Die heimlichen Chefs

Kennen Sie das? Sechziger Jahre: „Angewandte Datenverarbeitung? – Macht bei uns der Personalchef!“ – Siebziger Jahre: „Enterprise Resource Planning? – Macht bei uns der Finanzchef!“ – Achtziger Jahre: „Personal Computer? – Macht bei uns der Juniorchef!“ – Neunziger Jahre: „Webseite? – Macht bei uns der Sohn vom Juniorchef!“ – Nuller Jahre: „eCommerce? – Wir lesen Börsenberichte!“ – Zehner Jahre: „Cloud? Also, unser IT-Leiter sagt Nein!“

Wer jetzt lacht, hat nichts verstanden! Denn Informationstechnik – den Begriff habe ich mir für diesen Absatz aufgespart – war noch nie wirklich Chefsache. Eingabe, Verarbeitung, Ausgabe – das war etwas für die Fachabteilungen. Vertrieb, das ist in mittelständischen Unternehmen wirklich strategisch. So wird man zum Hidden Champion. Deshalb sind auch viele Geschäftsführende Gesellschafter heute unverändert ihre besten Vertriebsbeauftragten. Sie kennen ihr Produkt, sie brennen für die Geschäftsidee und sie nennen ihre Wettbewerber beim Vornamen – eine verschworene Clique aus dem gleichen Tal. Tuttlingen für die Medizintechnik, Hochschwarzwald für den Werkzeugbau, der Niederrhein für Textil, Rheinhessen für Finanzdienstleistungen – und dann noch Berlin, die Stadt ohne nennenswerte Industrie – für Startups. So tickt Deutschland.

Zwar kommt die jüngste, groß angelegte Trendstudie von Bitkom Research in Zusammenarbeit mit Tata Consultancy Services zu dem erfreulichen Ergebnis, dass drei von vier Unternehmen in Deutschland dem Thema Digitalisierung gegenüber äußerst aufgeschlossen sind und sogar eine Ausweitung der Investitionszone planen. Aber die Chefs in den Unternehmen ziehen sich nach einem zwischenzeitlichen Hype wieder aus dem Thema zurück und delegieren die Digitalstrategie an die Fachabteilungen. Das hat sich schließlich über Jahrzehnte bewährt.

2016, als die Trendstudie zum ersten Mal erschien, hatten die Analysten bei 51 Prozent der Unternehmen festgestellt, dass Digitalisierung Chefsache ist – mindestens auf Vorstands- und Geschäftsführungsebene. Jetzt zeigt die repräsentative Befragung, dass nur noch 42 Prozent der gut 900 interviewten Unternehmen das Thema noch in den Chefetagen ansiedeln. Dafür landet das Thema wieder bei den CIOs oder IT-Leitern. 86 Prozent der befragten Unternehmen haben die Verantwortung für die Marschroute nach Digitalien wieder in diese Fachabteilung delegiert. Allerdings zeigt sich auch: Die Bereitschaft, einen Chief Digital Officer zu installieren, wächst proportional zur Größe des Unternehmens.

Die heimlichen Chefs der Digitalisierung aber finden sich in den Unternehmen mit weniger als 500 Mitarbeitern bei den Abteilungsleitern, deren operative Geschäftsprozesse am stärksten von Digitalisierungsprojekten beeinflusst werden. Das sind nach Einschätzung der befragten Unternehmen zuallererst Marketing und Vertrieb. Und damit haben die vertriebsorientierten Chefs im Grunde alles richtig gemacht. Sie haben die Digitalstrategie längst in die Etappe zurückverlagert, wo die operativ Verantwortlichen für die Umsetzung sorgen sollen. 80 Prozent der Unternehmen arbeiten an der Verbesserung ihres Kundenservices, drei Viertel der Befragten wollen bei der Neukundenakquise besser werden und Drei von Fünf wollen bei der Internationalisierung zulegen.

Man muss Mittelständler sein, um mittelständische Unternehmen zu verstehen. Jahrelang haben sie sich in Studien und Kommentaren prügeln lassen, weil sie – wieder einmal – angeblich einen Trend verschlafen. Aber vor allem Familienunternehmen denken langfristig. Sie sehen eine neue Technologie und fragen vor allem: was bringt das für mein Portemonnaie. Dann suchen sie nach Einsatzmöglichkeiten und kalkulieren den Return on Invest. Und dann überlassen sie die Umsetzung ihren Bereichsverantwortlichen, die als heimliche Chefs die Details verstehen und die Projekterfahrung besitzen.

Dass der deutsche Mittelstand entgegen aller Unkenrufe aus Wirtschaftswochen und Manager Magazinen hier weiter ist, beweist die Frage nach der strategischen Verankerung einer Digitalstrategie im Unternehmen. Hier sagen die Unternehmen praktisch aller Größenklassen über 100 Mitarbeiter, dass sie ihre Hausaufgaben gemacht haben. Während laut Studie 2016 und 2017 rund drei Viertel aller Befragten eine – laut Fragestellung – „Strategie zur Bewältigung des digitalen Wandels“ im Unternehmen verankert haben, ist der Unterschied zwischen Groß, Mittel und Klein marginal: Er schwankt zwischen 79 und 71 Prozent – eine Größenordnung, die innerhalb der statistischen Toleranz liegen dürfte.

„Ist Deutschland auf dem Sprung?“, fragt die Studie und macht mit attraktiven Bildern eines Skispringers auf sich aufmerksam. Die Flugphase ist längst eingeleitet, rufen die heimlichen Chefs aus den Fachabteilungen entgegen – und kehren zum Tagesgeschäft zurück.

Unklare Kante

Die ewig oszillierende Informationstechnologie ist wieder einmal im Begriff, die Richtung zu wechseln im fortdauernden Wechselspiel von Zentralisierung und Dezentralisierung. Nachdem auf die zentralen Mainframes die verteilten Personal Computer folgten, die wiederum durch Server zusammengefasst wurden, kommt rund um das Cloud Computing die nächste Restrukturierungsrunde. Denn auf die zentralen Server-Farmen folgte die Auslagerung von Teilen der IT, wobei der Weg zu Hybrid-Lösungen gerade erst begonnen hat. Doch schon folgt der nächste Dezentralisierungsschritt an der Kante zwischen Mensch und Maschine, zwischen Endgerät und Server, zwischen Datenerfassung und Datenanalyse.

Edge Computing ersetzt nicht die Cloud, aber es entlastet sie. Denn je mehr Daten durch mobile Endgeräte und intelligente Maschinen anfallen, desto notwendiger wird eine Infrastruktur, die die Daten abfängt, bevor sie die Kanäle verstopfen. Das Internet der Dinge mit seinen Billionen an Sensordaten benötigt eine Instanz, in der die Minimalinformationen verdichtet werden, ehe sie von den zentralen Unternehmenslösungen zur Planungsgrundlage herangezogen werden.

Edge Computing wird überall dort zum Einsatz kommen, wo unsere Kommunikation auf schnelle Interaktion ausgelegt sein wird. Das kann überall, mit jedem und allem sein: wenn wir von selbstfahrenden Autos, interaktiven Werbeplakaten, Systemen zur Gesichtserkennung und Standortbestimmung umgeben sind und gleichzeitig Posts über Facebook (oder seinem heute noch unbekannten Nachfolger) verbreiten, uns mit Freunden beim nächsten Starbucks verabreden und vorher schnell noch „148 Mails checken“ – dann wollen wir nicht auf die Antwort einer imaginären Cloud warten, sondern kommunizieren, als wäre der nächste Netzknoten „um die Ecke“ oder wir „Close to the Edge“.

Dabei kommen praktisch ausschließlich Systeme zum Einsatz, die es heute schon gibt – Edge Computing nutzt die Rechenleistung von Smartphones, Tablets, Controllern, Routern und Servern für eine schnelle Peer-to-Peer-Vernetzung. Dennoch dürften die Investitionen immens sein, berücksichtigt man die Allgegenwart der Edge. Die Cloud schwebt über allem, Edge schwingt überall.

Dabei sind nicht nur Cloud-Provider und Telekommunikationsanbieter, die Betreiber von Infrastrukturen für Smart Cities oder Smart Factories betroffen. Jede Organisation, deren Geschäftserfolg von der Unmittelbarkeit der Kommunikation mit ihrer Klientel abhängig ist, wird sich auf die Kante konzentrieren müssen. Dabei dürfte der größere Aufwand nicht in der Hardware liegen, sondern in der Entwicklung neuer Apps, die eine interaktive User Experience erlauben. Die „MeNow“-Generation wird Ubiquität und Unmittelbarkeit in praktisch jeder Lebenslage einfordern – bei der Kaufentscheidung, bei Gesundheitsfragen, bei Verabredungen und beim Feedback zu Ereignissen in der aktuellen Umgebung.

Das ist kein Ausdruck einer hypernervösen Gesellschaft, die alles im Jetzt und Hier erleben will. Es ist vielmehr das Symptom einer sich immer genauer synchronisierenden Welt, in der Millisekunden entscheiden können. Ein Auto legt bei Tempo 160 knapp viereinhalb Meter pro Zehntelsekunde zurück. Bei der Darstellung virtueller Realitäten werden Verzögerungen von mehr als fünf Millisekunden, die zwischen Kopfbewegung und Bildaufbau liegen, bereits als störend empfunden. Schon vor zehn Jahren schätzte Amazon-Pionier Greg Linden, dass eine Millisekunde Verzögerung im laufenden Online-Verkauf ein Prozent des Umsatzes kosten kann. Und ebenfalls 2006 rechnete Melissa Mayer vor, dass 500 Millisekunden Verzögerung bei der Online-Suche den Google-Umsatz um bis zu 20 Prozent verringern würden. Und nicht zuletzt entscheiden Millisekunden im Online-Trading an den Börsen über Gewinn und Verlust.

Nach Einschätzung der Gartner Group, die Edge Computing zum nächsten ganz großen Ding in der Informationstechnik erkoren hat, werden in den kommenden fünf Jahren zwei von fünf Unternehmen in diese Technologie investiert haben. Heute schätzt Gartner, dass nicht einmal ein Prozent der Organisationen weltweit Anstrengungen in diese Richtung unternommen hat.

Wie allerdings Unternehmen in die Kante investieren sollen, ist noch weitgehend unklar. Es wird nicht jeder Punkt-zu-Punkt-Verbindungen zwischen wichtigen Knoten in ungebrochenem Fiberglas legen können. Selbst dann würde eine Datenreise von San Francisco nach New York City und zurück immer noch 42 Millisekunden verbrauchen – ohne Verarbeitungszeit für die Anfrage. Edge Computing fordert die Lichtgeschwindigkeit heraus. Ein herrliches Thema für Science Fiction. Wir stehen an der Kante zum Sprawl, wie William Gibson das alles umfassende Datennetz in der Megalopolis seiner Neuromancer-Trilogie nannte. Es lohnt sich, die Welt des Sprawls oder der späteren Matrix noch einmal zu besuchen. Wir stehen an der unklaren Kante zur nächsten Dezentralisierungsrunde.

That´s IT!

Die Informations- und Kommunikationsbranche werde in Deutschland noch allzu häufig unterschätzt, klagte Dieter Kempf. Dabei habe ITK zu den beiden großen Arbeitgebern im Lande aufgeschlossen – dem Maschinenbau und dem Autobau, die beide knapp eine Million Menschen in Lohn und Brot halten. Das war vor vier Jahren, als der heutige BDI-Präsident noch Präsident des Hightech-Verbands Bitkom war.

Heute strahlt sein Nachfolger im Bitkom-Amt, Achim Berg, über eine ungebremste Dynamik in der Branche. Zwar haben die beiden traditionellen Branchen – Maschinenbau und Autobau – inzwischen die Millionengrenze an Arbeitskräften überschritten. Aber der größte Arbeitgeber ist hierzulande inzwischen der ITK- und Unterhaltungssektor – mit 1,077 Millionen Beschäftigten. Schlägt man die Elektronikindustrie noch dazu, dann sind in Deutschland knapp zwei Millionen Menschen mit der Nutzbarmachung der kleinen Elektronen in Kabeln und Schaltkreisen beschäftigt.

Und immer noch wird die Branche unterschätzt. Zwar spricht inzwischen jeder Sonntagsredner von der Bedeutung der Digitalisierung und erkennt das Internet als eine Infrastruktur an, die beinahe wichtiger ist als das Verkehrsnetz. Aber immer noch tun sich beispielsweise Banken schwer damit, Kredite auf immaterielle Werte wie Software zu gewähren. Noch immer ist eine Idee, die auf die Veränderung von Geschäftsmodellen zielt, schwieriger zu finanzieren, als ein Patent auf eine neue Verpackungsmaschine. Dabei müsste allein der Diesel-Skandal die Macht des Immateriellen für jedermann deutlich machen: die Automobilindustrie scheut die Hardware-Nachrüstung wie der Teufel das Weihwasser und singt stattdessen das Hohelied des Software-Updates.

Tatsächlich ist die Bedeutung von Software und Systemen für die Weltwirtschaft gar nicht groß genug zu bewerten . Noch immer also dürfte der ITK-Sektor in seiner Wirkung als Enabler und Hygienefaktor unterschätzt werden. Dabei sind alleine in Deutschland mindestens noch einmal eine Million Menschen auch in anderen Branchen mit Informations- und Kommunikationstechnik befasst. Über kurz oder lang wird jedes Unternehmen – egal aus welcher Branche – auch ein Software-Unternehmen sein. Denn immer mehr Produkteigenschaften wandern in die Bits und Bytes, die mit der Hardware mitgeliefert werden.

In der Tat schreitet die Dematerialisierung der Wirtschaft immer weiter voran. Vor 25 Jahren beschäftigten sich die fünf teuersten Unternehmen der Welt mit Öl, Hardware und Großanlagen. Vor zehn Jahren hielt sich allein der Ölgigant Exxon in den Top-Five. Und heute finden sich neben den „Oldies“ Apple und Microsoft nur noch Internet-Giganten in der Fünfer-Gruppe der Reichsten und Schönsten.

IT-Skill ist bereits seit Jahrzehnten eine Mangel-Ressource. Ihr Fehlen behindert das wirtschaftliche Wachstum. Nach Einschätzung von Bitkom-Präsident Achim Berg könnten es hierzulande rund 50.000 Beschäftigte mehr sein, die im ITK-Sektor unterkommen. Die Zahl hält sich erstaunlich konstant über die letzten zwei Jahrzehnte. Schon zu Zeiten der Greencard fehlten 50.000 IT-Fachleute. Heute fehlen die Konzepte, wie diese Differenz mit ausländischen Fachkräften ausgeglichen werden könnte. Es ist eine der vielen Herausforderungen, vor denen die nächste Bundesregierung steht. Sie muss ein Einwanderungsgesetz formulieren, das sich wie eine Stellenbeschreibung für Hochqualifizierte liest.

Aber die Wirtschaft weiß sich auch selbst zu helfen. Im Silicon Valley ist längst ein erbitterter Kampf um die Talente entbrannt. Wer heute einen Arbeitsplatz im Tal der unendlichen Möglichkeiten verlässt, wird einen lukrativeren Posten zwei Blocks weiter finden. Und wer über besondere Qualifikationen verfügt – wie etwa die Entwicklung von Systemen künstlicher Intelligenz –, kann nach einem Bericht der New York Times inzwischen Gehälter zwischen 300.000 und 500.000 Dollar verlangen – ohne Doktortitel und mit wenigen Jahren Berufserfahrung. In Googles KI-Projekt Deepmind beispielsweise sind derzeit rund 400 Mitarbeiter involviert. Die Personalkosten für das Projekt belaufen sich aber auf 138 Millionen Dollar jährlich. Das entspricht einem Durchschnittsgehalt von 345.000 Dollar im Jahr. Und die Gehälter werden weiter hochgetrieben, weil inzwischen auch der Maschinenbau und die Automobilhersteller händeringend nach KI-Experten suchen – weltweit!

Deutschland befindet sich also in einem äußerst wettbewerbsstarken Umfeld, wenn es darum geht, den Fachkräftemangel im Land zu verringern. Es bedarf mehr als nur halbherziger Anstrengungen, um die Wachstumsdynamik in Deutschland beizubehalten. Sonst laufen die Fachkräfte weg. Ihnen folgt das Knowhow, dann geht die Arbeit und schließlich das Geld.

Das wärs dann. That´s IT.

AI wartet auf die Killer-Anwendung

Die Diskussion um Artificial Intelligence nimmt mitunter Züge der großen Ausspähangst vor 30 Jahren an, als ein großer Teil der deutschen Bevölkerung die Teilnahme an einer Volkszählung rundweg ablehnte: „Lass dich nicht erfassen“, hieß der Slogan, unter dem die Gegner die Herausgabe ihrer persönlichen Daten verweigerten. Drei Jahrzehnte später geben ihre Kinder praktisch alles Persönliche preis, wenn es dafür Dienste aus der Cloud „für umme“ gibt. Doch umsonst ist nichts – es ist höchstens vergebens…

Jetzt zeigt sich die gleiche paranoide Haltung gegenüber Systemen der künstlichen Intelligenz – allerdings finden sich Widerstand und Unterstützung nun nicht mehr in zwei Generationen, sondern in ein und derselben Personengruppe. Nach einer weltweiten Befragung des Spezialisten für Kundenbindung, Pegasystems, unter 6000 Konsumenten fühlt sich je ein Drittel wohl beziehungsweise unwohl beim Gedanken an künstliche Intelligenz, das letzte Drittel ist unbestimmt. Dabei, das hat die Studie detailliert herausgearbeitet, glauben mehr als zwei Drittel der Befragten genau zu wissen, was es mit der künstlichen Intelligenz auf sich hat.

Das wäre ein erstaunlicher Bildungserfolg angesichts der Tatsache, dass es sich bei der künstlichen Intelligenz um eines der komplexesten Technologiethemen unserer Zeit handelt. Und tatsächlich mussten die Studienbetreiber feststellen, dass die Konsumenten auch einfachste KI-Anwendungen nicht als solche identifizierten: dazu gehören die Kauf- und Lesevorschläge von Amazon und Facebook, die Werbeeinblendungen bei Google oder die Sprachassistenten von Microsoft und Apple. KI ist in der breiten Bevölkerung offensichtlich immer noch mit Großcomputern und Robotern, mit Überwachung und Bevormundung verknüpft. Tatsächlich sind sich zwei Drittel der Konsumenten nicht bewusst, mit KI in Verbindung gekommen zu sein, obwohl vier von fünf Befragten Endgeräte im Einsatz haben, die ohne KI gar nicht auskommen. Ein Viertel fürchtet sogar ganz konkret die Versklavung der Menschheit durch intelligente Maschinen.

Doch umgekehrt können sich 34 Prozent der Konsumenten vorstellen, beim Einkaufen von KI-Systemen unterstützt zu werden – tatsächlich ist dies aber bei 80 Prozent der Fall. Immerhin 27 Prozent können sich KI im Gesundheitswesen vorstellen – hier sind es tatsächlich derzeit noch weniger als zehn Prozent der Anwendungsfälle. Und ein Viertel stellt sich den KI-Einsatz in der Telekommunikation vor – in Wirklichkeit sind es hier wohl eher schon 99 Prozent der Situationen. Finanzberatung würde jeder Fünfte durch KI dulden – das entspricht auch durchaus der heutigen Einsatzdichte.

Tatsächlich handelt es sich hierbei um genau die Handlungsfelder, in denen Unternehmen derzeit am intensivsten in KI-Systeme investieren. Nach einer Befragung des Marktforschungsinstituts Vanson Bourne engagieren sich bereits 80 Prozent der 200 befragten globalen Konzerne bei KI. Und jeder dritte Entscheider ist davon überzeugt, das Investment in den nächsten drei Jahren sogar noch erhöhen zu müssen. Dabei ist es bemerkenswert, dass europäische Unternehmen im Unterschied zum weltweiten Trend den Industriesektor hinter ITK und B2B-Services an dritter Stelle sehen, noch vor Konsumer-Services und Finanzdienstleistungen.

Dabei erwarten die künftigen KI-Anwender höhere Renditen durch Umsatzsteigerungen und Kostenersparnisse. Die Umsätze sollen durch schnellere Produktentwicklung, verbesserten Kundenservice und eine optimierte Lieferkette entstehen. Für jeden heute investierten Euro erwarten die Anwender einen Euro innerhalb der nächsten fünf Jahre zurück. Innerhalb der nächsten zehn Jahre sollen es sogar 1,87 Euro sein.

Interessant ist dabei, dass neben den klassischen Verdächtigen, also Hinderungsgründen wie mangelnder IT-Infrastruktur, zu wenig Personal und Know-how, zu knappen Budgets oder zu komplizierten Strategien oder Richtlinien bereits an fünfter Stelle ein Newcomer unter den Inhibitoren auftaucht: ein zu schwacher oder zu schwammiger Business Case für die Einführung von KI-Technologien.

Da schließt sich der Kreis. Unternehmen und Konsumenten fehlt es derzeit noch an konkreten Vorstellungen, was genau mit KI eigentlich geändert werden soll bzw. kann.

Dass sie nahezu jeden Lebensbereich verändern kann, darüber sind sich alle einig – nur an den konkreten Anwendungsfällen scheint es zu fehlen.

Das haben auch die KI-Anbieter inzwischen erkannt. Microsoft beispielsweise, das wie kaum ein anderer Anbieter seine Cloud-Services durch KI-Funktionen anreichert, steht vor der Riesenaufgabe, seinen 64.000 Cloud-Partnern – und den gut 100.000 weltweit, die es noch werden wollen – die Vision vom KI-Geschäft erst noch einzuimpfen. Denn allzu lange war künstliche Intelligenz etwas ausschließlich für Forschungslabore und Entwicklerbüros. Dass Artificial Intelligence nun für jedermann auf dem Smartphone, Tablet und aus der Cloud als Dienst zur Verfügung stehen kann – beflügelt leider noch nicht die Phantasie. AI – ein Alleskönner wartet auf seine Killer-Anwendung. Dabei ist AI doch schon selbst die Killeranwendung, die alles verändert?

Microsoft und seine Partner müssen diese Frage genauso lösen wie alle anderen großen Anbieter und deren Partner sowie die vielen Startups, die bereits heute rund um diese Technologie versuchen Lösungen aus dem Boden zu stampfen.