des Geschäftsbetriebs verbunden, aber doch eine gründliche Durchforstung der Geschäftsprozesse. Spannend ist, dass der Mittelstand dabei weiterhin auf´s „Buzzword-Bingo“ verzichtet: wo beispielsweise in den USA Begriffe wie künstliche Intelligenz, Machine Learning etc. en vogue sind, setzen deutsche Unternehmen auf den Reboot ihrer Unternehmenssoftware. Die bestehenden ERP-Lösungen durch Alternativangebote abzulösen oder zumindest noch einmal neu aufzusetzen, um sie geänderten Prozessen anzupassen, ist für zwei Drittel der Befragten derzeit in der Diskussion.

„Krise? Welche Krise?“, möchte man fragen. Während nach 2008 vor allem Existenzsicherung betrieben wurde, gehen die Strategien heute in Richtung Zukunftssicherung. Das macht bei aller Gefährdung für den Einzelnen in der jetzigen Situation die Lage für den Wirtschaftsstandort Deutschland doch ganz komfortabel bzw. stimmt zumindest zuversichtlich.

BUILD in Bild und Ton

Stell´ dir vor, es läuft eine internationale IT-Konferenz – und keiner muss hin. Gerade eben hat Europas größtes Softwarehaus, die SAP SE, seine Hauptversammlung als virtuelles Großereignis inszeniert, das jetzt von jedermann auf der Homepage des Konzerns als Streaming-Angebot nachverfolgt werden kann. Unter Ziffer V seiner Einladung hatten Vorstand und Aufsichtsrat genau geregelt, wie der Stimmrechtsnachweis für die Fernteilnehmer funktioniert und wie während der Versammlung die Stimmabgabe auch vom heimischen Monitor aus geschehen kann: alles ganz korrekt und nach Börsenrecht.

Und parallel dazu hat Microsoft seine internationale Entwicklerkonferenz BUILD, zu der sonst Jahr für Jahr rund 6000 Entwickler nach Seattle pilgern und Tausende von Dollars oder Euros für den Kurztrip ausgeben, ins Web verlegt. Der 48-Stunden-Nonstop-Event lockte diesmal mehr als 100.000 Entwickler und IT-Manager an, die sich für die Online-Sessions akkreditiert hatten. Und ich war einer davon.

Es ist faszinierend, dass CoVid-19 uns einerseits voneinander trennt und doch gleichzeitig so nah zueinander führt. Denn während die Teilnehmer in früheren Jahren von Session zu Session hetzen oder sich für prominente Keynotes schon im Morgengrauen in die Warteschlange vor dem Einlass stellen mussten, um überhaupt einen Platz zu ergattern, konnte man jetzt gemütlich am Schreibtisch oder auf dem Sofa den Präsentationen folgen. Wer wollte, konnte sich Popcorn oder einen guten Wein greifen und alles auf sich wirken lassen. Ja, nicht einmal die sonst notwendige Triage, nach der man sich für eine von mehreren zeitlich konkurrierenden Sessions entscheiden musste, war mehr nötig: in den 48 Stunden wurde rund um den Globus alles von Zeitzone zu Zeitzone wiederholt. Wer etwas in der US-Zone verpasst hatte, konnte zwölf Stunden später zur japanischen Zeit alles wieder nachholen. Und wer doch einiges verpasst hat, kann, ja sollte sich die Streams jetzt anschauen. Allein die deutschsprachige Microsoft-Sammlung zu den Ankündigungen ist 55 Seiten stark.

Und dabei ist in diesem Jahr das Bouquet an Microsoft-Ankündigungen so bunt und variantenreich wie nie – denn es gab auch von der Seite der Präsentatoren kaum eine Begrenzung. Wer etwas zu sagen hatte, bekam einen Slot – angefangen bei der Keynote von CEO Satya Nadella bis zur Insider-Session von Entwickler-Guru Scott Guthrie. Und auch neben der eigentlichen BUILD gab es Platz für Andeutungen und gezielte Durchstechereien – wie etwa die Nachricht, dass Microsoft wohl doch noch einmal einen Versuch mit Windows Phones zu unternehmen plant – aber natürlich mit etwas Bahnbrechendem jenseits der heutigen Smartphones. Satya Nadella deutete dies in einem Interview an und es klang wie der berühmte Satz von Apples legendärem Steve Jobs: „Und da wäre noch eine Sache…“

Eines dieser „one more things“ war der erstmals öffentlich präsentierte Quantencomputer, den Microsoft – nach IBM und Google und vielen anderen – entwickelt und für eigene Zwecke installiert hatte. Mit dem Quantenrechner sollen künftige KI-Lösungen vorangetrieben werden. Und damit möglichst schnell möglichst viele Entwickler ein Gefühl für das Arbeiten mit der nächsten Generation an Supercomputern bekommt, wird das Azure Quantum Developer Kit als Open Source bereitgestellt. Überhaupt wird Microsofts Bekenntnis zu Open Source immer lauter. Das hat seinen Grund: der Wettlauf um die Marktführerschaft in der Cloud geht nicht mehr in erster Linie über den Vertrieb, sondern über die Entwickler. Das hatte Amazon früher erkannt als Microsoft – und zehrt seitdem von seinem Vorsprung.

Die BUILD in Bild und Ton machte es möglich, dass eine gigantische Entwicklergemeinde die nächsten Trends im Cloud- und Edge-Computing miterleben konnten. Weltweit, so wird geschätzt, arbeiten etwa 20 Millionen Software-Entwickler – mehr als die Hälfte von ihnen programmieren keineswegs in den Ökosystemen von Microsoft, Amazon, SAP oder IBM, sondern in den IT-Abteilungen der Kunden, die sich mehr und mehr von internen Software-Abteilungen zu Research- and Development-Departments wandeln. Sie gewinnen entscheidenden Anteil daran, welche Services und Eigenschaften ein Produkt künftig haben wird – egal, ob es sich dabei um ein Auto oder eine Versicherungspolice handelt. Und sie werden die Art und Weise verändern, wie Unternehmen die Kommunikation mit ihren Kunden gestalten, wie sie ihre Supply Chain organisieren und wie Mitarbeiter intern auch remote und aus dem Home Office heraus miteinander kooperieren.

Und darum rankt der größte Teil der Microsoft Announcements: unabhängig von ihrem Standort sollen Software-Entwickler über die Cloud miteinander Ideen austauschen, Projekte planen, Code-Bibliotheken anlegen und fertige Programme debuggen. Als zentrale Plattform dient dabei Microsoft Azure, die mit den Entwicklungsumgebungen Visual Studio und GitHub mehrere Millionen Entwickler unterstützt. Je mehr Anwendungen bereitgestellt werden, desto unverzichtbarer ist Microsoft als Cloud Provider, der inzwischen in 61 Regionen rund um den Globus eigene Data Centers betreibt.

Insofern wird die BUILD in diesem Jahr nicht nur das Vorbild sein für andere IT-Großveranstaltungen von Google und Amazon über Facebook bis SAP, Salesforce und Oracle, die sämtlich bereits als virtuelle Events geplant werden. Das virtuelle Get-together von 100.000 Entwicklern und IT-Managern ist auch ein Vorbild für die virtuelle Zusammenarbeit in der Digital Economy 2.0 nach CoVid-19.

Retten, was zu retten lohnt

 

Nach den Zahlen der Johns Hopkins University liegt die Zahl der an Corona neu Infizierten in Deutschland seit acht Tagen unter 1000 Personen täglich. Und seit gut einer Woche tobt der öffentliche Diskurs darüber, wann es denn nun genug sei mit dem ganzen Spuk, wie die einen meinen, während die anderen vor der zweiten Infektionswelle warnen. Parallel dazu entflammt die Debatte nicht nur darüber, wann welcher Wirtschaftssektor wieder uneingeschränkt operieren darf, sondern vor allem darüber, mit welchen Fördermaßnahmen welcher Branche unter die Arme gegriffen werden soll.

Der Austausch der Argumente kommt immer gebetsmühlenartig auf die gleichen Kernsätze: Die Digitalwirtschaft brauche keine Stütze, sie zahlt ja auch ohnehin kaum Steuern. Die Automobilindustrie könne nicht gleichzeitig Fördermaßnahmen verlangen und ihren Aktionären satte Dividenden versprechen. Dann kommt die Frage nach der Systemrelevanz – etwa bei TUI oder der Lufthansa. Endlich geht es um Firmen im Handel und Handwerk, um Startups, Soloselbständige und mittelständische Familienunternehmen, die zwar jede für sich genommen nicht systemrelevant sind, aber insgesamt das Rückgrat der deutschen Wirtschaft darstellen. Und schließlich geht es um Unternehmen, die schon vor der Krise kein funktionierendes Geschäftsmodell mehr vorweisen konnten: sie sollen auch nicht durch die Krise gesundgestoßen werden – genannt werden dabei immer GaleriaKarstadtKaufhof und ThyssenKrupp.

Es geht um Kaufgutscheine, Abwrackprämien, Staatszuschüsse, Steuerstundungen und unzählige andere wirtschaftspolitische Steuerungselemente. Aber erst ganz zum Schluss kommt die Debatte auf die eigentliche Modernisierungsfrage: Warum stützen wir nicht vor allem die Unternehmen, die uns die Arbeitsplätze von morgen sichern? Natürlich darf ein Staat nicht entscheiden, wer zukunftssicher ist und wer nicht. Aber er darf Anreize schaffen, die unzweifelhaft die Zukunftsfähigkeit unserer Wirtschaft stützen. Und das sind vor allem Investitionen in digitale Geschäftsprozesse!

Egal in welcher Branche, egal in welcher Betriebsgröße und egal in welchem Business-Modell gilt ein und derselbe Grundsatz: Digitalisierung sorgt für mehr Durchgängigkeit zwischen Abteilungen, zwischen Prozessen und zwischen Unternehmen in einer Supply Chain, während gleichzeitig mehr Transparenz über das tatsächliche wirtschaftliche Geschehen geschaffen wird und mehr Kommunikation zwischen Markt und Marketing, zwischen Verbrauchern und Vertrieb, zwischen Konsumenten und Produkten entsteht. Dabei sorgt die Digitalisierung für die Daten als Rohstoff, deren Veredelung zur Erkenntnis aber erst durch Big Data Analytics und künstliche Intelligenz gelingt.

Deutschland hat wie andere Länder auch die einmalige Chance, beim Wiederanlauf der Wirtschaft auf digitale Kompetenz und künstliche Intelligenz zu setzen. Statt nur drei Milliarden für KI-Forschung in fünf Jahren auszuschütten, sollte es das Hundertfache sein, das im nächsten Konjunkturpaket für Investitionen in Digitales und KI bereitgestellt wird. In einer aktuellen Studie zum Einsatz von KI-Werkzeugen, die Microsoft in Auftrag gegeben hat, zeigen sich zwei klare Tendenzen: Unternehmen, die bereits Erfahrung mit künstlicher Intelligenz in ihren Geschäftsprozessen gesammelt haben, sind erstens in der Entwicklung von Produkten und Dienstleistungen, Marktstrategien und Kundenkommunikation innovativer. Und zweitens sind Unternehmen, die ihre Mitarbeiter im Umgang mit KI-Tools intensiv schulen und neue Berufsbilder entwickeln, zugleich auch erfolgreicher als Firmen, die beim Althergebrachten bleiben. Die KI-Studie zeigt deutlich, dass die beste Methode Arbeitsplätze zu erhalten, darin besteht, Mitarbeiter zu qualifizieren. Die schlechteste Methode besteht darin, Arbeitsplätze zu erhalten, für die es keine Märkte mehr gibt.

Wir haben in den letzten Wochen genügend Beispiele dafür erlebt, wie die Digitalisierung die Wirtschaft im Shutdown am Laufen hielt. Jetzt sollten wir uns um Beispiele bemühen, wie Daten und KI die Konjunktur ans Laufen bringt. Dabei geht es gar nicht darum, dass KI-Systeme besser sein müssen als die qualifiziertesten Menschen; es reicht, wenn sie besser sind als die meisten Menschen. Bots beispielsweise, die eine Vorqualifizierung von Kundenanfragen vornehmen, besetzen Arbeitsplätze, die ansonsten gar nicht ausgeschrieben würden. Analysewerkzeuge, die klinische Studien durchforsten, kommen zu Ergebnissen, auf die sonst keiner gekommen wäre. Roboter in Lackierzellen übernehmen eine Arbeit, die für Menschen lebensgefährlich wäre.

KI-Systeme übernehmen Aufgaben an beiden Enden der Qualifizierungspyramide. Sie übernehmen Commodities – also geistlose oder lebensbedrohende Tätigkeiten – oder Qualities – also Tätigkeiten, die einer besonderen Spezialisierung bedürfen. Dazwischen ist Platz genug für qualifizierte Mitarbeiter in attraktiven Jobs.

Diese Vision müssen wir entwickeln, wenn wir über ein postcoronales Konjunkturprogramm nachdenken. Wir sollten retten, was zu retten lohnt, und erneuern, was möglich ist. Die nächste Konjunktur beginnt nicht mit KO, sondern mit KI.